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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7.

Schweigend stiegen sie die tiefverschneite Paßstraße nach dem Arlberg hinauf. Der Schnee knirschte unter den Skien, und ein leichter Nordost warf ihnen spitze Eisnadeln ins Gesicht. Der Abendstern stieß funkelnd in das graue Licht der Dämmerung, die über die traumtrunkenen Berge kam und sich lautlos in die engen Täler stahl.

Herta Land stieg langsam voran, mit weit ausgreifenden, gleichmäßigen Langlaufschritten und gesenktem Kopf. Hans Welker im blauen Norwegerkostüm lief mechanisch in ihrer Spur mit zusammengebissenen Lippen und halbgeschlossenen Augen. In ihm zankten die Gefühle wie die eifersüchtigen Kampfhähne. Er fand Gefallen an diesem starken und persönlichen Sport, an dieser strotzenden Kraftprobe seiner Muskeln. Und auf der anderen Seite verdroß es ihn, daß sie den Anlaß zu diesem Unternehmen gegeben, daß sie das Richtige gefunden hatte, um ihn aus der gräßlichen Oede seiner Stimmung zu reißen, aus dieser tatenarmen Raum- und Zeitlosigkeit, die wie ein nasser Nebel auf ihm lag. Er mißgönnte ihr diese Art von Lebenskunst, mit der sie ihn gefangen hatte wie ein lahmes Steppenpferd.

Er reckte die schmächtige Gestalt und drehte das Gesicht nach dem Wind, daß ihm die Schneekristalle stechend in die Haut fuhren. Vor ihm schritt sie, leicht und federnd, im dunkelbraunen Manchesterkostüm mit schlanken Beinkleidern, die spitz nach den Knöcheln liefen. Die Jacke war weit geöffnet wie zum Trotz gegen Schnee und Kälte und frostige Nacht. Die Mütze hatte sie abgenommen, 90 daß sich der eingliedrige Rauhreif in die schwarzen Haare setzte. War sie nicht ganz Kraft, ganz Stärke und Starrköpfigkeit! Wie eine junge Birke war ihre Gestalt, schmiegsam und elastisch und voll weicher, edelblütiger Form.

Hans Welker verzog den Mund und stampfte mit den Skien, daß der Schnee stob. Wie ein abgetakeltes Schiff lief er hier im Schlepptau. War es nicht so? Der Groll gegen sich selber packte ihn.

»Lassen Sie mich jetzt einmal spuren! Was schaffen Sie die ganze Arbeit allein.«

Mit hastigen Schritten drängte er an ihre Seite. Sie schaute ihn fragend an. Eine feine Röte der Erregung lag auf ihrer Haut, und der Rauhreif saß gleich glitzernden Perlen in den Augenwimpern.

»Wenn Ihnen der Ehrgeiz keine Ruhe läßt, dann bitte.«

Er stampfte voraus und wühlte sich tiefatmend durch den geschmeidigen Pulverschnee.

»Passen Sie mal auf, Herr Hans Welker, wenn Sie nicht im Training sind, werden Sie bald genug gespurt haben.«

Er lachte trocken und kämpfte gegen die türmenden Schneemassen, die sich ihm entgegenstemmten. Das wäre doch etwas, das er nicht fertigbrächte! Schon nach kurzer Zeit fühlte er, wie er anfing, müde zu werden; die Muskeln zerrten. Da überfiel ihn eine schleichende Angst, daß er hier nicht weiterkäme! Wenn er müde würde und ihr die Führung abtreten müßte, das wäre ja eine Niederlage.

»Auf keinen Fall!« rief er laut, ohne daß er es wußte. Hinter sich hörte er ihre ruhige Stimme.

