Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
projectidfbf52aee
Schließen

Navigation:

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Nach einem langen Ritt durch das Flußbett, durch dichten Hochwald und über kahle Schroffen erreichten die beiden schließlich eine mit Föhren bewachsene Berghalde, auf der eine kleine Hütte stand, aus deren Dach eine verwitterte, windschiefe Esse herausragte, und vor der im vollen Sonnenschein um einen Tisch fünf kartenspielende Männer herumsaßen, die den beiden Ankömmlingen nicht die geringste Beachtung schenkten.

Joe führte Jackson um die Hütte herum, wo sich ein Stall und ein eingezäuntes Stück Weideland befanden, auf dem zwanzig Pferde grasten, deren schlechtestes noch eines Königs würdig gewesen wäre. Ihre schmalen Köpfe, die großen, an die von Hirschen erinnernden Augen, die schlanken Glieder, auf denen die stahlharten Muskeln hervortraten, verrieten Jacksons Kennerblick ihre hochgezüchtete Rasse – der graue Wallach wirkte gegen sie wie ein schäbiges Kaltblut.

»Was, das sind Tiere?« sagte Joe stolz. »Das sind sozusagen die kleinen Schäfchen, die dem Doktor Hayman die Wolle bringen.«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte Jackson verwundert.

»Hayman betreibt sein Geschäft gewissermaßen auf wissenschaftlicher Basis: wenn er sich im Kopf seinen Plan richtig durchdacht und zurechtgelegt hat, dann führen wir ihn mit Hilfe von Sprengstoffen und Colts aus – die Ernte in die Scheuer aber bringen diese schnellen Pferde, von denen der Erfolg ebenso abhängt wie von der Tüchtigkeit seiner Leute, und für sie sorgt er darum mit der gleichen väterlichen Liebe wie für uns alle, die wir in seinen Diensten stehen.«

»Das ist jedenfalls ein äußerst sympathischer Zug von ihm«, meinte Jackson, der sich vom Anblick der prachtvollen Tiere gar nicht trennen konnte.

»Na, dann wollen wir mal nach dem Haus zurückgehen und sehen, ob der Doktor schon auf Deck ist«, sagte Joe, seinen Arm nehmend und ihn aus seiner Versunkenheit reißend. »Ich bin ja neugierig, wie er und seine Jungens dir gefallen werden, auf alle Fälle sei ein bißchen vorsichtig, denn ganz ungefährlich ist keiner von ihnen.«

Jackson antwortete darauf nichts, denn er hatte in früheren Jahren genug mit allerlei Gesindel und Verbrechern zu tun gehabt, um zu wissen, was er von den Leuten hier zu erwarten habe.

Während sie langsam um die Hausecke bogen, konnte er die Spieler unauffällig betrachten. Eigentlich machten sie gar keinen schlechten Eindruck, nur ihre Augen verrieten ihm sofort, wes Geistes Kind sie waren, es lag etwas Kaltes, Lauerndes in der Art, wie sie sich gegenseitig beim Spiel beobachteten, jeder Blick, den sie wechselten, war eine mehr oder weniger offene Beleidigung.

»Tag, Jungens«, begrüßte sie Joe. »Wo ist denn der Doktor?«

Da keine Antwort erfolgte, mußte er die Frage zweimal wiederholen, endlich bequemte sich ein auffallend blasser, jüngerer Mensch, ohne auch nur von seinen Karten aufzublicken, dazu, zu sagen:

»Er schläft.«

»Dann wollen wir ruhig eine Weile warten«, sagte Joe zu Jackson, »denn wenn der Doktor schläft, was übrigens tagsüber nicht allzuoft vorkommt, ist's eine verdammt gefährliche Sache, ihn zu wecken, ich für mein Teil würde jedenfalls lieber in einen Käfig voll ausgehungerter Klapperschlangen gehen. Wir haben ja auch gar keine Eile, setzen wir uns solange hier ein bißchen in die Sonne.«

Damit ließ er sich auf dem Boden nieder, doch bevor Jackson seinem Beispiel folgen konnte, sah er einen breitschulterigen Menschen aus der Hüttentür treten, in dem er zu seinem Schrecken Larry Burns erkannte.

