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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

Hans Welker saß in seinem Privatkontor und kaute an den Fingernägeln. Das war ein Zeichen, daß ihm allerlei durch den Kopf schwirrte. Scanzoni lag in einem der schweren Ledersessel und trug das Fensterglasmonokel im Auge. Er war gerade mit dem Auto vom Flugplatz gekommen und hatte noch die gelbe, ölfleckige Lederjacke an.

Er war der einzige, den Hans Welker ins nähere Vertrauen zog, vor dem er sich gleichsam entkleidete und die Maske vom Gesicht nahm. Das wußte der Graf, und er wirtschaftete klug und sorgsam mit diesem gewaltigen Trumpf, den er in Händen hielt. Er nahm eine Zigarette, ließ das Monokel in die Westentasche fallen und sprach leichthin:

»Ich habe eben unsern neuen Typ geflogen!«

Hans Welker drehte die Augäpfel nach oben und schaute nach der Decke. Er war gespannt, voll gieriger Erwartung, aber er rüstete sich, um einer Enttäuschung mit dem nötigen Maß von Gleichgültigkeit zu begegnen. »Na und? Bis jetzt noch nichts, was?«

Der Graf zog die Schultern hoch. »Ich habe achttausend in einundzwanzig Minuten geschafft.«

Es waren nur neunzehneinviertel gewesen.

»Hast du das Barogramm?« Hans Welker rechnete blitzschnell die möglichen Zeiten nach und vervollständigte in Gedanken die Höhenkurve. Scanzoni zog ein Barogramm aus der Tasche, quälte sich langsam aus dem Sessel und warf es Hans Welker auf den Schreibtisch.

»Die Maschine ist gut, aber der Motor verliert Leistung. Man muß das Uebel dort packen, wo es in Wirklichkeit sitzt.«

62 Hans Welker wertete das Barogramm aus und schrie: »Es sind nur neunzehneinviertel Minuten!«

Der Graf lächelte über die wulstigen Lippen: »Du irrst dich!«

»Ich irre nicht. Hier! Kannst du nicht mehr zählen?«

Scanzoni prüfte die Kurve nach und tat überrascht. Er wußte es ganz genau, daß es nur neunzehneinviertel waren. Aber er hatte erreicht, was er wollte. Es war nur Spaß, und auch ein wenig Berechnung. Er hatte Hans Welker überrumpelt und hinters Licht geführt. Hatte ein wenig mit ihm gespielt. Und Hans Welker war guter Laune.

»In der Tat! Neunzehneinviertel! Was bin ich für ein Tölpel. Also, das wäre ja gar nicht mal so schlecht!«

»Nicht schlecht! Nicht schlecht! Aber es reicht nicht! Hast du denn überhaupt die Bedingungen des großen Preisausschreibens schon gelesen?«

»Nein.«

»Das sieht dir ähnlich!«

»Warum? Ich weiß genau, was aus der Kiste herauszuholen ist. Sie ist startfertig, du kannst sie heute abend nachfliegen. Du wirst die Leistung noch etwas höher schrauben, also können wir wohl mit ziemlicher Gewißheit rechnen, daß du sie in vierundzwanzig Minuten auf zehntausend bringen wirst!«

Welker überlegte und schob die Zunge zwischen die Zähne. »Hast du den Motor genau reguliert?«

Scanzoni lächelte wieder. »Die Maschine ist für dich startbereit.«

Welker überging diese kategorische Aeußerung und sprach noch für sich: »In vierundzwanzig Minuten!«

»Und was verlangt das Luftministerium?«

»Nach der vorgeschriebenen Steigklasse achtzehneinhalb Minuten.«

»Prost Mahlzeit! Keine deutsche Maschine kann das heute leisten!«

»Das weiß ich. Aber bis zum Frühjahr müssen wir so weit sein.«

63 »Alle Achtung, wenn du das fertig bringst.«

Hans Welker verriet etwas von seinem Geschäftsprinzip. Er legte beide Beine auf den Schreibtisch und sprach mit zurückgehaltener Stimme:

»Weißt du, was die Hauptsache ist? Man muß die internationalen Konkurrenzen scharf im Auge behalten. Mitte November findet in Paris das Vergleichsfliegen der französischen Jagdmaschinen statt. Und in London spuken, glaube ich, eben die amerikanischen Typen herum. Man muß dort die Augen aufmachen, wo man was sehen kann, Scanzoni, und dort, wo man die Geldbrieftasche aufmacht, muß man ein Auge zudrücken. Oder zwei. Es ist überflüssig, wenn man das noch denken und probieren soll, was andere schon gedacht und probiert habend Verstehst du mich?«

»Was ist da zu verstehen! Du willst ein Imitator sein.« Er sprach es ganz trocken und sachlich.

