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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 24
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Jackson, der die ganze Szene mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtet hatte, war sich inzwischen darüber klargeworden, daß es hauptsächlich die schwarzen, funkelnden Augen des Doktors waren, mit denen er seine Leute beherrschte, und deren hypnotisierendem Einfluß er sich selbst nicht ganz zu entziehen vermochte. Jedenfalls hatte der Zwischenfall für Jackson das Gute gehabt, daß er diesem faszinierenden Blick nicht unvorbereitet gegenübertreten mußte, sondern sich innerlich gegen ihn wappnen und so seine Wirkung aufheben oder doch wenigstens bedeutend abschwächen konnte.

Mit einer Geschwindigkeit, die selbst einen so erfahrenen Fachmann wie Jackson verblüffte, schob der Doktor den Revolver wieder unter den Rock und trat jetzt auf den dicken Joe zu.

»Ich habe dir doch schon wiederholt gesagt, daß ich vorläufig hier keine neuen Gesichter zu sehen wünsche!« fuhr er ihn an.

Joe sprang auf, seine Knie zitterten merklich, als er erwiderte:

»Mit dem jungen Mann hier glaubte ich eine Ausnahme machen zu dürfen.«

»Wenn ich etwas anordne, habt ihr bedingungslos zu gehorchen«, wetterte der Doktor, »ob Ausnahmen gemacht werden, bestimme ich – verstanden?«

Jetzt wandte er sich Jackson zu, der mit gekreuzten Beinen sitzengeblieben war und nur den Kopf ein wenig hob – er mußte seine ganze Energie zusammennehmen, um den durchbohrenden Blick dieser eigenartigen, schwarzen Augen auszuhalten, und ärgerte sich über sich selbst, da er kalten Schweiß auf seine Stirne treten fühlte. Entschieden war dieser Bandit eine überragende Persönlichkeit und der stärkste Wille, dem Jackson bisher in seinem Leben begegnet war.

»Steh auf!« befahl jetzt der Doktor.

Jackson rührte sich nicht.

»Steh auf!« wiederholte Hayman.

Obwohl er auch diesmal ziemlich ruhig und ohne die Stimme zu erheben gesprochen, hatte Jackson das Gefühl, als sei die Luft mit elektrischer Spannung geladen. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, jedem einzelnen mochte, genau wie ihm selbst, plötzlich zum Bewußtsein gekommen sein, daß seine hockende Stellung, die ein schnelles Greifen nach der Waffe fast unmöglich machte, für ihn einen ungeheuren Nachteil dem stehenden Doktor gegenüber bedeutete. Trotz dieser Erkenntnis blieb aber seine Stimme fest und selbstbewußt, als er jetzt erwiderte:

»Wir sind hier doch nicht in einer Schulstube, Hayman!«

Die Augen des Doktors funkelten, seine Hand zuckte nach dem Revolver, aber plötzlich verschwand die empörte Wut aus seinem Gesicht, er nickte Joe zu und sagte:

»Du hast recht, hier scheint eine Ausnahme am Platz zu sein – wie heißt denn der Mann?«

»Manhattan-Karl«, erwiderte Joe strahlend.

»So? Und wie weiter?« fragte der Doktor.

»Das Weitere interessiert nicht, das steht nur im Familienstammbuch«, antwortete Jackson an Joes Stelle.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über die Züge des Doktors, dann sagte er wesentlich freundlicher:

»Nun also, Manhattan, dann komm mal bitte zu mir hinein.

Damit machte er kehrt und ging voraus, worauf Jackson sofort aufstand und ihm folgte. Keiner der Anwesenden wagte sich zu rühren, die ganze Atmosphäre schien trotz dem strahlenden Sonnenschein zu Eis erstarrt, nur als er an Larry Burns vorüberschritt, sah Jackson, daß dieser sich verstohlen den Schweiß von der Stirne wischte, eine Beobachtung, die ihn aus zwei Gründen in Erstaunen setzte: einmal, weil er diesem Burschen gar nicht zugetraut hätte, daß er um einen Kameraden bangen könne, und zweitens, weil Larry, der ihn doch kannte und wußte, was er schon alles geleistet hatte, sich überhaupt um ihn geängstigt hatte. Was, zum Donnerwetter, war denn dieser Doktor für ein Mensch, und über welche geheimnisvollen Mächte gebot er?

