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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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21.

Als Herta Land zu Hans Welker ins Zimmer trat, saß er am Schreibtisch und las. Hans Welker las! Sie ging auf ihn zu und schaute ihm über die Schulter. Es waren die Bedingungen des großen Vergleichsfliegens.

»Ach so!« lachte sie, »ich dachte schon, du würdest hier einen Roman lesen!«

Er schielte. »Na, und dann?«

»O nichts! Ich sage ja, es ist alles möglich auf der Welt!«

»Hör' mal,« leierte Hans Welker, »ich finde es komisch, daß du jetzt immer bei meinem Bruder draußen hockst.«

»Ich habe bei ihm fliegen gelernt. Das ist alles!«

Er schlug die Beine übereinander. »Du hast fliegen gelernt? Na, was ist da weiter dabei?«

»Ich war heute zum erstenmal auf 10 000.«

Sie wartete auf sein Ueberraschtsein, auf sein Erstaunen. »Da bist du wohl ganz stolz? Brav, mein Kind, brav!« Er lachte spöttisch und schlug ihr auf die Achsel. »Brav, recht brav!«

»Du bist albern!«

»Na aber erlaube mal!«

»Du bist gefühlloser als ein Tier.«

»Na aber erlaube mal.« Er stand auf und stellte sich vor sie hin. Lange war sie nicht bei ihm gewesen. Wie er sie so stehen sah, schlank, gradlinig und edel, wurde wieder der Wunsch in ihm wach, sie zu besitzen. Er maß sie vom Kopf bis zu den Füßen. Er taxierte sie. Wie 212 bei einem Pferdehandel. Das fühlte sie, und es gab ihr eine gewisse Ueberlegenheit.

Er sprach etwas Unglaubliches. »Ich weiß nicht, aber ich habe heute fast Lust, eine Flasche Sekt zu trinken.«

Das kam ihr so überraschend, daß sie um eine Antwort verlegen war. Er will mich betrunken machen, dachte sie. Gewiß will er mich betrunken machen. Schamlos fand sie das. Feige.

»Ich habe es noch nie erlebt, daß du Sekt trinkst. Das ist etwas ganz Besonderes. Bin ich so im Wert gestiegen?«

Genau wie er. Gemessen trat sie zur Türe und löschte die Deckenbeleuchtung. Die Lampe mit dem gelben Seidenschirm sollte brennen.

Der Diener brachte den Sekt. Sie war so fröhlich. Sie war so voll Lustigkeit. Das grelle Licht fing sich in ihren Augen.

Hans Welker lag im Ledersessel und rauchte eine Zigarette.

»Dieser Abend ist mir unendlich viel wert,« sprach sie leise und trank in hastigen Zügen.

Das innere Feuer fing an zu brennen, zu glühen.

Heiliger Himmel, gib mir die Kraft, daß ich mit ihm spielen kann! Ja, ich will mit ihm spielen!

Er faßte nach ihrer Hand, und sie preßte seine langen, knochigen Finger. »Man könnte es so schön haben,« redete er ihr ein, »wenn du nicht so töricht wärst. Wenn du mein vernünftiges Kätzchen sein wolltest!«

Brrr! Wie sie sich ekelte vor diesem Wort. Wie er das aussprach! Ganz angefüllt mit Gier und Lüsternheit.

»Warum trinkst du nicht?« Sie schob ihm das Glas hin. Er trank mit Widerwillen und verzog das Gesicht. Rauchen konnte er nicht. Er paffte. Wie ein kleiner Junge paffte er.

Sie sah ihn an, und es war ihr, als sähe sie ihr Schicksal da gegenüber in dem Ledersessel. Das fühlte sie erschreckend deutlich. Ihr schien es, als würden sie hier 213 feilschen, um etwas, das sich nicht ausdrücken ließ. Feindselig lag es zwischen ihnen. Eine Spannung, die nach einem Ausgleich suchte.

Es war aber so: Sie fühlte etwas von ihrer alten Kraft, und er ließ es hochkommen in ihr. Er unterstützte sie. Schenkte ihr von den alten Waffen, ohne es klar zu wissen. So war das.

