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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 16
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Fünfzehntes Kapitel

Die schwierige Aufgabe, die der Distriktskommissar seinem Adjutanten Wendell zugewiesen hatte, bestand darin, die höher gelegenen Gebirgsteile bis hinauf an die Schneegrenze zu durchforschen, in denen es gebahnte Pfade so gut wie gar nicht gab. Bei dieser Wahl hatte Arnold besonders Wendells Gewissenhaftigkeit und Ausdauer geleitet, und tatsächlich kämmte dieser seit zweimal vierundzwanzig Stunden das ihm zugeteilte Gebiet so peinlich und genau aus, als ob er nicht nach einer Frau, sondern nach einem kleinen, aber kostbaren Edelstein suche.

Am zweiten Tag herrschte rauhes, unwirtliches Wetter, ein schneidender, eisiger Wind fegte von den schneegekrönten Höhen herab, durchkältete Wendell bis ins Mark der Knochen, ließ seine Wangen blau und seine Nase rot anlaufen, aber obwohl ihm die Augen tränten und es ihm schwer wurde, sie offenzuhalten, dachte der pflichtgetreue Mann nicht daran, umzukehren oder auch nur sein Tagespensum abzukürzen.

Sein Weg führte ihn bereits jenseits der Baumgrenze, tief unter ihm lagen die dunklen Föhrenwälder, wie Decken über die Knie der Berge gebreitet, hier oben aber gab es nur noch wenige, einzelnstehende Krüppelkiefern, durch die Kälte im Wuchs verkümmert und vom ewig wehenden Wind zu Boden gedrückt.

Sein Pferd, mühsam gegen den Sturm ankämpfend, erklomm Schritt für Schritt einen kahlen Hügel, auf dessen Spitze es aber von selbst stehenblieb, da es gegen das Rasen einfach nicht weiter konnte. Wendell sah sich gezwungen, seitlich abzubiegen und in einer Talmulde, die mit Gestrüpp und einigen leidlich geradegewachsenen Bäumen bestanden war, Schutz zu suchen.

Hier konnten Mann und Pferd doch wenigstens atmen, denn die Talwände hielten den Sturm ab, so daß die Sonne, die strahlend hereinflutete, die erstarrten Glieder angenehm zu durchwärmen begann. Wendell zog die Handschuhe aus und rieb sich die steif gewordenen Finger, sein Pferd hörte auf zu zittern.

Nach einer kurzen Erholungspause ritt er weiter. Um die Annehmlichkeit, gegen den eisigen Sturm geschützt zu sein, länger genießen zu können, folgte er zunächst einmal den Windungen des Tales, denn im Grunde war es ja gleichgültig, in welcher Reihenfolge er seine Nachforschungen anstellte, von denen er sich sowieso herzlich wenig Erfolg versprach.

Die Gegend hier war gar nicht einmal so übel, recht geeignet sogar für einen Jäger, denn es gab Holz und Wasser in genügender Menge, wenn das Bächlein, das sich durch die Mulde schlängelte, auch nicht sonderlich tief war. Für ein Pferd war ebenfalls ausreichende Nahrung vorhanden, denn an den breiteren Stellen des Bachufers wuchs saftiges Gras, nach dem Wendells Tier im Gehen mit ausgestrecktem Hals gierig schnappte und das ihm ausgezeichnet zu schmecken schien.

Daß hier schon Menschen gehaust hatten, bewies ein verfallener Stolleneingang, den offenbar Goldsucher in das Gestein der Talwand getrieben hatten. Richtig, da war ja auch eine kleine Blockhütte, die allerdings sehr roh zusammengezimmert und augenscheinlich seit Jahren unbewohnt war. Beim Näherkommen fiel es Wendell jedoch auf, daß die Zweige, mit denen man die schadhaften Stellen des Daches ausgebessert hatte, ganz frisch waren, also erst kürzlich geschnitten und dort angebracht sein mußten.

Wenn er es auch nicht für sehr wahrscheinlich hielt, vielleicht hatten die Leute, die in dieser Einsamkeit lebten, das Mädel, das er suchte, zufällig gesehen und konnten ihm Auskunft geben – er ritt also an die Tür heran und klopfte, doch nur das Echo, das die Talwände zurückwarfen, antwortete ihm.

Er stieg ab und klinkte, und da die Tür unverschlossen war, trat er ein.

