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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 27
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Sechsundzwanzigstes Kapitel

Da Jackson annahm, daß seine drei Landstreicher Kempton, wohin er sie beordert hatte, inzwischen bereits erreicht haben müßten, schlenderte er nach der Weide hinüber und sattelte den grauen Wallach, um nach dieser Stadt zu reiten. Er gab sich dabei ein möglichst unbefangenes, sorgloses Aussehen, als ob er die Möglichkeit gar nicht in Betracht ziehe, daß man sein Beginnen mißdeuten oder als Fluchtversuch auslegen könne, in Wahrheit aber war ihm doch recht ungemütlich zumute, da ja alles darauf ankam, daß keiner von der Bande ihn beobachtet hatte und ihm folgte.

Während er ohne allzu große Eile durch den Wald dahinritt, wandte er sich darum wiederholt um, wählte auch möglichst steinige Wege, die keine Hufspuren hinterließen – er konnte also ziemlich sicher sein, daß das Ziel seines Ausflugs im Lager nicht bekannt werden würde.

Zwischen den Einwohnern von Kempton, in der Hauptsache arme Holzfäller, und den Mitgliedern der Haymanschen Bande bestand ein ganz eigentümliches Verhältnis – kein einziger dieser hart arbeitenden und kümmerlich lebenden Männer wäre auf die Idee gekommen, sich die Belohnungen, die auf den Kopf des Doktors und jedes einzelnen seiner Leute ausgesetzt waren, zu verdienen.

Dies hatte seinen Grund darin, daß Hayman die Stadt nie beunruhigte – es war eine bekannte Tatsache, daß selbst der ärgste Trunkenbold der Bande nur Wasser trank, wenn er nach Kempton kam –, und außerdem hatte der Doktor schon häufig der Stadt in großem Stil Wohltaten erwiesen. Bei einer Mißernte zum Beispiel, die vor drei Jahren fast eine Hungersnot zur Folge gehabt, hatte er große Summen zur Verfügung gestellt; die Witwen mehrerer Holzfäller, die bei der Arbeit tödlich verunglückt waren, bezogen regelmäßige Pensionen von ihm, und auch in Krankheitsfällen kargte er nicht mit Unterstützungen. Besonders hoch rechnete man es ihm an, daß er Hühner, Gänse, Ferkel und Kälber, die er kaufen ließ, ohne zu feilschen, weit über den Marktpreis bezahlte, und alles dies zusammen hatte zur Folge, daß die Justiz, wenn sie die Spur irgendeines Verbrechens der Bande bis nach Kempton verfolgt hatte, hier immer auf einen passiven Widerstand stieß, der ihre Nachforschungen lahmlegte, denn weder Mann noch Weib oder Kind hatte irgend etwas Zweckdienliches gesehen oder gehört.

Jackson, dem diese Dinge bekannt waren, wußte also, daß man ihn in der Stadt nicht mit neugierigen Fragen belästigen würde, und ritt darum unbekümmert die Hauptstraße entlang, um nach dem »Warenhaus«, das heißt nach dem Kramladen zu suchen. Obwohl der Tag bereits zur Rüste ging und die Beleuchtung viel zu wünschen übrigließ, erkannte er schon von weitem das rote Haar Petes, der nachlässig an einem Holzpfeiler vor dem Geschäft lehnte.

Er ritt langsam an ihm vorüber, wechselte mit ihm einen flüchtigen Blick und machte ihm ein Zeichen, ihm zu folgen, was jedoch niemandem auffallen konnte, da er dabei tat, als ob er eine Fliege vom Hals seines Pferdes verscheuche.

Der Landstreicher nickte unmerklich, und Jackson ritt ruhig weiter, bis er jenseits der Stadt einen Wald erreichte, an dessen Rand er abstieg, dem Wallach die Gebißstange aus dem Maul nahm, damit er bequem das lange, saftige Gras fressen könne, und sich eine Zigarette anzündete; er wartete.

