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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Dreißigstes Kapitel

Einen Plan, wie er diesen jungen Menschen von seiner überspannten, romantischen Idee ein für allemal kurieren könne, hatte sich Jackson in allen Einzelheiten zurechtgelegt – würde ihm dessen Durchführung glücken, würde es ihm gelingen, Fred Tucker seinem Vater und dem bürgerlichen Leben zurückzugeben?

Der Gedanke, wieviel für ihn selbst und seine ganze Zukunft von den nächsten Minuten abhing, ließ Jackson unmerklich erzittern – einen Moment nur, dann hatte er seine Nerven wieder völlig in der Gewalt.

Jetzt bog der Wächter um die östliche Ecke des Bankgebäudes, schlenderte gemächlich an dessen Front entlang und blieb in der Nähe der Eingangstüre stehen, um seine Tabakspfeife aus der Tasche zu holen, die er sorgfältig stopfte und dann, in den Torweg tretend, anzündete. Es war ein sehr breitschultriger, kräftig aussehender Mensch, im Schein der Benzin-Vergaserlampe konnte Jackson sein gutmütiges, aber entschlossenes Gesicht deutlich erkennen.

Nachdem der Mann, dichte Rauchwolken vor sich her paffend, um die westliche Ecke des langgestreckten Hauses verschwunden war, berührte Jackson schweigend Fred Tuckers Arm und forderte ihn durch eine Kopfbewegung auf, ihm zu folgen.

Den spärlichen Schatten benutzend – nicht nur die Lampe vor dem Gasthaus, sondern auch der schon ziemlich hochstehende Mond verbreitete eine unerwünschte Helligkeit –, überquerten sie die Straße, drückten sich auf dem jenseitigen Bürgersteig möglichst dicht an die Hauswand und traten dann rasch in den dunkeln Torweg.

Während Jackson mit seinem Draht an dem Schloß herumarbeitete, hörte er Fred Tuckers hastigen, stoßweise gehenden Atem hinter sich. Offenbar hatte der Junge eine Mordsangst, was nur heilsam auf sein Gemüt wirken konnte!

Bald gab das Schloß nach, Jackson öffnete die Tür und trat, von Tucker gefolgt, ein. Drinnen war es ziemlich hell, zumal alle Metallteile der Einrichtung und mehrere Spiegel das grelle Licht der Benzin-Vergaserlampe zurückwarfen.

Kaum hatte Jackson die Türe hinter sich zugezogen, als er einen Schatten über den Boden vor sich hingleiten sah. Er riß Fred nieder und duckte sich selbst – draußen kam der Wächter auf seinem Rundgang um das Haus vorüber. An der Tür blieb er, die Hände auf dem Rücken, eine Weile stehen, wiegte sich im Takte einer Melodie, die er halblaut summte, hin und her und wandte sich, in Gedanken verloren, der Türe zu, um, offenbar rein mechanisch und gewohnheitsmäßig, nach der Klinke zu fassen.

Fred Tucker zuckte zusammen und zog den Revolver, doch als er ihn zielend hob, packte Jackson seinen Arm und drückte ihn gewaltsam nieder – der junge Mensch war so verblüfft, daß er gar nicht den Versuch machte, die eiserne Umklammerung abzuschütteln.

Der Wächter draußen zog plötzlich seine Hand zurück – hatte er vielleicht instinktiv die ihm drohende Gefahr geahnt? – und ging, leise vor sich hinpfeifend, davon.

»Er hat uns sicher gesehen«, keuchte Tucker.

»Ach, keine Spur«, erwiderte Jackson, »aber es wird sich empfehlen, daß du deine Nerven besser im Zaum hältst, mein Sohn. Also, dann komm!«

Damit ging er nach dem hohen, mit vergoldeten Spitzen versehenen Gitter voraus, hinter dem der riesige Geldschrank stand – die Türe in diesem Gitter bot ihm gar keinen Widerstand, ihr Schloß öffnete sich unter seinen geschickten Fingern fast augenblicklich.

»Allmächtiger, wie machst du das bloß?« fragte Tucker erstaunt.