Er blinzelte ihm zu, aber es dauerte eine geraume Weile, ehe der maßlos erstaunte Ausdruck von dessen Gesicht verschwand. Da Jackson merkte, daß Joe ihn scharf beobachtete, trat er rasch auf Burns zu und fragte:

»Haben wir uns nicht schon früher einmal gesehen?«

Larry Burns begriff natürlich sofort, doch er mußte schwer schlucken, ehe er antworten konnte:

»Es kommt mir beinah auch so vor, wenngleich ich mich nicht besinnen kann, wo.«

»Man lernt ja so viele Leute kennen«, erwiderte Jackson lachend.

Während dieses kurzen Gesprächs waren sie zusammen zu Joe zurückgegangen, der sie mißtrauisch fragte:

»Ihr zwei seid wohl alte Bekannte?«

»Wir glauben beide uns schon mal begegnet zu sein, wissen aber nicht mehr, wo«, erwiderte Larry.

»Na, dann will ich euch miteinander bekannt machen«, sagte Joe, »Manhattan-Karl – Larry Burns.«

Die beiden schüttelten sich die Hände.

»Jetzt erinnere ich mich«, meinte Jackson, nachdenklich tuend. »Haben wir uns nicht in Chihuahua getroffen?«

»Natürlich«, rief Larry Burns, »im ›Blauen Affen‹ – Sie hielten die Bank und hatten ein schweinemäßiges Glück, bis aufs Hemd haben Sie mich damals ausgezogen!«

»Na, hoffentlich findet sich hier mal eine Gelegenheit, Ihnen Revanche zu geben«, meinte Jackson lachend, »damals mußten Sie ja leider Hals über Kopf aufbrechen.«

Sie setzten sich neben Joe auf den Erdboden nieder, und dieser erkundigte sich bei Larry Burns:

»Wie lange schläft denn der Doktor schon?«

»Ziemlich lange, ein paar Stunden bestimmt schon.«

»Na, dann wird er ja wohl jeden Augenblick erscheinen«, meinte Joe, »länger als zwei Stunden schläft er doch selten.«

»Kinder, ich hab' genug«, sagte da eine Stimme am Kartentisch, »eure Spielerei ist heute direkt langweilig, ihr riskiert ja nichts!«

Die Mehrzahl stimmte dem Sprecher bei, die Stühle und rohgezimmerten Armsessel wurden zurückgeschoben, der erste, der sich erhob, war der blasse Jüngling.

»Das ist Dick Kennedy«, erklärte Joe seinem Gast.

»Herrschaften, bei euch ist doch auch gar nichts mehr los«, sagte Dick Kennedy, sich reckend, »sittsam wie in einem Töchterpensionat und langweilig wie in einem Krankenhaus geht's jetzt hier zu. Wollen doch mal ein bißchen Leben in die Bude bringen! Los – um hundert Dollar: gerad oder ungerad?«

Dabei holte er einige Münzen aus der Tasche, schüttelte sie in der hohlen Hand und schlug sie in der geschlossenen Faust auf den Tisch.

»Na, also, wer hat Mut?« fragte er ungeduldig.

Ein unfrisierter Mensch mit rosigen Bäckchen unter dem mehrere Tage alten Stoppelbart schrie heiser:

»Ich, mein Sohn! Gerade!«

»Das ist Murphy, genannt das Sumpfhuhn«, flüsterte Joe Jackson zu.

»Ach? Von dem hab' ich schon gehört«, gab Jackson zurück.

»Kunststück!« erwiderte Joe überlegen, denn Sumpfhuhn-Murphy genoß weit und breit den Ruf eines hervorragenden Geldschrankknackers und war an fast allen berühmt gewordenen Fischzügen der letzten Zeit beteiligt gewesen.

Dick Kennedy öffnete die Faust, die fünf Silberdollar enthielt, Murphy griff in die Tasche, holte zwei Fünfzigdollarnoten heraus und warf sie hoch in die Luft, der andere fing sie im Fluge auf und steckte sie schmunzelnd ein.

