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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 14
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Dreizehntes Kapitel

Wie alle Fanatiker, die ausschließlich für eine Idee leben, besaß auch Tex Arnold einen unverwüstlichen, hoffnungsfreudigen Optimismus. Mochte der heutige Tag ihm auch einen schweren Mißerfolg gebracht und ihn statt zum berühmten Mann zum Gespött weiter Kreise gemacht haben, er ließ sich dadurch nicht entmutigen, murrte nicht gegen das Schicksal, sondern entwarf unermüdlich Pläne, um die Scharte wieder auszuwetzen.

Gleich nachdem sie ihre Mahlzeit beendet, schob er Teller und Schüsseln beiseite und breitete auf dem Tisch eine große Spezialkarte der Gegend aus, auf der jeder Weg und Steg, auch der kleinste, unwichtigste Viehpfad, verzeichnet stand. Zusammen mit Wendell teilte er das ganze in Frage kommende Gebiet in so viele Teile ein, wie ihm Leute zur Verfügung standen; das einfachste Stück mit glatten, übersichtlichen Straßen wies er dem beschränktesten zu, das schwierigste behielt er sich selber vor, und das nächstschwierige sollte Wendell bearbeiten, das heißt gründlich und sorgfältig durchforschen, eine Aufgabe, auf die dieser natürlich nicht wenig stolz war.

»Schön«, sagte er, »was aber, wenn Jackson uns zuvorgekommen ist und das betreffende Mädchen vor uns gefunden hat?«

»Ich glaube nicht, daß sie ihm in diesem Falle folgen wird«, erwiderte Arnold, »denn sie ist ihm ja in der ernsten Absicht, sich dauernd von ihm zu trennen, davongelaufen, und eine Frau kann er doch gegen ihren Willen nicht zwingen. Sagen Sie übrigens Ihren Leuten, daß jeder, der Jackson zu Gesicht bekommt, sofort rücksichtslos auf ihn schießen soll, also nicht etwa zimperlich, sondern tödlich!«

Wendell feuchtete sich mit der Zunge die plötzlich trocken gewordenen Lippen an.

»Was wird aber das Gesetz dazu sagen?« fragte er schließlich.

»Das Gesetz weiß, daß bei einem Menschen, der durch Fesseln und Handschellen nicht zu halten ist, kein anderes Mittel übrigbleibt, als eine Kugel.«

Wendell überlegte eine Weile.

»Wahrscheinlich haben Sie recht«, sagte er dann, »aber trotzdem kommt mir die Sache niederträchtig und gemein vor. Weil er für ein paar Stunden ein fremdes Pferd genommen hat, sollen wir das Recht haben, ihn totzuschießen?«

»Ja, da wir keine andere Möglichkeit haben, dem Gesetz, dem unter allen Umständen gehorcht werden muß, Achtung zu verschaffen«, erwiderte der Kommissar sehr bestimmt. »Außerdem handelt es sich nicht mehr um Jackson allein, es geht um grundsätzliche Fragen dabei, denn Tausenden von jungen Menschen wird der Kopf verdreht und mit falscher Romantik vollgepfropft, wenn sie davon hören, wie dieser eine Jackson zwanzig bewaffneten Männern entschlüpft ist, obwohl er an Händen und Füßen gefesselt war. Solche Erzählungen sind schuld daran, daß das Gesetz mißachtet wird, und darum müssen wir das, was uns heute mißglückt ist, morgen unbedingt wieder gutzumachen suchen, und das werden wir, bestimmt werden wir das, ich fühle es!«

Er hatte sich in eine wahre Begeisterung hineingeredet, die sich allmählich auch Wendell mitzuteilen schien, trotzdem aber suchte dieser einzuwenden:

»Gut, wenn wir ihn finden, genügt es doch –«

»Kein ›wenn‹, wir werden ihn finden«, unterbrach ihn der Kommissar, »und dann sind Sie ein gemachter Mann, denn kein Mensch wird Sie bei der nächsten Sheriffwahl in Ihrer Heimat schlagen, wenn Sie sagen können, daß Sie einer von denen sind, die Jackson unschädlich gemacht haben.«

Wendells Nasenflügel blähten sich, er stand auf.