Es war inzwischen fast völlig dunkel geworden, hinter den Fenstern im Städtchen flammten die Lampen auf, die Kühe wurden von der Weide heimgetrieben, Türen schlugen, schrille Frauenstimmen riefen die Kinder, die draußen noch spielten, ins Haus, mit schweren Schritten und gebeugten Nacken kamen die Männer von ihrer Arbeit zurück, rauchten ihre Pfeifchen und wechselten nur ab und zu ein paar Worte, die Maultiergespanne trippelten so eilig dem Stall zu, daß ihre müden Treiber ihnen kaum zu folgen vermochten.

Jackson wurde das Herz schwer, als er dies friedliche Bild betrachtete, voller Sehnsucht dachte er an sein Häuschen unter den Pappeln, an seine Pferde, auf die er so stolz gewesen. Er hatte es nie begreifen können, daß die Arbeit ein Fluch sein solle, unter dem die Menschheit litt, er hatte sie stets als einen Segen empfunden und hätte gern zehn Jahre seines Lebens darum gegeben, wenn er jetzt daheim seine Tiere hätte verwarten dürfen nach schwerer Tagesfron. Ob er wohl je da wieder würde anknüpfen können, wo Larry Burns' unvermutetes Erscheinen den ruhigen Gang seiner Tage so jäh unterbrochen hatte?

Plötzlich fuhr er erschreckt zusammen, ein merkwürdiges Geräusch hinter ihm im Unterholz ließ ihn aufspringen, er zog den Revolver und lauschte. Da war es wieder – vergebens suchte er mit dem Blick das Dunkel zu durchdringen.

Spielten ihm seine Nerven einen Streich? Es konnte doch nur der Wind sein, der da in den dürren Ästen raschelte!

Seufzend setzte er sich nieder, und es dauerte nicht mehr lange, da sah er eine breitschultrige Gestalt auf sich zukommen, dann tauchten zwei weitere auf, Pete, Jerry und Bob, seine drei Getreuen, standen vor ihm, ziemlich erregt, wie es schien.

»Denk dir nur, der Hund Wendell ist in Kempton und schnüffelt da herum«, begann Pete statt jeder Begrüßung, »ich hätte große Lust, ihm eins auf den Kopf zu geben, der Kerl entwickelt sich allmählich zur Landplage.«

»Gegen die ein richtig angebrachtes Stück Blei am besten hilft«, ergänzte Bobs sonorer Baß.

»Ihr werdet Wendell gefälligst in Frieden lassen«, erwiderte Jackson, »zumal ihr nicht lange mehr in Kempton bleibt.«

»So, wo geht denn die Reise wieder hin?« fragte Jerry.

»Habt ihr schon mal von einer Stadt Alexandria gehört?«

»Nee.«

»Doch«, meinte Bob nachdenklich, »in Ägypten liegt die, glaub' ich.«

»Schafskopf, von der ist doch sicher nicht die Rede«, wies ihn Pete überlegen zurück. »Heißt nicht irgendein Nest hier in der Nähe so?«

»Stimmt, und dahin werdet ihr euch schleunigst verfügen«, sagte Jackson.

»Wozu? Weshalb? Warum?«

»Ihr beiden laßt mich mal einen Augenblick mit Pete allein«, befahl Jackson.

Gehorsam zogen sich Jerry und Bob zurück, dann erklärte Jackson Pete, der sichtlich über diese Bevorzugung stolz war:

»Es handelt sich um eine äußerst schwierige Sache, bei der nur ein kluger Kopf mir helfen kann – willst du sie übernehmen?«

»Selbstverständlich, was ich kann, mach' ich für dich.«

»Dann gib mal gut acht und sperr deine Ohren auf.«

»Die sind so weit offen, daß ein Heuwagen drin umwenden kann«, meinte Pete, »schieß also los.«

Ruhig und überlegt setzte Jackson ihm seinen Plan in allen Einzelheiten auseinander, Pete hörte mit angestrengter Aufmerksamkeit zu, wiegte wiederholt bedenklich den Kopf, zum Schluß aber schüttelte er ihn heftig und sagte:

»Das ist nicht zu machen!«

»Doch, es ist zu machen und muß gemacht werden!«

»Ganz ausgeschlossen, es ist einfach unmöglich«, verharrte Pete.

