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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23.

Berlin, den 15. Februar 19 . .

 Reichsluftministerium
A 7 L. B. – Nr. 171 236.

An alle Flugzeugfirmen! Das unter dem Vorsitz des R. L. M. anberaumte Vergleichsfliegen für sämtliche Flugzeugtypen beginnt am 12. März ds. in Berlin-Johannisthal. Zugelassen sind nur deutsche Fabrikate. Die näheren Meldebedingungen ergingen schon mit Schreiben A 7 L B Nr. 170 116. Schluß der Anmeldungen 5. März, nachts 12 Uhr.

Poststempel.

gez.: unleserlich.    

1 Anlage:
Bedingung für D-, C-Flugzeuge.


Der erste Monteur Hans Welkers machte am fünften März die Konkurrenzmaschine startfertig. Sie war morgens nach dem Flugplatz gekommen.

Um drei Uhr nachmittags erschienen zwei Autos auf dem Platz. Hans Welker hatte einige gutklingende Namen zu einer Privatbesichtigung eingeladen. Es war nicht zu unterschätzen, wenn schon einige Tage vorher unkontrollierbare Gerüchte über die Maschinenleistung durch Deutschland schwirrten und die Konkurrenz kopfscheu machten. Der Homespun hatte das »geschmissen«. Die Leute sollten daran glauben.

223 Da war der alte Hauptmann Berthold mit seinem lahmen Bein, eine »Kanone«, die ein Wort mitzureden hatte. Er stieg schwerfällig aus dem hundertpferdigen Wagen und humpelte an einem Stock über den Platz. Sein Bein war schlimmer geworden, aber er war immer noch voll Feuer für die Fliegerei.

Da war der Major Wegener, ein alteingefleischter Fachmann, der vom letzten Kriege her große Verdienste hatte. Aus seinen grauen Augen mit den buschig-verwilderten Brauen schossen ungemein sichere und geübte Blicke für den Wert eines Flugzeugs. Langsam quälte er seinen etwas korpulent gewordenen Körper aus dem Wagen.

Seeberger half dem Reporter Doktor Held aus dem tiefen Polster. Er hatte sich in Flugzeugwichs geworfen. Modefarbigen Sportanzug mit Gamaschen und tadellose Schirmmütze im gewürfelten Muster.

Ohne sich um die übrigen zu kümmern, stelzte Hans Welker nach der Maschine.

Behaglich, mit vierhundert Touren, lief bereits der vierflügelige Propeller.

Hans Welker sprach einige Worte zu seinem Monteur und kletterte in den Führersitz. Die Gesellschaft kam hinterher. Doktor Held grub die Daumen in die Westenausschnitte und verzog den Mund zu einem erstaunten Lachen. »Nu brat' mir einer 'n Storch,« sprach er zu Seeberger und spreizte die Beine, »das Ding ist ja grün wie ein Laubfrosch.«

Seeberger fiel gleich etwas ein.

»Die Farben waren immer eine von unseren speziellen Extravaganzen. Ich bin schon im Jahre 1908 in Paris . . . nee, in Petersburg war's, na, ist ja egal, also auf einer blutroten Kiste gestartet. Ich sage Ihnen, das erregte Aufsehen. ›Roter Bursche‹ hieß diese Wolkendroschke. Ro – – ter – – Bursche! Wollen Sie sich das nicht notieren? Also ich flog damals den ersten vierflügeligen Propeller. Ich bin der Vater, das können 224 Sie glauben, der Vater überhaupt des brauchbaren Propellers. Das dürfen gelegentlich mal wieder Ihre Rotationspressen der Welt ins Gedächtnis rufen!«

Major Wegener ging langsam um die Maschine.

