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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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22.

Ueberm See sah Paul Welker das rote Licht.

Da hing immer noch ein Fetzen Jugend, der sich nicht von ihm lösen wollte. Da drang immer noch ein verirrter Strahl sonnenschwerer Wärme in sein Herz.

Dem Licht ging er nach auf das Eis.

Immer weiter. Wie ein Leitstern war ihm dieses Flimmern. Schon zwängte sich der Frühling durch den Frost mit unaufhaltsamer Gewalt. Die neue Kälte, die eingesetzt hatte, schien ihm wie eine letzte, gewalttätige Anstrengung des altersschwachen Winters, der sich noch einmal aufbäumte vor dem Zusammenbruch.

Schon sangen die Vögel.

Paul Welker hörte die Vögel singen. Aber es war der Sang seiner Seele. Es war das müde Plaudern mit seiner Liebe, die in ihm saß wie echtes Gold, das sich nicht fortwischen läßt.

Diese Liebe war sein schönster Traum, und er wärmte sich an ihr wie am knisternden Feuer. Und sie sprach zu ihm. Paul Welker hörte und dachte an das Werk seines Lebens.

Auf dem Eise blieb er stehen und sah in das Licht.

War nicht alles zwecklos, was er trieb? Warum fraß er sich in diese Pläne fest, die er doch nie verwirklichen konnte, und die ihm ferner schienen und unerreichbarer denn je? Er war untauglich für das Leben, denn in ihm saß ein Stück Romantik, die den Tag scheute und an maßlos ehrgeizigen Plänen haftete.

Nein, Fliegerei und Romantik vertrugen sich nicht mehr. Daß er das nicht schon längst eingesehen hatte.

Nun war es zu spät.

219 Paul Welker richtete sich auf. Straff und unter einem harten Zwang. War es zu spät?

Er wollte alles abschütteln und nur auf das eine Ziel losgehen. Fort mit allen Gefühlen, fort! Wer plappert da von Gewissen!?

Was wollte das Licht überm See?

Fort mit dem Licht!

Alles Nachtwandlerische will ich hassen! Der große Tag! Das große Leben!

Paul Welker ging zurück nach seinem Hause. Er war voll grausamen Willens zur Wirklichkeit. So plötzlich hatte es ihn gepackt.

Aber es saß etwas in ihm, das wollte ihm das Herz abdrücken. Das verstand er nicht. Es war wie ein großes Abschiednehmen.

Noch einmal sah er zurück. Kein Licht brannte überm See. Es hatte nie gebrannt, denn Mitternacht war längst vorüber. Im Weihnachtszimmer seines Innern hatte es gebrannt. Bis in den grauenden Morgen. Nun war es ausgelöscht. Denn der Tag graute. Da brannten keine verträumten Lichter mit rotverkappten Strahlen.

Denn der Tag kam! Aber Paul Welker hatte solch kalte Angst vor diesem Tag. – –

Vor der Tür saß Herta Land. Sie hatte sich an die Ecke gedrückt. Er führte sie ins Zimmer und zündete die Petroleumlampe an. Mit einem kaum merklichen Lächeln gab sie ihm die Zeichnungen. Der Frost saß ihr bis in den Knochen.

»Ich habe sie deinem Bruder gestohlen!«

Er hielt die Mappe in der Hand und blieb mit geneigtem Kopf im Zimmer stehen. Ein aufschäumender Widerspruch wollte ihn überwältigen. War es so zählebig, das Gewissen! Da sah er sie lächeln, mit einer solchen wollüstigen Verschlagenheit und mit solcher Verderbnis in den Augen, daß ihn ein ungewisses Grauen faßte.

Ein Gedanke nistete sich bei ihm ein, wuchs im Augenblick, wucherte ins Unkraut, ein solch niederträchtiger 220 Gedanke, daß ihm fast übel wurde. So niederträchtig war dieser Gedanke, daß er sie lächeln sah. So bodenlos niederträchtig!

