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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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24.

Schon die ersten drei Tage der Johannisthaler Großen Woche standen im Zeichen ungeahnter Ueberraschungen. Die Typen mit größerem Aktionsradius hatten das Ausland glatt besiegt. Im modernen Großflugzeug ging eine Berliner Firma als Siegerin hervor. Der Doppeldecker G 27 mit zwei doppelgekühlten Sechszylinder-Standmotoren von zusammen 1200 Bremspferden hatte die Gipfelhöhe von 8200 Metern bei voller Belastung in 34¼ Minuten erreicht. Das Ausland war damit um über sechs Minuten geschlagen.

Eine erstaunliche Leistung war auch von dem Riesenflugzeug einer Friedrichshagener Firma erzielt worden. Es war das größte und leistungsfähigste Flugzeug der Welt, ein Ungetüm von gewaltigen Dimensionen, mit mehr als 25 000 Pferdestärken und einem maximalen Gesamtpropellerzug von nahezu 40 000 Kilogramm. Es war imstande, für 60 Stunden Brennstoff an Bord zu nehmen, was rund etwa 500 000 Litern Benzin entspricht.

Für den 16. März waren die Jagdeinsitzer zum Start festgesetzt. Im ganzen konkurrierten zwölf Maschinen. Dieser Tag brachte den größten Wettumsatz. Auf Hans Welker waren fabelhafte Summen gesetzt.

Am 15. März, abends gegen Sieben war es zwischen Hans Welker und Herta Land im Hotel »Johannisthaler Hof« zu einer Auseinandersetzung gekommen. Sie hatte erfahren, daß er auf unerklärliche Weise sich die neue Sauerstoffregulierung, die Erfindung, auf die Paul 237 Welker alle Hoffnungen setzte, verschafft und bereits in seinen Motor eingebaut hatte. Ueber die Tatsache, daß Paul Welker den gleichen Typ brachte wie er, hatte er sich nach einer kurzen Ueberraschung mit einem spöttischen Achselzucken hinweggesetzt.

An diesem Abend brach auch bei den kleinen Schuppen, dort wo die Jagdmaschinen standen, ein Benzinbrand aus. Durch die Unvorsichtigkeit eines Monteurs gab es einen Vergaserrückschlagbrand, der ein Flugzeug zerstörte und auch auf die Holzschuppen übergriff. Die Feuerwehr war sofort zur Stelle. Die gefährdeten Flugzeuge wurden herausgeholt und das örtliche Feuer mit wenig Mühe gelöscht. Unter den Flugzeugen, die ins Freie gebracht wurden, befanden sich auch die beiden grüngestrichenen Jagdmaschinen von Hans und Paul Welker. Um zehn Uhr bereits waren alle Maschinen wieder in den Schuppen untergebracht.

Die Rheinischen Flugzeugwerke, deren Maschine verbrannt war, mußten von der Konkurrenz zurücktreten. –

Der sechzehnte März.

So weit es sich ermöglichen ließ, war das Publikum zugelassen.

In dichten Scharen, drängend, stoßend und schimpfend zwängte sich der Strom der Zuschauer durch die engen Eingangsschranken nach dem riesigen Flugplatz.

Um sechs Uhr früh schon mußten die Zugänge gesperrt werden. Tausendköpfig fluteten die Menschenmengen um den abgesperrten Startplatz. Wie gestaute Wassermassen wirbelten und quirlten sie durcheinander, stießen sich gegenseitig an, rannten zusammen, schoben sich nach vorn, wurden zeitweise buchstäblich in die Höhe gehoben und wieder zurückgeworfen, verloren Hüte und Schirme, zerdrückten Eßkörbe und Photographenapparate und kämpften wie die Löwen um einen eroberten Platz.

Die Flaggen wehten. Hunderte von Flaggen. Farbenprangend in der kalten Märzsonne, die über dem nebligen Häusermeer von Berlin emporstieg.

238 Um sieben Uhr zog die erste Musik auf den Platz. Das Blech dröhnte. Unter dem Jubel des Publikums marschierten sie nach der Tribüne. Sie bliesen die rot verfrorenen Backen auf und preßten die Vollkraft ihrer Lungen in die funkelnden Blechtrichter.

