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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 2
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Erstes Kapitel

Über die erstarrten Lavaflächen und die Sanddünen der Wüste war die wilde Jagd gegangen, die Ausläufer der Berge hinauf bis zur steilen Höhe des Jackson-Passes und dann wieder hinab in die offene, langsam abfallende Ebene, auf der grünes, saftiges Gras wogte, weil der ragende Gebirgszug stets die ziehenden Regenwolken festhielt und sie zwang, ihr befruchtendes Naß hier niedergehen zu lassen.

Bis jetzt war es Larry Burns gelungen, seinen Vorsprung vor der Meute, die ihn verfolgte, beizubehalten. Meute war übrigens nicht bildlich gesprochen, denn man benutzte tatsächlich Hunde, um Larry Burns einzufangen! Mindestens ebenso gefährlich wie diese waren jedoch die zehn, zwölf ausgesuchten Reiter, die hinter diesen Hunden hergaloppierten, und am gefährlichsten für ihn war unter ihnen ein Mann mit schlohweißen Haaren, mit buschigen, silbrigschimmernden Brauen über den mitleidlosen Augen und mit fest aufeinandergepreßten Lippen, die seinem grauen Gesicht das Aussehen gaben, als ob er dauernd über ein unlösliches Problem nachgrübele – der Distriktskommissar Tex Arnold.

Obwohl der Gehetzte sofort, als er Hunde hinter sich kläffen gehört, davon überzeugt gewesen war, verloren zu sein, hatte er bereits mehr als zweihundert Meilen auf seiner tollkühnen Flucht zurückgelegt, bei der ihm nicht nur sein fabelhaftes Reiten, sondern auch seine genaue Kenntnis der Gegend zustatten kam. Zweimal hatte er bisher die Pferde gewechselt, allerdings ohne deren Besitzer vorher um Erlaubnis zu fragen – aber was bedeutete schließlich Pferdediebstahl für einen, der wegen Mordes verurteilt war und der um die Handgelenke die stählernen Armbänder trug, die zwar federleicht sind, doch unzerreißbar?

Offenbar hatte aber auch das Aufgebot, das ihn verfolgte, die Pferde kürzlich gewechselt, denn seitdem er über die freie Ebene jenseits des Passes dahinjagte, vernahm er das Dröhnen der Hufe und das schrille Geblaffe der Meute immer näher und näher hinter sich.

Dabei quälte rasender Durst Larry Burns, der seit mehr als zwölf Stunden keinen Tropfen über die rissigen Lippen bekommen hatte, die nach alkalischem Wüstenstaub und salzigem Schweiß schmeckten, wenn er sie mit der Zunge anzufeuchten versuchte. Das Schlucken wurde ihm schwer, sein Schädel brannte, jedes Glied des ausgedörrten Körpers schmerzte ihn unerträglich – aber er war entschlossen, sich nicht zu ergeben, um keinen Preis in die Armsünderzelle zurückzukehren, aus der er kam, sondern lieber kämpfend zu sterben.

Nur den Aufenthalt in diesem entsetzlichen Raum nämlich fürchtete er, nicht den Tod selbst, nicht die scheußlich einfache Prozedur des Gehenktwerdens, ja nicht einmal den grausigen Moment, da ihm das Seil um den Hals gelegt und er gefragt werden würde, ob er noch irgend etwas zu sagen habe, und für den er sich während der Haft das Folgende als seine letzten Worte zurechtgelegt hatte:

»Ich habe immer mein eigenes Leben gelebt«, wollte er unter dem Galgen erklären, »und mich auf meine Weise stets wohl dabei gefühlt. Den Mord an Carson, das wiederhole ich, habe ich nicht begangen, obwohl das ja jetzt gleichgültig ist, da ihr mich deswegen verurteilt habt und es auf eins herauskommt, ob ich schuldig oder unschuldig sterbe. Alles, was ich je im Leben angestellt habe, habe ich allein getan, ich habe nie Mitschuldige oder Freunde gehabt, bis auf einen einzigen, aber der interessiert euch nicht, denn der ist längst umgekippt und ein solider Bürger geworden, der Dummkopf. Was die Welt mir bieten konnte, hab' ich genossen, also knüpft mich in drei Teufels Namen auf, und der Satan mag euch dafür holen!«

Diese Rede wollte er ihnen halten, jedes Wort, jede Silbe hatte er genau bedacht, bis er nichts mehr daran zu ändern gefunden. Alles darin entsprach der Wahrheit, denn er hatte tatsächlich das Verbrechen, das man ihm zur Last legte, nicht auf dem Gewissen – auch stimmte es, daß er immer allein gearbeitet und nie einen Freund gehabt hatte, bis auf einen einzigen.

Ach ja, wenn dieser eine ihm zur Seite gestanden hätte, dann wäre es wohl nie soweit mit ihm gekommen, und wenn der ihm helfen wollte, könnte er selbst jetzt noch seinen Verfolgern entgehen. An diese Hoffnung klammerte er sich wie der Ertrinkende an einen Strohhalm, und das Haus dieses ehemaligen Freundes war auch das Ziel, dem er mit Aufbietung seiner letzten Kräfte zustrebte.

