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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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20.

Es war der gefährlichste Zeitpunkt.

Die Grenze der Zurechnungsfähigkeit und jene vollständige Gehirnlosigkeit, bei der das Unwahrscheinlichste möglich wird. Jeder nüchterne Sinn war ausgelöscht, jegliche Urteilskraft betäubt.

In diesem gefährlichen Zeitpunkt erschien Paul Welker.

Er war plötzlich mitten unter ihnen. Keiner wußte, woher er kam. Es war das zweite Werk Herta Lands.

Der stickige Qualm schlug ihm in die Augen. Durch die Schar der Angetrunkenen arbeitete er sich zum vorderen Tisch.

Sie hoben die Köpfe. Das Erstaunen trat in die verblödeten Augen. Die wirren Haare strichen sie aus der Stirn, rückten sich zurecht und stierten erwartungsvoll nach Paul Welker.

Es wurde fast ruhig im Saal.

»Wat will hei blot hier machen?«

»Hei will ok woll mitsupen, weil dat hüt nix kost.«

»Hei will wat von uns!«

Jochen Witt hielt ihm ein gefülltes Glas hin. »Minsch, hier sup man irst, ihrer du anfängst, tau snaken!«

»Pst! Töw blot man, 'n lüttjen Oogenblick!«

Paul Welker wehrte mit der Hand ab. Die glänzenden Augen hielt er geradeaus gerichtet. »Ich will euch sagen, Arbeiter, daß ihr Toren seid! Ich will . . .«

Einige schrien durcheinander. »Wat seggt hei? Will hei Strit maken?«

»Smiet em rut, den Kirl!«

»Was man blot still!«

205 »Hei is'n Upspeeler!«

»Hört mich an! Hört mich zu Ende, und dann entscheidet, ob ich recht habe oder ihr. Dann entscheidet, ob ihr mich hier herauswerfen wollt! Ich will euch sagen, daß ihr euch allesamt hier verkauft, verschachert, für den zweifelhaften Genuß eines kostenlosen Zechgelages. Ihr betrügt euch selbst, ihr besudelt euch, denn alles, was ihr hier vergeudet, das müßt ihr selbst, aber nur ihr allein zahlen! Ist euch euer Stolz, eure Arbeiterehre nicht mehr wert als diese paar lumpigen Flaschen Alkohol und diese paar Kisten armseliger Zigarren? Gebt ihr eure Arbeitskraft, euer Selbstbewußtsein um ein paar jämmerliche Hundertmarkscheine, die Hans Welker dieser Abend kostet? Und die ihr, nur ihr ihm tausendfach, zehntausendfach wieder einbringen müßt, wenn ihr Tag und Nacht an Hobelbänken und Schraubstöcken schuftet, die Rücken krümmt und euch die Lungen verpestet? Ja, ich will euch sagen, daß ihr Toren seid! Habe ich recht oder nicht? He?«

Stimmen wurden laut. Einige murmelten und neigten die Köpfe zusammen. Sie waren noch zu sehr betrunken, als daß sie den Gedanken Paul Welkers hätten folgen können. Aber etwas dämmerte in den erhitzten Köpfen.

»Wat will hei mit dat Bedreigen?«

»Dat hett hei grad drapen!«

Sie waren alle ganz stutzig geworden. Das erschien ihnen wie ein Gaukelspiel. Mit einem Male war es ganz unheimlich ruhig.

Paul Welker fühlte, wie er Oberwasser bekam. Aber es fiel ihm verdammt schwer, seine Rolle zu spielen.

»Was ihr hier als Geschenk Hans Welkers anseht, das ist weiter nichts als ein schnöder Versuch, euch das Blut abzuzapfen. Merkt ihr denn in Drei-Teufels-Namen nicht, woher der Wind bläst?«

Paul Welker hob drohend die Arme. »Schämt ihr euch nicht?«

206 »Wie weiten dat nich, wie könn'n dat nich seggen!«

»Ick müch em nich ganz unrecht gäben!«

»Merkt ihr nicht, daß Hans Welker euch braucht, daß ihr Gold seid für ihn, unersetzlich für seinen Betrieb, und daß er ohne euch nichts machen kann? Ihr müßt ihm seine Millionen schaffen. Reißt doch die Augen, die Ohren auf und hört! Merkt ihr denn immer noch nicht, wie er Schindluder mit euch treibt?«

Paul Welker stand aufgerichtet. Wie ein Strafprediger ballte er die Fäuste, und seine sonst so zurückhaltende Stimme dröhnte durch den Saal. Alle Möglichkeiten schossen ihm durch den Kopf. Er spielte eine gewagte Rolle hier. Aber ein Streik der Versuchsabteilung war für ihn ungeheuer viel wert und legte den Hans Welkerschen Betrieb lahm, wenn auch nur für vorübergehende Zeit. Die Stunden und Minuten waren jetzt kostbar.

