Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
projectidfbf52aee
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel

Kaum hatte sich die Tür hinter Jesse Jackson geschlossen, als wieder Leben in den Distriktskommissar kam. Mit zwei schußfertigen Revolvern in den Händen stürzte er auf den Korridor hinaus, rannte bis zur Treppe und alarmierte das ganze Gasthaus durch wildes Schießen, da er am unteren Treppenabsatz eine dunkle Gestalt bemerkt hatte.

Er hätte darauf schwören können, daß eine Kugel zum mindesten Jackson am Bein getroffen habe, und diese Überzeugung gab ihm den Mut, dem Flüchtling die Treppe hinab nachzueilen. Als seine Leute aus ihren Zimmern herausgerannt kamen, hatte Arnold bereits die Haustür erreicht und rüttelte wie wahnsinnig an deren Klinke, doch die Tür war verschlossen, und wutschnaubend hörte er draußen sich rasch entfernenden Hufschlag.

An eine weitere Verfolgung war unter diesen Umständen natürlich im Augenblick nicht zu denken. Fluchend begnügte Arnold sich damit, die Treppe und den Läufer genau nach Blutspuren zu untersuchen, doch da auch nicht das kleinste rote Fleckchen zu entdecken war, mußte er auch die Hoffnung, Jackson wenigstens durch eine Beinverletzung die Flucht erschwert zu haben, aufgeben. Er schickte also seine todmüden Leute ins Bett zurück und suchte selbst, grollend und durch die Kette von Fehlschlägen, die für ihn bis jetzt der Fall Jackson bedeutete, verbittert, sein Lager auf.

Indessen galoppierte Jackson unangefochten durch die schlafenden Straßen des Städtchens dem Gefängnisgebäude zu, dem einzigen Steinhaus von ganz Neering, das mit seinen abgerundeten Ecken an einen mittelalterlichen Wachtturm erinnerte. Es hatte auf jeder der vier Seiten nur ein einziges, nicht sehr großes Fenster, das wie das Auge mitten auf der Stirn eines Fabelungeheuers wirkte, und war sehr stark und solide durch mexikanische Maurer errichtet worden, die bekanntlich auf der ganzen Welt nicht ihresgleichen haben. Der Bau hatte eine Menge Geld gekostet, doch die Züchter und Farmer der Umgegend hatten gern die notwendige Summe aufgebracht, die sie gewissermaßen als Versicherungsprämie gegen Vieh- und andere Diebstähle betrachteten.

Tatsächlich war denn auch, seit das neue Gefängnis stand, die Kriminalität ganz erheblich gesunken, und noch nicht einem einzigen Verbrecher war es gelungen, aus dem Gebäude auszubrechen, dessen Inneres so zweckmäßig eingerichtet war, daß zwei Wärter zur Bewachung genügten, die sich nach Art der Schiffswachen alle vier Stunden ablösten. Im Augenblick beherbergte das Gefängnis alles in allem nur vier Gefangene.

Jackson stieg vor dem Eingang ab, warf seinem »geliehenen« Pferd die Zügel über den Kopf und stieg die Stufen hinauf, die zu der Pforte führten, an die er laut mit der Faust trommelte.

»Was gibt's?« erkundigte sich sofort drinnen der wachsame Wärter.

»Mach schnell auf!« rief Jackson zurück.

»Wieso? Warum?« fragte vorsichtig der Kerkermeister.

»Jackson ist hier.«

»Allmächtiger, habt ihr tatsächlich Jackson gefaßt?« schrie der Mann hinter der Tür erregt.

»Jawohl, Jackson ist hier«, erwiderte Jackson wahrheitsgemäß.

»Das ist ja ein Ehrentag für ganz Neering!« rief der Wärter begeistert, zog die schweren Riegel zurück, drehte den Schlüssel zweimal im Schloß um, lehnte sich gegen die massive, eisenbeschlagene Tür und taumelte, die Laterne in der Hand, direkt gegen die Mündung eines Colts.

Erschreckt leuchtete er Jackson ins Gesicht, und da er ihn auf den ersten Blick erkannte, tat er das einzige, was er als vernünftiger Mensch tun konnte, er trat wortlos ins Innere des Gefängnisses zurück, wohin ihm Jackson folgte.

Undeutlich, wie durch einen dichten Regenschleier, konnte dieser in den Zellen hinter den schweren Stahlgittern Menschen von ihren Pritschen aufspringen sehen, der Laternenschein haftete einen Moment auf brandrotflammendem Haar, das zweifellos Pete gehörte.

Ehe Jackson sich jedoch um diesen kümmerte, beschäftigte er sich zunächst einmal eingehend mit dem Wärter, dem er die Schlüssel und seine beiden Revolver abnahm und den er dann in die erste, leerstehende Zelle nötigte, wo er auf der Pritsche Platz nehmen sollte.

»Tut mir außerordentlich leid, daß ich Ihre Bewegungsfreiheit eine Zeitlang beeinträchtigen muß«, sagte Jackson, während er die Zelle hinter ihm abschloß.