Das gelbe Licht schwamm durchs Zimmer. Die Rauchwolken griffen mit abgezehrten Armen nach ihnen. Wie die Polypen.

Sie tranken.

Die Bronzebüste auf dem Bücherschrank verzog das Gesicht. Herta Land schaute nach der Bronzebüste. Leben war in dem Metall. Ganz langsam drehte sich der Kopf. Ein Sektkork schoß nach der Decke. Hans Welker pfiff durch die Zähne. Sie lag auf der Chaiselongue. Es flimmerte. Es war nur das gelbe Licht, das flimmerte.

»Ich darf nicht trinken,« sprach sie mit zitternder Stimme. »Ich würde mich immer berauschen. Ich habe eine solche Lust, mich zu berauschen.«

Er dachte für sich, daß es nun bald Zeit wäre.

Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch. Da stand ein Totenkopf.

Sie schrie auf. »Nimm den Totenkopf vom Schreibtisch! Nimm ihn fort!«

»Aber da steht ja gar kein Kopf,« lachte er gezwungen.

Nein, da stand kein Kopf.

Sie fühlte seine Küsse. Und es geschah, was so oft geschehen war. Im letzten Augenblick verlor sie die Kraft.

Mitten zwischen seinen knochigen Umarmungen suchte sie nach etwas, das vor ihr stand.

So deutlich.

Sie zermarterte sich den Kopf. Grübelte, grübelte.

Wer hatte denn das gesagt?

»Höre doch!« stöhnte sie, »so höre doch! Ist das nicht 214 spaßig? Jemand hat gesagt . . . was hat er denn gesagt?! Jemand hat gesagt: Mein Verhängnis steht auf deiner Stirn! Mein Verhängnis . . . auf deiner Stirn!«

Wer war das gewesen? Das ließ ihr keine Ruhe.

Wie Schattenbilder zuckten die Erinnerungen.

Nun war es dunkel um sie her. Der Feige hatte das Licht gelöscht.

Eh, diese Niedertracht! . . .

Sie floh aus seinem Hause.

Nichts regte sich in ihr. Kein Gefühl wurde wach. Alles wie abgestorben. Verdorrt. Es saß zu tief. Dort fraß es. Nichts blieb zurück als eine namenlose Leere und ein Ekel vor allem.

Aber es war an der Zeit. Heute war die Gelegenheit günstig.

Eine tierische Lust sprang sie wie ein Raubtier an. Eine Lust am Diebstahl. Am Verbrechen.

Der Frost hatte neu eingesetzt. Er ächzte in den Bäumen, und die Erde war steif. Der trockene Nebel setzte sich an die Aeste, warf sich über die Dächer und Straßen, kroch kristallglitzernd an den Mauern hinauf und überzog in feingliedrigen Formen Hecken und Gartenzäune.

Der Mond hing am Himmel, glasig und verfroren.

Herta Land eilte durch die Straßen. Die Kälte brannte ihr auf der Haut. Unten am See johlte der Nordost um die Bäume und stieß ihr ins Gesicht. Sie stemmte sich dagegen und hielt den Kopf nach unten. Ein Stück ging sie auf den See.

Da fiel es ihr ein und es kam wie eine Verklärung über sie. Ich will mir das Leben nehmen, sprach sie. Ich will mir das Leben nehmen!

Auf das Eis wollte sie gehen. Und dort in der Kälte einschlafen. Man erzählte sich doch, daß Erfrieren der schönste und wärmste Tod sei. War es nicht so?

215 Einschlafen, ja einschlafen hier in der Kälte und nicht mehr aufwachen.

Ich will mir das Leben nehmen, sprach sie. Einschlafen. Ich habe es ehrlich verdient. Ich bin ja so müde, ach, so müde! Aber es fiel ihr ein, daß das alles zwecklos war. Warum denn dem Schicksal ins Handwerk pfuschen?

Sie hatte mit einem Male ganz vergessen, was sie eigentlich wollte. Sie wollte doch . . . aber das war ihr ja ganz aus dem Gedächtnis entschwunden.

Sie wollte doch . . . natürlich wollte sie das!

Eilig lief sie den See entlang und kam nach Hans Welkers Fabrik. Die Nachtwache ließ sie durch. Man kannte Herta Land.