Er musterte sie, wie man ein Rennpferd mustert. Die Fäuste in den Hüften, mit vorgestrecktem Kopf und dicken Falten in der Stirn prüfte er, wog ab, überlegte, suchte aus alter Gewohnheit nach Fehlern wie ein Staatsanwalt nach Paragraphen und hatte schließlich auch allerlei auszusetzen. Das Fahrgestell schien ihm zu leicht, der Führersitz etwas zu weit nach hinten. »Die Maschine guckt mir 'n bisserl schwanzlastig in die Gegend!«

»Ausgeschlossen, Herr Major!« lachte Hans Welker und schob die Zähne vor. »Das täuscht wegen der eigenartigen Flügelanordnung. Sie ist sogar zehn Millimeter vorderlastig gebaut.«

Major Wegener ging nach vorn und zog prüfend an dem fünf Millimeter starken Verspannungskabel. Verwundert schüttelte er den Kopf.

»Motor?« fragte er und hielt den Kopf schief.

»280 PS Goero-U überkomprimiert, mit Sauerstoffzufuhr für eine Atmosphäre,« leierte Hans Welker und freute sich innerlich, daß er seinem Bruder das neue Regulierverfahren gestohlen hatte. »System Welker!« fügte er hinzu, und das war keine Lüge. Wenn er ehrlich gewesen wäre, hätte er noch den Vornamen Paul hinzufügen müssen.

Seeberger trug einen Frühjahrsanzug aus neuestem Stoff und nach echt englischem Schnitt. Das Jackett kurz, mit Hüftensitz und einem Schließknopf. Die Weste ebenfalls kurz mit spitzen Schwalbenschwanzecken und mit Seidenkordeln zugeschnürt. Die Hosen kantig gebügelt, mit mehrfach gesteppten Nähten und Fußröllchen, die etwa drei Zentimeter weit die grünseidenen Strümpfe freiließen. So schien sein Oberkörper unheimlich kurz, fast verwachsen, da er dazu noch den Kopf ins Genick 225 zog, währenddem das Fahrgestell übertrieben schlank erschien. Den neuen Homespun-Ueberzieher trug er überm Arm, und die monströse Mütze war tief in die Stirn gezogen.

»Ich kann Ihnen sagen, Herr Kollege, – ja, ja! Ich bin sozusagen Kollege, früher, in den Anfängen der Fliegerei in Johannisthal, wo noch jeder eine elende Bretterhütte dastehen hatte und bei vierzigpferdigen Motoren von den kommenden Millionen träumte – die meisten davon haben schon längst das Genick gebrochen –, also was ich noch sagen wollte, damals war ich der erste Reporter für Fliegerei. Ich arbeitete für dreizehn Zeitungen. Dreizehn Zeitungen!«

Er betonte das »dreizehn« mit schnarrender Stimme und ließ die kugeligen Augen hervorquellen.

»Fragen Sie hier Scanzoni! Also ich habe damals alles lanciert, alles geschoben, alle großen Flieger habe ich dem verehrten Publiko mundgerecht gemacht. Als Lucas abstürzte, war er noch nicht kalt, da ging die Nachricht schon durch die Setzmaschine vom ›Figaro‹. Von sieben bis neun Uhr abends war von mir die Telephonleitung nach Paris abonniert. Nur für den ›Matin‹ Nur für – – den – ›Matin‹.«

Jede Silbe betonte er mit der deutlichsten Aussprache, und der Säbelschmiß wurde rot.

»Mit einem Wort,« – fiel lachend der Hauptmann Berthold ein, der an seinem Stock herbeigehumpelt war –, »er war eben der geborene Flugplatzschieber.«

Sie lachten herzlich und wandten die Köpfe, denn Hans Welker gab langsam Gas.

Der Graf Scanzoni ging ins Pilotenzimmer und holte Brille und Lederkappe.

Major Wegener war in den Beobachtersitz geklettert und prüfte die Hilfssteuerungen.

Das Flugzeug war vorschriftsmäßig mit zwei Steuerungen ausgestattet.

226 »Wer ist nun eigentlich dieser Graf Scanzoni? Das klingt man 'n bißchen italienisch.« Doktor Held dämpfte seine Stimme.