»Imitator! Ach, was! Imitator! Ich werde mir einen Erfolg nicht durch die sogenannte Moral verpfuschen lassen. Das können andere machen!«

Dabei fiel ihm sein Bruder sein.

Er sprach, ohne aufzuschauen: »Weißt du, Scanzoni, daß ich gestern bei meinem Bruder war? Ich ärgere mich jetzt fast darüber. Er hat natürlich abgeschlagen.«

»Das wußte ich im voraus, denn es war selbstverständlich.«

»Selbstverständlich? Was selbstverständlich?« schimpfte Hans Welker. »Weil er ein unglaublicher Dickschädel ist! Dem sitzt der Teufel im Nacken. Er wird sich ja wundern. Ich werde ihm seine lächerliche Konkurrenzbude schon in Scherben schlagen!«

Er warf den Federhalter auf den Tisch und pflanzte sein Lachen auf. Als ob jemand an einem unsichtbaren Draht gezogen hätte, war sein Gesicht verändert.

»Ist ja doch einfältig von ihm. Er wird doch nie etwas erreichen bei all seiner Arbeit, die er verschwendet. Was will er denn mir anhaben? Wie? Im Frühjahr 64 findet der Austrag des Preisausschreibens in Berlin statt. Er wird arbeiten wie ein gepeitschter Neger. Aber glaubst du, Scanzoni, ich lege die Hände in den Schoß?«

Der Graf zündete eine neue Zigarette an und stieß formlose Ringe in die Luft.

»Ich bin nicht ganz deiner Ansicht, Welker. Dein Bruder ist einer der intelligentesten Menschen, die mir je begegnet sind, und er besitzt eine Energie und Arbeitskraft, die du gewiß selten finden wirst.«

Er machte einige Schritte auf den Schreibtisch zu und sprach langsam und stoßend wie eine Drehorgel: »Dein Bruder, das kann ich dir sagen, dein Bruder schreckt vor nichts zurück. Lerne du mich nur nicht die Menschen kennen! Er ist ein leidenschaftlicher Charakter, und seine Leidenschaften sind einer ungeahnten Steigerung fähig. Sie gehen bis ins Bizarre, Sinnverwirrende. Ich kenne ihn! Glaube mir, daß ich ihn kenne!«

»Ist mir ja ganz egal! Mich kann er in Ruhe lassen, mir ist bis jetzt noch nichts schief gegangen. Was soll ich mir da mit langen Ueberlegungen die Zeit vertrödeln! Ich will nicht, basta!«

Das Telephon klingelte. Welker nahm den Hörer und warf ihn hart auf den Tisch.

»Eine Dame wünscht dich!«

Scanzoni ging zum Apparat.

»Wie bitte? Jawohl, hänge hier selbst an der Strippe! Na, Lotte!« Ein Lachen breitete sich über sein Gesicht, und die kugeligen Augen drehten sich.

Der zweite Tischapparat klingelte. Scanzoni nahm den Hörer. »Einen Augenblick mal, Gnädigste. Ja, bitte? Herr Direktor? Bitte!«

Er reichte Hans Welker den Hörer.

»Sie behaupten also, ich hätte Sie geküßt? Zweimal sogar?«

Welker sprach: »Gut. Ich bin in einer Stunde am Flugplatz. Ich will um fünf Uhr den neuen Zweidecker fliegen.«

Er warf den Hörer in den Bügel.

65 Scanzoni sprach an seinem Apparat weiter.

Kurt Seeberger kam schlotternd zur Tür herein, zog den weiten Homespun aus und warf ihn samt der schreienden Mütze aufs Ledersofa. Er trug einen neuen, ockergelben Jackettanzug im modernsten Schnitt und glänzende Lackstiefel mit Einsätzen. Kleider saßen bei ihm nie, sie hingen ihm am Leibe. Er ließ sich in den niederen Klubsessel fallen, stellte die Knie nach oben und zog die tadellos gebügelten Hosen hinauf, daß man die blauseidenen Strümpfe sah.

