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Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
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Elftes Kapitel

Eine Weile herrschte tiefes Schweigen im ganzen Raum – der Kommissar fühlte sich gekränkt. Dafür, daß er den Gefangenen, der ja allerdings auch ein ungewöhnlicher Mann war, so ausgesucht rücksichtsvoll und höflich behandelt hatte, drohte dieser ihm jetzt, ihn lächerlich machen zu wollen!

Im ersten Moment war er nahe daran, aufzubrausen, dann aber gelang es ihm, sich zu beherrschen.

»Wenn Sie die Sache so ansehen, Jackson«, sagte er ruhig, »muß ich natürlich entsprechende Gegenmaßnahmen treffen. Wendell, legen Sie ihm die Fußfesseln an.«

Rasch wurden ein Paar doppelte Stahlketten hereingeholt und deren Ringe um Jacksons Fußgelenke geschlossen. Arnold prüfte sie – sie saßen, wie nach Maß gemacht.

»So«, sagte er zufrieden, »das ist bester Stahl, an denen werden selbst Ihre Ausbrecherkünste zuschanden werden.«

»Triumphieren Sie nur nicht zu früh«, erwiderte Jackson spöttisch, »vergessen Sie nicht, daß wir noch eine lange Reise vor uns haben.«

»Ach, glauben Sie etwa, daß wir unterwegs schlafen werden? Nein, mein Lieber, wenn die Schlösser an den Fesseln da auch solid gearbeitet sind, auf sie allein verlassen wir uns nicht! Na, wenn Sie nichts dagegen haben, können wir ja allmählich nach dem Bahnhof aufbrechen.«

Einem seiner Bewaffneten, die vor den Fenstern standen, rief der Kommissar jetzt zu, er solle einen Wagen besorgen, denn mit den Fesseln könne der Gefangene natürlich nicht so weit laufen.

In der Tat, als Jackson sich vom Stuhl erhob, zeigte es sich, daß er nur ganz kurze Schrittchen und auch diese nur sehr mühsam machen konnte.

»Herrschaften, einer von euch muß mir aber unter die Arme greifen«, sagte er liebenswürdig zu den Wächtern, »sonst fall' ich glatt hin und schlag' mir den Schädel ein.«

Einer der Leute stützte ihn, und so brach man langsam nach der Tür auf, die ins Freie führte.

Bob, Jerry und Pete hatten die Entwicklung der Dinge interessiert beobachtet, überzeugt, daß es ihrem Meister, der sie unter so glänzenden Bedingungen in seine Dienste genommen, rechtzeitig gelingen würde, sich zu befreien, doch jetzt flüsterte Bob verstohlen Jerry zu:

»Na, wo bleibt seine Kunst nun?«

»Der Tanz ist erst aus, wenn die Musikanten bezahlt worden sind«, erwiderte Jerry ebenso leise aus den Mundwinkeln heraus. »Gib nur gut acht, vielleicht erleben wir noch was.«

Der rothaarige Pete, der an dem der Tür zunächst stehenden Tisch saß, blickte nicht auf, sondern starrte unverwandt auf Jacksons gefesselte Füße, denn nach dem, was er bisher von diesem schmächtigen Mann gesehen, erwartete er noch immer ein Wunder, das diesen von den Stahlketten und aus seiner verzweifelten Lage befreien würde.

Jackson war inzwischen bis beinah an die Tür gekommen, da wandte er sich über die Schulter zurück und sagte lächelnd zu dem Kommissar:

»Wie steht's, Arnold, wollen wir wetten, daß ich Ihnen doch noch entkomme?«

»Gemacht, Jackson«, erwiderte dieser, »ich lege Ihnen tausend gegen fünfhundert Dollar, daß ich Sie im Gefängnis abliefere.«

»Die Wette halt' ich! Au, verflucht –«

Jackson war nämlich während seiner letzten Worte auf die schleifende Kette getreten und fiel um, als ob er einen Keulenschlag über den Kopf bekommen hätte, den Wächter, dessen Arm ihn stützte, und den Tisch, an dem der rothaarige Pete saß, mit sich zu Boden reißend. Auch Wendell, der hinter den beiden schritt, stolperte, sein Revolver ging los, und die Kugel sauste haarscharf an Petes Ohr vorüber, dem überdies der Inhalt seines Tellers und der heiße Kaffee, der in dem Becher gedampft hatte, über Gesicht und Brust lief.