»O!« gluckte der Homespun, »das ist nach mir wohl die abenteuerlichste Natur in Mitteleuropa. Stimmt! Der hat ein Leben hinter sich, das ist so bunt wie eine Malerwerkstatt. Er ist im Gotthardtunnel auf die Welt gekommen. Das kann er nachweisen. Er ist Bühnentenor, hat eine silberne Hirnschale und ist der größte Weiberfeind der letzten zwei Jahrhunderte. Das kann er auch nachweisen. Schopenhauer war gegen ihn ein verliebter Quartaner. Berthold, hab' ich recht?«

Hauptmann Berthold blickte blinzelnd, wie um den Redner zu entschuldigen, und wippte mit dem Stock durch die Luft.

Doktor Held hielt sich vor Lachen die Seiten. »Das ist ja sozusagen ein Original! Wäre doch eigentlich riesig interessant, diese Sachen mal alle aufzutreiben!«

»Mensch, das gibt ein Buch von paar tausend Seiten!« krächzte Seeberger und schlug dem Reporter mit beiden Händen auf die breiten Schultern. »Allein, was ich erzählen kann, das gibt ein Werk vom Umfang des Konversationslexikons. Da habe ich mal eine Wette gewonnen mit einem Oesterreicher. Fünftausend Kronen! Fünf–tausend – – Kro–nen!« Die Kugelaugen rollten und das Gesicht verschrumpfte. »Ich erzähle ihm, habe ich gewettet, von Frankfurt am Main bis Eydtkuhnen Erlebnisse aus der Fliegerei, ohne auszusetzen. Oh–ne – – aus–zusetzen. Von Frankfurt bis Eydtkuhnen.«

Er hielt inne und richtete einen stieren Blick auf Doktor Held, wie um die Wirkung seiner Worte zu beobachten und durch eine Kunstpause die Spannung zu steigern. Dann drehte er sich kurz auf den Hacken um, spuckte ins Gras und warf es hin wie eine große Wahrheit: »Ich habe gewonnen! Fünftausend Kronen!«

227 Spaß! Was dachten die Leute! Dieser Zwiebelfisch kannte ihn noch lange nicht. Noch etwas fiel ihm ein, das paßte wohl gar nicht hierher, aber immerhin. Er zog ein goldenes Zigarettenetui aus der Westentasche. »Hier drinnen, mein Herr, wissen Sie, was hier drinnen war? Hier war ein Scheck drin über zweihunderttausend Mark. Vom Legationsrat von Kümmelbein. Für eine Flucht mit seiner Tochter nach Amerika. Ich habe seine Tochter verführt, pah! Start mit kurzem Anlauf, Herr Zwiebelfisch! Ich habe es nicht getan. Warum? Na?«

Er wußte es selbst nicht, aber er dachte, vielleicht würden es die andern wissen. Mit gelangweilter Miene bot er beiden eine Zigarette an und schob das Etui lässig in die Tasche.

Hans Welker gab Vollgas.

Scanzoni saß im Beobachtersitz und putzte die Brille. »Passen Sie auf, Herr Doktor, die Maschine wird ein Schlager!«

»Der ›Wilde Freiger‹! Kolossal!« sprach Seeberger wie ein Ausrufer.

»Der Name tut viel zur Sache!« Seeberger kramte in seinem Gedächtnis. »Nicht wahr, Herr Hauptmann? Sie können sich auch noch an das ›Taubenschwein‹ erinnern und an den ›Blechesel‹?«

»Aber natürlich! Die Entwicklung der Fliegerei bis zum dritten Jahr des Weltkrieges. Vom ›Taubenschwein‹ bis zum ›Blechesel‹!«

»Hähähäää! Ueber den Floh zur Okarina!«

»Das kann kein Mensch versteh'n! Was sind das für gottvergessene Namen!«

»Mensch und Zwiebelfisch, das müssen Sie doch wissen, als Flugplatzreporter. Die alten Tauben nannte man Schweine. Kennen Sie nicht die alte Rumpler-Taube, von der noch der schöne Vers geht: Die Rumpler-Taube lebt im Sport – nur noch als Zigarette fort. Nämlich Marke Manoli! Na ja, woher sollen Sie das auch wissen, Sie Flugplatzsäugling! Von der ging die 228 Entwicklung weiter über den ›Floh‹ und die ›Okarina‹ zum ›Blechesel‹. Wissen Sie nicht, wer der ›Blechesel‹ war? Mensch, das war die erste Stahlmaschine. Ganz aus gewelltem Stahlblech. Ganz – aus – gewelltem Stahlblech. Können Sie sich das Unikum vorstellen?«

