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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Zweites Kapitel

Da die Ranch völlig einsam lag und es weit und breit keine Nachbarn gab, hatte Larry Burns damit gerechnet, seinen Freund, allein anzutreffen, doch diese Hoffnung erwies sich als trügerisch, denn als er näher kam, sah er vor dem Haus mindestens ein Dutzend Reitpferde angebunden, auch mehrere Einspänner und größere Wagen hielten davor. Irgend etwas mußte hier also los sein, da in solcher Menge die Menschen nur zusammenkamen, wenn es sich um eine Taufe, eine Hochzeit oder ein Begräbnis handelte.

»Allmächtiger, wenn Jesse gestorben wäre?« fuhr es Larry Burns durch den Kopf.

Dieser Gedanke ließ ihn seine entsetzliche Müdigkeit und seine eigene, verzweifelte Lage fast vergessen, er konnte es sich einfach nicht vorstellen, daß dieser Mann, das Urbild heißen, pulsierenden Lebens, auch einmal starr und unbeweglich auf der Totenbahre liegen sollte. Er sah seinen schlanken, biegsamen und doch so unendlich kraftvollen Körper vor sich, das schöne, schmale Gesicht, in dem ein Paar dunkle, kluge Augen funkelten, das gütige, verstehende Lächeln, das um die Winkel seines feingeschwungenen Mundes spielte, und vor allem seine sprechenden, geschmeidigen Hände, von denen jeder einzelne Finger ein Sonderleben für sich zu führen schien. Alles dies sollte ausgelöscht, von der Welt, die einen solchen Menschen nur einmal trug, verschwunden sein?

Das wütende Kläffen der Meute, das ihm der Wind über die Hügel hinter sich zutrug, riß ihn aus seinem Grübeln in die furchtbare Gegenwart zurück. Irgend etwas mußte geschehen, dies Haus da war die einzige Zuflucht, die ihm noch blieb.

Er trieb sein Pferd in die Pappelgruppe hinein, stieg aus dem Sattel und taumelte auf das Haus zu. Seine gefesselten Hände ließen es ihm geraten erscheinen, nicht einfach einzutreten, sondern sich erst einmal durch einen verstohlenen Blick durchs Fenster davon zu überzeugen, was da drinnen vor sich gehe.

Das Zimmer, in das er mit blutunterlaufenen Augen hineinstarrte, wimmelte von Männern und Frauen, aber zu einem Begräbnis schienen sie, Gott sei Dank, nicht zusammengekommen zu sein, denn dazu war die Unterhaltung zu lebhaft, waren die Mienen zu heiter.

Rasch, ehe man ihn bemerkte, trat Larry Burns zurück und an das nächste Fenster – jetzt sah er, um was es sich handelte, denn hier stand ein junges Mädchen in Weiß mit einem wehenden, weißen Brautschleier auf dem Kopf. Er erkannte sie wieder nach den Schilderungen, die sein Freund ihm oft von ihr gegeben hatte, wenn diese wohl auch offenbar etwas gar zu rosig gefärbt gewesen waren.

Eine Venus war sie jedenfalls nicht, keine majestätische Schönheit, sondern einfach ein hübsches Mädel – aber innerlichen Wert mußte sie haben, denn sonst hätte sie schwerlich einem so eigenwilligen und ungewöhnlichen Charakter Jahre hindurch die Treue bewahrt und geduldig auf ihn gewartet.

Da war er ja auch selbst, sein Freund Jackson, dessen schlanker, geschmeidiger Körper an eine blitzende Damaszenerklinge gemahnte, dessen Bewegungen leicht und graziös waren wie die einer Katze.

Also gerade an seinem Hochzeitstage kam er zu ihm!

Schwer fiel dem Gehetzten diese Erkenntnis aufs Herz, und mit einemmal fragte er sich, ob er denn überhaupt noch das Recht habe, sich einen Freund Jacksons zu nennen, der sich ja doch schon seit langem von seinen früheren Kameraden getrennt hatte und ein nützliches Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft geworden war, deren Gesetze er peinlichst beobachtete. Und hatte er – Larry Burns – ihm nicht, auch abgesehen davon, genügenden Grund gegeben, ihn jetzt zu verleugnen?

Er kam sich recht kläglich vor, während er, von den Blättern des rankenden Weines, der das offene Fenster umrahmte, mit klopfendem Herzen beobachtete, was da in dem Zimmer vorging – er konnte zu keinem Entschluß kommen, ob er sich zeigen solle oder nicht.

Die Braut hatte ihrem Bräutigam die Hände auf die Schultern gelegt und blickte ihm ernst, forschend ins Gesicht.

