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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 32
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Einunddreißigstes Kapitel

Mehr noch als das unerwartete Kommen des Doktors beunruhigte Jackson das Erscheinen des anderen Mannes, denn dieser war der dicke Joe. Selbstverständlich konnte er den Zusammenhang nicht ahnen, aber es war ihm sofort klar, daß Joe, der als einzige Wache im Haymanschen Lager zurückgelassen worden war, die weite Reise von dort nur aus einem sehr gewichtigen, zwingenden Grund unternommen haben würde.

Der dicke Joe hatte auch sein zweites Pferd zuschanden geritten, kurz vor Alexandria war es sterbend zusammengebrochen, so daß er den Rest des Weges, selbst mehr tot als lebendig, zu Fuß zurücklegen mußte. Bei der Botschaft, die er keuchend seinem Herrn und Meister überbracht, war der Doktor leichenblaß geworden und hatte instinktiv in seine Westentasche gegriffen, wobei er entsetzt das Verschwinden seiner Talismane entdeckte, was natürlich seine Wut ins maßlose gesteigert hatte.

Wenn Jackson alles dies auch noch nicht wußte, hielt er es doch für geraten, vorläufig einer Begegnung mit dem Doktor aus dem Wege zu gehen, und so zog er sich, gefolgt von Tucker, dem er einen entsprechenden Befehl zugeflüstert, rasch in den Gang zur Hintertür zurück, vor der Pete und Bob auf ihn warteten. Als diese Jackson und seinen Begleiter kommen sahen, öffneten sie die Türe – doch eine Gewehrsalve empfing sie!

Bob taumelte zurück und fiel zu Boden, der rothaarige Pete sank zusammen und suchte tastend nach einem Halt, griff dabei nach der Türe, die er im Niederbrechen zuschlug, dann stürzte auch er auf die Fliesen des Ganges.

Die Plötzlichkeit, mit der dies alles geschehen war, ließ Fred Tucker das Blut in den Adern erstarren: zwei Menschen waren da im selben Moment ausgelöscht worden wie Kerzen.

Er beugte sich nieder – noch lebten sie. Ihre Wunden schienen zum Glück nicht tödlich zu sein, aber für den weiteren Kampf kamen sie nicht mehr in Frage.

Tucker wandte sich um, der Doktor und sein Begleiter waren nicht mehr vor der Eingangstür zu sehen, zweifellos waren sie schon ins Innere der Bank eingedrungen, Jackson schien spurlos verschwunden zu sein.

Unschlüssig überlegte der junge Mann, was er tun solle, da sah er draußen den Wächter, in jeder Hand einen Revolver, wie wahnsinnig angelaufen kommen. Einige Schatten lösten sich aus dem Dunkel, Schüsse krachten, der Wächter stürzte Hals über Kopf zu Boden – ganz Alexandria mußte durch die wilde Schießerei bald alarmiert sein.

Jetzt ging hinter ihm die schwere Ausgangstür, Fred Tucker fuhr herum, der »Strahlende Engel«, die gefährliche, kleine Giftkröte, trat ein, gefolgt von einem größeren Mann – Larry Burns.

Obwohl sich die Gestalten klar gegen den verhältnismäßig hellen Hintergrund abhoben und Tucker den Revolver bereits schußbereit hielt, vermochte er nicht abzudrücken – er hätte auch nicht geschossen, wenn sie ihre Waffen gegen ihn gerichtet hätten, denn er fühlte, daß er nicht fähig sei, einen Menschen zu töten.

Mit einemmal war es ihm klar, welcher unüberbrückbare Abgrund ihn innerlich von all diesen Banditen trennte, Jackson hatte ihm die Augen geöffnet, alle verlogene Räuberromantik war von ihm abgefallen, er hatte nur noch den einen Wunsch, dem Mann, dem er diese völlige Wandlung dankte, in der furchtbaren Lage, in die er seinetwegen geraten war, zu helfen.

Gerade in diesem Augenblick hörte er die Stimme seines neuen Freundes.

»Hierher, Hayman!« schrie Jackson. »Zieh deinen Revolver, du elender Mordbube, hier ist Jesse Jackson, der mit dir abrechnen will!«

Wie ein angeschossener Löwe brüllte der Doktor in seiner sinnlosen Wut auf, Schüsse krachten, Tucker sah die Mündungsfeuer aufblitzen, hörte die Kugeln von den Stangen des Eisengitters abprallen, Möbel fielen um, Holz splitterte, die ganze Hölle schien los zu sein.

Jetzt hörte Tucker direkt hinter sich verhaltenes Atmen, er fuhr herum, eine Gestalt erhob sich plötzlich vor ihm wie aus dem Boden gewachsen, ein Revolver ging unmittelbar vor seinem Gesicht los. Instinktiv war er zur Seite gewichen, die Kugel pfiff haarscharf an seinem Ohr vorbei, im Aufflammen des Mündungsfeuers hatte er den dicken Joe erkannt.

Obwohl er jetzt direkt bedroht war, brachte Fred es nicht fertig, zu schießen, er drehte seinen Colt um und schlug mit dem Kolben Joe über den Kopf, worauf dieser ächzend zu Boden stürzte und liegenblieb. Ununterbrochen fielen jetzt die Schüsse, immer mehr Mitglieder der Bande schlüpften zur Hintertüre herein.

»Her zu mir, Jungens!« kreischte der Doktor. »Hier ist Jackson, der Hund! Vorwärts, heut muß er dran glauben!«

Tucker kroch vorwärts, der Stimme Haymans nach, um Jackson in seinem Kampf gegen die Übermacht beizustehen. Plötzlich stieß er mit jemandem zusammen, ein Paar kräftige Arme packten ihn.