»Ich habe alles genau durchgedacht«, erwiderte Jackson, »es muß klappen, wenn du deine Schuldigkeit tust.«

»Daran soll es gewiß nicht fehlen«, entgegnete Pete, »weder bei mir noch bei den andern beiden.«

»Dann ist ja alles in bester Ordnung«, meinte Jackson lächelnd, »dann kümmert euch also nicht weiter um Wendell, sondern brecht möglichst sofort auf, damit ihr Alexandria rechtzeitig erreicht, und dort hältst du dich genau an das, was ich dir gesagt habe.«

Pete war im Begriff, etwas zu antworten, aber Jackson hob plötzlich die Hand und gebot ihm Schweigen, denn er glaubte, das merkwürdige Geräusch von vorhin wieder gehört zu haben, diesmal aber in entgegengesetzter Richtung, gegen den leise flüsternden Wind.

Ohne das geringste Geräusch zu machen, verschwand Jackson in dem dichten Unterholz, Pete und seine Kameraden, die auch aufmerksam geworden waren, konnten sich nicht genug darüber wundern, daß nicht ein dürrer Zweig unter seinen katzengleichen Schritten brach oder knackte.

Es war so dunkel, daß er nicht das geringste mehr sehen konnte, sondern sich ausschließlich auf seinen Tastsinn verlassen mußte. Obwohl der Wind in den Blättern raschelte, ging er geradeswegs dem Ton nach, den sein feines Ohr entdeckt hatte.

Plötzlich erhob sich vor ihm eine unbestimmte Gestalt, ein unterdrückter Schrei der Überraschung wurde laut, und schon fiel ein Schuß – im selben Moment riß Jackson den Revolver aus dem Halfter und schoß.

Obwohl er das bestimmte Gefühl hatte, getroffen zu haben, packte Jackson zu, um den unbekannten Lauscher nicht entkommen zu lassen, doch er griff ins Leere, erst als er sich bückte, merkte er, daß der Gegner zu Boden gestürzt war.

Er pfiff dreimal leise, dann kniete er neben den Gefallenen nieder und fragte:

»Bist du getroffen worden, Fremder?«

»Und ob«, antwortete der andere, »wie eine Kerze bin ich ausgeblasen –«

Der Rest seiner Worte ging in einem Stöhnen unter.

»Ganz so schlimm wird es ja nicht sein«, tröstete ihn Jackson, »da kommt schon Hilfe.«

Pete, Bob und Jerry kamen atemlos angestampft.

»Macht doch mal Licht«, sagte Jackson.

»Das werden wir gleich haben«, erwiderte Bob stolz, »ich hab' eine Laterne bei mir.«

Er zog eine zusammenlegbare Blendlaterne aus der Tasche, zündete sie an, und in ihrem Schein sah Jackson erstaunt, daß der Verwundete – Malone war, dessen blinzelnder Blick Furcht und Schmerzen verriet.

»Komm mal ein bißchen näher mit deinem Ding da«, befahl Jackson Bob und ging daran, Malones Wunde zu untersuchen.

Er öffnete dessen Hemd – der Einschuß war erstaunlich klein, und als er den Ächzenden umdrehte, sah er, daß die Kugel den Körper nicht glatt durchschlagen hatte, sondern an einer Rippe entlang geglitten war und eine allerdings sehr stark blutende, aber nicht lebensgefährliche Wunde gerissen hatte.

»Malone«, sagte er, »du hast Glück gehabt, wenn du vernünftig bist, kannst du mit dem Leben davonkommen.«

»Ich brauch' nicht zu sterben?« fragte Malone und versuchte, sich aufzurichten, Jackson jedoch drückte ihn nieder.

»Bleib ruhig liegen«, sagte er, »so harmlos, daß du dich viel bewegen dürftest, ist die Sache denn doch nicht, aber, wie gesagt, du kannst gerettet werden. Zunächst einmal: wieso bist du hierhergekommen?«

»Ich? Durch Zufall«, antwortete Malone.

»Du lügst, du hast mir nachspioniert!«

»Aber keine Spur, wie sollt' ich wohl auf diese Idee kommen?«

»Laß mich mal 'ran, Jackson«, mischte sich jetzt Pete ein, »ich werd' ihn gleich zum Sprechen bringen.«

»Schafskopf«, knirschte Jackson, »kannst du denn den Mund nicht halten?«

»Also doch Jackson!« sagte Malone erstaunt.

Jetzt erst begriff Pete, warum Jackson so wütend geworden war.

