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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Zwölftes Kapitel

Bis in die sinkende Nacht hatte das Aufgebot die ganze Umgegend nach dem Entflohenen abgesucht, aber es war kein Plan und kein System in der Verfolgung gewesen, da Arnold sich nicht an ihr hatte beteiligen können. Eine Quetschung am Bein und eine Sehnenzerrung an der Hüfte, die er bei Jacksons kühner Flucht aus dem Speisesaal des Gasthofes davongetragen, hatten es ihm nämlich unmöglich gemacht, selbst mit in den Sattel zu steigen.

Müde und vor allem niedergeschlagen kehrten die Leute nach Neering zurück – eine Gelegenheit, sich Ansehen und Ruhm zu erwerben, hatten sie schmählich verpaßt. Es wäre doch gar zu schön gewesen, wenn sie später einmal am Lagerfeuer oder auf dem Tanzboden hätten sagen können: »Jackson? Natürlich kenn' ich den, ich habe ja selbst zu dem Aufgebot gehört, das ihn gefaßt und ins Gefängnis eingeliefert hat!«

Dieser lockende Traum war nun fürs erste ausgeträumt, da sie mit leeren Händen vor den Distriktskommissar treten mußten, der ihnen am Abend, als sie in demselben Speisesaal zusammensaßen und auf das Essen warteten, folgende kleine Rede hielt:

»Ja, ja, Jungens, daran ist nun nichts zu ändern, er hat mich glatt geschlagen und lächerlich gemacht, wie er's mir versprochen hatte, aber wir werden die Sache eben von neuem anfangen, denn ich glaube, allzu weit wird er nicht fortgegangen sein, und habe triftige Gründe, dies anzunehmen. Wenn ihr also weiter mitmachen wollt, dann lege ich euch pro Tag und Kopf zwei Dollar zu – ihr braucht euch jetzt noch nicht gleich zu entscheiden, überlegt's euch in aller Ruhe und sagt mir morgen früh, was ihr beschlossen habt. Sie; Wendell, kommen jetzt mit mir in mein Zimmer hinauf, ich habe mit Ihnen etwas zu besprechen – wir lassen uns unser Abendbrot nach oben bringen.«

Wendell, die rechte Hand und gewissermaßen der Adjutant des Kommissars, war ein echter Cowboy mit einem braunen, an gegerbtes Leder erinnernden Gesicht, ruhig, zäh, anspruchslos und ein hervorragender Kämpfer, der keinerlei Furcht kannte. Ein einziges Mal in seinem ganzen Leben hatte er seine überlegene Besonnenheit verloren, und das war heute gewesen, als seine Kugel versehentlich um ein Haar den gänzlich unbeteiligten Landstreicher Pete getroffen hätte, worüber er sich so schämte, daß ein abgezirkelter roter Fleck jetzt noch auf seine Wangen trat, wenn er daran dachte.

Im Zimmer des Kommissars angelangt, fing dieser an, auf und ab zu gehen, während Wendell steif neben der Türe stehenblieb.

»Setzen Sie sich doch!« forderte ihn Arnold auf.

»Ich hab' heute gerade genug gesessen«, antwortete Wendell bitter.

»Sie müssen sich die Sache nicht so nahe gehen lassen, Wendell! Für mich ist sie doch noch bedeutend peinlicher, aber ich sage mir, es ist ja nicht das erstemal gewesen, daß dieser Satanskerl Jackson sich aus einer Situation herausgewunden hat, die für jeden anderen Menschen hoffnungslos wäre.«

»Ja, schon, aber ich stand doch direkt hinter ihm, ein Kind hätte ihn unschädlich machen können, und ich –«

Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut und Beschämung.

»Na, lassen Sie's gut sein«, tröstete ihn der Kommissar, der sich trotz der Strenge, mit der er seinen Beruf auffaßte, ein mitfühlendes Herz bewahrt hatte, »so was kann auch dem Besten mal passieren! Setzen Sie sich, unser Essen muß jeden Moment kommen – na also, da ist es ja schon.«

Es war Molly, die es hereinbrachte, den Blick verschämt gesenkt, vielleicht auch nur, weil das vollbeladene, riesige Tablett, das sie trug, sehr schwer war. Sie baute Teller, Schüsseln, Fleischplatten und Bestecke sorgfältig auf dem Tisch auf, der mitten im Zimmer stand, schob die Lampe zurecht und ging, ohne auch nur einmal aufzusehen, zur Tür zurück, wo sie jedoch, ihre rote, verarbeitete Hand bereits auf der Klinke, einen Augenblick stehenblieb.