»Das sind so kleine Scherze, die du auch bald lernen wirst«, erwiderte Jackson. »Nun zünd mal deine Laterne an!«

»Sie brennt schon.«

»Um so besser – dann warte hier einen Moment, ich muß mich erst einmal für alle Fälle über die Rückzugsgelegenheiten orientieren, ich bin gleich wieder da.«

Geräuschlos, ohne irgendwie anzustoßen, obwohl es hier hinten ziemlich dunkel war, schlüpfte Jackson an Stühlen und Pulten vorbei nach dem Hinterausgang, dessen Türe er mit dem Draht öffnete, um seinen beiden Helfern den Zutritt zum Inneren der Bank zu ermöglichen, dann ging er zum Geldschrank zurück, wo er Tucker, totenbleich im Gesicht, mit angstgeweiteten Augen fand.

»Ich dachte schon, du kämst überhaupt nicht wieder«, sagte Fred.

Statt Jacksons antwortete darauf ein fernes, dumpfes Stöhnen, das den jungen Menschen zusammenfahren ließ – aber es war nur das Heulen des Windes gewesen, der sich draußen erhoben hatte.

Jackson wartete, bis das unheimliche Geräusch verklungen war, dann ging er daran, angestrengt lauschend, die metallenen Scheiben des großen Kombinationsschlosses zu drehen. Überraschend schnell fand er die ersten Ziffern der zehnstelligen Zahl – das Schloß war tatsächlich genau nach dem gleichen System gearbeitet wie jenes, das er in Haymans Hütte geöffnet hatte –, dann aber trat eine Stockung ein. Durch die gebückte Stellung fingen Knie und Rippen an, ihn zu schmerzen, und er mußte alle Energie aufwenden, um die Ablenkung, die dieses körperliche Mißbehagen mit sich brachte, auszuschalten.

Die Lampe in Tuckers Hand zitterte schon bedenklich, da notierte sich Jackson endlich die letzte Ziffer – er stellte das Schloß auf die gefundene Zahl ein, und langsam, geräuschlos drehte sich die schwere, gepanzerte Tür in ihren mächtigen Angeln.

»Gott sei Dank!« atmete Tucker wie erlöst auf.

Jackson hatte inzwischen mehrere Schubfächer herausgezogen und flüchtig ihren Inhalt durchblättert, eine derselben schob er jetzt Tucker zu und sagte:

»Sieh mal die Sachen durch und nimm die Wertpapiere 'raus – du kennst doch hoffentlich Wertpapiere und weißt, wie die aussehen, damit du mir nicht unnützen Krempel einsteckst?«

Fred Tucker nickte und begann die Prüfung, doch schon sehr bald hörte Jackson, der scheinbar eifrig mit den anderen Fächern beschäftigt war, wie der junge Mann das Schubfach mit einem unüberlegt energischen und darum ziemlich lauten Ruck zuschob.

»Nanu?« fragte er. »Was ist los?«

»Pfui Teufel noch mal«, erwiderte Tucker, »ich nehme das Zeug nicht!«

»Bist du in aller Eile wahnsinnig geworden?« fuhr Jackson ihn mit gutgespielter Entrüstung an.

»Aus dem Aktenstück, das obenauf lag, geht hervor, daß diese Papiere einer alten Witwe gehören – ich bin doch kein Schweinehund, daß ich der ihr Letztes wegnehme!«

»Ja, mein Sohn, du hast eben gedacht, Geld sei etwas Unpersönliches, aber das ist durchaus nicht der Fall«, entgegnete Jackson, der ihm das betreffende Papier natürlich absichtlich in die Hände gespielt hatte, »jedes einzelne Fach hier enthält Menschenschicksale, das Glück einer Familie hängt von diesen Werten ab, die Erziehung von Kindern vielleicht, die Altersversorgung armer Teufel, die ihr ganzes Leben schwer gearbeitet und gedarbt haben, um auf ihre alten Tage nicht hungern und Not leiden zu müssen. Das ist dasselbe Geld, das Hayman und seine Bande fett macht, von dem gleichen Geld hast du die letzten Wochen selber gelebt! Mit so schmutzigen Gesellen hast du Gemeinschaft gesucht in deinem jugendlichen Leichtsinn, und nun ist's zu spät.«

»Ich bin ein Dummkopf gewesen, aber zu spät ist's darum noch nicht, ich gehe einfach zu Hayman und sag' ihm, daß ich nicht mehr mitmache, und dann –«

»Du Narr«, unterbrach ihn Jackson, »weißt du nicht, daß der Doktor keinen wieder freigibt, der einmal in seine Bande eingetreten ist?«

»Darauf muß ich's ankommen lassen«, erwiderte Fred Tucker, »lieber soll er mich niederknallen, als daß ich bei ihm bleibe, das kannst du ihm ruhig sagen, Manhattan.«

