Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der wilde Jackson

Max Brand: Der wilde Jackson - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer wilde Jackson
publisherVerlag Von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180215
projectidfbf52aee
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel

Neering war eins jener rasch aus dem Boden aufgeschossenen Städtchen, die ihre Existenz nicht landschaftlicher Schönheit, sondern dem Umstand verdanken, daß sie ungefähr in der Mitte eines großen Weidelandes, also von allen Ranches ungefähr gleich weit entfernt, liegen. Hierher kamen alle Viehzüchter auf ihren großen, zweispännigen Wagen, um beim Krämer ihre Vorräte an Speck, Mehl, Bohnen, Kaffee und Tabak aufzufüllen. Es gab außerdem noch einen anderen Laden, in dem sie Sättel, Lederriemen zum Ausbessern der Pferdegeschirre und andere notwendige Dinge ähnlicher Art kaufen, ja sogar ihren Weibern für weniges Geld fertige Kleider anschaffen konnten, die kaum mehr als zwei Jahre hinter der neuesten Mode zurück waren. Außerdem besaß Neering eine Bank, ein privates Unternehmen, das die Geldgeschäfte der ganzen Gegend besorgte.

Der Mittelpunkt des städtischen Lebens von Neering war jedoch keiner dieser beiden Läden, auch nicht das Postbüro, sondern der Gasthof, und in diesem wieder der Speisesaal, der mehr einem öffentlichen Restaurant als dem sonst im Westen üblichen Gasthausspeisezimmer glich.

Wenn die Winterstürme tobten, trieben sie zwar lange, spitzige Eiskristalle durch die Risse und Spalten der dünnen Wände, und es pfiff bedenklich durch die undichten Fensterrahmen, aber trotzdem bot dieser Speisesaal einen sehr behaglichen Aufenthalt, denn in seiner Mitte stand ein großer, runder Ofen, um den eine eiserne Schiene, ähnlich wie sie die Schanktische haben, herumlief, und auf dieser konnten die Absätze ruhen, bis die Fußsohlen geröstet waren, zu welchem Zweck rings um den Ofen ein Kreis niedriger, plumper, dafür aber unzerbrechlicher Armsessel standen, die auch im Sommer nicht fortgenommen wurden, da dann dieselben Leute, die sich im Winter wärmten, hier Zuflucht vor der sengenden Hitze suchten.

Auch sonst war für die Bequemlichkeit und das Wohlbefinden der Gäste bestens gesorgt. So gab es zum Beispiel ein Gestell, auf dem allerlei Zeitungen lagen, die sorgfältig gesammelt und mit erstaunlicher Ehrfurcht behandelt wurden. Ein Leser, der sie nach dem Gebrauch achtlos auf den Fußboden hätte fallen lassen, wäre von allen anderen bös zurechtgewiesen worden. Wenn die Blätter an den Ecken einzureißen begannen, wurden sie von Molly, der Kellnerin, mit braunem Packpapier und Kleister kunstvoll ausgebessert.

Außer den Zeitungen gab es noch, geschmackvoll verteilt, eine Anzahl sehr stattlicher Kisten, die, zur Hälfte mit feuchten Sägespänen gefüllt, geradezu ideale Spucknäpfe darstellten, nicht allzu schöne, aber dafür solche, die leicht zu treffen waren.

Die Eßtische – zwölf an der Zahl, jeder mit vier Stühlen – standen längs der Wände des großen Raumes, und es gab Zeiten, da nicht nur alle diese Stühle besetzt waren, sondern noch mehr Gäste bedient werden mußten, die dann den Teller auf den Knien hielten und ihren Kaffeebecher neben sich auf den Fußboden stellten. Im allgemeinen kam das allerdings nur zweimal im Jahr vor: zu Weihnachten und im Herbst, wenn das Vieh auf der Eisenbahn verladen wurde.