»Herr Arnold«, fragte sie schüchtern, »ist es denn wahr, daß er heil durchgekommen ist?«

Der Kommissar wußte natürlich sofort, wen sie meinte, und antwortete kurz:

»Ja, er ist entflohen.«

»Unverwundet und ohne den geringsten Schaden?«

»Er ist wohl ein Freund von Ihnen, was?« erkundigte sich Arnold streng.

»Ach, ich wollte schon, er wär's!« erwiderte sie, dunkelrot werdend, und verließ rasch das Zimmer.

»So sind die Weiber«, meinte Wendell, »immer eingenommen für die Gauner, besonders wenn sie Erfolg haben.«

»Nicht nur die Frauen, auch die Männer und vor allem die Jugend stehen meist auf seiten des Verbrechers«, sagte Arnold, »was übrigens kein Wunder ist, weil dieser allein auf sich angewiesen kämpft, wodurch sein Kampf etwas Romantisches, Ritterliches bekommt. Aber ganz abgesehen von dieser allgemeinen Sympathie, die er mit anderen Prominenten seines Berufes teilt, hat Jackson mehr persönliche Freunde als irgendein anderer Mensch hier im Westen, nicht etwa nur unter dem mexikanischen Gesindel an der Grenze, sondern auch unter angesehenen Spaniern, ehrenwerten Farmern und Viehzüchtern, unter Bergleuten ebenso wie unter Goldgräbern, alte Schafhirten schwärmen für ihn genau so wie die jüngsten Cowboys.«

»Was hat ihn denn so allgemein beliebt gemacht?« fragte Wendell erstaunt.

»Daß er immer nur Dieben und Gaunern das Geld abgenommen hat, niemals Leuten, die es sich ehrlich verdient haben«, antwortete Arnold, »er ist ein Fregattvogel, aber kein gewöhnlicher Geier.«

»Ein Fregattvogel – was ist das für ein Tier?« fragte Wendell, sich verstohlen die schmerzende Stelle am Kinn reibend, die mit der Faust des rothaarigen Pete in so unliebsame Berührung geraten war.

»Der Fregattvogel ist der Vogel, der am schnellsten von allen fliegen kann.«

»Ach so – schnell ist Jackson allerdings.«

»Der Fregattvogel«, fuhr Arnold fort, »besteht eigentlich nur aus Flügeln, Schnabel und Klauen.«

»Aha!« nickte Wendell verständnisinnig.

»Der Fregattvogel lebt von Fischen, aber nicht von Fischen, die er selber fängt – er steht vielmehr fast unbeweglich hoch oben in der Luft und wartet, bis ein Fischreiher etwas nach seinem Geschmack gefangen hat, dann stößt er herab, jagt den Reiher, bis dieser seine Beute fahren läßt, und schnappt schnell den Fisch, bevor er ins Wasser zurückfällt.«

»Donnerwetter, das möcht' ich mal mit ansehen!« meinte Wendell begeistert.

»Ja – genau so hat es Jackson früher immer gemacht«, fuhr der Kommissar fort, »brave Bürger auszuplündern war nie seine Sache, weil ihm das nicht aufregend genug war, nehme ich an. Wenn er spielte, spielte er mit Bauernfängern und schlug sie mit ihren eigenen Waffen, wenn er den Revolver zog, war es bestimmt nur ein gefährlicher Schießer und Raufbold, den er damit bedrohte, und wenn er jemandem eine dicke Brieftasche abnahm, konnte man darauf schwören, daß ausschließlich gestohlenes Geld drin war. Kennen Sie übrigens die nette Geschichte, die Bill Keenan mit ihm passiert ist?«

»Nein – was war denn das?«

»Bill Keenan hatte sich dadurch ein riesiges Vermögen gemacht, daß er Arzneimittel, Rauschgifte und chinesische Arbeiter über die mexikanische Grenze einschmuggelte. Die Art seiner Geschäfte brachte es mit sich, daß er immer eine größere Summe Bargeld zur Verfügung haben mußte, und darum hatte er in der größten Bank von El Paso einen Tresor gemietet, in dem nie weniger als fünfzigtausend Dollar in bar lagerten. Dieser Herr Keenan bat nun einmal Jackson um einen Dienst – zwei seiner eigenen Leute waren ihm nämlich mit Schmuggelwaren im Wert von mehreren hunderttausend Dollar durchgebrannt. Jackson tat ihm den Gefallen, machte sich auf die Suche nach den Gaunern, fand sie natürlich auch, von dem einen hat man dann nichts mehr gehört, den anderen aber und vor allem die geraubten Waren schaffte er zur Stelle. Sehr dummer- und unüberlegterweise hatte der gute Bill Keenan jetzt aber einen Anfall von unangebrachter Sparsamkeit und bot Jackson ein lächerliches Trinkgeld von wenigen hundert Dollar als Belohnung an.«

»So ein gemeiner Schmutzfink«, rief Wendell ganz empört.