Aber wie würde jener ihn aufnehmen?

Schwer fiel es Larry Burns aufs Herz, daß er nicht immer ehrlich gegen diesen selbstlosen Freund gewesen war, sondern ihn manches liebe Mal sogar betrogen hatte. Doch im Laufe der Jahre verblassen ja meist die schlimmen Eindrücke, und nur die Erinnerung an das Gute, das man zusammen erlebt, bleibt lebendig – gebe Gott, daß sich diese Erfahrung auch in seinem Falle bewahrheiten möge!

Burns versuchte, es sich etwas bequemer im Sattel zu machen, indem er sich, soweit es ging, nach vorn beugte, denn die Schmerzen in seinen Beinen, namentlich auf der Innenseite der Oberschenkel, spotteten jeder Beschreibung, die Nackenmuskeln waren verkrampft, als hätte er dauernd Keulenschläge ins Genick erhalten, die Schädeldecke drohte ihm zu zerspringen.

Leider zeigte es sich sehr bald, daß der veränderte Sitz ihm keinerlei Erleichterung, sondern nur eine Abwechslung in seine Schmerzen brachte.

Er bereute es jetzt schwer, daß er während der langen Tage seiner Haft stumpfsinnig im Winkel seiner Zelle gehockt und vor sich hin gebrütet hatte, statt sich, so gut oder so schlecht es ging, durch Freiübungen Bewegung zu machen und seinen Körper geschmeidig zu erhalten. Wäre er am Anfang seiner Flucht zwanzig Pfund leichter gewesen – soviel hatte er bestimmt im Gefängnis Fett angesetzt, wenn er es auch inzwischen wohl längst wieder einbüßte –, dann wäre es dem Aufgebot sicher nicht gelungen, ihm so dicht auf die Fersen zu rücken!

Er wagte es gar nicht, sich umzusehen, sondern starrte verzweifelt geradeaus, denn das Bellen der Meute verriet ihm, daß seine Verfolger den Paß jetzt auch bereits hinter sich haben mußten. Er bohrte seinem Pferd die Sporen in die Weichen, doch das ermattete Tier beschleunigte kaum noch seine Gangart, das große Gewicht seines Reiters hatte seine Kräfte verzehrt. Wie verfluchte Burns jetzt seine Größe und die hohe Gestalt, auf die er früher immer so stolz gewesen, weil sie ihn über den Durchschnitt der Menge erhob!

Angestrengt lauschend versuchte er zu berechnen, wie weit die Verfolger noch hinter ihm wären und wie lange es noch dauern könne, bis sie ihn einholen würden. Eine gute halbe Stunde mochte wohl bis dahin noch vergehen, denn schließlich waren ihre Gäule ja auch alles andere als frisch – nicht umsonst hatte er in den zwei Tagen, die die Jagd dauerte, bereits das dritte Pferd zuschanden geritten.

War schon eine großartige reiterliche Leistung, die er da vollbracht hatte – spaltenlang würden die Zeitungen darüber berichten, natürlich ohne ein Wort der Anerkennung für ihn, sondern nur voller Lob und Bewunderung für den Herrn Kommissar.

Beim Gedanken an den Distriktskommissar packte den Flüchtling nicht nur kalte Furcht, sondern auch ein namenloser, grimmiger Haß. Wahrhaftig, er wollte gern sterben, wenn er diesen bleichen, kaltblütigen Menschenjäger um den Ruhm prellen könnte, ihn zur Strecke gebracht zu haben!

Der Weg wandte sich jetzt um eine Hügelkette herum, und da sah er sein Ziel vor sich: ein kleines, anspruchsloses, weiß angestrichenes Haus mit rotem Dach leuchtete ihm aus einer Gruppe hoher Silberpappeln entgegen.

Der Stall, der sich dahinter erhob, hatte noch nicht gestanden, als er das letztemal hier gewesen war, auch die Pferdekoppel war bedeutend vergrößert worden – kein Zweifel, der Besitzer dieses Gütchens war vorwärtsgekommen, hatte also Geld und Wohlstand auch auf andere Weise erworben als mit dem Revolver in der Hand – indem man ehrlich, in harter Tagesfron den Boden bearbeitete.

»Wahrhaftig, er hat recht gehabt«, sagte Larry Burns halblaut vor sich hin, »wir alle, die wir ihn ausgelacht haben, waren die Dummköpfe – er allein hat den richtigen Weg gewählt!«

Er war zu matt, um diesen Gedanken klarer durchzudenken, das Gehirn schmerzte ihn genau wie der ganze Körper, aber halb unbewußt stieg er immer wieder in ihm auf, begleitet von dem sehnsüchtigen Wunsch, vieles, was er im Leben getan, ungeschehen machen zu können.

Das todmüde Pferd schien in dem weißen Häuschen das Ziel des qualvollen Rittes zu wittern, denn es hob ein wenig den Kopf und beschleunigte seinen stolpernden Galopp.

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