Fast gleichzeitig mit Hayman trat Jackson in die Hütte, deren Inneres ihm nach dem grellen Licht, aus dem er kam, fast dunkel erschien. Als der Doktor sich nach seinem Gast umwandte, sah dieser erstaunt, daß dessen schwarze Augen hier im Schatten genau so funkelten wie vorhin im Hellen. War das möglich, oder war es nur eine Einbildung seiner überreizten Nerven?

Auf alle Fälle mußte er sich zusammennehmen, sonst war er dem völlig ruhigen und beherrschten Gegner gegenüber zu stark im Nachteil.

»Nanu, Manhattan, du schwitzt ja?« sagte jetzt der Doktor spöttisch.

»Allerdings«, gab Jackson freimütig zu, »es ist ja auch keine Kleinigkeit, einem Mann wie dir zum erstenmal allein gegenüberzustehen.«

»Also das hast du auch schon gemerkt? Das freut mich. Du bist hergekommen, um mit mir zu arbeiten?«

»Zunächst einmal, um dich kennenzulernen«, erwiderte Jackson.

»Das gibt es nicht. Menschen, die hierherkommen, schließen sich mir an, oder sie –«

Er machte eine sehr bezeichnende, wie wegwischende Handbewegung und fuhr, weil Jackson nichts darauf sagte, fort:

»Da du meine Leute hier gesehen hast, kannst du nicht wieder fort.«

»Das ist für mich kein Grund«, wandte Jackson ein, »ich habe ja nicht die Absicht, über das, was ich hier gesehen habe, zu schwatzen, sondern wollte nur mal hören, ob hier für mich was zu machen ist.«

Hayman lächelte.

»Du bist ein kaltblütiger Bursche, Manhattan«, sagte er anerkennend.

»Allerdings, das bin ich.«

»Kennst du dich so genau?« fragte Hayman mit leichtem Spott.

»Ebensogut, wie du dich kennst.«

»So, so? Und welche Vorschläge hast du mir zu machen?«

»Ich möchte hier die zweite Geige spielen nach dir«, erwiderte Jackson, »aber auch von dir will ich keine Befehle annehmen, sondern nur Ratschläge und Fingerzeige – wenn dir das recht ist, bin ich dein Mann, wenn nicht, nehm' ich meinen Gaul und empfehle mich.«

»Nein, das ist mir durchaus nicht recht«, entgegnete Hayman sehr bestimmt, »aber fort von hier kommst du trotzdem nicht!«

Das war natürlich eine nicht mißzuverstehende Drohung, und Jackson überlegte einen Moment, ob er nicht den Revolver ziehen und den Doktor einfach niederschießen solle, doch zum erstenmal in seinem Leben fühlte er sich seiner Sache nicht absolut sicher, und außerdem war ihm mehr als unklar, wie er mit den erprobten Kämpfern da draußen fertig werden sollte, wenn es ihm selbst gelungen wäre, ihren Anführer unschädlich zu machen. So hielt er es denn für besser, vorläufig erst einmal die weitere Entwicklung der Dinge abzuwarten.

»Du wirst meinen Standpunkt verstehen«, begann Hayman nach einer Weile, »wenn ich dir sage, daß der, der mich lebend oder tot den Gerichten ausliefert, die Kleinigkeit von fünfzigtausend Dollar erhält, denn das ist ein Sümmchen, das sogar einen Mann wie dich, mein guter Manhattan, interessieren kann. Hätten die Behörden fünf-, ja selbst zehntausend Dollar auf meinen Kopf ausgesetzt, brauchte mich das wenig zu kümmern, da aber durch eine bloße Information über mich ein Vermögen zu verdienen ist, muß ich selbstverständlich ein bißchen vorsichtiger sein. Nun bist du offenbar ein Mensch, der nicht nur Energie, sondern auch Verstand besitzt, also durchaus das, was ich brauchen kann, aber wenn wir zusammen arbeiten wollen, mußt du dich bedingungslos meiner Führung überlassen und mir genau so gehorchen wie der stupideste Rekrut in meiner Bande.«