Er zwang sich zu einem Einwand. »Es ist fremdes Eigentum, was ich hier halte. Es ist das erstemal, daß ich mich an fremdem Eigentum vergreife!«

Es klang so überzeugt, wie er das sprach. So schwächlich. Ganz ohne innere Kraft.

Herta Land streckte den Arm aus. »Wann wirst du endlich vernünftig werden? Jeder Erfolg ist Diebstahl!«

Er zuckte zusammen. Jeder Erfolg ist Diebstahl! Welch ein Grundsatz! Er wollte hinauslachen. Na, wenn das so ist!

Brannte das Licht überm See? Er hatte es doch ausgelöscht. Getötet. Fort mit dem Licht! Der große Tag.

Paul Welker ging zum Schreibtisch. Er hörte hinter sich ihre Stimme.

»Du wirst den ›Wilden Freiger‹ bauen! Ich habe ihn dir in die Hand gespielt.«

Er breitete die Zeichnungen aus und versank ins Studieren. Bis in die kleinsten Einzelheiten forschte er die Konstruktion aus. Vor dem Flügelprofil saß er lange mit aufgestütztem Kopf, verfolgte die Kurven und begann zu rechnen. Das Profil war eigenartig und ließ auf gute Steigleistungen schließen. Eine kleine Einbeulung an der Anblaskante gab ihm zu denken. Es ließ wohl auch eine günstige Landungsgeschwindigkeit zu. Daß es im Prinzip das neue amerikanische U. S. A. VII-Profil war, wußte Paul Welker nicht. Sein Bruder wußte es.

Ein Ausbruch des Erstaunens entfuhr ihm, als er die Zusammenstellungszeichnung sah. Es war eine wunderbar schnittige Maschine. »Wilder Freiger« stand oben in großen, gradlinigen Buchstaben.

»Wilder Freiger!« Er sann und brütete über diesem Namen.

Eigenartig! Verspannungslose Maschine mit einem offenbar im Gleitflug stark beanspruchten 221 Rumpfanschlußkabel. Er verfolgte den Kräfteverlauf des Kabels, und wieder kam ihm dieser Gedanke.

Quälend und lockend.

Paul Welker sah in das Petroleumlicht. Die Augen schmerzten. Der Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er schloß die Augen und stritt sich mit diesem Gedanken. Farben flossen zusammen. Goldene Kreise breiteten sich, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Dazwischen schossen die Strahlen.

Wie? Fremdes Eigentum?

Fort mit dem Licht überm See. Der große Tag.

Da formten sich die Farben. Nahmen Gestalt und geordnete Belegung an.

Paul Welker riß die Augen auf. Was war denn? Er wandte sich verstört um und sah Herta Land dicht hinter sich stehen. Nervös fuhr er sich durch die Haare. »Warum schaust du mich – – – so an? Was denkst du denn für . . . Schlechtigkeiten?«

Wie kam er nur auf diese Frage?

Sie beugte sich nach der Zeichnung und lächelte.

»Wilder Freiger« stand oben in großen, gradlinigen Buchstaben. Sein Blick fiel auf das Kabel.

Und wieder war der Gedanke da. Gestaltete sich, breitete sich aus, nahm Besitz von ihm.

»Es ist ein Hauptkabel,« sprach er zitternd und deutete mit dem Finger darauf, »verstehst du? Nach meiner Berechnung wird es im Gleitflug und namentlich beim Abfangen erheblich beansprucht. Daher ist es auch fünf Millimeter stark. Eine eigenartige Konstruktion! Wenn dieses Kabel reißt, dann hilft kein Herrgott mehr!«

Er blickte über die Schulter und sah, daß ihre Züge sich verändert hatten.

»Ich meine nur, mir fällt das gerade ein! Ich erinnere mich an einen Fall, daß ein solches Kabel unglücklicherweise an der Spleißstelle verletzt wurde, und die natürliche Folge war, daß der arme Kerl . . .« 222

 

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