»Ich werde mich schwer hüten«, erwiderte Jackson lächelnd, »aber von jetzt an darfst du mich mit meinem richtigen Namen nennen, ich heiße nämlich Jesse Jackson.«

Sprachlos, mit offenem Mund starrte der junge Mann ihn an, es dauerte eine ganze Weile, ehe er sagte:

»Ich hab's mir beinah gedacht, kein anderer Mensch hätte so schnell all die Schlösser öffnen können. Um Gottes willen, dann bist du doch aber Haymans Todfeind, er haßt dich und wird dich umbringen, wenn er deinen Namen erfährt! Warum, um alles in der Welt, bist du denn in sein Lager gekommen?«

»Deinetwegen, Fred Tucker«, antwortete Jackson ruhig, »weil ich dir einmal zeigen wollte, wie es in Wirklichkeit um das freie, romantische Räuberleben, das du dir erträumt hast, aussieht, um dich vor Verbrechen zu bewahren, denn ich wußte, daß du vor Scham und Ekel ersticken würdest, wenn du erst einmal an einem solchen teilgenommen hättest. Ich denke, meinen Zweck hab' ich erreicht, und damit ist auch unsere Tätigkeit hier beendet, nun werden wir mal sehen, wie wir uns aus der Geschichte herauswickeln.«

»Haymans Bande ist doch um das ganze Bankgebäude herum verteilt«, sagte Tucker entsetzt, »du bringst dich doch selbst in die allergrößte Gefahr, wenn du –«

»Das schadet nichts«, unterbrach ihn Jackson, »die Hauptsache ist, daß du wieder ein anständiger Mensch wirst.«

»Das will ich, ich versprech' dir's, Jackson, und danken will ich dir nicht mit leeren Worten, aber vielleicht kommt einmal der Tag –«

»Laß gut sein, mein Junge!«

»Hast du das gehört?«

Tucker hatte Jacksons Arm gepackt und lauschte, dieser nickte. Ein Windstoß hatte die Papiere auf den Schreibtischen und Pulten aufrascheln lassen – jetzt war wieder alles still.

»Es ist jemand durch die hintere Tür hereingekommen«, flüsterte Fred.

»Warte hier!« erwiderte Jackson und verschwand, kurz darauf hörte Tucker ihn sagen:

»Na, Jungens?«

Zwei Gestalten, die sich geduckt herangeschlichen hatten, sprangen auf, jeder hielt den Revolver schußbereit in der Hand.

»Gott sei Dank, daß wir wieder zusammen sind, Jackson«, sagte der rothaarige Pete, »wir haben schon eine Heidenangst ausgestanden.«

»Wieso denn?« fragte Jackson erstaunt.

»Tex Arnold hat Lunte gerochen und sitzt uns auf den Hacken.«

»Sieh mal an, das ist ja gar nicht so unintelligent von dem guten Mann! Ist er euch denn auch von der Eisenbahnstation hierher gefolgt?«

»Das weiß ich nicht, wir haben natürlich alles Erdenkliche getan, um ihn irrezuführen, aber der Kerl hat ja eine zu feine Nase.«

»Da wär's eigentlich besser gewesen, ihr wäret nicht hergekommen – aber das ist ja nun nicht mehr zu ändern! Na, dann geht mal schon vor nach der Hintertüre, ich muß erst noch einen Mann holen –«

»Einen, der auf unserer Seite steht?« unterbrach ihn Pete.

»Ja, natürlich.«

»Und hast du denn auch schon das nötige Kleingeld?« erkundigte sich Bob interessiert.

»Sogar mehr als ich euch versprochen habe«, beruhigte ihn Jackson, »also nun geht und erwartet mich.«

»Aber mach nur nicht so lange«, meinte Pete, »warten ist das einzige, was meine Nerven nicht vertragen, besonders nicht, wenn so dicke Luft ist wie hier.«

Die beiden entfernten sich, und Jackson schlüpfte in den Kassenraum zurück, wo er Tucker zitternd an die Wand gedrückt fand.

»Komm schnell, Fred!« flüsterte er ihm zu.

»Da, sieh!« erwiderte Tucker kaum hörbar und zeigte nach der Türe.

Jackson blickte in die angegebene Richtung – hinter den Spiegelglasscheiben zeichneten sich die Silhouetten zweier Männer ab, und in dem einen erkannte er sofort Doktor Hayman.

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