»Haben Sie sonst noch Befehle für mich?« fragte er.

»Nein, das wäre alles – nun gehen Sie mal gleich zu Bett und schlafen Sie sich ordentlich aus.«

»Ich will's versuchen, wenn mich der Gedanke an Jackson schlafen läßt«, erwiderte Wendell mit leuchtenden Augen, »träumen werd' ich jedenfalls bestimmt von ihm.«

»Das werd' ich wohl auch«, meinte der Kommissar, wünschte seinem Adjutanten gute Nacht, begleitete ihn zur Tür und schloß diese hinter ihm ab, wobei er halblaut vor sich hin murmelte:

»Kann mir schon denken, daß der gute Wendell von Jackson träumen wird.«

» Sie werden das nicht nötig haben«, sagte da hinter ihm eine Stimme.

Erschrocken fuhr er herum: auf dem Stuhl zwischen den beiden Fenstern saß, sich gemächlich eine Zigarette drehend – Jackson, wahr und wahrhaftig, Jackson in höchsteigener Person!

Wo war er während der Unterredung mit Wendell gewesen? Wieviel hatte er von ihr belauscht? Hatte er die Pläne, die Arnold entwickelt, in allen Einzelheiten mit angehört, oder war er jetzt eben erst hier eingedrungen – durchs Fenster natürlich, denn eine andere Möglichkeit bestand ja nicht?

Blitzschnell wirbelten alle diese Fragen dem Kommissar durch den Kopf.

Obwohl beide Hände des Eindringlings durch das Rollen der Zigarette beschäftigt waren, Arnold dagegen beide frei hatte, dachte dieser doch nicht daran, den Revolver zu ziehen, da er genau wußte, daß ihm Jackson bei der geringsten verdächtigen Bewegung zuvorkommen würde. Er war zwar ein sehr guter Schütze, der einen großen Teil seiner freien Zeit Ziel- und Schießübungen opferte, und feige war er gewiß nicht, wie er schon zu hunderten Malen gezeigt – aber sollte er nutzlos sein Leben opfern?

So ließ er denn die Arme ruhig locker am Körper herabhängen und sagte nur:

»Jackson, Sie sind doch der tollkühnste Mensch, der mir je vorgekommen ist! Ich brauchte nur mit dem Fuß aufzustampfen, um das Zimmer mit Bewaffneten anzufüllen –«

»Arnold, Sie sind doch der klügste Mensch, der mir je vorgekommen ist«, unterbrach ihn Jackson lächelnd, »und darum werden Sie nicht stampfen! Hab' ich recht?«

»Sie haben recht«, antwortete der Kommissar, wenn ihm auch Jacksons Lächeln stark auf die Nerven ging, »Sie sind nun einmal mit der Waffe schneller und geschickter als ich, und sich für nichts und wieder nichts totschießen zu lassen, wäre sinn- und zwecklos.«

»Ich wußte ja, daß Sie vernünftig sein würden«, erwiderte Jackson, »Erfolge, wie Sie sie aufzuweisen haben, erringt man nur durch ein überlegenes Gehirn.«

Er nickte, und da seine Anerkennung für Arnolds Verdienste durchaus ehrlich klang, entgegnete dieser nur:

»Besten Dank für das Kompliment.«

Dann wartete er ab, was der andere ihm zu sagen habe.

»Sie möchten natürlich gern wissen, warum ich Sie auf diesem ungewöhnlichen Wege durchs Fenster besucht habe?« fing Jackson an.

»Mir eilt es nicht, das zu erfahren.«

»Warum soll ich Sie aber lange warten lassen?« meinte Jackson. »Es ist Schlafenszeit, und da Sie morgen einen schweren Tag vor sich haben, denn ich nehme an, daß Sie nicht so ohne weiteres darauf verzichten werden, mich zu verfolgen –«

Seine Augen blitzten spöttisch bei diesen Worten, der Kommissar aber seufzte ein wenig erleichtert auf, denn sie bewiesen ihm, daß Jackson den Anfang seiner Unterredung mit Wendell nicht mit angehört hatte, da er sonst gewußt hätte, daß es seine Absicht war, zunächst nicht ihn, sondern seine ehemalige Braut festzunehmen.