Sie ging ins Direktionsgebäude und öffnete die Tür zu Hans Welkers Privatkontor. Vorsichtig knipste sie die grüne Schreibtischlampe an. Die schweren Vorhänge waren geschlossen.

Mit unruhigem Atem setzte sie sich in einen Sessel. Es war so unheimlich still hier. Nur die dunkle Standuhr tickte.

Entsetzlich! Jetzt schlug sie. Elf schwere, dunkle, bebende Töne.

Noch lag der Klang im Zimmer. Immerfort schwebte er nach.

Nun wurde Herta Land ganz ruhig. Sie öffnete den Rollschrank und holte einen Stoß Zeichnungen hervor. Sie wußte genau, wo sie lagen. Drei Satz Zeichnungen der DV 67 lagen vor ihr.

Das war der »Wilde Freiger«.

Einen Satz faltete sie zusammen und steckte ihn in eine Aktenmappe, die auf dem Schreibtisch lag. Die übrigen schob sie in den Schrank zurück. Mit einer nüchternen Selbstverständlichkeit nahm sie die Mappe, löschte das Licht und schloß die Tür ab.

»Das wäre getan!« sprach sie halblaut vor sich hin, »nun zünde ich Hans Welkers Fabrik an!«

216 Sie ging durch die Teilschlosserei.

»Nun zünde ich Hans Welkers Fabrik an!«

In der großen Halle der Tischlerei blieb sie stehen. Hier war alles Holz, trockenes Holz. Das brannte. Sie hörte die Flammen krachen, vom Wind gepeitscht. Sechs große Holzhallen standen hier. Das gab ein lustiges Feuer.

»Nun zünde ich Hans Welkers Fabrik an!«

In einer Ecke kauerte sie nieder und schichtete ein Häuflein Hobelspäne.

Gleich darauf züngelte ein Flämmchen. Es rauchte, zuckte und leuchtete auf, mit gelbem Licht.

Herta Land hörte ein Geräusch. Sie stahl sich eilig davon. Rannte am See entlang bis in die Stadt. Hei heissa! jubelte es in ihr, nun muß ich zu Hans Welker. Hei heissa! Ich muß ihm doch das erzählen!

Durch die reifbedeckten Straßen eilte sie. Wie lange dauerte das noch!

Der Triumph wuchs in ihr, riesengroß. Er zog an ihrer Seite, dröhnend und jauchzend. Wie eine schmetternde Marschmusik. Wie Orgelklang mit vollen Registern.

Vor seinem Hause blieb sie stehen und drückte auf die Klingel. Oben war sein Fenster erleuchtet.

Hans Welker! Hei heissa!

»Hans Welker! Holla!« schrie sie.

»Holla, Hans Welker!«

Endlich. Er öffnete das Fenster und beugte sich heraus.

»Bist du toll geworden?« rief er herunter.

»Toll geworden?« Sie lachte. »Toll geworden! Ich will dir doch nur sagen, daß deine Fabrik brennt. Ich habe deine Fabrik angezündet! Komm' doch, bitte, bitte! Sieh dir doch das Feuerchen an! Ist das nicht genial von mir? Ist das nicht großzügig?«

Er sprach trocken wie der Nachtfrost:

»Du bist betrunken! Oder du bist irrsinnig! Das 217 brauchst du mir nicht mehr zu erzählen, denn ich habe es eben schon durchs Telephon gehört. Das Feuer ist längst gelöscht. Als du es anzündetest, stand der Nachtposten hinter dir. Ich habe ihm befohlen, zu schweigen. Aber es hätte ein Unheil werden können. Man muß dir von heute ab besser auf die Finger sehen, denn du wirst gemeingefährlich, wenn du Alkohol gerochen hast. Bitte, geh' jetzt nach Hause und schlafe dich wieder vernünftig. Meine Fabrik hast du heute zum letzten Male betreten. Gute Nacht!«

Er schloß das Fenster.

Unten, die Hände um das bereifte Eisengitter gekrallt, kämpfte Herta Land mit einer Ohnmacht. Die Zeichnungen, die sie in der Mappe trug, gaben ihr Kraft.

Paul Welker mußte die Zeichnungen habend

Es war das Letzte! – – 218

 

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