»Na ja,« fiel Hauptmann Berthold ein, »jetzt kriegt man solche Dinger öfter zu sehen.«

»Jajajaaa! Aber nicht so originell wie der ›Blechesel‹. Die Kiste hatte übrigens noch einen Namen. Der stammt vom Hauptmann Salomon, der in solchen Sachen immer das Richtige traf. Der nannte sie wegen des Wellblechs die fliegende Bedürfnisanstalt, verstehen Sie, die flie– –«

Doktor Held mußte sich die Nieren halten. Das glattrasierte Gesicht glänzte. Die Tränen liefen ihm aus den wasserhellen Augen. Er konnte vor Lachen gar nicht schreiben und leckte fortgesetzt am Bleistift.

»Passen Sie auf, ich glaube, man will starten.«

Hans Welker neigte den Kopf aus der Maschine und brüllte seiner Startmannschaft etwas zu. Scanzoni saß im Beobachtersitz, im Straßenanzug mit Lederkappe und Brille.

Welker rief: »Frei!«

»Frei!«

Die Klötze vor den Rädern wurden weggezogen.

»Schaun Sie hin, Herr Doktor, so was nennt man sauberen Start! Ich sage Ihnen, Welker startet auf jedem Knüppeldamm. Der macht alles! Er fliegt mit sechs Zylindern fort und kommt mit achten wieder.«

Major Wegener stand breitbeinig an der Seite und äugte wie ein Luchs auf jede Bewegung der Maschine. Das war ihm zur zweiten Natur geworden. Die Kiste war gut, das stand bombenfest.

Hans Welker nahm einen verblüffend kurzen Start und zog die Maschine hoch.

»Wunderbar! Wunderbar elegant!« rief der Major und zog den Mützenschirm über die Augen, da ihn die 229 Sonne blendete. »Die Kiste schafft was, das ist sicher!« Er räusperte sich mit einem zufriedenen Lächeln, das wie eine Maisonne über sein rundes, faltiges Gesicht huschte.

Welker flog mehrere Runden in ungefähr fünfhundert Metern. Er prüfte sämtliche Ruder, schaukelte wie ein Segelboot vorm Winde, gab ungemein harte Steuerausschläge, wodurch sich die Maschine ruckartig und eckig herumwarf, ging in weiche und geschmeidige Kurven und regulierte das Gas. Dann drückte er in eine enge Spirale, das sah aus, als würde er zeitweise buchstäblich in der Luft festkleben.

Spurt ausgezeichnet! Spurt ganz aus–ge– –zeichnet!« rief der Homespun und nahm das Zeißglas aus dem Futteral.

»Was heißt das, sie spurt?« fragte Doktor Held. »Ui, ui, ui! Was soll denn das?« Er rannte paar Schritte vor und schaute entsetzt nach oben. Hans Welker hatte die Maschine über den linken Flügel abrutschen lassen. Es sah aus wie ein Sturz.

»Nur keine Bange, der schmiert nicht ab. Wenn alle abschmieren, der schmiert nicht ab.«

»Was heißt das, er schmiert ab?«

Hans Welker lag schon wieder in einer Kurve und zog.

»Na, Verehrtester, es ist schon mancher da heruntergetrudelt,« warf der Reporter ein und nickte zur Bekräftigung mehrere Male mit dem Kopf.