Jackson hatte inzwischen seine Zigarette fertiggedreht, holte ein Streichholz aus der Tasche und zündete sie sich an – alles mit der linken Hand, während die rechte lose auf dem Oberschenkel lag. Arnold wußte natürlich, was das bedeutete, und hütete sich darum, irgendeine Bewegung zu machen, die sein Gegenüber falsch hätte auffassen können, sondern fragte nur, möglichst gleichgültig tuend:

»Also bitte, was haben Sie mir mitzuteilen?«

»Nichts, was Sie nicht schon wüßten«, antwortete Jackson seelenruhig, »daß Sie nämlich Ihre Wette verloren haben.«

»Welche Wette?«

»Sie haben mir tausend gegen fünfhundert Dollar gelegt, daß Sie mich ins Gefängnis abliefern würden«, erwiderte Jackson, »was ein durchaus angemessenes Verhältnis ist, da ich gefesselt und von bewaffneten Leuten umringt war, aber wenn mich nicht alles täuscht, haben Sie diese Wette verloren.«

Der Kommissar räusperte sich, denn in Geldsachen hörte auch bei ihm die Gemütlichkeit auf. Zwar bezog er ein recht anständiges Gehalt und bekam auch im Laufe des Jahres sehr häufig Extrabelohnungen für seine Leistungen, aber tausend Dollar waren doch schließlich kein Pappenstiel.

»Ich werde Sie schon noch ins Gefängnis bringen, eher, als Ihnen lieb ist«, fing er an, »und was diese Wette angeht, so –«

Er brach ab, denn wenn er auch der blitzschnellen Bewegung von Jacksons Hand mit den Augen nicht hatte folgen können, so sah er doch jetzt die Mündung von dessen Revolver direkt auf sein Herz gerichtet.

»Es tut mir leid, lieber Arnold«, sagte Jackson liebenswürdig, »daß ich meiner berechtigten Forderung mit einem so unsachlichen Argument Nachdruck verleihen muß, aber daran sind Sie selbst schuld.«

Tex Arnold war wirklich ein kluger Mensch, denn nach einem flüchtigen Blick in Jesse Jacksons entschlossenes Gesicht nickte er und sagte:

»Ihr Argument wirkt durchaus überzeugend – um meine Brieftasche herauszuholen, muß ich aber in meine Tasche greifen.«

»Das macht ja nichts«, erwiderte Jackson freundlich, »nur wird es sich für Sie empfehlen, diese notwendige Bewegung sehr bedächtig und sehr langsam auszuführen, denn bei einer schnellen, plötzlichen könnte ich vielleicht nervös werden und mit dem Finger, der hier am Revolverabzug liegt, zucken. Lassen Sie sich also Zeit, alter Herr, ich hab' es durchaus nicht eilig!«

Der Kommissar kam diesem wohlgemeinten Rat getreulich nach, seine Bewegungen waren so langsam, daß sie fast etwas Automatenhaftes hatten. Vorsichtig holte er seine Brieftasche heraus, legte sie behutsam auf den Tisch, öffnete sie und entnahm ihr ein dickes Paket Banknoten, die zum Teil sein eigenes, zum Teil Staatsgeld waren.

Nachdem er aus diesem Paket zehn Hundertdollarnoten abgezählt hatte, blieb ungefähr noch das Vierfache dieses Betrages übrig. Neugierig blickte er Jackson an, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte und nach der abgezählten Summe griff, wobei er lächelnd sagte:

»Nein, nein, mein lieber Herr Distriktskommissar, was Sie sich denken, ist nicht – es handelt sich um die Bezahlung einer einwandfrei gewonnenen Wette, nicht um Erpressung oder Raub.«

Er schob die Scheine achtlos in die äußere Rocktasche, machte dann mit der Hand, die den Revolver hielt, eine rasche Bewegung, und dieser war verschwunden, ohne daß Arnold, der ihn genau beobachtet hatte, hätte sagen können, wo er geblieben war.

Langsam ging Jackson zur Tür.

»Na, denn also gute Nacht, Arnold!« sagte er.

»Auf baldiges Wiedersehen!« erwiderte der Kommissar.

Sie lächelten sich noch einmal zu, dann schloß Jackson auf und glitt lautlos hinaus.

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