»Ich finde es abgeschmackt, dieses Schneegewand der Erde mit einem Leichentuch zu vergleichen. Jeder Stümper, der den Winter schildert, spricht von einem Leichentuch. Es ist zum Ekeln. Ist es nicht ein Hochzeitsgewand, mit dem Prunkgeschmeide morgenländischer Fürsten? He! Herr Welker! Warum reden Sie nicht? 91 Sie machen ungleichmäßige Schritte. Ich wette, daß Sie müde sind. Lassen Sie mich voraus. Sie sitzen nicht in Ihrer Jagdmaschine, da können Sie andern Leuten ruhig etwas gönnen, ohne daß der Neid Sie auffrißt.«

»Halten Sie mich nicht für einen Dilettanten! Ich bin schon vor Jahren in Norwegen gewesen und habe mich mit diesem Sport befreundet. Sie haben so eine Art, Ihre Mitmenschen mit Füßen zu treten, die ich nicht vertragen kann.«

»Da finden Sie eben ein Stück Aehnlichkeit mit sich selbst heraus. Und Sie möchten wohl Ihr sauberes Gefieder nicht bei fremden Vögeln sehen. Bleiben Sie mal hübsch auf der Erde mit den Füßen. Sie sind immer noch lange nicht der originellste Mensch, auf den die Sonne scheint. Ich sehe ja, wie Sie müde werden. Geben Sie sich bitte keine Mühe, mich zu täuschen. Ich habe für solche Experimente einen sicheren Blick und ein exaktes Gefühl. Sie haben Schmerzen in den Oberschenkelmuskeln. Ist es nicht so? Es ist ein leidiges Gefühl. Ich kenne es zu gut, um Ihren halsstarrigen Grimm nicht zu begreifen.«

Hans Welker blieb stehen und wandte sich nach ihr um. Sie kam an seine Seite und verzog keine Miene. Ihn faßte plötzlich der Gedanke, umzukehren. Was stolperte er hier im Schnee herum? Gab es wirklich nichts Besseres zu tun? Im Grunde genommen war ja seine Laune schon befriedigt. Er konnte getrost die Episode abbrechen. Unentschlossen ließ er den Blick ins Tal gleiten und stemmte beide Stöcke unter die Achselhöhlen.

»Es wäre rein lächerlich,« sprach sie im Anschluß an seine Gedanken, »wenn Sie jetzt umkehren wollten. Sie würden sich ja selbst zum Hanswursten stempeln.«

»Wer verrät Ihnen, daß ich umkehren will?«

»Sie haben eben nur daran gedacht. Das verrät mir Ihr Gesicht, woraus Sie vielleicht ersehen können, daß Sie Ihre verschleierte Persönlichkeit immer noch nicht so ganz in der Gewalt haben.«

92 »Eigentlich liegt ja doch eine gewisse Zerfahrenheit in unserem Unternehmen. Ich wollte heute abend schon zu Hause sein, und nun klettere ich wie ein Packesel über den Arlbergpaß. Ist das nun in Wirklichkeit etwas Absonderliches, etwas, das für uns beide paßt, oder ist es nur ziellos und ordnungslos und von der langweiligsten Langeweile diktiert?«

»Können Sie es denn gar nicht verwinden, daß ich Sie zu diesem harmlosen Ausflug aufgestachelt habe? Können Sie in Drei-Teufels-Namen wirklich kein einziges Mal ertragen, daß ein anderer Sie zu einer Handlung bestimmt und über Ihren Entschluß verfügt?« Sie schlug mit dem schlanken Stock in den Schnee, daß eine feine Wolke aufsprühte. »Gut,« sprach sie rasch entschlossen, »einverstanden! Kehren wir um! Ich bin fertig! In einer halben Stunde sind wir am Bahnhof von Sankt Anton.«

Sie schloß die Jacke bis zum Hals, zog die Mütze aus der Tasche und schnallte den Rucksack fester.

Hans Welker zeigte die Zähne, wandte sich und stieg bergan. Ein überlegenes Lächeln glitt um ihren Mund. Sie ging an seiner Seite, und nun spurten beide durch den singenden Schnee, der sich höher und höher türmte.

Der Weg war verschwunden, eine riesige Schneedecke lag vor ihnen.

Oben bei der großen Kurve blieben sie noch einmal stehen. Es war Nacht geworden, klar und sternübergossen. Das Schneetreiben hatte aufgehört, und die Nebel blieben zurück. Faul und träge sanken sie in die schlafenden Täler. Einige Lichter blitzten schwach und in büschelförmigen Strahlen durch den dunstigen Schleier. Im Südwesten wuchs der zackig-imposante Gipfel des Patriot wie ein gigantischer Dom in die Sterne.