Eine Bewegung entstand im Saal. Sie nickten mit den Köpfen, beugten sich tuschelnd über die Tische, stritten, schlugen mit den Fäusten auf den Tisch und fingen an zu begreifen. »Dat is recht, wat hei seggt. Dat väle Geld hebben wi em all verdeint!«

»Dat söker!« schrie nun Heini Sahlmann und blies die roten Backen auf. »Hei hett vor poor Johren noch nix hatt, un hei hett jetzt völe Millionen!«

»Un dat's all von uns!«

»Richtig betrachtet, is dat ne janz klare Geschichte. Daran jibt et nichts zu tippen,« brüllte ein Berliner Schweißer in den entstehenden Lärm.

Paul Welker wußte, wo er sie zu packen hatte. »Habt ihr es nötig, Arbeiter, euch von einem, dem ihr hier das Geld verdient, in schäbiger Absicht freihalten zu lassen, könnt ihr nicht so viel fordern von ihm, daß ihr das selbst bezahlen könnt?«

»Säker! Hei is'n Düwel! Wat soll'n wi dor väl tau seggen! Hei spält'n grot'n Kirl un wi sünd dei Düsigen!«

»Wi hebben dat Nahkieken!«

207 »Hahaha! Er steckt uns alle in die Tasche!«

Ein Tumult entstand. Einige sprangen auf und ergriffen die Sektflaschen. Toni Bretthuber pfiff schrill durch die Finger.

Paul Welker nützte die Lage aus. »Wollt ihr euch das gefallen lassen? Habt ihr das nötig? Du!« – er wies auf einen, der vor ihm stand – »du, hast du das nötig? He! Hast du es nötig? Und du! Und du! Schmeißt ihm doch seinen Bettel vor die Füße! Zeigt doch endlich, daß euch der Verstand nicht eingefroren ist!« Mit haßerfüllter Stimme schrie er es in den lärmenden Trubel.

»Wi wull em dat all wiesen!«

»Hei ward dat all gewohr warden, dat wi uns nich bedreigen luten!«

»Sind wi am End, Jungs? Betahlen soll hei uns better!«

»Dat hew'k all ümmer seggt.«

Alle kamen in eine ziellose, blinde Erregung hinein. Klaus Dirks schwang drohend eine Flasche. Sektgläser zerschellten an der Wand.

»Hei is'n Swinhund!«

»A so a vafluchtes Luder, a so a vafluchte Lerche!«

Jans Kliekermann sprach das gefährliche Wort aus. »Wie will'n so nich wieter arbeiten. Wi will tau em gahn, up de Stell!«

»Wi möten em dat Finster inslagen, den'n Hannekack!«

Paul Welker sprach noch weiter, aber seine Worte ertranken in dem tobenden Lärm. Sie schrien und rumorten wie die Wilden. Ein großer Teil wollte sofort aufbrechen. Die andern schlossen sich an. Drohungen wurden ausgestoßen. Flüche durchschwirrten den Saal. Mit Flaschen bewaffnet drängten sie nach dem Ausgang.

»Wi müten glik tau sin Hus gahn!«

»Hei sall seihn, dat wi uns dat nich beiden laten!«

Paul Welker sah, daß er gesiegt hatte. Der Triumph leuchtete aus seinen Augen.

In wüstem Durcheinander, schreiend, betrunken bis zur Besinnungslosigkeit, zogen sie durch die Straßen.

208 Die meisten wußten gar nicht, was sie eigentlich wollten. Eine unbestimmte Gier nach Zerstörung, nach Auflehnung und Rache trieb sie vorwärts. Es war, als hätte man ihnen ein Gift eingeimpft, das nun mit elementarer Gewalt zu wirken begann und jede Vernunft und Ueberlegung ausschaltete, das sie nicht zur Besinnung kommen ließ.

Wie eine Horde Indianer zogen sie vor die Villa Hans Welkers. Sie sammelten Steine und rissen Holzlatten von den Zäunen. Eine Schar, die vorausmarschierte, fing an, die Internationale zu grölen.

Alles blind, ordnungslos, sinnlos.

Vor dem Hause sammelte sich die betrunkene Schar und brüllte nach den erleuchteten Fenstern. Sie schwangen die Holzlatten und schüttelten die Fäuste.

»Hei is'n groten Halsafsnider. Hei bild't sick in, dat hei uns an de Nas rümführen kann. Aber wi wull'n em all seggen, dat wi mihr verdeinen wullen!«

Jans Dierks schrie es in das gelbe Licht, das ihm entgegenflimmerte. Als die andern das Wort »verdienen« hörten, dämmerte ihnen erst eigentlich ganz schwach, was sie von Hans Welker wollten.