»Is ja Blech!« Seeberger rollte die Augen und zog den Homespun an. »Was heißt abschmieren! Jeder Mensch ist verurteilt, daß er mal seinen Geist aufgibt. Ist doch Tatsache! Alles hat Sinn, alles ist Unsinn! Selbst im Tod liegt noch ein gewisser sinnreicher Unsinn! Ich weiß nicht, ob Sie das verstehn! Ich habe mit dem Tod schon mehr als einmal Sechsundsechzig gespielt, nicht nur in der Luft. Den Genuß können Sie auch haben. Sagten Sie nicht vorhin, Sie haben es an den Nieren?«

»Aber das hat doch . . .«

230 »Bittä?!« fiel er ihm in die Rede, »ich will Ihnen etwas erzählen! Ich bin der Mann mit den meisten Bauchoperationen. Zu gleicher Zeit mitgemacht und lebend überstanden. Ich habe mir in einem Tempo fünf Bauchoperationen geleistet. Fünf – – Bauchope . . .«

»Sie sind ja ein gottverdammtes Original! Haben Sie denn – –«

»Bittä?!«

Major Wegener zündete eine schwere Zigarre an und spuckte kleine Tabaksreste aus, die ihm in den Mund gekommen waren. »Seeberger ist der Mensch gewordene Superlativ!« sprach er knarrend und nahm ihm das Zeiß-Glas aus der Hand, um nach der Maschine zu sehen.

»Fünf Operationen!« fuhr Seeberger fort und reckte den Hals, »also bittä! Blinddarmwucherungen, Darmverengung, Darmverschlingung, Bauchfellentzündung! Wenn Sie's nicht glauben, können Sie die Narben sehen!«

Major Wegener hatte das Glas vor den Augen. Die Sonne lag auf der Maschine, daß die frischlackierte Farbe glänzte.

»Ich schätze, daß er bereits über dreitausend ist.«

»Er will wohl eine Versuchshöhe machen?«

»Meine Herren,« erklärte Hauptmann Berthold, »ich schlage vor, wir setzen uns dort drüben auf die Bank und warten, bis er runterkommt.« Er humpelte voran und die andern folgten über den Rasen nach dem Gebäude.

»Was ist eigentlich Ihr wahrheitsgemäßer Beruf, Herr Seeberger?« Der Major setzte sich auf die Bank, beugte den Oberkörper und legte die Unterarme auf die Knie. Verschmitzt lächelnd rieb er sich die Hände.

Seeberger blinzelte argwöhnisch und ließ dann die Augen hervorquellen, die er wie zwei Linsen auf den Major richtete. »Mein Beruf? Mein – – Beruf? Nur die Menschen mit beschränktem Horizont haben einen Beruf. Ein Beruf ist etwas, was man lernen 231 kann. Auswendig lernen, wie? Aber die Größe ist angeboren, ist Talent, Genie. Mein Beruf ist, daß ich mich möglichst von Arbeit fernhalte, mich nur mit großen Sachen abgebe, die mich weder ärgern, langweilen, ermüden noch mir gesundheitsschädliches Kopfzerbrechen verursachen. Die Tür zu meinem Privatkontor trägt daher auch die sinnreiche Aufschrift: Geschäfte unter einer Million bittet man im Nebenzimmer zu erledigen. Da muß der gottverfluchte Zwiebelfisch schon wieder lachen.«

Doktor Held gluckste vor Freude und mußte sich dabei fortwährend die Nase putzen, da die Tränensäcke bei ihm übermäßig in Anspruch genommen werden.

Nach einer halben Stunde landete Hans Welker. Er sprang aus der Maschine und kam in maßlos lächerlicher Gangart auf die Bank zu. Scanzoni kletterte umständlich aus dem Beobachtersitz, nahm Brille und Kappe ab und schritt mit schwerfälligen Schritten und gelangweilter Miene hinterdrein.

Das Barogramm bekam keiner zu sehen. Der Major Wegener schloß daraus auf eine kleine Enttäuschung. Hauptmann Berthold behauptete das Gegenteil.

»Mit der Quersteuerung bin ich mir nicht ganz einig,« schrie Hans Welker, dem die Ohren noch nicht ganz offen waren.

