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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Siebzehntes Kapitel

Jackson war noch nicht weit in der Mulde vorwärtsgekommen, als er hinter sich fernes Gewehrfeuer hörte, dem bald einzelne Schüsse vom anderen Ende des Tales her antworteten, offenbar verabredete Signale, die besagten, daß die Schützen auf beiden Seiten der Falle ihre Posten bezogen hatten. Als er aufblickte, sah er oben auf beiden Seiten des Tales die Silhouetten von Reitern sich scharf gegen den gestirnten Himmel abheben, die natürlich auch zu der kleinen Armee gehörten, die Tex Arnold hier zusammengezogen hatte, um ihn zu fangen.

Diese Vorsichtsmaßregel war bezeichnend für den Distriktskommissar, der immer gründlich und bedacht vorging, einem Truppenführer gleich, der, soweit menschliche Voraussicht es vermag, alle Momente auszuschalten versucht, die ein Mißlingen seines Planes zur Folge haben könnten.

Jackson schnallte sich seinen Gürtel etwas fester und lächelte vor sich hin, sein Herz klopfte, aber nicht vor Furcht, im Gegenteil, er fühlte sich in der Gefahr, die ihn von allen Seiten umgab, so recht in seinem Element – mit keinem Menschen auf der Welt hätte er im Augenblick tauschen mögen!

Als er vorsichtig weiterging, sah er überall Lichtschein durch die Baumstämme zittern und begriff sofort Tex Arnolds Absicht. Die Wachtfeuer rings waren angezündet worden, weil der Kommissar das Leben seiner Leute nicht unnütz aufs Spiel setzen wollte – solange es dunkel war, würde er nicht wagen, sie ins Tal hineinzuschicken, erst wenn es vollkommen Tag geworden, würden sie systematisch und schrittweise vorgehen.

Merkwürdig, dachte Jackson bei sich, Männer kann ich verstehen, aber Frauen gegenüber versagt mein Verständnis!

Da hatte er sich nun eingebildet, Mary zu kennen, bis in ihr Innerstes zu schauen wie durch das kristallklare Wasser eines Gebirgsbaches – und wie gründlich hatte er sich geirrt! Durch einen einfachen Willensakt hatte sie ihn aus ihrem Leben gestrichen, hatte eine Wand zwischen ihnen errichtet, die er nicht niederreißen und auch nicht übersteigen konnte, nicht einen Moment lang war sie schwankend oder schwach geworden, er allein war es gewesen, der bei ihrer Auseinandersetzung gezittert hatte!

Er suchte diese trüben Gedanken abzuschütteln, denn schließlich hatte er ja jetzt auch anderes zu bedenken. Außerdem mochte sie vielleicht sogar recht haben, wenn sie sagte, daß ihm ein Leben voller Aufregung und Abenteuer angemessener war als arbeitsame Beschaulichkeit an der Seite einer Frau. Nun, er würde ja sehen – an Aufregungen würde es jedenfalls heute nacht nicht fehlen.

Er schlich sich weiter, bis er eine unregelmäßig geformte Lichtung erreichte, die von einer Reihe flackernder Feuer rings umstellt war. Überall sah er Leute, die einen Armvoll Reisig herbeischleppten und neben den Wachtfeuern aufhäuften, er hörte auch die dumpfen Schläge von Äxten, die für solideres Brennmaterial sorgten – das Ganze wirkte wie die Vorhut einer wirklichen Armee.

Jackson sah sich um und fand bald, was er suchte, vertrocknetes Gestrüpp, dessen abgestorbene Wurzeln sich unschwer aus dem Boden zerren ließen. Er nahm davon eine solche Menge, daß es sein Gesicht verdeckte, solange er es in den Armen vor sich her tragen würde, und trat so auf die Lichtung hinaus, vermied es aber, auf das nächstgelegene Feuer zuzugehen, schritt vielmehr auf ein entfernteres zu, um Zeit zur Beobachtung zu gewinnen.

Durch die Lücken in seiner Last hindurch konnte er sehr gut sehen, ohne erkannt zu werden. Alle Leute, die Holz und Reisig sammelten, waren bis an die Zähne bewaffnet, und außerdem stand hinter den Feuern eine Postenkette, die mit Schrotflinten ausgerüstet war. Diese Entdeckung verursachte selbst Jackson einiges beklommene Herzklopfen, denn wenn ein besonders gewandter Mensch durch Aufmerksamkeit und Geschick auch gelegentlich einem Gewehr- oder Revolverschuß auszuweichen vermag, gegen die breite Streuung einer Schrotladung, mit der sogar der blutigste Dilettant eine im Zickzack fliegende Schnepfe aus der Luft herunterholen kann, ist er natürlich vollkommen wehrlos.

Jackson schleppte das dürre Gestrüpp bis zu dem Feuer, ging um dieses herum, warf es auf den aufgestapelten Haufen, bückte sich rasch, schwärzte an dem verkohlten Gras seine Hände und fuhr sich damit übers Gesicht, was nicht auffallen konnte, denn die meisten anderen Gesichter waren auch rußgeschwärzt, da ein offenes Feuer zu bedienen so ziemlich die schmutzigste Beschäftigung ist, die es gibt.

»Wirf noch etwas Reisig auf! He du, hörst du denn nicht? Du sollst das Feuer anschüren?« rief da eine arrogant-näselnde Stimme hinter ihm.