»Was ist denn das für ein Typ, mit dem du da verhandelst?«

Graf Scanzoni hielt die Hand auf den Hörer und zog den Kopf in den Nacken.

»'s ist die Tochter vom Staatsanwalt Verworn. Sie behauptet, – – Gewiß, gnädiges Fräulein, aber warum so offiziell, Sie meinen, wie bitte?« – – zu Seeberger gewandt: »Sie behauptet, ich hätte Sie gestern beim Polterabend geküßt, und knüpft daran unnötige Folgerungen.«

»Du verdrehst noch allen Weibern den Schädel!«

»Also heute abends um acht Uhr im Café Orient. Abgemacht! Auf Wiedersehen!«

Scanzoni rollte die etwas umränderten Augen und ließ das Monokel zur Erde fallen. Es kugelte auf den Teppich. Er ließ es liegen, nahm ein Ersatzglas aus der Westentasche und bot Seeberger eine Zigarette an. Hans Welker wurde in die Versuchsabteilung gerufen. Bevor er die Tür schloß, sprach er zu Seeberger: »Bleiben Sie noch einen Augenblick hier. Ich habe was mit Ihnen zu verhandeln.« Dann schlug er die Tür zu.

»Sag' mir doch bloß mal, Scanzoni, wie kommt das eigentlich, daß du alles, was Weib heißt, einfach in der Tasche hast? Wie stellst du das nur an? Daß du hübsch bist, wirst du dir ja wohl nicht einbilden, darauf kommt es auch schließlich nicht an.«

»Das will ich dir sagen, mein lieber Homespun.«

66 Ein sprechend überlegenes Lächeln breitete sich über sein kugeliges Gesicht mit der etwas plattgedrückten Nase.

»Vor allem: Mir geht ein pikanter Ruf voraus. Das ist viel wert. Und dann: Ich bin brutal genug, um mir jeden Erfolg zu sichern, und so ohne Schliff und angeborenes Taktgefühl, daß mir nichts Weibliches widerstehen kann. Begreifst du, was ich meine? Dann aber nutze ich keine Situationen aus und verhalte mich im vermeintlichen Angriffsmoment plötzlich passiv. Das verzeiht mir keine.«

»Was verzeiht dir keine?«

»Ich meine folgendes: Wenn ich eine Frau in irgendeinem Augenblick schwach gefunden habe, so verzeiht sie mir das. Wenn ich aber diese Schwäche nicht ausnutze, sondern sie bloßstelle, so werde ich gehaßt. Und beim Weib liegt die stärkste Liebe im Haß.«

»Du bist ein spöttischer Weltverächter!«

»Ich habe zu viel erlebt, als daß ich noch Gefühle besitzen dürfte, die mein eigenes Ich tyrannisieren.«

»Ja, ja,« – Seeberger fiel noch etwas ein – »man entwickelt sich zu eigenartigen Lebens-Excentrikakrobaten. Ich habe mich vor einiger Zeit mal mit einem Dienstmädchen verlobt, aus Mitleid mit ihrer Häßlichkeit.«

Scanzoni stellte die schiefachsigen Augen nach der Decke. »Du lügst wie eine Leichenrede.«

»Das kannst du mir wahrhaftig glauben. Wenn ich mal auf Touren komme, dann sind meine Handlungen nicht mehr zu berechnen.«

»Wenn du auf Touren kommst? Du meinst, wenn du ehrlich betrunken bist?«

»Du bist ein ewiger Spötter. Es gibt rein gar nichts, was du nicht mit deinem Sarkasmus in den Staub zerrst.«