Major Wegener zog ihn auf die Seite. »Wie hoch?«

»Ich war nur siebentausend.«

Sie sahen beide mißtrauisch aneinander vorbei, und Hans Welker schob wulstartig die Zunge vor. Der Major nickte. Ueberlegend, mißbilligend, zweifelnd und etwas pikiert. Das merkte Hans Welker.

»Die Maschine ist gut! Ich bin zufrieden!« Er legte ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte beruhigend: »Sie werden Ihre Wunder erleben, Herr Major: Sie schafft zehntausend in neunzehneinhalb.«

Major Wegener zog erstaunt die Augenbrauen hoch, und die Enden seines robusten Schnauzbartes zuckten. »Glauben Sie wirklich?«

232 Hans Welker schwieg und zeigte die Zähne.

»Dann werden alle andern abgesägt! Haben Sie irgendeine Maschine zu fürchten?«

Hans Welker hatte den Kopf auf der Brust hängen und schielte von unten herauf nach seinem Gegenüber. »Meinen Bruder!« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging durch die hohe Glastür ins Pilotenzimmer.

»Sagen Sie mal, Scanzoni,« sprach der Major und kam auf die Gruppe zu. »Wie ist das eigentlich mit Hans Welkers Bruder?«

Scanzoni, der eine Zigarette inhalierte, drehte ganz bedächtig den Kopf. »Das ist schwer zu sagen, Herr Major! Ich persönlich halte ihn für einen äußerst befähigten Kopf, der nur den Kapitalfehler hat, daß er sich allmählich von seinen überspannten Ideen den Hals zuziehen läßt. Uebrigens hat er obendrein den Beweis geliefert, daß die Romantik trotz der hohen Kolbengeschwindigkeiten und Pferdestärken noch immerhin noch lebensfähig geblieben ist. Wie lange, das kann ich Ihnen allerdings auch nicht sagen. Wenn es gelänge, Paul Welker die Mäuse zu fangen, die in seinem Hirnkasten herumrennen, dann wäre er eine nicht zu unterschätzende Kraft. Er ist vielleicht auch, gerade herausgesagt, ein bissel zu ehrlich! Damit ist es heutzutage schwer, Geld zu verdienen.«

Seeberger bestätigte das, indem er die Hände in die Hosentaschen wühlte und es wie eine Sentenz zwischen den Zähnen hervorkaute. »Wer nicht schiebt, kann sich begraben lassen!«

Im Anschluß daran erzählte er eine Geschichte aus Amerika, bei welcher es sich herausstellte, daß er durch Schiebung innerhalb von acht Tagen vom gewöhnlichen Schlosser zum Betriebsleiter avanciert war. Die Tochter des großen Fabrikdirektors spielte dabei selbstverständlich eine nicht mißzuverstehende Rolle. »Ich habe in diesem Fach ausgedehnte Erfahrungen, meine Herrrrn! Manchmal ist es doch gut, daß es eitle Frauen gibt, was, Scanzoni?«

233 Der Graf zog die Lider halb über die dicken Augen, und ein blasiertes Zucken ging über das Gesicht mit der ledergelben Haut. »Ich will das nicht ganz abstreiten. Man kann ab und zu mit einer Frau auch ein ganz gutes Geschäft machen, namentlich, wenn sie häßlich ist und sich vernachlässigt fühlt.«

Er nahm ein Monokel aus der Westentasche und warf es ins linke Auge.

»Auf der andern Seite aber . . .« – er zog das Zigarettenetui hervor, griff mit spitzen Fingern langsam und pomadig eine Zigarette, hing sie in den Mundwinkel und knipste an einem silbernen Feuerzeug – ». . . was zum Beispiel diese Herta Land betrifft!« – er sprach das mehr für sich, gleichsam wie ein Orakel, das man befragt und das einem maschinenmäßige und unpersönliche Antwort gibt – »so glaube ich, daß man sich vor ihr zu hüten hat.«

Er schob die breiten, feuchten Lippen vor, wodurch die Nase noch mehr plattgedrückt erschien und der Gesichtsausdruck etwas Negerähnliches bekam.

