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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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2.

Ich habe noch nie an einem Erfolg gezweifelt. Wie komme ich dazu, über die Möglichkeit einer falschen Entwicklung überhaupt nachzudenken? Es ist eine Inkonsequenz meiner selbst. Man wäre fast versucht, an ein Fiasko zu glauben. Zum wenigsten habe ich Witterung, daß etwas nicht ganz in der Ordnung ist.«

Hans Welker sprach es laut vor sich hin. Er stand am offenen Fenster seines Hotelzimmers und zählte die Sterne im Bilde der Andromeda. Als er seine eigene Stimme hörte, erschrak er und blickte sich forschend im Zimmer um. Es war doch niemand da, der ihn hören konnte! Dieses Halbdunkel, das die grünbeschirmte Schreibtischlampe in den großen Raum warf, war ihm unangenehm. Er knipste die Deckenbeleuchtung an und lief mit hängendem Kopf über den bunten Smyrnateppich. Die heutige Leistung der Hessenmaschine ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Es war eine elegante Kiste, nicht zu zweifeln. Sehr schnittig und dabei mit primitiven Mitteln gebaut. Ganz seine Manier, und das Luder stieg! Das Luder stieg!

Er setzte sich an den Schreibtisch und stützte den Kopf in die Hände. Irgendein Möbel knackte. Er fuhr in die Höhe. Was war denn? Himmeldonnerwetter! Wieder zog er die Barographenstreifen aus der Tasche.

Stimmengewirr von unten drang bis herauf zu ihm. Vom Büfett hörte man die Teller und Gläser klappern.

Der langgezogene Pfiff einer Lokomotive.

Hans Welker verfolgte genau die Kurven Die ersten viertausend Meter waren nicht zu zählen. Aber bei 34 fünf- bis sechstausend fing die Kurve gewöhnlich an, bucklig zu werden. Hier war nichts davon zu sehen. Sie verlief sauber und gleichmäßig, als wollte der bis in die Sterne steigen.

»Wenn ich nur die Tachographenstreifen hätte! Die Drehzahlen möchte ich wissen! Ich kann Ihnen nur sagen, wenn der Tachograph eine wagerechte Linie . . .«

Hans Welker glaubte schon wieder, ein Gegenüber zu haben, das ihm zuhörte. »Siebentausend, acht-, neuntausend, zehntausend in . . . na . . . fünfzehn, zwanzig, einundzwanzig und . . . zehntausend in siebenundzwanzigdreiviertel Minuten.«

Erregt sprang er auf. Mit eckigen Schritten lief er zum Fenster. »Ich muß doch diese Hessenmaschine schlagen!«

Unten spielten sie die abgedroschenen Walzer aus der »Lustigen Witwe«. Er pfiff mit den Geigen und flocht allerlei trillernde Variationen in die Melodien. War die schwarzgekleidete Milli nicht ungeheuer albern? Oder war sie unterhaltend? Er wußte es selbst nicht. Hatte sie ihm gar gefallen? Was hatte ihm denn an ihr gefallen? Dann dachte er plötzlich an die Dame am Nebentisch. Was wollte die Dame am Nebentisch . . .?

Horch! Eben hatte es geklopft.

Hans Welker schaute nach der Tür.

Unsinn. Nein, es klopfte.

Mit großen Schritten ging er zum Schreibtisch zurück. »Herein!«

Behutsam ging die Tür auf. Unerträglich lange dauerte das, bis sie offen war. Paul Welker trat langsam und schwerfällig ins Zimmer.

»Guten Abend, Hans! Entschuldige, wenn ich dich so spät störe. Ich wollte dir . . . eigentlich . . . nur Guten Tag sagen!«

Das kam langsam heraus, leiernd und im gleichen Tonfall. Es schien, als müsse jedes Wort erst mühsam gebildet werden.

