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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19.

Hans Welker baute den »Wilden Freiger«. Es war die Maschine, auf die er alle Hoffnungen warf. Sein feines Gefühl hatte die Vorteile fremder Versuche zusammengeschachert. Mit sicherem Blick, ohne Theorie und Rechnung, hatte er das Brauchbare aus Bergen von Material heraussondiert. Die lebensfähigen Nerven einer Reihe von Versuchsmaschinen waren benutzt und hier zu einem harmonischen Ganzen zusammengefügt worden.

Diese Maschine war der vollkommene Typ, den die Reichsbehörden forderten, mit modernster Leistung und elegantester Bauart.

Hans Welker fürchtete keine Konkurrenz. Er war nicht imstande, sich zu fürchten, denn sein fabelhaftes Selbstbewußtsein gab ihm ein eisernes Rückgrat und einen starren Willen, den nichts zu beugen vermochte. Er kannte seine Ueberlegenheit, und darin wurzelte seine Größe. Felsenfest stand er auf dem gewichtigen Fundament seines Selbstvertrauens, und es wäre eine Herkulesarbeit gewesen, diesen schmächtigen, hageren Menschen mit den unruhigen Augen und dem sprungbereiten Wesen zu stürzen.

Hans Welker baute den »Wilden Freiger«!

Dieser Name war Trotz, Draufgängertum, Stirnbieten, Waghalsigkeit und Triumph.

Dieser Name paßte ihm.

Die Versuchsabteilung arbeitete Tag und Nacht. Sie war sein Steckenpferd, sein Heiligtum. Sie verschlang Unsummen, aber er freute sich, wenn sie Tausende schluckte und Millionen ausspie.

192 Zweihundert Arbeiter waren hier beschäftigt. Es waren seine besten Kräfte, Leute mit langjähriger Erfahrung, eingearbeitet und mit allen Finessen seiner Herstellungsmethoden vertraut. Sie gehörten zu ihm, zu seinem Namen, zu seiner Firma. Ohne sie wäre der Betrieb nicht möglich gewesen, denn sie waren ein Stück Tradition, das sich nicht ohne weiteres ersetzen ließ. Sie arbeiteten wie die Künstler, aber sie mußten auch danach behandelt werden. Und das wußte Hans Welker.

Kurt Seeberger verstand das. Er »schmiß« alles. Mit jovialem Lächeln schlenderte er zwischen den Schraubstöcken hindurch. Die Arbeiter kannten ihn, und er war für sie halb Hanswurst und halb Respektsperson. Mit rasselnder Stimme erzählte er einen gemeinen Witz, den er mit viel Geschick und Zynismus vordeklamierte, so daß er eine ganze Kolonne zur Heiterkeit zwang. Sie lachten, daß die Bäuche wackelten und die dicken, vernarbten Finger unter die Nasen fuhren. Er wußte immer solche Witze, an jedem Schraubstock verzapfte er einen neuen, endlos flossen die schlüpfrigen Reden aus dem mahlenden Mund, und dazu rollte er die verschmitzten Augen und schlug den Leuten auf die schmierigen Arbeitskittel. Wenn es darauf ankam, duzte er sich mit ihnen.

Er nahm ihnen die Feile oder den Hobel aus der Hand, probierte ihre Handhabe und stellte sich ungelenk und unbeholfen wie ein kleiner Junge. Aber die Arbeiter freuten sich darüber und bekamen eine gewisse Hochachtung vor ihrem Handwerk, die ihnen eigentlich im Laufe der Zeit ganz abhanden gekommen war. Eine Kunst war es, was hier ihre Arme und Hände leisteten, das konnte ihnen selbst Kurt Seeberger nicht nachmachen.