»Jawoll! Jawoll! Mihr Geld wull'n wi hebben.«

»Geld wull'n wi hebben. Geld! Geld!!«

»Hei träckt uns blot ut.«

»Smit em die Finster in.«

Ein junger, halbwüchsiger Bengel warf den ersten Stein in das Fenster. Die Scheiben klirrten. Tumult entstand. Schrill pfiffen sie durch die Finger.

Heini Sahlmann wollte über den Zaun klettern, aber er fiel wie ein Sack wieder herunter. Hinnerk Klausen, der die schöne Rede gehalten hatte, stand schweigend und überlegte etwas. Aus blöden Augen stierte er über die schwankenden Gestalten. Ihm kam das Unsinnige, was sie hier trieben, halb und halb zum Bewußtsein, er konnte sich nur nicht zurechtfinden. Die Gedanken entschlüpften ihm und stoben davon wie Mückenschwärme.

209 Die Polizei war längst benachrichtigt.

Hans Welker hörte den Aufruhr und ging an ein unbeleuchtetes Fenster. Er beobachtete, wie sich der Lärm steigerte. Die Hände hatte er in den Hosentaschen und lächelte. Er sah, wie der Halbwüchsige den Stein ins Fenster warf. Nun ist es Zeit, dachte er, und griff nach seiner Mütze. Langsam ging er nach unten und öffnete das schwere Tor.

Da geschah das Wunderbare! Das Lächerliche! Hans Welker trat mitten unter sie. Und es wurde grabesstill.

Sie duckten sich, sie schoben sich nach hinten, verkrochen sich hinter ihren Vordermännern, zogen die Hüte in die Gesichter und bekamen das Zittern in die Beine.

»Was wollt ihr?« schrie Hans Welker mit drohender Stimme. »Seid ihr alle zusammen verrückt geworden, was? Wollt ihr mehr Geld? Wollt ihr weniger Arbeit? Ist das der Weg, den ein anständiger Mensch geht? So machen's die Wilden, die Kaffern, die Hottentotten.«

Aus dem Hintergrund kam die Stimme des Halbwüchsigen, der den Stein geworfen hatte. »Süll'n wi uns dat gefallen laten?«

Hans Welker warf den Kopf nach der Seite, zwängte sich durch die vor ihm Stehenden und stieß geradenwegs auf den Sprecher los. Dicht vor ihm stand er.

»Was willst du? Rede! Junger Dachs! Hast du überhaupt schon etwas geleistet? Auf dich bin ich nicht angewiesen. Du kannst gehen! Hast du mich verstanden?!«

Er streckte den Arm aus. »Du sollst gehen!«

Er ging.

Hans Welker wandte sich um und rief in das Gedränge: »Wer von euch noch solchen Banditenton riskiert, der hat es mit mir zu tun! Ich habe nicht Lust, hier weiter zu reden. Mit rauflustigen Strauchdieben kann ich nicht verhandeln. Wenn ihr Forderungen habt, dann erwarte ich morgen elf Uhr den Arbeiterausschuß.«

Keiner wagte, ein Wort zu reden. Sie standen und ließen die Köpfe hängen. Eine Anzahl hatte sich schon 210 davongeschlichen. Hans Welker ging durch das schwere Eisentor und drehte sich noch einmal um.

Er lachte ihnen allen ins Gesicht. Höhnisch, fratzenhaft. »Ihr sollt euch nach Hause scheren. Ich freue mich ehrlich über den Dank für meine Einladung, den ihr mir in dieser originellen Weise dargebracht habt.« Mit theatralischer, heiserer Stimme brüllte er ihnen entgegen. »Ich fühle mich geehrt! Sehr geehrt! Ich habe nie gedacht, daß ihr so viel Stolz im Leib habt. Aber ich habe genug für heute. Geht nach Hause! Wer in fünf Minuten noch hier steht, mit dem werde ich persönlich verhandeln.«

Gleichgültig, mit seinen spitzen Bewegungen, ohne sich umzuschaun, sprang er über die Freitreppe und verschwand im Haus.

Unten aber löste sich der Bann. Scheu, flüsternd und das böse Gewissen in den faltigen Gesichtern, schlichen sie auseinander.

Rasselnd kam die Feuerwehr mit der Dampfspritze angefahren. Kaltes Wasser ist das Beste für erhitzte Köpfe. Aber es war nicht mehr nötig. Der Platz vor dem Haus war leer.

Nur Paul Welker stand an der nächsten Straßenecke. Er biß die Zähne in die Unterlippe und trottete sich davon. Während er ging, packte ihn die Ohnmacht. Der Grimm. Grenzenlos!

Er weinte in seiner Hilflosigkeit. 211

 

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