Der leichte Frühjahrswind schlug in die Fahnen.

Die ersten Automobile kamen. Mit ihrem heiseren Hupen fuhren sie durch das breite Eingangstor.

Immer mehr Wagen kamen. Benzingeruch schwängerte die Luft.

Es wurde lebendig auf dem großen, abgesperrten Platz. Schon öffneten sich die Schiebetore der Holzschuppen und die Maschinen wurden zum Start gerollt.

Um siebeneinhalb Uhr standen zwölf Jagdmaschinen startbereit. Vereinzelt liefen schon die Propeller. Man ließ die Motoren warm laufen.

Es waren fünf Eindecker darunter. Zwei Stahlmaschinen, zwei mit Leinwandbespannung und eine Maschine vollständig mit 0,8 Millimeter Sperrholzbeplankung. Sie standen in einer Reihe, schlank und geschmeidig wie die Seeadler, und sämtlich ohne äußere Verspannung.

Daneben kamen vier Doppeldecker.

Eine Stahlmaschine von groteskem Aussehen, tiefschwarz und mit riesigen roten Glotzaugen zu beiden Seiten der Motorhaube. Es folgten zwei leuchtend grün gestrichene, verspannungslose Maschinen mit einem Rumpfanschlußkabel und einer doppelten Quersteuerung. Es war ein Kuriosum, denn beide Maschinen glichen einander wie ein Ei dem andern. Ein Doppeldecker mit hochpolierter Sperrholzbeplankung stand daneben, vornehm im Bau wie ein Aristokrat.

Den Schluß bildeten zwei Dreidecker und ein Fünfdecker mit verstellbaren Zellen.

Sämtliche Maschinen hatten Umlaufmotoren. Glitzernd standen sie in der roten Sonne wie die muskelstrotzenden Kämpfer vorm Turnier.

239 Die Monteure liefen herum, prüften Steuer, Hähne und Leitungen und beobachteten einander mit argwöhnischen Blicken. In der Fliegerei hat oft der Monteur mehr kranken Ehrgeiz als der Pilot.

Die grünen Maschinen waren die Favoriten. Das wußte man schon. Es hatte sich längst herumgesprochen. Zehntausend in 21½ hatte man gehört. Munkeln gehört. Da war nicht gegen anzukommen. Das war unmöglich. Aber man durfte nicht die Flinte ins Korn werfen. Hans Welker konnte auch mal Pech haben. Die Besten haben sich schon die Knochen gebrochen, lehrt die Geschichte der Fliegerei. Also dieser dürre, hagere, maßlos eingebildete Mensch konnte doch auch mal vom Teufel geholt werden. Zeit wäre es, weiß Gott, gewesen, denn er hatte jetzt lange genug die ganze Flugzeugindustrie tyrannisiert. Einmal hascht es jeden, zum Himmel . . .!

Da kam er. Hans Welker.

Man kannte schon die Hupe. Mit seinem hundertpferdigen Wagen erschien er am Start. Die Monteure und Startmannschaften sprangen bei und öffneten den Wagenschlag. Kurt Seeberger und der Graf Scanzoni stiegen mit aus, streckten die Arme und gähnten.

Auto folgte auf Auto.

Die Direktoren der einzelnen Flugzeugfabriken sprangen heraus mit nervösen Gesichtern und unruhigen Bewegungen. Sie begrüßten einander liebenswürdig und mit schändlicher Freundlichkeit. Sie stellten Fragen, lauernde Fragen, versuchten dabei einander die Würmer aus der Nase zu ziehen, putzten die geröteten Nasen im Gesicht und lachten breit wie die biederen Bürgersleute. Sie streckten die gemästeten Bäuche vor und rochen noch vom Vorabend her nach säuerlichem Wein, schlugen einander kollegial auf die Schultern und begrölten einen Börsenwitz. Traten heimlich und unauffällig zur Seite und sprachen mit ihren Piloten, die im Dreß vor ihren Maschinen herumlungerten. Besichtigten gegenseitig mit alter Kennermiene ihre neuen Kisten und zogen allerlei 240 Vergangenes ans Tageslicht. »Flächenbruch wegen schwacher Holmkonstruktion, wissen Sie noch, Herr Direktor, bei Ihrer damaligen Maschine?« Ja, Ja! War ja alles nicht so schlimm. »Hauptsache bleibt doch Pinke, Pinke! Wat?«

Hans Welker trat unter sie. Er verschanzte sich hinter seinem Lachen und hörte zu, was sie sprachen. Vergrub die Hände in die Breeches und hing den Kopf auf die Brust.