»Aber bitte, das macht ja gar nichts«, erwiderte der Wärter höflich. »Wenn ich mich von einem x-beliebigen Gauner hätte so übertölpeln lassen, wär' die Sache natürlich lächerlich und darum peinlich für mich, aber das fällt ja weg, wenn man einem Jackson auf den Leim gekrochen ist.«

Als Jackson sich jetzt den anderen Zellen zuwandte, hörte er Pete sagen:

»Na, Jungens, was hab' ich euch gesagt? Da ist er und holt uns heraus! Guten Abend, Jesse, wie geht's denn?«

Jackson befreite zunächst ihn, und während er noch den beiden anderen die Gittertüren aufschloß, rief aus der vierten besetzten Zelle ein Mann, der ununterbrochen an den Stahlstäben rüttelte:

»He, Herr Jackson, vergessen Sie mich nicht, lassen Sie mich auch 'raus!«

Jackson trat an den Rufer, einen lang aufgeschossenen Menschen mit hängenden Schultern und gelber, ungesunder Gesichtsfarbe, heran und fragte:

»Wofür bist du denn hier eingesperrt, Bruder?«

»Ach, nur wegen einer unbedeutenden Kleinigkeit«, erwiderte der andere, »ich erzähl' es Ihnen später, etwas Ehrenrühriges ist es jedenfalls nicht – befreien können Sie mich getrost.«

Jackson sah sich den Mann genauer an und bemerkte erst jetzt, daß dieser nicht absichtlich und bewußt an der Tür rüttelte, sondern darum, weil sein ganzer Körper, vom Kopf bis zu den Füßen, genau so nervös zusammenzuckte wie seine bleichen, langfingerigen Hände, die die Gitterstäbe umkrampft hielten.

»He, Kamerad«, rief Jackson über die Schulter dem Wärter zu, »was ist mit dem Burschen hier los?«

»Er wartet auf seine Aburteilung«, erwiderte der Beamte, »man hat ihn beim Opiumschmuggel erwischt und einen großen Vorrat von dem Gift bei ihm gefunden.«

»Ach, es war ja nur ganz wenig, kaum der Rede wert«, stammelte der Gefangene. »Warum setzt man denn gerade mich fest, tausend andere haben viel mehr verkauft.«

»Ich bedaure nur, daß nicht alle diese tausend Lumpen hier eingesperrt sind«, sagte Jackson und machte auf dem Absatz kehrt. »Kommt, Jungens!«

»Herr Jackson«, schrie der Opiumschmuggler entsetzt hinter ihm her, »lassen Sie mich nicht hier zurück, ich werde ja furchtbar bestraft, weil ich rückfällig bin.«

»Um so besser«, erwiderte Jackson, »mit einem Menschen, der aus Eigennutz die Gesundheit seiner Volksgenossen untergräbt, will ich nichts zu tun haben!«

Damit wandte er sich zum Gehen.

»Herr Jackson«, sagte der Gefängniswärter, »da haben Sie wieder einmal Ihren viel gerühmten Verstand bewiesen, der Mann da ist tatsächlich ein ganz gemeiner, niedriger Patron.«

Da der Rauschgifthändler sich in seiner Hoffnung, befreit zu werden, getäuscht sah, fing er laut zu brüllen an, natürlich, um die Nachbarschaft auf den Ausbruch der Gefangenen aufmerksam zu machen und dadurch, daß er diesen hintertrieb, sich seine Richter günstiger zu stimmen.

Jetzt aber griff Bob ein, nahm Jackson einen der Revolver ab und trat damit an die Zellentür.

»Willst du wohl dein dreckiges Maul halten!« schrie er den zu Tode erschrockenen Schmuggler an. »Wenn du noch einen Laut von dir gibst, bring' ich dich um, und wenn ich dafür baumeln muß.«

Sofort verstummte das Geschrei, aber kaum hatten Jackson und die drei Landstreicher das Gefängnis verlassen, als es von neuem, und zwar verdoppelt begann, denn der Wärter rief jetzt pflichtgemäß auch mit um Hilfe.

Jackson, das Pferd am Zügel führend, bog, von seinen Leuten gefolgt, rasch in eine Nebengasse ein, denn man hörte, daß überall in der Nähe des Gefängnisses Fenster geöffnet und Türen geschlagen wurden – in wenigen Minuten mußte ganz Neering alarmiert sein.

Erst nachdem sie das Weichbild der Stadt hinter sich hatten und dichtes Gestrüpp sie vor neugierigen Blicken schützte, machten sie halt.

»War jedenfalls die netteste Sache, die ich je erlebt habe«, sagte Bob, »einfach großartig!«

Alle drei lachten über die geschickte Art, wie Jackson sie aus den muffigen Zellen befreit hatte, und wußten sich nicht genug zu tun an Begeisterung über den gelungenen Streich, den er ihrem Kerkermeister gespielt.

Jackson machte schließlich ihren Lobeshymnen dadurch ein Ende, daß er in die Tasche faßte und ihnen sagte:

»Hier sind für jeden von euch dreihundert Dollar, zweihundert davon als Lohn für geleistete Dienste, während ihr die dritten Hundert dazu verwenden sollt, euch Pferde zu kaufen. Wenn ihr die Straße hier geradeaus weitergeht, kommt ihr bald an ein einzelstehendes, kleines Haus, dessen Besitzer weckt ihr, er lebt ganz allein und wird euch drei Pferde einschließlich gebrauchten Sätteln und Zaumzeug für hundert Dollar das Stück verkaufen. Morgen früh sollt ihr dann nämlich losreiten, um einen Auftrag für mich zu erledigen – das Nähere darüber sag' ich euch noch, aber erst muß ich wissen, ob ihr drei weiter für mich arbeiten wollt, wenn nicht, behaltet das Geld und macht, daß ihr fort kommt, übelnehm' ich euch das nicht.«

Bob war es, der darauf erwiderte:

»Wenn einer von den beiden da dir untreu werden will, schlag' ich ihm den Schädel ein, wahr und wahrhaftig, das tu' ich! Aber es denkt natürlich keiner daran, ebensowenig wie ich – Jackson, uns kann niemand von dir losreißen, nicht einmal mit der Brechstange, wir gehören zu dir!«

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.