Gras Scanzoni kam auf Seeberger zu und nahm das Monokel in die Hand. »Lieber Freund, ich sage dir, das Leben erzieht uns zum Hanswursten. Du bist bis jetzt noch nicht an die scharfen Ecken gestoßen. Wenn du dir aber erst mal Beulen an die Stirn gerannt hast – – 67 dann – –« Er hielt einen Augenblick inne und schaute nachdenklich zu Boden. »Mein Spott ist manchmal nur Aerger über mich selbst. Mir sind schon zu viele Menschen zur Schablone geworden. Hast du nicht gefunden, daß sich die Durchschnittstypen fortwährend wiederholen, bis zum Ueberdruß? Sogar in ihren abgedroschenen Redensarten? Und diese Schablonen ekeln mich an. Ich ärgere mich, weil ich sie noch nicht überwunden habe.«

»Ich gebe mich mit solchen Fragen im allgemeinen nicht ab. Ich verschanze mich lieber hinter einer Pose.«

»Deine Pose ist nicht ungeschickt, denn du wirkst zweifellos als Typus. Hand aufs Herz, Homespun! Gelernt hast du nichts, können tust du auch nichts! Und doch hast du dich bei Hans Welker unersetzlich gemacht. Du schwebst wie der Heilige Geist über den Wassern. Einen gewissen Einfluß hast du auf ihn, den ich nie recht ergründen kann, der aber wohl hauptsächlich in der Absonderlichkeit deines Auftretens und im Grotesken deiner Ansichten und Pläne begründet ist.«

Seeberger warf die Beine auf die Lehne des Sessels und knackte mit den Fingern. »Da liegt ja der Hase im Pfeffer. Man muß es verstehen, sich unersetzlich zu machen, und wenn man nicht mehr arbeitet als ein Kanzleibeamter.«

»Mußt du nicht manchmal lachen über dich?«

Seeberger zupfte an dem schmalen Schlips, dessen Enden aus der Schleife steif ins Freie standen. »Du darfst nicht vergessen, daß ich auch mit mancherlei Wohlgerüchen herumlaufe. Meine Vergangenheit ist für Welker eine gute Kapitalsanlage. Ich habe Flüge gemacht im ersten Anfangsstadium der Fliegerei, ich habe mit Fürsten verkehrt und Sultans und war der erste Kampfflieger der Welt. Du weißt, damals im Türkisch-Bulgarischen Krieg . . .«

»Hör' auf, Homespun! Du kommst noch so auf den moralischen Hund, daß du deine Märchen selbst glaubst. Ich weiß doch, wo und was und wann und mit wem du 68 geflogen bist, also, wir wollen doch wenigstens unter den Dieben ehrlich sein. Auf alle Fälle bist du der geschickteste Flunkerer, den ich bis jetzt kennengelernt habe.«

»Aber erlaube mal, Scanzoni, wie kommst du . . .«

»Bitte! Bitte, keine Komödie! Mit mir erfahrenem altem Sünder.« Der Graf Scanzoni wühlte beide Hände in die Taschen und beugte sich mit nach außen stehenden Stiefelspitzen zu Seeberger. »Uebrigens, seit wann trägst du denn Ohrringe?«

»Habe ich mir zugelegt. Ich brauche manchmal eine Abwechslung in meiner Physiognomie.«

Die Fabrikpfeife pfiff zur Vesperpause. Eine Schar Arbeiter und Arbeiterinnen rannte eifrig über den Hof nach der Kantine. Lachend und scherzend, unter Stößen, puffend, schiebend und drängend, preßten sich die rußigen Gestalten durch die schmale Tür.

Scanzoni ging zum Telephon. Seeberger schaute zum Fenster hinaus.

»So ein Arbeiter hat auch eine sonderbare Zufriedenheit am Leib.«

»Vielleicht eine bessere und gesündere als wir.«

»Weil wir eben gar keine haben.«

»Halloh! Zentrale! Der Wagen soll vorfahren, der Direktor will zum Flugplatz.«

Hans Welker riß die Tür auf und ging mit spitzen Schritten zum Schreibtisch.