»Jackson?« fragte Tucker gedämpft. »Bist du's, Kamerad?«

Die Umklammerung löste sich, eine Stimme neben seinem Ohr flüsterte hastig:

»Wenn du für Jackson bist, Tucker, dann komm mit mir, ich bin Larry Burns – Jackson hat mir das Leben gerettet, wenn's nötig wird, will ich's heute gern für ihn opfern.«

Zusammen krochen sie geduckt vorwärts, der Stelle zu, wo der heftigste Lärm tobte.

»Vorwärts, Jungens«, brüllte da wieder der Doktor. »Verstellt der Bestie den Weg –«

In der ungewissen Beleuchtung bot sich jetzt Tucker und Larry Burns ein seltsamer Anblick. Hayman hatte sich hinter ein massives Pult geduckt, um dessen Ecke er, den Revolver schußfertig in der Hand, herumlugte wie ein Jäger auf dem Anstand, doch im selben Moment sprang eine dunkle Gestalt mit einem gewaltigen Satz über die hohe Pultplatte, einem Raubtier gleich, das sich auf seine Beute stürzt. Der Doktor wurde von dem Anprall niedergerissen, schrie auf und verschwand hinter dem Pult.

Tucker war wie gelähmt, er hatte in dem Springenden Jackson erkannt. Wenn er auch nicht daran zweifelte, daß dieser in dem Handgemenge, das sich da entspann, siegen würde, so blieb doch die Gefahr, die seinem Retter von den übrigen Mitgliedern der Bande drohte, bestehen, zumal der »Strahlende Engel« bereits nach Licht schrie.

Als Tucker aufsprang, hörte er draußen auf der Straße Schüsse fallen, Männer kamen angerannt, Kommandostimmen wurden laut. Larry Burns, der sich gleichfalls erhoben hatte, flüsterte ihm zu:

»Tex Arnold ist da – jetzt bin ich auch verloren!«

Tucker beachtete seine entsetzten Worte gar nicht, sondern stürzte sich auf die beiden Männer, die sich, einander fest umschlungen haltend, hinter dem Pult am Boden wälzten. Der größere lag oben; Fred riß ihn hoch, es war Hayman, dessen blutüberströmtes Gesicht mit den halbgeschlossenen Augen wie das einer Leiche wirkte, doch da das Blut noch immer aus seiner furchtbaren Kopfwunde sickerte, mußte er noch am Leben sein – bei einem Toten fließt das Blut nicht, wie Tucker einmal irgendwo gehört zu haben glaubte.

Larry Burns hatte inzwischen Jackson aufgeholfen, der noch schwer keuchend nach Atem rang, aber unverletzt schien.

»Das war höchste Zeit«, sagte er, »Hayman ist schon ein ganzer Kerl.«

»Er lebt noch, aber ich werde ihn gleich erledigen«, erwiderte Larry Burns.

Jackson schlug ihm den erhobenen Revolver nieder.

»Laß ihn!« befahl er. »Gott sei Dank, da ist ja auch Tucker. Vorwärts, Jungens, wir wollen sehen, ob wir durchkommen.«

An der vorderen Tür waren die Mitglieder der Bande bereits mit den eindringenden Leuten des Distriktskommissars im Kampf, der »Strahlende Engel«, dessen schrille Stimme das wilde Toben übertönte, schrie dauernd nach Hayman – doch ungehindert erreichten die drei den Hinterausgang.

Pete und Bob, die sich stöhnend auf den Fliesen wälzten, mußten sie liegenlassen, denn ihre Wunden machten jeden Fluchtversuch unmöglich – aber sie würden ja bald ärztliche Hilfe erhalten, zumal sie von den Leuten des Gesetzes nichts zu befürchten hatten.

Als erster stürmte Jackson, in jeder Hand einen Revolver, hinaus. Wie im Inneren der Bank, roch es auch draußen nach Pulverdampf, überall gellten Rufe, die schläfrige Stadt Alexandria war durch den Lärm aus ihrem Schlummer erwacht.

Die drei rannten das schmale Gäßchen hinter dem Bankgebäude hinab, und als sie um die Ecke rasten, stießen sie mit zwei Mitgliedern des Aufgebotes zusammen, die hier bei den Pferden Wache hielten. Der Anprall war so heftig, daß sie zu Boden stürzten, Jackson bedrohte sie mit seinen Colts, Burns und Tucker nahmen die ersten besten Pferde, dann sprang Jackson in den Sattel des ihm zunächst stehenden Tieres, und alle drei jagten davon, – ehe die verblüfften Wächter sich von ihrem Schrecken erholt hatten, waren die Flüchtlinge verschwunden.

Bald lag die Stadt weit hinter ihnen, aber sie verlangsamten auch jetzt ihren gestreckten Galopp noch nicht. Plötzlich fuhr Fred Tucker erschreckt zusammen. Jackson, der neben ihm ritt, hatte laut aufgelacht und lachte noch immer – war er durch das Erlebnis der letzten Stunden wahnsinnig geworden?

»Um Gottes willen, was ist dir?« fragte der junge Mann voller Angst.

»Gar nichts«, erwiderte Jackson, »ich mußte nur gerade daran denken, daß ich es bin, der Tex Arnold zum größten Triumph seines Lebens verholfen hat, nämlich Doktor Haymans Bande unschädlich zu machen, die gefährlichste, die der Westen je gesehen.«

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