Jackson wandte sich um und sah an dem ausgestreckten Arm des Sprechers, daß er gemeint sei, nahm das, was er eben angebracht hatte, wieder auf und trug es zum Feuer hinüber.

»Nicht alles!« kreischte der andere auf. »Hat man schon so einen Idioten gesehen? Willst du denn durchaus den ganzen Wald anstecken?«

Gehorsam ließ Jackson den unteren Teil der riesigen Last fallen und warf nur die Hälfte hoch von oben herab in die Flammen. Da das Gestrüpp außerordentlich trocken war, fing es schon in der Luft Feuer, die Hitze trieb prasselnd die brennenden Holzstücke empor in den nächtlichen Himmel, ein wahrer Funkenregen ergoß sich, einem Feuerwerk gleich, über die Baumkronen.

»Wer hat das da gemacht?« schrie aus einiger Entfernung eine herrische Stimme. »Welcher Esel hat dieses dürre Zeug angezündet?«

»Ich kenne den Schafskopf nicht«, erwiderte der, der Jackson vorher den Befehl, die Flamme anzuschüren, gegeben hatte.

»Bring den Kerl mal her!« rief der andere. »So einen Idioten können wir hier nicht brauchen, da es sich darum handelt, Jackson zu fangen – wenn auch nur eine einzige Masche in unserem Netz nichts taugt, geht er uns bestimmt durch die Lappen.«

»Ich bring' ihn schon, es scheint ein halbwüchsiger, etwas beschränkter Bursche zu sein«, schrie der erste zurück, packte mit kräftigem Griff das zarte Handgelenk des Übeltäters und riß ihn mit sich vorwärts.

Jackson, der natürlich in dem zweiten Rufer sofort Tex Arnold erkannt hatte, zog den Hut tief in das Gesicht. Der Cowboy aber, der, mit einer Schrotflinte im Arm, den Kommissar auf seinem Inspektionsgang begleitet hatte und jetzt neben ihm stand, war für ihn im Augenblick entschieden gefährlicher als der Gefürchtete selbst.

»Wer bist du? Wer hat dich verpflichtet?« fuhr Arnold ihn an.

»Wendell«, antwortete Jackson auf gut Glück.

Der Kommissar stutzte – hatte er die Stimme erkannt.

»So? Und wie heißt du?« fragte er weiter.

Jackson hielt es für besser, einen Hustenanfall zu markieren, in dem seine Antwort unterging.

»Das hab' ich nicht verstanden«, donnerte Arnold. » Wie heißt du?«

Völlig verschüchtert brach der Missetäter jetzt in schluchzendes Weinen aus, er wischte sich die Tränen aus den Augen – wenigstens sah es so aus.

»Er scheint tatsächlich ein bißchen schwachsinnig zu sein«, meinte der erste. »War natürlich ein Fehler von Wendell, so einen Idioten anzunehmen.«

Da der Kommissar nichts erwiderte, fuhr er fort:

»Ich werd' ihn an den Ohren nehmen und zum Teufel jagen, ehe er weiter Unfug stiften kann. Vorwärts, Bengel, nimm deinen Gaul und troll dich!«

»Ja, Herr«, schluchzte Jackson demütig und ging langsam auf die Pferdegruppe zu, die er hinter dem Feuer im Schatten der Bäume gesehen hatte – noch drei Schritte, und er war in Sicherheit.

»Halt!« rief da plötzlich Tex Arnold hinter ihm her. »Stehenbleiben!«

Jacksons Muskeln spannten sich zum Sprung, doch rechtzeitig fiel ihm die Schrotflinte ein, die der Begleiter des Kommissars die ganze Zeit über schußfertig in der Hand gehalten hatte, und so wandte er sich um.

»Da stimmt irgend etwas nicht«, sagte Arnold, »komm noch mal zurück! Wie heißt du?«

»Was?« fragte Jackson verständnislos, ohne jedoch näher zu treten.

»Deinen Namen sollst du nennen!« rief Arnold außer sich.

»Jackson heiß' ich, du Idiot!« schrie Jackson zurück.

Im selben Augenblick blitzte der Revolver in seiner Hand auf, die Kugel traf den Oberarm des Begleiters, dessen Schrotladung einen Meter von Jacksons Kopf entfernt prasselnd ins Gebüsch schlug.

Arnold hatte natürlich inzwischen auch bereits den Colt aus dem Halfter gerissen, seine schwere Fünfundvierziger-Kugel mußte dem Fliehenden unbedingt den Rücken durchbohren, doch Jackson sprang zur Seite, so daß auch sie, ohne ihn zu treffen, an ihm vorübersauste.

Mit langen Sätzen jagte er auf die Pferdegruppe zu. Der Wächter, den der umsichtige Kommissar bei den Tieren zurückgelassen hatte, war, als er die Schüsse fallen hörte, auf das Feuer zugeeilt, an ihm konnte Jackson unbemerkt vorüberschlüpfen, so daß er zwanzig kostbare Schritte Vorsprung gewann, ehe die Verfolgung begann.

Sehr viel kam jetzt darauf an, daß er das richtige Pferd erwischte. Ein großes, graues Tier an dem einen Ende der langen Reihe, auf dessen glattem Fell ab und zu der Widerschein des aufflammenden Feuers silbrig spielte, schien ihm das geeignete zu sein – schon hatte er das haltende Seil zerschnitten, schon saß er im Sattel, und als er davonjagte, hörte er eine wütende Stimme schreien:

»Ausgerechnet Tex Arnolds Renner hat der Satanskerl genommen!«

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