Er warf sich in den Sessel und griff nach einer Unterschriftsmappe. Seeberger dozierte: »Ich verstehe nicht, wie ein Mensch nur eine Unterschrift haben kann! Man muß doch, um allen Lebenslagen gerecht zu werden, mindestens zwei Unterschriften haben. Ich zum Beispiel habe eine nüchterne kaufmännische und eine perverse! Hier bitte . . .«

Er zog ein Blatt Papier hervor und schraubte am Füllfederhalter. Dann schrieb er. »Ist das nicht richtig? In Zweifelsfällen frage ich, welche Unterschrift gewünscht wird.«

69 Scanzoni verabschiedete sich. »Empfehle mich, Seeberger, kommst du heute abend ins ›Orient‹? Du gibst dich doch gerne mit verrückten Frauen ab. Da kannst du Märchen erzählen, daß die Spiegelscheiben platzen!«

»Wird gemacht! Wann startest du? Jedenfalls wirst du doch erst eine Zwischenlandung im ›Schwarzen Ferkel‹ machen. Na, Glück ab!«

»Gut Land!«

»He, Scanzoni!« Welker sprang auf und ging zur Tür. »Ueber die Leistung der Maschine . . .« – er legte den Finger an die Lippen – »Mund halten!«

Scanzoni nickte mit einem zwecklosen Lächeln und ging.

Hans Welker blieb mitten im Zimmer stehen, mit halboffnem Mund und spielenden Fingern. Er überlegte. Etwas Lauerndes, Sprungbereites lag in seinem Wesen und schuf eine abstoßende Karikatur aus ihm. Der Kopf hing scheinbar schlaff auf der Brust, als müßte er das Gesicht verbergen.

»Hören Sie mal, Homespun!«

Seeberger hüstelte. Er wußte, daß nun etwas kommen würde. Etwas für ihn. Pomadig rückte er sich in Positur, gleichsam, um den Auftrag mit der nötigen Würde entgegenzunehmen. Das Gesicht verschrumpfte, wie ein unreifer Apfel, und die Augen vergruben sich unter den verkniffenen Lidern.

»Ich brauche aber einen neuen Scheck!«

Welker hob für einen Augenblick den Kopf und schielte mit den Augen. »Sie wissen aber noch gar nicht, was ich . . .«

»Was denn? Wenn ich startbereit gemacht werde, brauche ich immer einen Scheck. Ohne Dauerbetriebsstoff ist doch bei mir nichts zu machen.«

Hans Welker lachte, oberflächlich und gezwungen. Es kostete ihn ordentlich Mühe, einen Ton dafür herauszufinden. Was der sich herausnahm!

»Machen Sie keine Witze, die Sache ist ernst! Wir müssen auf der Hut sein! Ich habe deutlich das Gefühl, daß wir bis zum Frühjahr die verlangten Maschinen 70 nicht schaffen können. Wenigstens nicht aus eigenen Versuchen heraus Ich weiß, was das für eine Arbeit ist.«

Leise und wie zu sich selbst:

»Wir müssen stehlen, wir müssen! Wer in der Fliegerei nicht stiehlt, bringt es zu nichts. Nur nicht überlegen!« Er lief in die Ecke und starrte auf das von der Decke hängende Einsitzermodell. »In Mailand ist Ende Oktober die große internationale Flugkonkurrenz. Da sind die besten englischen, französischen und amerikanischen Kisten. Verstehen Sie mich, Homespun? Ihnen sieht man den Deutschen nicht an. Setzen Sie sich möglichst rasch auf die Bahn und schaukeln Sie nach Mailand. Sichten Sie das Gelände! Ich schreibe Ihnen einen Scheck über zwanzigtausend Mark. Diesmal sparen Sie nicht! Ich versichere Ihnen, jeder Monteur ist zu bestechen! Ich komme in vierzehn Tagen nach. Meinem Einfluß ist noch keiner entgangen.« Die Falten traten wulstartig auf die Stirn. »Alles andere hilft nichts! Man muß . . . muß . . . na, verflucht!«

Erregt lief er zum Schreibtisch. »Machen Sie, daß Sie auf die Bahn kommen.«

»Na, ich werde wohl nicht zu springen brauchen. Nur keine Ueberstürzung! Habe ich Sie schon einmal im Stich gelassen? Ich wickle ganz Italien um den kleinen Finger, wenn es darauf ankommt. Wenn mich jemand beim Ehrgeiz kitzelt, dann garantiere ich Ihnen schon für die Zeichnungen, bevor einer von den Lazzaroni überhaupt nur ans Fliegen denkt. Vergessen Sie den Scheck nicht! Schreiben Sie gleich dreißigtausend, man kann nie wissen! Und ich will doch keiner sein, der auf der Wassersuppe geschwommen kommt.«