Augenblicklich saß an einem Ecktisch dieses Speisesaals Jesse Jackson, an einem anderen, näher der Tür, saß ein Mensch mit einem freundlichen Gesicht, der beim Hereinkommen ein ganz wenig, kaum merklich, gehinkt hatte, an einem dritten Tisch ein Mann mit leuchtendem, brandrotem Haar und an einem vierten, ziemlich im Hintergrund, einer, dessen Augen auffallend wäßrig und matt wirkten.

Alle vier Gäste waren einzeln und getrennt eingetreten, und Molly, die Kellnerin, betrachtete drei von ihnen mit unverkennbarer Mißbilligung, da sie ihr zu sehr »östlich« vorkamen, und für Leute aus dem Osten empfand Molly ungefähr so viel Sympathie wie der Ire für den Engländer.

Jackson dagegen sah sie sofort mit einem gewissen Wohlwollen an, denn sein Lächeln hatte etwas so aufrichtig Treuherziges, seine dunklen Augen waren so offen und strahlend, und vor allem, er wirkte so jung und zart, daß wahrhaft mütterliche Empfindungen im Herzen der guten Molly aufstiegen. Als sie ihm den bestellten Kaffeebecher brachte und er ihr mit einem liebenswürdigen Lächeln dafür dankte, konnte sie einfach nicht anders, sie mußte ein bißchen an seinem Tisch verweilen und ein Gespräch mit ihm anfangen.

»Bewahren Sie sich nur dies Lächeln, junger Mann«, sagte sie, »hier in Neering verlernen das die Leute nur zu schnell. Sie sind wohl noch nicht lange in der Gegend hier?«

Jackson gab das ohne weiteres zu.

Was er denn hier zu tun gedenke?

Das wisse er selbst noch nicht, er habe aber gehört, daß die Jagd hier in den Bergen gut sei, und da werde er sich wohl mal drin versuchen.

So – ob er denn Übung im Schießen habe?

Ja, gewiß, einige Übung habe er schon.

Molly sah ihn ein wenig mitleidig, von oben herab, an, denn sie selbst war eine ungewöhnlich gute Schützin und besaß ein eigenes Winchester-Repetiergewehr und ein paar Colts, mit denen sie trefflich umzugehen verstand.

»Man muß schon sehr gute Augen und einen sehr sicheren Schuß haben, wenn man hier einen Hirsch erlegen will«, sagte sie, »die Biester wittern einen Menschen auf eine Meile und ein Gewehr gar auf zehn. Ist überhaupt eine rauhe Gegend, aber Sie haben wohl Verwandte hier?«

»Nein, ich habe niemanden, mein Vater hat mich gerade darum hergeschickt, ich soll mal auf mich allein angewiesen sein und ein bißchen abgehärtet werden.«

»Ja, abgehärtet können Sie hier werden, wenn Sie nicht vorher kaputt gehen«, sagte Molly, ihre nackten Arme kreuzend, die für eine Frau recht anständige Muskelwülste zeigten.

Jackson sah sie treuherzig an.

»Na, ganz so schlimm wird es ja nicht sein«, sagte er.

»Es ist noch schlimmer«, erwiderte sie sehr bestimmt.

»Ich bin ja allerdings kein Riese«, meinte Jackson bescheiden, »aber wenn Frauen es hier aushalten, werd' ich ja wohl auch nicht gleich zugrunde gehen.«

»Hoffentlich nicht«, entgegnete Molly, »bei den Weibern ist das allerdings ganz etwas anderes, die erleben ihre Enttäuschungen auf anderem Gebiet. Da kommen so junge Dinger mit überspannten Erwartungen, die sie aus allerlei Wildwestromanen geschöpft haben, und sind ganz erstaunt, daß nicht jeder Cowboy wie ein Filmheld aussieht. Erst gestern ist wieder so ein armes Wurm dagewesen.«

»Ein junges Mädchen?« fragte Jackson harmlos.