»Ach so«, sagte er kleinlaut, »das tut mir ja leid, aber schließlich konnte ich doch nicht ahnen, daß der Kerl nicht wissen darf, mit wem er's zu tun hat.«

Jackson hatte inzwischen seinen Ärger bereits wieder verwunden, ruhig und sachlich wandte er sich an den Verletzten.

»Also es bleibt dabei«, sagte er, »wenn du die Wahrheit gestehst, verbinde ich deine Wunden und sorge dafür, daß du in ärztliche Behandlung kommst, lügst du aber oder suchst, nach Ausflüchten, lass' ich dich hier verbluten.«

Malone sah ihn entsetzt an und nickte.

»Hast du belauscht, was ich mit dem da besprochen habe?« begann Jackson das Verhör.

»Ja«, erwiderte Malone.

»In wessen Auftrag hast du das getan?«

»In niemandes, ich war nur neugierig.«

»Das ist nicht wahr, von allein wärst du nie auf die Idee gekommen, mir hierher zu folgen.«

»Doch, ganz bestimmt!«

»Schön, wie du willst«, sagte Jackson. »Vorwärts, Jungens, er soll ruhig weiterbluten, gefährlich kann er uns nicht werden, denn ehe ihn jemand findet, ist er längst tot.«

Damit erhob er sich.

»Halt, um Gottes willen, bleib!« schrie der Verwundete auf.

»Willst du endlich die Wahrheit sagen?« fragte Jackson stehenbleibend.

»Ja, ja – der Doktor hat mich geschickt.«

»Na also, das hab' ich zwar gewußt, aber mir kam es auf deine Bestätigung an«, sagte Jackson lächelnd. »Wie lautete dein Auftrag, worauf solltest du achten?«

»Ob du dich mit jemandem träfst und was du mit dem Betreffenden sprechen würdest.«

»Ist doch ein verdammt schlauer Kopf, euer Doktor«, sagte Jackson unwillkürlich.

»Ja, das ist er, und wenn ich dir einen Rat geben darf, laß die Hände von ihm, mit dem wirst du nicht fertig, das ist kein Mensch, sondern ein Satan.«

Darauf erwiderte Jackson nichts, sondern wandte sich an Pete:

»Was fangen wir nun mit dem Menschen an?«

Statt des Gefragten antwortete Bob, getreu seiner Vergangenheit:

»Schlagt doch dem falschen Hund den Schädel ein, dann ist die Sache gleich erledigt.«

Pete lachte auf.

»Barmherzige Samariter zu spielen, werden wir ja wohl kaum Zeit haben«, meinte er grinsend.

»Wozu auch gar kein Grund vorhanden ist«, sagte Jerry mitleidlos, »wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um – heißt's schon in der Bibel.«

»Jackson, du wirst eine solche Grausamkeit doch nicht zugeben?« kreischte der Verwundete in seiner Todesangst. »Du weißt doch selbst, daß ich Haymans Befehl ausführen mußte!«

»Beruhige dich, ich habe dir versprochen, daß ich dich rette, wenn du die Wahrheit sagst, und ich pflege mein Wort stets zu halten«, erwiderte Jackson. »Jerry, du wirst für ihn sorgen.«

»Warum denn gerade ich?« entgegnete Jerry ziemlich patzig. »Ich will lieber die andere Geschichte mitmachen.«

»Hör mal genau zu, mein guter Jerry«, sagte Jackson eindringlich, »wenn du dich um ihn kümmerst und ihn lebend durchbringst – wohlverstanden, nur dann! –, bekommst du den gleichen Anteil wie die anderen, die den gefährlicheren Teil unseres Geschäfts erledigen.«

»Den gleichen Anteil, wahr und wahrhaftig?« fragte Jerry.

»Jawohl, genau den gleichen«, bestätigte Jackson.

»Na schön, dann will ich die Sache übernehmen, wenn sie mir auch gerade keinen großen Spaß macht und ich lieber –«

»Das wäre also erledigt«, unterbrach ihn Jackson, »geh in die Stadt und besorge Verbandzeug und Decken und was sonst noch nötig ist – ihr beiden anderen macht euch auch sofort auf den Weg, Pete weiß, was zu tun ist!«

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