»Nun um zweihundert Dollar«, sagte er dann, nahm wieder eine Anzahl Münzen in die Hand, schüttelte sie und klappte sie auf die Tischplatte. »Also; wer will noch mal: gerad oder ungerad?«

Ein pockennarbiger, hagerer Kerl, der beim Sprechen den Mund merkwürdig schief zog, rief:

»Wieder gerade!«

»Das ist Bud Maker«, erklärte Joe, »paß mal auf, der gewinnt, der Mensch ist unter einem glücklichen Stern geboren.«

Tatsächlich enthielt Kennedys Hand diesmal vier Münzen, so daß er dem anderen zweihundert Dollar auszahlen mußte. Jackson wunderte sich, mit welcher Seelenruhe diese Leute derartige Summen aufs Spiel setzten, denn auch als Verbrecher verdienten sie ja ihr Geld keineswegs leicht.

Jetzt erhob sich ein schmächtiges Bürschchen, das noch keine zwanzig Jahre alt sein konnte, und begann, eine merkwürdig schmelzende Melodie zu pfeifen.

»Das ist der ›Strahlende Engel‹«, flüsterte Joe Jackson zu, »der verworfenste Satan, dem ich je begegnet bin – das reine Gift!«

Jackson sah sich daraufhin den jungen Menschen noch einmal an: er hatte entschieden das schönste Gesicht, das er jemals gesehen, allerdings wirkte es etwas weibisch, doch namentlich um den Mund zeigte es einen geradezu kindhaft-unschuldigen Zug, während sein kühl abwägender Blick diesen Eindruck Lügen strafte. Seine Hände waren die eines jungen Mädchens.

»Bild dir doch nicht ein, daß du mit deinem Gepfeife den blauen Holzhäher da an dich locken kannst«, sagte spöttisch ein großer, starker Mensch, der schon seit einer geraumen Weile versuchte, sich in seinem Sessel bequemer zurechtzusetzen, ohne daß ihm dies bis jetzt gelungen wäre.

»Das ist Malone«, sagte Joe, »ein sehr anständiger Bursche, das heißt, das sind ja schließlich alle, aber er ist ein besonders guter Mensch – stimmt's nicht, Larry?«

»Freilich, Malone ist ein famoser Kerl«, nickte Burns, der von Zeit zu Zeit immer wieder Jackson fragend ansah, als ob er irgendein Zeichen von ihm erwarte, worauf dieser aber stets nur mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln antwortete.

»Ich werd' ihn schon kriegen«, behauptete der »Strahlende Engel« verbissen und pfiff von neuem – wie der klagende Ruf eines verängstigten Vogels klang es diesmal.

»Um was wollen wir wetten, daß nicht?« fragte jetzt Dick Kennedy.

»So hoch du willst«, erwiderte der andere.

»Sind dir fünfhundert Dollar recht?«

»Gemacht«, erwiderte der »Strahlende Engel«, »wenn du durchaus dein Geld loswerden willst –«

»Hier sind meine fünfhundert«, sagte Kennedy, legte eine Anzahl Banknoten auf den Tisch und beschwerte sie mit seiner Tabakpfeife. »Los, mein Sohn, gehe hin und tue desgleichen!«

»Mein Wort ist doch wohl mindestens soviel wert wie dein barer Einsatz«, entgegnete der »Strahlende Engel« mit einer liebenswürdigen Unverschämtheit, über die Jackson unwillkürlich lächeln mußte.

Jener pfiff wieder, doch von den Bäumen kam keinerlei Antwort zurück.

»Wie lang soll das eigentlich so fortgehen?« fragte Kennedy ironisch. »Wenn du dir den ganzen Tag Zeit läßt, wird ja schließlich mal so ein Piepmätzchen angeschwirrt kommen.«

»Sechzig Sekunden brauch' ich noch, du alte Schandschnauze«, erwiderte der »Strahlende Engel«.

»Über die Schandschnauze werden wir nachher sprechen«, sagte Kennedy schneidend. »Hat jemand eine Uhr bei sich?«

Malone zog die seine.

»Zwanzig Sekunden, eine halbe Minute, vierzig Sekunden, fünfzig –«

Wie der verängstigte Schrei eines Vogels, den der Habicht verfolgt, klang das Pfeifen des »Strahlenden Engels« – über den Kronen der Bäume hörte man jetzt Flügelschlagen, und ein blauer Holzhäher schwebte herab.