Seeberger stand mitten in einem Strudel von Zeitungsreportern und hielt einen imposanten Vortrag, in dem er sich vor Eifer mehrmals selbst widersprach. Er schwindelte aus früheren Zeiten, pries sich selbst über den Schellenkönig und erregte wahre Stürme an Heiterkeit. Ein fast veilchenblauer Anzug mit breitem Streifenmuster hing an seinem Körper. Darüber schlotterte der unvermeidliche Homespun. Neue amerikanische Stiefel, glanzgelb und vorgekappt, wie sie einem Kavalier zukommen, und bräunlichgelbe Seidenstrümpfe. Die kugeligen Augen waren unnatürlich weit vorgequollen, und der Säbelschmiß schien entzündet, so rot lief er über das Gesicht. Seine rauhe Stimme schnarrte über den gluckernden Klang der mit Spätzündung laufenden gedrosselten Motoren.

Seeberger machte Reklame bis zum letzten Augenblick. Ein wahrer Weihrauchschwall von Lobsprüchen strömte von ihm aus und infizierte seine Umgebung. Sie kritzelten in ihre Notizbücher, machten lange und überraschte Gesichter, freuten sich herzlich über sein originelles Hanswurstwesen und nahmen ihn gern und mit Wohlgefallen, so wie man einen guten Schauspieler nimmt. Der Graf Scanzoni stand dabei, hatte die Knie etwas vorgedrückt und rundete eigenartig schmunzelnd die wulstartigen Lippen. Die schiefachsigen Augen waren ins Starre gerichtet.

Die Kapelle setzte ein mit einer schmetternden Fanfarenweise. Die Fahnen schienen sich stärker zu blähen und 241 flossen in geschmeidigen Wellen durch die Luft. Die Reichsregierung kam in zehn Wagen auf den Platz gebraust.

Die Motoren liefen rascher. Alles sprang durcheinander, hastig, erregt und voll gespanntester Erwartung.

Photographen und Filmoperateure mit ihren versiegelten Flimmerkasten stolperten schwitzend über den Rasen. Sie balgten sich um einen günstigen Platz, schimpften und kurbelten, wischten sich den Schweiß von der Stirn und kurbelten, ließen sich anbrüllen und kurbelten, zitterten in den Knien vor Erschöpfung, stießen die Luft durch Nase und Mund und kurbelten. Wie die Besessenen.

Paul Welker kam mit Herta Land aus seinem Schuppen. Langsam ging er und schwerfällig, mit eingesunkenen Knien und müde hängenden Armen. Die Augen schienen noch größer geworden und lagen tief in der Stirn. Er schaute gedankenlos auf den Boden und zählte die Schritte. Herta ging an seiner Seite, im Fliegerdreß. Sie hielt den Kopf aufrecht in den Nacken geschoben und musterte mit etwas zusammengekniffenen Augen die Maschinen.

Ein Trompetenstoß.

Das Startkomitee verloste die Nummern.

Hans Welker zog als erster die Startnummer elf und Paul Welker zog als letzter die Nummer zwölf. Da immer zwei zusammen starteten, so wollte es hier der Zufall, daß die beiden Brüder zu gleicher Zeit zum Endkampfe antraten. Man war allgemein überrascht und die Spannung saß in allen Gesichtern.

Die Musik setzte ein. Eine Riesenfestfreude lag über dem Platz. Offiziere und Zivilflieger schritten plaudernd zu den Maschinen. Alte Freunde trafen sich, Bekannte und Kampfgenossen aus dem größten aller Kriege. Leuchtende Erinnerungen rauschten hervor aus dem Klang der Propeller, und manch versunkenes Bild von düsterer Schwere trat hier in die junge Märzsonne.