Zweifellos war die Hütte bewohnt, denn die nackte Erde, die den Fußboden bildete, war sauber gefegt worden, und zwar erst heute, denn man erkannte noch deutlich die Spuren des Föhrenzweiges, der als Besen gedient hatte. In einer Ecke befand sich ein indianisches Bett, aus geschmeidigen Weidenzweigen geflochten, die Decken am Kopfende waren sorgfältig zusammengelegt.

Wendell beugte sich nieder, um das Flechtwerk näher zu betrachten, und sah sofort, daß es keine indianische Arbeit sein könne, die stets mit peinlicher Sorgfalt ausgeführt ist, sondern von einer allerdings sehr geschickten Hand nachgeahmt sei.

Schien überhaupt ein recht kunstfertiger Mensch zu sein, der Einsiedler, der sich in diese weitabgeschiedene Stille zurückgezogen hatte, denn auf dem Tisch, der aus einem Brett bestand, das auf eingerammten Pfählen festgenagelt war, lagen Nähzeug und allerlei bunte Lappen – sollte der Bewohner dieser Hütte doch ein indianischer Kunsthandwerker sein?

Ein Blick in das verschnürte Packleinwandbündel da in der Ecke hätte ihm sicher sofort Klarheit hierüber gegeben, aber eine gewisse Scheu, unberechtigt in fremde Geheimnisse einzudringen, hielt ihn davon ab. Er errötete sogar ein bißchen darüber, daß er mit diesem Gedanken gespielt hatte, und verließ schleunigst, wie beschämt, die Hütte.

Während er draußen, sich behaglich in der Sonne wärmend, eine Zigarette drehte und anzündete, hörte er plötzlich das Klappern beschlagener Hufe das Tal heraufkommen und zog sich hastig mit seinem Pferd in den Schutz eines nahen, dichten Gestrüppes zurück.

Vielleicht war dies eine übertriebene Vorsicht, aber man konnte ja nie wissen, ob einer, der sich so weit ab von aller Gesellschaft angesiedelt hatte, ein ehrlicher Goldgräber, ein menschenscheuer Sonderling oder ein gefährlicher Verbrecher war, der Grund hatte, jeder Begegnung aus dem Weg zu gehen.

Wendell nahm auf alle Fälle den Revolver aus dem Halfter – ein Glück, daß seine Hände nicht mehr so steif und erstarrt waren! –, trat die Zigarette aus, deren feines Rauchwölkchen ihn hätte verraten können, und wartete gespannt.

Bald sah er den einsamen Reiter sich langsam der Hütte nähern, er glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen, das Herz schlug ihm bis in den Hals – es war eine Frau, ein junges Mädchen, ein hübsches Geschöpf – die Beschreibung, die sein Vorgesetzter Arnold ihm von dem Mädel gegeben hatte, nach dem er suchen sollte, stimmte in allen Einzelheiten!

Sie hatte einen starken Hirsch erlegt, dessen Keulen und Vorderblätter zusammengebunden hinter ihr am Sattel hingen, und die sie, nachdem sie abgestiegen war, gerade herabheben wollte, als Wendell, sein Pferd am Zügel führend, aus seinem Versteck hervor- und auf sie zutrat. Sie fuhr herum, ergriff ihr Gewehr und schlug es an, doch Wendell rief ihr lächelnd zu:

»Ich habe durchaus keine feindlichen Absichten, Fräulein!«

»Jedenfalls haben Sie mich sehr erschreckt«, erwiderte sie, musterte ihn einen Moment genau, dann aber schob sie das Gewehr wieder in den Halfter zurück und fuhr gelassen in ihrer Arbeit fort, bei der ihr Wendell galant half.

Drei von den Wildbretstücken wurden an verschiedenen Bäumen so hoch aufgehängt, daß sie von den Wölfen selbst im Sprung nicht erreicht werden konnten, und während sie das vierte abzog und zerlegte, schaffte er Brennholz herbei.

Die Feuerstätte, nur aus zusammengetragenen Steinen bestehend, befand sich im Freien, und bald brieten an langen, zugespitzten Ästen die blutigen Fleischstücke, und das Wasser im Kaffeekessel fing an, zu brodeln und zu dampfen.

Schweigend nahmen sie dann die Mahlzeit ein, zu der sie ihn eingeladen hatte und die, wenn sie auch nur aus dem Fleisch, Salz und schwarzem Kaffee bestand, besonders Wendell ausgezeichnet mundete, der seit zwei Tagen nichts als hartes Brot und kaltes Wasser genossen hatte.