»Was ist denn mit dir, Mary«, fragte Jackson lächelnd, »du bist ja mit einemmal ganz feierlieh geworden und siehst mich an, als ob du Mitleid mit mir hättest?«

Über ihr Gesicht glitt ein Lächeln, das aber gleich wieder verschwand.

»Vielleicht hab' ich das auch, Jesse«, sagte sie. »Jedenfalls ist jetzt der Moment gekommen, wo du dir zum letztenmal die Sache überlegen mußt – noch ist es nicht zu spät, noch kannst du zurücktreten.«

»Aber, um Gottes willen, Mary, wie kommst du auf solchen Gedanken? Du weißt doch, daß ich dich liebe!«

»Gewiß, das weiß ich«, antwortete sie schlicht, »aber ebenso weiß ich, daß du deine Freiheit liebst. Du bist im Begriff, dich für ewig zu binden, nicht nur an mich, sondern auch an dieses Fleckchen Erde, das dir vielleicht eines Tages zu eng werden wird, an eine schwere, einförmige Arbeit, die du vielleicht eines Tages verfluchst.«

»Mary, ich bitte dich, was sind das für Gedanken? Habe ich nicht –«

Sie schloß ihm den Mund mit der Hand.

»Sprich nicht weiter, Geliebter, ich weiß alles, was du sagen willst. Es ist auch kein Zweifeln an dir, was mich so reden läßt – nur um mich handelt es sich! Wenn du mich heute verlassen würdest, käme ich darüber hinweg, später, wenn ich erst Frau und Mutter bin, würde ich daran zugrunde gehen. Darum ist es mir heiliger Ernst, wenn ich dich jetzt allein lasse und dir fünf Minuten Zeit gebe, noch einmal mit dir zu Rate zu gehen. Bedenke alles genau, wäge alles Für und Wider noch einmal gegeneinander ab – in fünf Minuten komme ich zurück und hole mir deine Antwort, die dann endgültig sein soll.«

Damit wandte sie sich ab, ging zur Tür, nickte ihm lächelnd noch einmal zu und verschwand im Nebenzimmer, wo ihr Erscheinen lautes Hallo und fröhliches Lachen auslöste.

Jackson, der ihr bis zuletzt mit dem Blick gefolgt war, schritt jetzt nachdenklich auf das Fenster zu, und dabei sah er das verstörte Gesicht zwischen den Weinranken. Er fuhr zurück, dann aber näherte er sich wieder mit seinen katzenartigen Bewegungen, die dem Draußenstehenden von früher her noch wohlvertraut waren, und fragte:

»Zum Teufel, was soll das? Wer ist da?«

»Ich bin's, Larry Burns«, erwiderte der Flüchtling, vortretend, und streckte ihm seine gefesselten Hände wie flehend entgegen. »Mit Hunden sind sie hinter mir her, zweihundert Meilen bin ich geritten, ich kann nicht mehr weiter, ich bin verloren, wenn du mir nicht hilfst.«

Seine Stimme zitterte, zumal das wütende Gebell der Meute bereits bedenklich nahe klang – jeden Moment konnten die Verfolger auftauchen.

»Wieso verlangst du von mir Hilfe?« fragte Jackson eisig-ablehnend. »Ein Mörder verdient kein Mitleid, du hast den armen Carson ermordet, also sollen sie dich ruhig aufhenken, mehr bist du nicht wert.«

»Ich habe Carson nicht umgebracht, wahr und wahrhaftig nicht!«

»Wer hat es denn dann getan?«

»Blaze, glaub mir's, Blaze ist's gewesen.«

»Lügst du auch nicht?«

»Es ist die Wahrheit, bei Gott, ich schwör' dir's!«

»Wo ist dein Pferd?«

»Drüben zwischen den Pappeln.«

Jackson trat ins Zimmer zurück und kam gleich darauf mit einem Stück Draht wieder. Sein Blick verriet nicht allzu große Sympathie für den ehemaligen Kameraden, aber inniges Mitleid mit dem Gehetzten, der um sein Leben bangte. Mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete er an den Schlössern der Handschellen, die sich unter seinen geschickten, schlanken Fingern verblüffend schnell öffneten.

Mit einem Satz sprang er dann durch das Fenster und flüsterte dem Befreiten hastig zu:

»Verbirg dich im Stall drüben; wenn es dunkel wird, such Mary auf, ich lasse ihr sagen, sie soll dir geben, was du brauchst – ich werde dein Pferd nehmen und sehen, daß ich die Hunde von deiner Spur abbringe!«

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