Doktor Held hatte sich interessiert zu ihm gebeugt und hörte scharf auf seine Worte. Er hielt den Mund dabei ein wenig geöffnet, und das glatte Gesicht zeigte einen leichten Schimmer von gespannter Naivität. »Was sagen Sie da von dieser Herta Land?«

»Wen meinen Sie damit?« Major Wegener rückte sich zurecht und erhoffte eine pikante Reminiszenz.

Hauptmann Berthold erinnerte sich. »Ach so!« sprach er halbwegs enttäuscht und wandte sich zu dem Reporter. »Sie wissen doch, seine Privatsekretärin.«

»Wessen?«

»Na, Hans Welkers!«

»Gewesene, meine Herren! Gewesene!« lachte Scanzoni und ließ das Monokel fallen.

»Jetzt Chefpilot bei Paul Welker, Flugzeugwerke G. m. b. H.« spottete der Homespun und bewegte die Schultern.

234 »Sie ist eine Frau ohne inneren Ausgleich. Unvergoren! Für nüchterne und hundeschnäuzige Naturen höchstens interessant, aber nie gefährlich. Impulsiven Menschen kann sie zur Katastrophe verhelfen. Allein ist sie nicht denkbar, sie muß einen Gegenpol haben, jemand, den sie indizieren kann.«

»Woher haben Sie Ihre vielgerühmte Weltweisheit?« Der Reporter sprach es zu Scanzoni, und es klang wie ein Interview.

»Ich habe allerlei Narrentänze und Eselssprünge mitgemacht. Der kluge Mensch müßte zum Schluß wieder ganz natürlich werden. Nackt, ohne Richtlinien und Glaubenssätze. Er müßte mehr erkennen und weniger fühlen. Der vollkommenste Mensch müßte sein, der am meisten erkennt und am wenigsten fühlt. Er müßte über allen andern stehen, weil er kein Sklave der großen Tyrannei und nur ein Werkzeug seines Willens ist. Er müßte die größten Erfolge haben im Leben, da er als Erkennender alles ausnutzen kann und sich als Gefühlloser von nichts beeinflussen läßt.«

Doktor Held zuckte die Achseln. »Zählen Sie sich zu diesen Menschen?«

»Es ist ungeheuer schwer.«

»Aber wie wollen Sie das erreichen?«

Scanzoni stellte die schiefachsigen Augen nach oben und klopfte die Asche von seiner Zigarette. »Man muß das Heiligste bespötteln!« 235

 

Kleines technisches Privatissimum

Ein Litzenkabel von fünf Millimetern Durchmesser besitzt eine Zerreißfestigkeit von 2450 Kilogramm. Wird ein solches Kabel, wie es im Flugzeugbau üblich ist, gespleißt, so verliert es durch die Spleißung einen gewissen Prozentsatz seiner Festigkeit, der von der Güte dieser Spleißung abhängt. Der Verlust an Festigkeit schwankt in der Regel zwischen fünf und fünfundzwanzig Prozent.

Das heißt, ein vorzüglich gespleißtes Kabel büßt durch diese Spleißung immer noch mindestens fünf Prozent an Festigkeit ein.

In der Regel ist diese Zahl aber größer.

Die Spleißstelle wird meist mit einem dünnen Draht umwickelt, seltener verlötet.

Wird ein solches Kabel bis zum Bruch belastet, so reißt es immer an der Stelle, wo die Spleißung ist, und zwar unter dem Wickeldraht. Dies ist also für die Festigkeit des Kabels die gefährlichste Stelle. Eine, wenn auch nur scheinbar geringe Verletzung des Kabels an dieser Stelle wird in den meisten Fällen schon bei erheblich geringerer Belastung den Bruch herbeiführen.

Um so gefährlicher erscheint dies, da eine solche Verletzung wegen der obenerwähnten Drahtumwicklung gar nicht zu sehen ist.

Man erzählt sich aus der Geschichte der Fliegerei, daß mancher bedauerliche Unglücksfall auf eine derartige, absichtliche oder unabsichtliche Verletzung eines Tragkabels in der Spleißstelle zurückzuführen ist. 236

 

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