Hans Welker schrieb einen Scheck aus über dreißigtausend Mark, Kommission achtzehn, Handelsunkosten. War ja eine Kleinigkeit. »Vergessen Sie nicht, daß es einen heißen Endsport gibt! Um die lumpige Million ist's mir gar nicht zu tun. Aber die Bestellungen, die hinterher kommen, sind nicht zu verachten.«

71 Wie er darüber nachdachte, fiel ihm noch etwas ein. »Fahren Sie über Berlin! In Berlin sind die Behörden!«

Seeberger steckte den Scheck lässig in die Rocktasche und quälte sich gähnend in den Ueberzieher. An der Tür blieb er stehen. »Guten Abend, Herr Welker!«

Der hörte ihn gar nicht. Er hatte die Nase an die Fensterscheibe gedrückt und war in Gedanken schon in Mailand.

Kurt Seeberger hielt die Türklinke in der Hand und schielte nach dem Fenster. Ein windschiefes Lächeln zuckte ihm um den Mund. Wer ist von uns eigentlich der größte Gauner? überlegte er für sich. Dieser Vergleich machte ihm Spaß. Er dachte an den Scheck.

Mit einer schwungvollen, spöttisch-devoten Bewegung verließ er das Privatkontor Hans Welkers. – –

Das Telephon knarrte.

»Was ist los? – Wer? – – Er soll hereinkommen!«

Die Dämmerung schlich wie ein Raubtier ins Zimmer. Hans Welker zog die Vorhänge dicht und knipste die grüne Schreibtischlampe an.

Es klopfte. Furchtsam und zaghaft.

Robert Sanden blieb mit einer linkischen Verbeugung am Türpfosten stehen und rückte das süßliche Gesicht mit den rotglänzenden, feistfetten Backen zurecht. Er war Vorarbeiter bei Paul Welker draußen und nutzte diese Stellung aus, um dem reichen Bruder seines Brotherrn Spionagedienste zu leisten.

Langsam, mit plattfüßigem Gang kam er näher und kratzte sich mit den dicken Fingern in dem widerborstigen, semmelblondem Haar. Seine Hände waren schwammig und wenig abgearbeitet, mit kurzen, ungelenken Fingern. Der freundliche Ausdruck seines wohlgenährten Gesichtes mit den leeren, grauen Augen ohne Brauen mahnte zur Vorsicht.

Hans Welker schaute nicht auf und herrschte ihn an. »Was bringen Sie? Es wär' Zeit, daß Sie sich mal wieder sehen lassen! Wie?«

72 Sanden kroch wie eine Raupe in sich zusammen und blieb mit aufgestelltem Absatz stehen. »Verzeihen, Herr Direktor, aber etwas Wissenswertes war nicht . .«

»Ach was, Wissenswertes, Sie wissen, daß ich auf dem Laufenden bleiben will.«

»Wie Herr Direktor wünschen, gewiß, ganz wie Herr . .«

»Quasseln Sie nicht!«

Sanden schrumpfte noch mehr in sich zusammen und wurde immer freundlicher im Gesicht. Fratzenhaft freundlich. »Wenn ich den Herrn Direktor belästigen darf, hätte ich heute wieder etwas zu berichten, über den Bruder vom Herrn Direktor.«

Hans Welker horchte gespannt auf und rückte sich im Sessel zurecht. Das Kriechende, Ueberhöfliche und Hündisch-Untertänige dieses Menschen, der da vor ihm stand, erfüllte ihn mit einer gewissen Befriedigung. Er verlangte das von seinen Leuten. Wie die gepeitschten Hunde mußten sie vor ihm erscheinen. Vor allem auch war er für Lobpreisungen seiner Person sehr empfänglich, also, daß es einem heimtückischen Schmeichler ein Leichtes war, ihn für sich zu gewinnen.

»Na, was haben Sie denn auf dem Herzen?« fuhr er jetzt fast jovial fort und kam sich gleichsam als Wohltäter vor, als Großer, der hinabsteigt zum Volk und Herzen höher schlagen läßt durch interessierte Fragen und leere Erkundigungen.