Als sie fertig gegessen hatten, stand die Sonne bereits tief im Westen und vergoldete mit ihrem Schein die Baumwipfel und Felsspitzen. Das Feuer war zusammengesunken, ein leichtes Rauchwölkchen kräuselte sich senkrecht empor, um in nichts zerweht zu werden, wenn es vom Sturm oberhalb der Talwände ergriffen wurde.

Wendell bot seiner Gastgeberin eine selbstgedrehte Zigarette an, doch sie dankte, sie rauche nicht.

Um sich davon zu überzeugen, ob er tatsächlich die Gesuchte vor sich habe, fing er ein Gespräch an, ganz allgemein natürlich zunächst. Sie sei wohl sehr müde, meinte er.

Ja, allerdings, das sei sie, erwiderte sie unbefangen, denn den ganzen Tag sei sie unterwegs gewesen, ehe sie zum Schuß gekommen – aber nun habe sie ja für eine ganze Weile Vorrat, so daß sie nicht, wie in den letzten Tagen, wieder hungern müsse.

»So lange ist Ihr Mann schon unterwegs?« fragte er.

Sie sah ihn erstaunt an.

»Mein Mann? Ich lebe hier allein.«

»Nicht möglich!« erwiderte er mit gutgespielter Überraschung. »Allein hier in dieser Einsamkeit?«

»Mein Vater hat früher einmal diese Goldader da gefunden, die hat er mir gewissermaßen vermacht, ich will sie nun ausbeuten.«

»Sie ganz allein?«

»Ja – warum denn nicht?«

»Ihr Vater ist also tot – wie hieß er denn?«

»Peter Weyman«, antwortete sie, ohne sich nur einen Augenblick zu bedenken, »seine Kameraden nannten ihn immer Arizona-Peter, vielleicht haben Sie ihn gekannt?«

»Ich habe lange in Arizona gelebt und gut und gern ein Dutzend Arizona-Peters kennengelernt«, erwiderte Wendell, »wie hat er denn ausgesehen?«

»Ziemlich stark war er«, antwortete sie, »und vor allem hatte er einen langen, blonden Vollbart, der in der Mitte geteilt war und ihm beim Reiten immer über die Schultern wehte – Sie würden sich seiner bestimmt erinnern, wenn Sie ihn einmal gesehen hätten.«

»Nein, dem bin ich nicht begegnet«, erwiderte Wendell, unsicher geworden, denn was er da hörte, stimmte durchaus nicht mit dem überein, was ihm sein Vorgesetzter über Jacksons ehemalige Verlobte mitgeteilt hatte.

»Woran ist denn Ihr Vater gestorben?« fragte er weiter.

»An seiner Neugier.«

»Wieso das?«

»Er kroch in einen Stollen, um nachzusehen, warum eine Sprengladung nicht losgegangen sei, und gerade als er sich über sie beugte, explodierte sie.«

»Wie entsetzlich!«

»Ja, das war es«, meinte sie, »und viel zu beerdigen ist nicht von ihm übriggeblieben.«

Jetzt wußte er genau, daß sie log, denn so kaltblütig und herzlos hätte eine Frau nicht sprechen können, wenn sie einen wahren, nicht einen erdichteten Unglücksfall erzählt hätte. Mit einemmal hatte er es sehr eilig, er müsse aufbrechen, erklärte er.

»Nanu, warum denn so plötzlich? Sind Sie auf der Suche nach verlorenen Schafen, Herr – wie war doch Ihr Name?«

»Bender heiß' ich«, erwiderte er, rot werdend, denn er fühlte sich ein wenig beschämt, daß er sie hintergehen wollte, nachdem er ihre Gastfreundschaft genossen. »Nein, Schafe suche ich nicht, ich bin vielmehr selbst so ein verlorenes Schaf, nach dem gesucht wird.«

»Haben Sie etwa jemanden umgebracht?«

»Leider – Sie wissen ja, wie so was kommt, wenn man mehr trinkt, als man vertragen kann.«

»Dann will ich Sie allerdings nicht länger aufhalten«, erwiderte sie mit einem Lächeln, dessen feinen Spott er gar nicht bemerkte in seiner freudigen Erregung darüber, daß er es gewesen, dem die schwierige Aufgabe geglückt war, um die sich Arnold und das ganze Aufgebot vergeblich bemühten.

Nachdem er zum Schein ein kleines Stück weiter bergauf geritten war, bog er ab und jagte, so schnell sein Pferd zu laufen vermochte, talabwärts nach Neering zu. Er mußte sofort den Distriktskommissar aufsuchen und ihm seinen Erfolg melden, damit unverzüglich die Falle aufgestellt werden konnte, in der sich der berühmte Jackson fangen würde.

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