242 Von Mund zu Mund ging es im Publikum. Wie eine angebrannte Zündschnur zuckte es durch die ganze Menge:

Hans Welker startet mit seinem Bruder. Sie haben die gleichen Maschinen! Wer wird siegen?

Wer??!

Hans Welker wird gewinnen! Hans Welker ist noch nie besiegt worden. Hans Welker ist der größte Flieger.

Wer wird siegen?!

Wer??!

Die Wetten häuften sich geradezu lächerlich auf Hans Welker. Ein Outsidersieg würde eine riesenhafte Quote bringen. Ein reicher Mann konnte man werden, wenn ein Außenseiter das Rennen machte.

Es war fabelhaft.

Unruhig, wie kochendes Wasser flutete das Volk durcheinander. Sie erregten sich, bekamen Streit, beschimpften sich und verteidigten ihre Meinungen bis aufs Messer.

Die schwarze Stahlmaschine. Mit den großen Augen!

Unsinn! Hans Welker ist nie geschlagen worden.

Von den Türmen schlug es acht Uhr. Die ersten Maschinen lagen im Start.

Der Fünfdecker mit der schwarzen Stahlmaschine.

Es war ein Schwung, eine Eleganz.

Das Publikum schrie.

Die Kinooperateure! Die armen Kinooperateure! Einer mußte schon von der Lazarettmannschaft vom Platz getragen werden. Er hatte einen leeren Magen und einen gefüllten Filmkasten. Mit den Armen schlug er um sich. Nun verpaßte er ja die Hauptsache.

Der Lärm wuchs. Alle Piloten gaben Vollgas und prüften zum letzten Male die Tourenzahl ihrer Motoren.

Tausende von Köpfen hatten sich nach hinten geworfen. Der Reichspräsident hatte den Feldstecher erhoben. Sie hielten die Hände über die Augen und schauten den Flugzeugen nach.

243 Beide Maschinen stiegen geradeaus, gegen den Wind.

Immer kleiner wurden sie und schattenhafter. Nun waren sie strichartig. Dann hörte man nur noch das Rollen der Propeller.

Hauptmann Berthold hinkte mit einem alten Regimentskameraden über den Platz und erzählte von seinen ersten Flügen. Im Jahre 1915 noch, da hatten sie, wenn es hoch ging, 3000 Meter in 35 Minuten geschafft, und das war um diese Zeit noch eine Leistung.

Die beiden Direktoren, deren Maschinen gestartet waren, standen beisammen und erzählten harmlose Begebenheiten. Ein plattes Abenteuer im D-Zug. Aber das Fieber der Erregung schlug aus allen Bewegungen, ab und zu schauten sie gedankenvoll in den blauen Himmel und suchten nach etwas, das noch gar nicht zu sehen war. Vor einer halben Stunde konnten sie nicht zurück sein.

Hans Welker lächelte.

In Abständen von zehn Minuten folgten die Doppelstarts. Herta Land stand mit Paul Welker abseits. Man beobachtete sie wenig.

Wer war dieser Paul Welker? Wer war diese schlanke Gestalt? Man kannte sie nicht. Ganz entfernt vielleicht, vom Hörensagen.

Es wurde nun geflüstert und gemutmaßt. Wegen der grünen Maschine. Wie kam es, daß er den gleichen Typ flog?

Wenn eine von den Maschinen siegte, dann war es selbstverständlich Hans Welker! Warum sich also um die beiden andern kümmern! Das war höchstens . . . na ja! Die Direktoren schmunzelten. Sie beklopften sich die Seiten und schielten nach Herta Land. Pikant . . . pik . . . Gott ja!

Hans Wecker stülpte die braune Lederkappe über und schob die Brille über die Stirn. Langsam und mit lächelnder Gleichgültigkeit stieg er in die Maschine und ließ sich festschnallen.

244 Hans Welker flog selbst. Der Mann mit den Millionen flog selbst. Und hätte es doch gar nicht nötig gehabt. Schon diese Tatsache gab ihm einen Vorsprung, der nie einzuholen war. Schon seine schlanke Fliegergestalt, die ungeheure Siegesgewißheit in Mienenspiel und Bewegung waren eine Bombenreklame.