Obwohl er natürlich sofort Jacksons Absicht begriffen hatte, fing er mächtig zu schreien an, was das heißen solle, auf friedliche Gäste hier zu schießen?

Das war so etwas für den ehemaligen Helden des Boxringes!

Ehe Wendell ein Wort der Erklärung stammeln konnte, landete ein mächtiger Schwinger von rechts auf seinem Kinn, schleuderte ihn zur Seite und dem Kommissar Tex Arnold direkt zwischen die Beine, der mit seinen wehenden, weißen Haaren, in jeder Hand einen langen Colt, wie das Idealbild eines alten, kampferprobten Westmannes dastand. Bei ihm war es übrigens keine leere Geste, daß er zwei Revolver gezogen hatte, denn er verstand es tatsächlich, mit beiden Händen fast gleich gut zu schießen, eine Fähigkeit, die er in jahrelanger, täglicher Übung erreicht hatte.

Dem Anprall von Wendells schwerem Körper, der ihn gerade oberhalb der Knie traf, war der Kommissar aber natürlich nicht gewachsen – selbst ein trainierter Fußballspieler hätte ihn wahrscheinlich nicht ausgehalten –, auch er stürzte zu Boden, ein Revolver flog in die Zimmerecke, der andere im großen Bogen gegen den Ofen, wobei ein Schuß losging, ohne glücklicherweise jemanden zu treffen.

Jackson, der unausgesetzt um Hilfe schrie, hatte das wilde Durcheinander inzwischen gut genützt. Mit unglaublichem Geschick hatte er es verstanden, seine Handgelenke von dem Seil, das ihm tief ins Fleisch schnitt, zu befreien. Dabei krümmte er sich zusammen, jammerte und barmte entsetzlich, doch schon war seine Hand in die Tasche gefahren, und mit einem Stahldraht, den er stets bei sich hatte und der vorhin bei der Durchsuchung seiner Taschen übersehen worden war, arbeitete er bereits an den Schlössern seiner Beinfesseln.

Es dauerte denn auch gar nicht lange, da waren diese gleichfalls gelöst, gerade im richtigen Augenblick, so daß er den Wächter, den er vorhin im Fall mit sich zu Boden gerissen hatte und der sich taumelnd wieder aufrichtete, durch einen mächtigen, wohlgezielten Fußtritt den Leuten des Aufgebotes, die durch die Vordertüre hereinstürmten, zwischen die Beine schleudern konnte.

Auch durch die Küchentür rückten Hilfstruppen an, doch jetzt griff Bob, der inzwischen verstanden hatte, was vorging, ein. Mit dem Ruf: »Hilfe, Mörder!« sprang er auf, und es war natürlich nur ein bedauerlicher Zufall, daß sein Tisch mit allem Geschirr gerade diesen Leuten entgegenstürzte.

Im Schutz der hierdurch entstandenen Verwirrung kroch Jackson geduckt zum Fenster, doch gerade in diesem Moment kletterte ein anderer von den Mannen des Kommissars, das Gewehr in der Hand haltend, herein.

»Hilfe! Mörder, Mörder!« schrie Jerry und zog den Revolver.

Jackson sprang auf, riß ihm die Waffe aus der Hand und warf sie hinaus. Der Mann war beim Abspringen vom Fensterbrett auf die Knie gefallen, und ehe er sich wieder erheben konnte, sauste Jackson mit einem kühnen Hechtsprung durchs Fenster.

Ein anderer hätte sich sicher dabei das Genick gebrochen, er aber landete geschickt auf den Händen, war sofort wieder auf den Füßen, hob rasch Jerrys Revolver auf und rannte um die Ecke nach dem Hinterausgang des Gasthauses, wo er das fand, was er erwartet hatte, die Pferde des Aufgebotes, die hier angebunden standen.

Noch während des Laufens traf er seine Wahl, er brauchte einen Renner, der, selbst wenn er nicht lange durchhielt, eine große Anfangsgeschwindigkeit entwickeln konnte, und darum nahm er einen schlanken, hochbeinigen Wallach, dessen Glieder wie aus gehämmertem Stahl geformt aussahen.

Mit einem Satz war er im Sattel, band den Zügel los, warf das Pferd herum und jagte davon, fürs erste geschützt durch das Stallgebäude. Als der Lärm, der im Gastzimmer herrschte, sich auf die Straße hinaus fortpflanzte, war Jacksons gewaltiger Vorsprung kaum mehr einzuholen.

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