»Ich fühle mich so sicher hier,« sprach Herta Land, »so selbstbewußt. Schlafende Nerven meines Lebens werden hier wachgerüttelt.«

93 Sie breitete beide Arme. »Alles ist hier Gefühl! Alles! Gefühl und Empfindung. Sehen Sie, wie sich die Nebel durch die Täler winden, stickig und ekelerregend. Fühlen Sie nicht die Freiheit, die Ihnen hier die Stricke zerreißt? Das Losgebundensein, die Macht und Stärke des eigenen Willens. Sie fühlen nichts, ich weiß es! Sie denken jetzt vielleicht an den Kurs Ihrer Papiere oder an ein festgefressenes Ventil. Ich beneide Sie nicht, Herr Welker! Sie sind keiner Leidenschaft fähig. Arm sind Sie wie ein Maulwurf und stumpf wie eine rostige Säge. Aber ich bin brauchbar für Sie. Glauben Sie das? Ich kann Ihnen vielleicht zeigen, was die Leidenschaft vermag. Ich besitze das, was Ihnen fehlt. Es fragt sich nur, wer stärker ist. Ihre Vogelähnlichkeit und ein übertriebenes Maß verschlagener Schlauheit, das ist alles, was Ihnen die Natur mit auf den Weg gegeben hat. Allerdings nicht wenig für Ihre Ziele, wenn sie überhaupt welche haben. Aber trotz all Ihrer Bankguthaben, trotz all der Lorbeeren, die Sie rechtmäßig in der Luft und unrechtmäßig auf der Erde erworben haben, sind Sie ein halber Mensch. Sie brauchen eine Ergänzung, um vollendet zu werden. Diese Ergänzung bin ich. Mit dieser Zutat können Sie vielleicht noch ein bedeutender Mann werden, und wenn es ein Verbrecher sein sollte. Ich könnte Sie manches lehren und Ihnen manches schenken.«

Wieder brach ihr der Spott aus den Augen. »Sie brauchen Leidenschaft, Herr Welker! Und was Sie zu viel haben an Neid und Selbstdünkel, das haben Sie zu wenig an Schamgefühl!«

Hans Welker fließ ein kurzes, stoßendes Lachen aus.

»Sind Sie zu Ende mit Ihrer Predigt?«

Er dachte daran, sie hier zu packen und in den Schnee zu tauchen, mit dem Kopf nach unten. Ersticken würde sie in ihrer eigenen Phantasterei. Man mußte wachsam bleiben bei ihr. Fein säuberlich auf der Hut. Das reizte ihn. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: 94 »Ich habe offengestanden schon wieder vergessen, was Sie eben deklamierten. Ich dachte gerade daran, ob es nicht möglich wäre, mit Schneeschuhen einen Gleitflieger zu konstruieren? Verstehen Sie, ich denke mir das so: Also ein guter, stabiler Gleitflieger, in den man sich hineinstellt und . . .«

»Was kümmert mich Ihr Gleitflieger! Warten Sie nur ab, Sie werden doch noch an meine Predigt glauben müssen. Wir wollen weiter, es wird spät. In einer halben Stunde sind wir in Sankt Christof. Wenn Sie gar nichts anderes zu reden wissen, können Sie mir dort auch Ihren Gleitflieger erklären. Vielleicht treffen wir aber lustige Gesellschaft, die Ihnen über Ihre dürre Langeweile hinweghilft.«

Sie ging voraus, und Hans Welker blieb stehen.

Er schaute ihr nach, bis sie um die Biegung verschwand. Was meinte sie da mit der Leidenschaft?

Er hörte sie singen. Mit klarperlender Stimme:

»Du bist Orplid, mein Land,
Das ferne leuchtet . . .«

Hans Welker hörte sinnend auf diese gedehnte Melodie, die ihm wie etwas Unheilvolles aus der Ferne klang.

Da wurde er ganz Ich, ganz er selbst.

Aber es fiel ihm schwer. Er fühlte, wie er gegen etwas kämpfen mußte.

Langsam folgte er in ihrer Spur.

In der Ferne blinkte das Licht des Hospizes Sankt Christof. 95

 

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