Die Direktoren schüttelten die Köpfe und kratzten sich an den Backen. Nun, da sie sahen, wie Hans Welker im Führersitz saß, kroch ihnen die Angst in die Augen. Ja, ja, es war sicher, der Mann würde sie alle schlagen.

Scanzoni kletterte in den Beobachtersitz. Mit der ganzen Lässigkeit und Lebenssattheit seiner phlegmatischen Bewegungen . . .

Acht Maschinen waren bereits gestartet.

Die ersten kamen zurück.

Brausende Rufe schallten über den Platz.

Die Musik setzte ein.

Die Nummern neun und zehn starteten.

Die ersten Ergebnisse stiegen am Signalmast hoch.

Kampfeindecker E 27 der X . . . . . 10 000: 26¾.

Kampffünfdecker M 16 der Y . . . . . . 10 000: 32¼.

Die beiden Brüder rollten zum Start.

Hans Welker las die Zeiten und lächelte. Das Publikum johlte. Denn die beiden Brüder rollten zum Start.

Hunderte von Photographenapparaten hoben sich. Denn die beiden Brüder rollten zum Start.

Die Filmoperateure rasten.

Seeberger stand bei den Reportern und schrie wie ein Jahrmarktsbudenbesitzer.

Eine dumpfe Spannung lag über dem ganzen Platz, als die beiden Maschinen gegen den Wind gedreht wurden.

Paul Welker prüfte die Steuer. Ein wahrer Rausch hatte ihn erfaßt. Er biß die Zähne in die Unterlippe und blickte starr vor sich hin. Fern, meilenfern sah er ein Bild. Das Abschiednehmen. Fort mit dem Licht! Alles Nachtwandlerische will ich hassen. Der große Tag!

245 Hinten saß Herta Land und hielt das Hilfssteuer. Acht Uhr achtundvierzig. Es flimmerte ihr vor den Augen. Sie sah immerfort das Kabel. Immerfort sah sie dieses Kabel.

Sie rang nach Luft und . . . .

»Frei!!«

Wer rief? Immerfort sah sie dieses . . . .

»Frei!!«

Die beiden Brüder gaben Vollgas.

Das war ein atemraubender, ausgesuchter Start. Elegant, geschmeidig und formvollendet. Von solch weichem ästhetischem Schwung, daß alten Fachleuten die Tränen in die Augen kamen. So wunderbar fein stiegen diese beiden Maschinen in den leuchtenden Morgen.

Es war plötzlich ganz still geworden. Keine Propeller liefen mehr. Die Musik schwieg. Man hörte nur den sonoren Klang der beiden Welker-Maschinen. Alle hoben die Köpfe und schauten den grünen Vögeln nach. Feinschnittig glitzerten sie in der Sonne.

Dann bog die eine Maschine mehr nach rechts. Sie kamen scheinbar etwas auseinander.

Wieder fing man an zu vermuten, zu streiten.

Einige behaupteten, Paul Welker sei schon höher. Das war natürlich gar nicht festzustellen. Aber die Behauptung stieß auf spontanen Widerspruch. Nie ist Hans Welker geschlagen worden. Hans Welker macht das Rennen.

Drei Maschinen kamen zurück.

Einer landete im steilen Gleitflug mit abgestellter Zündung. Er hatte kurz vor der Höhe einen Knaller gehabt. Wahrscheinlich Pleuelstangenbruch.

Die beste Zeit hatte bis jetzt der Doppeldecker mit Sperrholzbeplankung gehabt.

Der technische Prüfungsausschuß stellte fest: 10 000: 24¼. Die Zeiten schwankten von 25 bis 38 Minuten.

Kurt Seeberger stand immer noch unter den Reportern. Er verschrumpfte das Gesicht, ließ die kugeligen 246 Augen hervorquellen und predigte den Triumph Hans Welkers. Man bestürmte ihn mit Fragen wegen der beiden Maschinen, und er gab geheimnisvolle Antworten. Prophezeite fabelhafte Leistungen und erzählte zwischendurch ein Erlebnis aus Arkansas, in dessen Verlauf eine regelrechte Messerstecherei vorgekommen war. Man mußte diese Leute zur Abwechslung ein bißchen erheitern. Nicht wahr, Herr Doktor!