»Aus – eine Minute vorbei«, sagte im selben Augenblick Malone.

Kennedy trat an den Tisch, nahm die fünfhundert Dollar, reichte sie dem »Strahlenden Engel« und fragte:

»Und wie steht es nun mit der Schandschnauze – willst du das noch einmal sagen?«

»Aber gern«, erwiderte der andere mit dreistem Lächeln, »eine ganz verdammte Schandschnauze bist du!«

»Schön, mein Sohn«, sagte Kennedy, »dann wirst du wohl so freundlich sein und mit mir ein paar Schritte abseits gehen, damit wir uns näher über die Angelegenheit unterhalten können.«

»Eine Aufforderung zum Tanz hab' ich noch keinem abgelehnt, weder Mann noch Weib«, antwortete der »Strahlende Engel«.

»Einen Moment mal, Herrschaften«, hielt Malone sie zurück, »ihr wißt doch alle beide, daß der Doktor solche Dinge nicht wünscht.«

»Gewiß weiß ich das«, erwiderte der »Strahlende Engel«, »aber der Kerl da hat doch angefangen, und wenn er durchaus will, werd' ich ihm seine eingefrorene Visage ein bißchen auftauen.«

»Ich warne euch, denkt daran, was der Doktor gesagt hat!«

»Der Teufel soll den Doktor holen!« fuhr Kennedy auf. »Endlich muß der Bengel mit seinem widerlichen Puppengesicht dran glauben, seit Wochen ärgert mich die freche Kröte!«

»Kennedy!« donnerte da eine Stimme von der Hüttentür her.

Alle Köpfe flogen herum, alle Gesichter bekamen einen fast ängstlichen, erschreckten Ausdruck, in der Türöffnung stand ein Mann mittlerer Größe, äußerst untersetzt gebaut, mit einem großen Kopf auf den breiten Schultern und einem Mussolinigesicht, das Klugheit und Entschlossenheit verriet – Jackson wußte, daß das Doktor Hayman sein mußte, und begriff sofort die Macht, die dieser über seine Leute hatte.

»Ja, Doktor?« fragte Kennedy, der, ganz instinktiv wie ein Soldat, eine achtungsvolle Haltung angenommen hatte – war es doch sogar Jackson bei Haymans Ruf kalt den Rücken hinuntergelaufen.

»Ich habe euch doch schon wiederholt gesagt«, fing der Doktor seine Strafpredigt an, »daß ich keinerlei Streit und Zank zwischen euch wünsche! Ihr habt in Frieden und Freundschaft miteinander zu leben, sonst soll euch der Teufel holen. Ich will nicht, daß ihr euch gegenseitig die Köpfe einschlagt, überlaßt das den Sheriffs und ihren Aufgeboten! Wenn ich wieder eine solche Auseinandersetzung höre, fahr' ich mit einem Donnerwetter dazwischen, aber wörtlich genommen, denn dann schieß' ich.«

Er machte einen Schritt vorwärts und fuhr fort:

»Was fällt euch eigentlich ein, ihr beiden Taugenichtse, habt ihr nicht gewußt, daß ich schlafe? Wie könnt ihr euch unterstehen, mich mit euren Albernheiten wachzubrüllen? Wahrhaftig, ich hätte große Lust, gleich mal ein Exempel zu statuieren!«

Er trat auf sie zu, der »Strahlende Engel«, leichenblaß im Gesicht geworden, blieb trotzig stehen, Kennedy aber wich einen Schritt zurück und blickte zur Seite, als ob er nach einem Versteck suche, um sich verkriechen zu können.

»Geht mir aus den Augen, ihr Lümmel, und laßt euch die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht mehr sehen!« schrie der Doktor sie an.

Wie verschüchterte Schulbuben machten die beiden auf den Absätzen kehrt und trollten sich, an der Hütte aber blieb der »Strahlende Engel« stehen, fuhr herum und sagte:

»Ich lasse mich nicht mehr wie einen dummen Jungen behandeln!«

Ein Revolver blitzte in Haymans Hand auf, doch er kam nicht zum Schuß, denn mit erstaunlicher Geschwindigkeit sauste der »Strahlende Engel« um die Ecke herum und blieb verschwunden.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.