Sanden machte schon wieder eine Verbeugung und flüsterte mit einer heiseren Stimme: »Der Herr Bruder, meine ich, glaube ich, denn ich habe das zufällig gesehen, konstruiert an einer Verbesserung für den Goero-Umlaufmotor.«

»Was macht er? Reden Sie deutlich! Was?«

Sanden kam noch näher zum Schreibtisch. Er stellte sich noch harmlos und unwissend. »Ich sage, Herr Direktor, er baut eine Verbesserung am Umlaufmotor, die großartig sein soll.« Er hob beide Hände und strich damit bedächtig durch die Luft.

73 Hans Welker schoß ein Gedanke durch den Kopf. Da hatte er doch nicht falsch gehört. Was in drei Teufels Namen heckte der nur alles aus! »Was wissen Sie darüber Näheres, Sanden?«

Sanden zuckte freundlich lächelnd mit den Achseln und stieß einige verlegene Töne zwischen den Lippen hervor. »Je, je, Herr Direktor, Näheres weiß ich noch nicht. Ich weiß nur . . .«

Welker bekam zwei kleine Schaumbläschen vor die Lippen. Er griff in die Tasche und warf Sanden einen Hundertmarkschein hin.

»O, bitte aber, Herr Direktor! Mir ist's doch nicht wegen dem Geld . . aber wie kann ich das überhaupt . . . also, ich weiß nur unbestimmt, er will was mit einem veränderlichen Hub probieren.«

Hans Welker schlug mit der Faust auf den Tisch. »Dacht' ich mir doch so etwas Aehnliches! Der bringt das fertig! Der grübelt das heraus. He! Sanden, das muß ich wissen, hören Sie mich! Sie verschaffen mir die Unterlagen!«

Sanden wurde immer höflicher und immer kriechender. Die grauen Aeuglein bekamen einen nassen Schein, und die feisten Backen fingen an, fettiger zu glänzen. »Je, je . . . Je freilich, wenn es mir möglich ist, der Herr Direktor wissen doch, daß ich . . .«

Wieder knarrte das Telephon.

»Ja? – Du bist's, Scanzoni! Na? – – so, so! Auf achttausend – – läßt Touren nach? – – Ist halt die alte Leier. – – So, gut, ich komme nachher rübergefahren – –! Das ist es ja, das ist es ja!« brüllte Hans Welker und stellte sich vor Sanden hin. »Hören Sie mal!« – er faßte ihn am Rockkragen – »wenn Sie einen Ton von dem weitererzählen, was Sie mir eben sagten, dann lasse ich Sie im See ersäufen wie eine räudige Katze! Hören Sie? Wie eine räudige Katze! Gehen Sie und halten Sie die Augen offen! Das soll Ihr Nachteil nicht sein!«

74 »Aber, je, je, . . . Natürlich! Wie das Grab schweige ich. Niemand, Herr Direktor! Der Herr Bruder haben auch wieder ein neues Spierenprofil.«

Hans Welker schob ihm noch einen Hundertmarkschein zu und drängte Robert Sanden zur Tür hinaus.

»Gehen Sie! Und bringen Sie mir morgen das Spierenprofil!«

Hans Welker setzte sich auf den Tisch und baumelte mit den Beinen. Wie ein Raubvogel ließ er die Augen sprühen, die knochigen Finger bogen sich. Seine Gedanken schnellten wieder zur Mailänder Flugwoche. Das war jetzt unter allen Umständen das Wichtigste, was es zu tun gab. Daran hing alles, der ganze Erfolg, auf den er zusteuerte unter Einsatz aller Mittel, die ihm zu Gebote standen. Fremde Firmen fürchtete er nicht, hatte er noch nie gefürchtet. Im Jagdtyp war er oben, daran sollte keiner zweifeln! Aber das Ausland war ihm über, und darum hieß es, auf den Erfolgen der Fremden weiterbauen. Das Gestohlene und Erlauschte geschickt verwerten. Das war das Mittel zum Erfolg und das Grundprinzip seiner Tätigkeit.

Diesem Grundprinzip, ob schmutzig oder nicht, mußte alles geopfert werden.

Sein Bruder! der kalte, versteinerte, verknöcherte Streber! Der lächerliche Sklave seines krankhaften Ehrgeizes!

Hans Welker warf beide Arme in die Luft. »Ich möchte mal den sehen, der mir in den Kram pfuschen will!« 75

 

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