Einige Maschinen wurden schon wieder in die Schuppen gerollt. Ihre Besitzer kauten an den Fingernägeln und suchten ihre Enttäuschung geschickt oder ungeschickt zu verbergen. Daran war nichts zu ändern. Es konnte nur einer Sieger bleiben.

Einige brachen in polterndes Gelächter aus. Seeberger hatte einen schweinischen Witz gemacht. Anschließend sprach er vom Grafen Scanzoni und hüllte ihn in mystische Schleier.

»Der Mann hat es längst nicht mehr nötig, zu fliegen. Er fliegt nur, um den Tod zu foppen. Er ist im Gotthard-Tunnel auf die Welt gekommen und hat eine silberne Hirnschale!«

Seeberger schob den Kopf nach vorn, wie ein Huhn, das einen zu großen Bissen verschluckt hat.

»Wetten, meine Herren! Wetten?! Hans Welker schmeißt das Rennen?!«

Eine Spannung lag über dem Publikum. Gleich einer drückenden Schwüle.

Man fühlte, daß sich etwas ereignen würden

Das lag in der Luft. – –

Es war das Seltsame: Hans Welker fehlte heute das unbedingte Feingefühl, mit dem er sonst die Ruder abtastete. Er mußte gegen ein Atom von Unsicherheit ankämpfen. Scanzoni stellte das fest, und einmal korrigierte er sogar das Höhensteuer, als Hans Welker zweifelsohne die Maschine überzogen hatte. Das machte den Grafen stutzig. Aber Hans Welker verlor nicht einen Augenblick das Selbstbewußtsein und war von seinem 247 Sieg felsenfest überzeugt. Als der Graf die Maschine instinktiv etwas gedrückt hatte, da war ein verächtliches Lächeln aus seinen Mundwinkeln geschlüpft.

Da flog sein Bruder neben ihm. In dieser giftgrünen Kiste. Diesmal war es kein Trugbild. Diesmal war es Wahrheit. Sie führten hier den erbitterten Endkampf.

Gleichzeitig stiegen die Maschinen. Es war ein seltsamer Anblick.

Paul Welker saß vornübergelegt und starrte auf den Tourenzähler.

Er fühlte eine unendliche Mattigkeit. Nun, wo es aufs letzte ging, war er müde. Trostlos und abgespannt. Etwas fraß in seinem Innern, wie eine zehrende Krankheit, ein ekler Widerwille stieg hoch, den er nicht überwinden konnte. Es war, als ob ihm die Nacht fehlte und das verträumte Dunkel.

Langsam drehte er den Kopf.

Zwei feine weiße Wolken strichen über den Himmel. Er stieg hinein und ihm war, als müßte er die Augen schließen. So müde und so steuerlos.

Dort flog sein Bruder. Heute waren sie einander gleich. Fletschte er nicht die Zähne? Warum tat er so bescheiden? Warum flog er ihm nicht vor der Nase davon? Warum? Haha! Weil er nicht konnte.

»Weil er nicht kann!« schrie Paul Welker in das Dröhnen seines Motors.

Herta Land saß am Steuer.

Papperlapapp, da gab es keine Einwände. Sie flog mit einem bis ins feinste differenzierten Gefühl. Kaum merklich zog sie die Maschine. Er hätte das nicht getan, nein, er hätte das nicht gefühlt. Das war es ja! Dieser unendlich kleine, unerklärliche Unterschied, dieses Ahnen. Dieses fliegerische Wittern, das Atmen mit der Maschine. Das besaß Herta Land. Das besaß sein Bruder. Eine Wolke. Eine langgedehnte, formenreiche Wolke.

248 Sechstausend Meter. Sauerstofflaschen. – –

Hans Welker tauchte in die Wolke.

Wieder verlor er einige Sekunden.