Paul Welker stand mitten im Zimmer. Er war von mehr Ebenmaß in der Gestalt als sein Bruder. Das 35 glattrasierte Gesicht mit der hohen Stirn, der leichtgebogenen Nase und den unmännlich fein geschwungenen Lippen war fast starr und verriet nicht den leisesten Seelenvorgang. Die dunkeln Augen lagen tief und von schwarzen Schatten umhüllt. Die Kleidung war von vornehmer Eleganz. Dunkler Anzug mit niederem Kragen und einer silbergrauen, einfarbigen Krawatte.

Langsam und schlotternd ging er auf den Schreibtisch zu, mit hängenden Armen und etwas eingesunkenen Knien.

»Du bist wohl erstaunt, mich so unverhofft . . .«

»Das bin ich allerdings,« sprach Hans Welker und streckte ihm maschinenmäßig die Hand hin. Dabei schaute er ihn nicht an. Das brachte er nicht über sich. Wie eine Furcht überkam es ihn; Hans Welker konnte niemand längere Zeit ansehen. Vor seines Bruders Augen aber hatte er eine unüberwindliche Scheu, wie vor einem allzu grellen Licht. In diesem Blick lag etwas Fragendes, Forschendes, als wollte er bis ins Innerste dringen.

»Wie kommst du eigentlich nach Baden-Baden? Ich dachte, du bist zu Hause. Wenigstens sagtest du mir nichts.«

»Ich muß dir doch nicht alles verraten, und wenn eine große Flugkonkurrenz ist, wirst du mir wohl erlauben, daß ich mich beteilige.«

Paul Welker fuhr sich mit der Hand durch die losen, nach rückwärts gekämmten Haare. Keine Bewegung kam über sein Gesicht. Ein Wort nach dem andern förderte er langsam und ohne Betonung über die Lippen.

Warum spricht er nur so komisch, dachte Hans Welker.

»Du scherzest, Paul! Wie willst du dich beteiligen? Seit wann willst du hier mitwirken? Du gestattest dir im Augenblick eine kleine Komödie!«

Paul Welker setzte sich umständlich in einen Ledersessel. Ein kaum merkliches Zucken ging über seine Augenlider. Langsam schweifte der Blick über den Schreibtisch. Wie ein Scheinwerfer. Plötzlich erhob er sich wieder. Eine kleine Falte schlich sich aus dem linken 36 Mundwinkel. Mit einer bestimmten Armbewegung griff er nach den Papieren, die vor Hans Welker lagen.

»Wie kommt mein Barographenstreifen in deine Hand?«

»Aber erlaube mal!« rief Hans Welker und griff danach. »Das ist das heutige Höhenbarogramm der Hessenmaschine.«

»Weiß ich! Weiß ich!«

Er stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch. »Aber die Hessenmaschine ist meine Maschine, und ich habe sie heute geflogen.«

Hans Welker schnellte empor.

»Das lügst du! Wie kämst du dazu, ist ja . . .!«

Er lachte aufgeregt und fletschte die vorstehenden Zähne.

»Lache nicht und laß dir's erklären. Ich habe die Maschine konstruiert und an die Hessischen Flugzeugwerke verkauft. Ich habe sie auch auf dem dortigen Flugplatz eingeflogen und glaube sicher, heute einen deutschen Rekord aufgestellt zu haben.«

Eine innere Erregung ging durch Hans Welker. Er beherrschte sich nur mit großer Anstrengung. Nur nicht verblüffen lassen! Pah! Nur nichts verraten, was innen vorgeht! Hans Welker bog die Finger und setzte sich lächelnd auf die Schreibtischecke. Das war ja unerhört!

»Sage mal, Paul, warum bist du eigentlich so unehrlich zu mir? Ja, ja! Warum verbohrst du dich in deine kranken Ideen? Es ist ja doch recht töricht!«

Und er dachte: Er will mich klein kriegen. Er will über mich triumphieren, der ewige Grübler, der Phantast. Der verfluchte Sklave seiner despotischen Theorien! Zehntausend in einundzwanzigdreiviertel Minuten. Das wäre das erstemal, daß er mich klein sieht.