Während dieser langen Erklärung, die in einem sehr ruhigen, aber sehr bestimmten Ton gegeben worden war, hatte Jackson den Sprecher scharf beobachtet. Ganz zweifellos, dieser Mann war einer der intelligentesten Menschen, die er je gesehen, und doch hauste er hier in einer schmierigen Hütte, die dem armseligsten Schafhirten zu schlecht gewesen wäre, und hatte keine andere Gesellschaft, als die gewissenloser, brutaler Banditen, deren einziger Vorzug darin bestand, daß sie ihm blindlings gehorchten. Und zu diesem jämmerlichen Dasein war er für immer verurteilt, denn er konnte wohl ab und zu einen Abstecher nach irgendeiner Stadt machen, aber naturgemäß selten und nicht lange. Was vermochten überdies diese Grenzorte mit ihren wilden, ausschweifenden Genüssen einem Mann von Kultur zu bieten, wie es dieser merkwürdige Doktor unbedingt war? Jede größere Stadt war ihm ein für allemal verschlossen durch die hohe Belohnung, die auf seinen Kopf stand. Seine Existenz war ein täglich erneuerter Kampf gegen diese Gefahr, und die einzige Freude, die es für ihn noch gab, war die Genugtuung, hier in seinem Kreis absolut zu herrschen – darum, das verstand jetzt Jackson, konnte er aus innerer Notwendigkeit auf seinen Vorschlag nicht eingehen, sein Leben verlor jeden Sinn, wenn er nicht der Erste mehr war, dem die anderen wie Diener gehorchten, nicht wie Kameraden folgten.

Jackson war schon vorhin beim Eintreten in die Hütte ein großes Sicherheitsschloß mit Zahlenmechanik aufgefallen, das zwischen allerlei Werkzeugen auf dem Tisch lag, und als jetzt sein Blick wieder auf dieses seltene Stück präziser Feinmechanikerarbeit fiel, an dem offenbar jemand, um es zu studieren, herumgebastelt hatte, zuckte ihm ein Gedanke durchs Hirn.

»Ich weiß, daß dir mein Vorschlag vermessen vorkommen muß«, sagte er, »aber ich fühle mich berechtigt, eine Ausnahmestellung unter deinen Leuten zu beanspruchen, weil ich dir Dienste leisten kann, die kein anderer dir zu leisten vermag, denn es gibt kein Schloß, das ich nicht öffnen könnte.«

»Auch solche komplizierten Dinger wie das da?« fragte Hayman, nach dem Schloß auf dem Tische zeigend.

»Gewiß, auch solche bieten mir keinerlei Schwierigkeiten.«

»Und wie lange würdest du brauchen, um sein Geheimnis zu ergründen?«

»Eine halbe Stunde.«

»Gut«, sagte der Doktor, »dann geh mal hinaus, ich werde das Schloß einstellen und dich dann eine halbe Stunde allein lassen – kannst du das Schloß in dieser Zeit öffnen, dann verdienst du die Sonderstellung, die du verlangst, und dann bin ich bereit, dich den anderen überzuordnen, gelingt es dir jedoch nicht, dann –«

Er machte wieder die wegwischende Handbewegung, Jackson war es klar, daß er ihn in diesem Fall ohne Bedenken umbringen würde, es also jetzt tatsächlich um sein Leben ging.

Als Jackson die Hütte verließ, rief der Doktor hinaus:

»Malone und ihr anderen, gebt ein bißchen auf Manhattan-Karl acht, er darf sich nicht entfernen!«

»Jawohl«, antwortete Malone, zog seinen Revolver und hielt ihn Jackson vor, während Bud Maker dasselbe tat und hinter ihn trat.

»Tut mir ja leid«, sagte Malone dabei, »aber du wirst begreifen, daß ich dem Befehl des Doktors gehorchen muß. Setz dich brav da hin und halt vor allen Dingen die Hände recht ruhig, damit mein Schießeisen nicht plötzlich losgeht – im übrigen geschieht dir natürlich nichts.«

Jackson kam dieser freundlichen Aufforderung sofort nach und rührte sich nicht, hob jedoch neugierig den Blick, als er jetzt zwischen den Bäumen auf einem prachtvollen, staub- und schaumbedeckten Rappen einen Reiter nahen sah, der den Leuten vor der Hütte flüchtig zunickte und dann hinter dieser verschwand. Er wußte, daß dieser jugendfrische, breitschulterige, schlankgewachsene Mensch Fred Tucker sein müsse – genau so, als Idealbild eines echten Westmannes, hatten ihn alle geschildert, bei denen er sich nach ihm erkundigt.