Der Graf rollte die Augen. Was, zum Donnerwetter waren das für Narrenspossen! Er überzog die Maschine. Sie stieg nicht, sie schob.

Der Graf drückte. Unwillig.

Hans Welker lächelte und griff nach der Sauerstoffflasche.

Sie kamen aus der Wolke. Die Erde war verschwunden. Ein flutendes Wolkenmeer mit tiefen Schlagschatten.

Fern glänzte der Horizont. Wie eine riesige Rampenbeleuchtung

Warum denn immer diese Beleuchtung! Dieses Theaterspielen!

Dem Unendlichen komme ich um kein Jota näher.

Ist doch nur Berechnung! Nur Geldsache.

Hans Welker regulierte den Sauerstoff. Ueber einen kleinen Leistungsabfall seines Motors kam er nicht hinweg. Er drehte die Schraube zum Reduzierventil.

Der Graf fließ ihn kräftig in den Rücken und deutete mit dem Arm nach oben.

Hans Welker zuckte zusammen.

Wahrhaftig, sein Bruder war über ihm.

Tod und Teufel!!

Herta Land sah es. Paul Welker sah es. Das Unfaßbare, das Unmögliche. Mindestens hundert Meter waren sie höher.

Der Hagere, der Schmächtige, der Mann mit den Krallenhänden und den gelben Zähnen war unter ihnen.

Achttausendvierhundert Meter.

Was habe ich gemacht? durchfuhr es Herta Land. Ist es Wahrheit, was ich tat? Nein, nein, es ist ein Traum! Himmel und Hölle, sagt mir, daß es ein Traum ist.

Paul Welker sah in die Tiefe.

249 Rotbeleuchtete Wolken brodelten durcheinander. Rings um ihn Feuer und geschmolzenes Erz. Unter ihm sein Bruder.

Das ganze Leben durchjagte er in diesen Minuten. Alles zog vorüber in schwindelnder Eile, seine Träume und Kämpfe, seine Jugend, seine Liebe und sein Haß.

Alles stürmte auf ihn ein und leuchtete in augenblendenden Farben.

Neuntausend Meter.

Er fühlte nicht die Kälte.

Gesang! Gesang! – –

Hans Welker suchte nach einem Ausweg. Das war doch nicht möglich. Da spielte ihm jemand einen albernen Streich. Er blieb kalt und überlegte. Einen Ausweg!

Der verdarb ihm den ganzen Rummel. Mit der eigenen Maschine. Und er hatte darüber gelacht. Darüber gespottet. Jetzt bekam er ja eine bittere Wahrheit zu schmecken.

Es war nicht möglich, es konnte nicht sein!

Hans Welker ist nie besiegt worden, hörte er den Homespun rufen. Wer wagte ihm denn diesen Schabernack zu spielen! Es war nicht möglich, nein. Ganz kalt blieb er und überlegte.

Einen Ausweg!

Ob es was hilft, wenn ich bete?. – – Ganz kalt überlegte er das.

Gab es sonst nichts mehr? Sollte er wirklich beten?

Es war nicht möglich, er wußte es ganz bestimmt. –

Neuntausendachthundert Meter!

Paul Welker erlebte den größten Augenblick seines Lebens.

Paul Welker erlebte den großen Tag. Hier in dieser Höhe.

Das Volk jauchzte ihm zu. Hoch! Hoch! Paul Welker! Sie warfen ihn mit Blumen. Kränze kamen, Riesenlorbeerkränze!

250 Das Volk hob ihn hoch. Die Fahnen rauschten im Wind. Sie trugen ihn auf den Händen. Der Triumph! Albernes Volk. Ha! Ha! Ha! Ha! Er wollte sich wehren gegen den Ansturm des Volkes.

Herta Land sah immerfort das Kabel. Entsetzlich wurde das. Die Kehle war ihr zugeschnürt.

Mit einem Schlag wußte sie es. Als ob ihr das jemand laut zugeschrien hätte!

So war es. Der Sieg war zugleich das Ende.

Sie hatte das eigene Kabel durchgefeilt in der vergangenen Nacht. Durch den kleinen Brand waren später beim Hineinschieben die beiden Maschinen verwechselt worden. Sie hatte sich in Hans Welkers Schuppen geschlichen und dort das Kabel ihrer eigenen Maschine durchgefeilt.