Paul Welker antwortete sachlich: »Du kannst wohl nicht verlangen, daß ich als dein Angestellter, dein Tagelöhner arbeite, was? Das habe ich dir schon tausendmal gesagt. Du hast das Geld und eine Fabrik mit 37 zweitausend Arbeitern, da kannst du dir die großen Töne erlauben. Was? Ich bei dir schaffen! Schuften und die Nächte um die Ohren schlagen, und du steckst den Ruhm und das Geld ein?«

»Aber was ist das für ein einfältiges Gerede! Habe ich dir nicht die glänzendsten Posten angeboten, habe ich dir nicht . . .«

Sein Bruder hatte die Hessenmaschine – das war ja . . .!

Hans Welker schaute seinen Bruder flüchtig an. Schon diese Augen! Diese Grübleraugen! Das hatte er mit Absicht gemacht. Da wollte er ihn packen. Hans Welker fuhr sich mit der Zunge blitzschnell über die trockenen Lippen und rief laut:

»Warum bist du ein solcher Intrigant? Glaubst du denn je, mich schlagen zu können, he? Worüber du dir das Gehirn zergrübelst und zermarterst, worüber du Stöße Papier verrechnest und verschmierst, das mache ich im Handumdrehen aus dem Gefühl heraus! Wie? Habe ich nicht recht? Ist das bis jetzt nicht immer so gewesen? Wer hat denn die Erfolge gehabt? Du oder ich? Ich habe eine große Fabrik, die monatlich zweihundertfünfzig Flugzeuge liefert, und du? Eine Bretterbude hast du. Vollgestopft mit deiner Theorie! Hast du denn je einen Erfolg gehabt?«

Paul Welker stand unbeweglich. Sein Inneres war in lodernder Erregung und hastig-nervös, aber nach außen von einer absichtlich verzögernden, schleichenden Ruhe. Die Nervenspannung saß bei ihm tiefer, wohlverborgen und mit unheimlicher Willenskraft unterdrückt.

Er machte eine langsam-theatralische Bewegung mit der flachen Hand.

»Deine Erfolge? Du hast dir deine Erfolge bis jetzt alle gestohlen! Ausspioniert! Bestechung! Du bist ein geschickter Nachahmer, aber kein Schöpfer, und Glück hast du, dafür kannst du nichts. Zu diesem Glück stiehlst du dir fremdes Eigentum! Widersprich doch nicht! Wo hast du denn nur schon wieder mein Barogramm von 38 heute her? Du bist ein gefährlicher Spion! Ein Dieb bist du!«

»Auf das Wie kommt es heutzutage gar nicht mehr an. Die Hauptsache ist und bleibt, daß man zur rechten Zeit an der rechten Stelle steht. Wo man seine Ideen und Pläne und Konstruktionen her hat, danach fragt kein Mensch. Aber dein krankhafter Ehrgeiz bringt dich noch auf den Hund! Er ruiniert dich wie eine fressende Krankheit!«

»Das Wie? Leider hast du recht, sonst wärst du auch nie geworden, was du bist.«

Paul Welker zündete sich eine Zigarette an und zog den Rauch in die Lunge. Dann stieß er ihn langsam durch die Nase aus. Hans beobachtete ihn forschend aus den Augenwinkeln.

»Glaube ja nicht, daß du triumphieren kannst. Glaube das nicht, mein lieber Bruder! Noch bin ich nicht geflogen!«

Er ging auf Paul zu, ganz nahe, legte ihm die Hand auf die Achsel und sprach langsam und mit seinem ewigen Lächeln:

»Noch bin ich nicht geflogen!«

Ein verhaltener Glanz brach aus Paul Welkers Augen. Er schluckte. Ohne Ueberleitung sprach er: »Ich muß gehen! Das alles ist sinnlos!«

Mit schlenkernden Beinen und hängenden Armen ging er zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um.

Was wollte er denn noch sagen?

Sie blickten einander in die Augen.

Da schloß Paul Welker hinter sich die Tür. 39

 

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