»Ja, eins von der Sorte, die alle Männer verrückt macht.«

»Ein hübsches also?«

»Ja, sehr hübsch, aber mir hat sie direkt leid getan, denn wie sie so still ihre Portion Schinken mit Spiegeleiern aß, hat sie mich immer angeguckt, als ob sie mich um meine Stellung beneide. Ich hab' dann auch ein Gespräch mit ihr angefangen und sie gefragt, warum sie nach dem fernen Westen gekommen sei, und da hat sie geantwortet, weil sie das Leben hier besonders schön finde.«

»Was, in dem Gasthaus hier?« fragte Jackson, sich dumm stellend.

Molly lachte.

»Nein, hier ist sie überhaupt nicht lange geblieben; als ich nach einer Weile wieder aus der Küche kam, da hatte sie schon ihr Köfferchen genommen und war fort. Ich bin ihr schnell nachgegangen, um sie zu fragen, ob sie ein Zimmer für die Nacht haben wolle, aber wie ich 'raustrat, war sie schon spurlos verschwunden.«

»Wieso verschwunden?« fragte Jackson.

»Sie war eben weg, wahrscheinlich hat jemand sie aufgegriffen.«

»Geraubt?« fragte Jackson ganz entsetzt.

»Nein, nein«, meinte die Kellnerin lächelnd, »jemand, der sie mit ihrem Koffer so stehen sah, hat ihr wohl einen Platz in seinem Wagen angeboten, und den wird sie angenommen haben.«

Jackson senkte den Blick, ihm war ganz wirr und wirbelig im Kopf.

Marys Spur bis hierhin zu verfolgen, war schon nicht leicht gewesen – wie sollte er sie aber finden, wenn sie einen der vielen hundert Wege und Pfade, die in die Berge führten, gewählt hatte? Welche Absicht konnte sie bei dieser Wahl leiten? Doch einzig und allein der Wunsch, daß er sie nicht finden solle; ihr war also jeder Weg recht, der die Entfernung zwischen ihnen vergrößerte, und er hatte nicht den geringsten Anhalt, nach welcher Richtung er suchen solle!

»Vielleicht hat sie irgendeine Stellung auf einer Ranch gefunden«, sagte er schließlich, »für eine Frau gibt's da ja auch allerlei Beschäftigungen.«

»Die?« meinte Molly. »Eigentlich sah sie nicht nach schwerer Arbeit aus, aber man kann ja nicht wissen! Wollen Sie noch etwas Kaffee haben?«

»Bitte.«

Er sah zu, wie der tiefschwarze Trank dampfend in seinen Becher floß, dann sagte er:

»Na, jedenfalls wünsch' ich ihr alles Gute!«

»Gewiß, ich auch«, nickte Molly, »sie verdient es, denn sie war sicher ein anständiges Mädchen, das einmal bessere Tage gesehen hat. Dabei war sie durchaus nicht hochmütig – wie zu einer Schwester hat sie mit mir gesprochen –, die kommt nicht unter die Räder, wenn's ihr auch mal eine Zeitlang schlecht geht, so eine findet immer wieder den Weg nach oben.«

Jackson nickte, eine bessere Charakteristik seiner Mary hätte er selbst nicht geben können. Und diese Frau hatte er verloren, vielleicht für immer!

Als sich die Kellnerin jetzt den anderen Gästen zuwandte, senkte er den Blick und verfiel in düsteres Grübeln, zum erstenmal in seinem Leben war die gespannte Wachsamkeit, die ihn stets wie ein undurchdringlicher Panzer geschützt hatte, erlahmt.

Aus seiner Träumerei riß ihn jäh eine Stimme, die ruhig, aber sehr bestimmt hinter ihm sagte:

»Rühren Sie sich nicht, Jackson, bei der geringsten Bewegung, die Sie machen, bekommen Sie eine Ladung Schrot in den Rücken!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.