»Eine ähnliche Schmeichelei wird ihm Jackson wohl auch gesagt haben«, fuhr Tex Arnold schmunzelnd fort, »aber bei Worten hat er es nicht bewenden lassen, sondern er sprengte Keenans Bande und zerstörte ihm sein ganzes Geschäft, so daß dieser schließlich nichts mehr besaß als das Nestei im Tresor der Bank zu El Paso.

Eines Morgens nun merkte der dortige Kassierer, daß jemand an seinem Kassenschrank gewesen sein müsse, wenn die Tür auch wieder fein säuberlich verschlossen worden war. Klopfenden Herzens öffnete er, aber da stellte sich heraus, daß von dem ganzen, sehr beträchtlichen Inhalt nichts fehlte als Bill Keenans fünfzigtausend Dollar!«

»Und woher wußte man, daß Jackson das getan hatte?« fragte Wendell.

»Welcher andere Einbrecher hätte sich wohl damit begnügt, nur gerade diese Summe zu nehmen, da er den ganzen Inhalt des Kassenschrankes bequem rauben konnte?«

»Stimmt, stimmt! Eigentlich ist Jackson doch ein ganz großartiger Kerl!«

»Sehen Sie, jetzt fangen Sie auch schon an, für ihn zu schwärmen«, meinte Arnold lachend, »ich als Staatsbeamter kann das aber natürlich nicht.«

»Sie wollen also die Jagd auf ihn wieder aufnehmen?«

»Selbstverständlich, solange ich atme, tu' ich meine Pflicht«, erwiderte der Kommissar schlicht.

»Und haben Sie wirklich noch die Hoffnung, ihn zu fassen?«

»Allerdings, die habe ich, und das ist's auch, worüber ich mit Ihnen reden wollte. Jackson hat nämlich Haus und Hof aufgegeben, weil ihm das Mädel, das er im Begriff war, zu heiraten – übrigens das einzige, das je in seinem Leben eine Rolle gespielt –, davongelaufen ist. Ich weiß nun, daß er hinter ihr her ist und auf der Suche nach ihr hier nach Neering gekommen ist. Wenn er auch im Verfolgen einer Spur seinesgleichen nicht hat, schließlich hat er aber doch nur ein Paar Augen, ein Paar Füße und nur ein Pferd, während mir zwanzig Menschen zur Verfügung stehen, und darum hoffe ich, das Mädchen vor ihm zu finden.«

»Und was soll das für einen Zweck haben?« fragte Wendell naiv.

»Na, erlauben Sie mal«, fuhr Arnold auf, »können Sie sich das nicht selber sagen? Wenn wir das Mädchen haben, brauchen wir weiter nichts, als abzuwarten, denn früher oder später wird Jackson uns dann bestimmt in die Falle gehen.«

»Ja, schön«, wandte Wendell leicht ironisch ein, »dann können Sie ihm wieder Fesseln anlegen, und er wird sich, wie Sie gesehen haben, wieder befreien, und selbst wenn es Ihnen gelingt, ihn ins Gefängnis einzuliefern, wird man ihn auch dort nicht lange halten können.«

Arnold schwieg eine Weile, dann sagte er plötzlich:

»Einen Toten braucht man aber nicht zu fesseln.«

Wendell sah seinen Vorgesetzten verblüfft an, dieser nickte und fuhr ernst fort:

»Wer das Gesetz bricht, den muß das Gesetz zerbrechen! Übrigens, die drei Landstreicher hab' ich im hiesigen Stadtgefängnis einsperren lassen, denn ich bin überzeugt, daß sie mit Jackson zusammen gearbeitet haben.«

»Glauben Sie wirklich, daß ein Mensch wie Jackson sich mit so armseligen Schächern verbündet?« fragte Wendell überrascht.

»Ein wahrer Künstler versteht auch aus minderwertigem Material etwas zu machen«, erwiderte der Kommissar. »Kommen Sie, wir wollen essen, ehe alles kalt wird.«

Sie setzten sich an den Mitteltisch, und während sie zulangten, kam Arnold noch einmal auf die drei Galgenvögel zurück.

»Wenn ich den Burschen auch vielleicht nicht nachweisen kann, daß sie mit Jackson unter einer Decke stecken«, sagte er, »irgend etwas Gesetzwidriges haben sie bestimmt auf dem Kerbholz, so daß wir wenigstens nicht ganz umsonst gearbeitet haben.«

»Ein recht klägliches Resultat bleibt es aber doch«, meinte Wendell kopfschüttelnd, »wenn man auf die Adlerjagd geht und mit drei Spatzen als Beute nach Hause kommt.«

Und darauf wußte der Distriktskommissar nichts zu erwidern.

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