Seine Annahme wurde denn auch bald bestätigt, denn als der Jüngling, den schweren Sattel auf dem Arm tragend, von der Koppel zurückkam, begrüßte ihn Malone mit der Frage:

»Na, Fred, wie steht die Sache?«

Statt zu antworten, musterte Fred Tucker auf ziemlich ungenierte, fast unverschämte Weise Jackson und erkundigte sich:

»Wer ist denn das?«

Malone gab kurz die nötige Auskunft und wiederholte dann:

»Und was hast du zu berichten?«

»Nicht viel und noch weniger Erfreuliches«, erwiderte Fred Tucker. »Sie haben einen neuen Wächter angestellt, der alte, den ich aufsuchte, hat mir gesagt, daß man gegen ihn mißtrauisch geworden ist, und rät, die Sache vorläufig zu vertagen.«

»Warten ist ja nun gerade nicht nach des Doktors Geschmack«, meinte Malone.

»Hoffentlich tut er's auch nicht«, entgegnete Tucker lebhaft. »Ich habe mich mal ein bißchen umgesehen: wenn wir die Fenster des oberen Stockwerks in dem Gasthaus, das der Bank gegenüber liegt, mit drei, vier Schützen besetzen, halten wir die ganze Straße im Schach, zumal die guten Leutchen da durchaus keinen sehr kampffreudigen Eindruck machen.«

»Das will gar nichts sagen«, erwiderte Malone bedächtig, »je schläfriger solche Menschen aussehen, um so erbitterter kämpfen sie oft – davon hab' ich schon wiederholt Beispiele erlebt.«

Fred Tucker zuckte die Achseln.

»In ganz Alexandria sind keine drei Männer, die überhaupt mitzählen«, sagte er selbstbewußt, »ich weiß nur so viel, daß ich mit sechs Leuten, die ihr Geschäft verstehen, diese lächerliche Bank bis auf den letzten Pfennig ausfegen würde.«

»Mit dieser Behauptung beweist du nur, daß du noch reichlich jung und unerfahren bist, mein Söhnchen«, erwiderte Malone lächelnd.

Sofort ging Fred Tucker hoch.

»Jedenfalls aber bin ich zu alt, um mir derartige Reden gefallen zu lassen!« erklärte er sehr bestimmt.

Das Lächeln verschwand von Malones Gesicht.

»Hör mal, mein Junge«, sagte er, »ich weiß ja, daß du's darauf ablegst, hier Krach anzufangen, um deine Forschheit zu zeigen, aber denke gefälligst daran, daß der Doktor höchst persönlich jeden Streit, den du anzettelst, beilegen wird. Wenn du zu klug bist, einen gutgemeinten Rat anzunehmen, mag dich meinetwegen der Teufel holen.«

»Ich habe von dir keine Ratschläge nötig«, entgegnete Fred Tucker patzig, »ich stehe ja, Gott sei Dank, nicht in deinen Diensten!«

Damit nahm er seinen Sattel auf und entfernte sich langsam.

»Er ist wirklich noch sehr jung«, sagte Jackson.

»Aber alt genug, mal eine Kugel zwischen die Rippen zu bekommen«, erwiderte Malone grimmig, »er soll sich nur in acht nehmen, der aufgeblasene Lümmel!«

Ehe Jackson, wie es seine Absicht war, dem Wütenden ein paar beruhigende Worte sagen konnte, wurde die Hüttentür geöffnet, und der Doktor trat heraus.

»So, Manhattan, dann geh mal da 'rein«, sagte er, »das Ding liegt auf dem Tisch, ich warte solange hier draußen. Du brauchst dich nicht zu überstürzen, eine volle halbe Stunde hast du Zeit.«

Jackson erhob sich und trat ein, die Tür wurde sorgfältig hinter ihm geschlossen.

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