So war es. Mit elementarer Gewalt offenbarte sich ihr die Wahrheit. Es war zu Ende.

Aus dieser einsamen Höhe hinab – gräßlich!

Sie wollte den Verstand verlieren.

War sie ein Kind? Auf der Wiese. Und jetzt schon schlafen gehen?

Die Maske riß sie vom Gesicht.

Ach! es war so wenig Luft! So wenig Luft!

Vor ihr war das Kartenbrett mit Papierblock und Bleistift.

Die letzte Kraft raffte sie zusammen und buchte ihren Triumph. Den Bleistift nahm sie und schrieb in fliegender Hast. »Wir sind die Sieger. Barogramm nachsehen! Sturz infolge Kabelbruch. Linkes Anschluß . . .«

Zehntausend Meter!

Paul Welker nahm das Gas fort.

,– – – – – kabel. Hans Welker ist unter uns. Barogr . . .«

Um 10 Uhr 21 landete Hans Welker. Wenige Minuten später schon traf die telephonische Nachricht ein: Flugzeug bei Karlshorst abgestürzt. Er sprang aus der 251 Maschine ins Auto und fuhr mit einigen Hilfsmannschaften von der Rettungsstation nach der Unglücksstelle.

Schon von weitem sah er die Trümmer rauchen.

Sie waren verbrannt.

Eine große Menschenmenge umstand die Unfallstelle. Beide Insassen waren tot. Halb verkohlt. Sie lagen zur Seite unter einem Zelttuch.

Schon kam das geschlossene Auto der Hilfsstation.

Hans Welker schritt zu dem kohlenden Trümmerhaufen. Nichts regte sich in seinem Gesicht.

Oelige, schwarze Rauchschwaden stiegen in die Höhe. Noch knisterte das glimmende Holz. Mit dem Fuß stieß er die Fetzen beiseite.

Das Kartenbrett. Er beugte sich nieder. Nichts mehr zu erkennen. Hans Melker suchte.

Die Verunglückten wurden in das Krankenauto getragen.

Unter den verbogenen Stahlrohren fand Hans Welker den Barographen. Die Scheibe war zersplittert. Das Holz angekohlt. Aber das Barogramm war noch fast unverletzt.

Hans Welker krümmte die Finger und sah auf das Barogramm. Lange stand er und verfolgte die Kurve.

Da war gar nichts zu überlegen. Dieser Streifen mußte unterschlagen werden! Der Papierfetzen, auf dem Paul Welkers Sieg verzeichnet war, konnte ihm gefährlich werden. Fort damit! Das Ding war einfach verbrannt.

Er nahm mit einem Male schnell den Streifen von der Walze und schob ihn unauffällig in die Tasche.

Etwas verstört blickte er sich um. Scheu. Das hatte doch niemand gesehen!?

Während er ins Auto stieg, dachte er für sich: Das wäre diesmal beinahe schief gegangen! . . .

Auf dem Flugplatz empfingen ihn die Huldigungen. In riesigen Lettern stand seine Zeit am Signalmast:

Kampfdoppeldecker Hans Welker: 10 000: 19¾.

252 Mit dröhnenden Bässen setzten die Flugplatzkapellen ein.

Er war der Sieger.

Das Volk jubelte. Das Volk raste.

Die Herren von der Reichsregierung kamen auf ihn zu.

Der Reichspräsident drückte ihm feierlich die Hand.

Brausendes Hurrarufen durchbrach die Schranken.

Hans Welker stand da, den Kopf auf die Brust gedrückt, mit vorstehendem Oberkiefer. Hager, dürr, schmächtig.

Unwillkürlich griff er in die Tasche und fühlte das Barogramm. Während der Präsident noch sprach, zerknitterte Hans Welker das Papier in der zusammengeballten Faust.

Und lächelte.

Dann schritt er durch die Menge.

Gleichgültig und gelassen, mit seinen eckigen, spitzen Bewegungen.

Die Begeisterung des Volkes schlug ihm entgegen.

 


 

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