In der Vesperpause »warf« er eine Runde Flaschenbier. Das kostete einige armselige Markstücke und war Gold wert. Er machte das unauffällig, kameradschaftlich ohne sichtbare Herablassung. Glucksend trank er mit, hing die Flasche an den Hals und ließ das Bier über sein frischgestärktes Hemd laufen. »Wir sind eine große 193 Gemeinde,« flunkerte er, und die meisten glaubten es, denn er war ein zu guter Schauspieler, als daß man aus seinen Handlungen einen diplomatischen Hintergedanken hätte herauswittern können. Er setzte sich auf einen schmutzigen Messingtank und las »Kiesewetter-Verse«, von brüllendem Gelächter umtobt. Den Rock zog er aus, schürzte die Aermel hoch und führte Athletenakrobatik vor, stemmte Oelbehälter und Stahlhauben, balancierte ein nahtloses Rohr auf dem Kinn und machte einen dilettantenhaften Kopfstand, daß die Nähte krachten. Beide Ohren hatte er offen dabei. Wie ein Polizeihund schlich er durch die Reihen und schnappte alles Wissenswerte auf, was die Arbeiter unter sich sprachen und beratschlagten. Mit Spürsinn lauschte er auf ihre Wünsche, richtete an sie verfängliche Fragen, um verfängliche Antworten zu erhalten. Er prüfte Herz und Nieren jedes einzelnen und machte seine Diagnose.

Die Arbeiter in der Versuchsabteilung waren zu wertvoll, als daß man sie hätte vernachlässigen dürfen. Sie waren nicht zu ersetzen, jeder einzelne war auf den Hans Welkerschen Betrieb abgestimmt wie eine Harfensaite, und er durfte die Stimmung nicht verlieren; sonst gab es Dissonanzen.

Hans Welker vertrug keine Dissonanzen.

Also, wozu hatte man den Kurt Seeberger, den Homespun?!

Eines Tages sprach er einmal wieder: »Es wird Zeit, Herr Welker, wir müssen eine Rakete losschießen. Die neuen Bestrebungen des Metallarbeiterverbandes greifen auch auf unsere Versuchsabteilung über. Der Bazillus ist schon in sie eingedrungen. Die Leute werden sonst unzufrieden. Mißmutig. Sie wollen keine Nachtschichten machen. Es ist nicht ganz in der Ordnung, Herr Welker, wir brauchen ein Feuerwerk! Jetzt ist es noch Zeit. Puffen wir es ab!«

Hans Welker ließ es abpuffen. Es wurde ein Festgelage veranstaltet. Er ging selbst in die 194 Versuchsabteilung, ganz wie von ungefähr, und es klang geradezu lächerlich, wie er den Leuten eine phrasenhafte Freundlichkeit und erheucheltes Gönnertum hinwarf, wie verdächtigen Hunden einen Brocken vergiftetes Fleisch.

»Meine Herren Arbeiter,« sprach er und kam sich dabei in der Tat fast ernst vor, »ein besonderer Anlaß, den ich Ihnen hier nicht näher auseinandersetzen kann, gibt mir Veranlassung, Sie zu einem kleinen festlichen Zusammensein einzuladen, und es sollte mir eine freudige Genugtuung sein . . .« – und so weiter. Er kam dabei ins Stocken, weil ihm seine eigene Größe und sein Wohlwollen mit einem Male selbst so riesengroß erschienen, daß eine psychologisch rätselhafte Rührung in ihm hochstieg. Unerwartet und überraschend wie ein Gewitter im Winter.

Kurt Seeberger warf noch ein paar Witze hinterher wie einen pikanten Nachtisch.

Die Arbeiter freuten sich. Sie strahlten über die von Oelruß schwarzen Gesichter, und die gutmütige, vierschrötige Freude schlug ihnen aus den veräderten Augen. Die Feilen kreischten, die Hobel zischten, die schwieligen Hände faßten Hammer und Säge. Sie nickten sich mit den Köpfen zu und wischten sich den salzigen Schweiß aus der Stirn. Das war doch mal wieder eine Abwechslung, wie man sie sich wünschte. So ganz nach dem Herzen dieser anspruchslosen Menschen, die in ihrer bescheidenen, kleinstädtischen Lebensweise bei kostenlosem Essen und Trinken, bei wohlfeilem Entgegenkommen und schlechten Zigarren wieder und wieder die ihnen eingeimpfte Gesinnung verkauften um ein Linsengericht. Sie alle fühlten schwach diesen Unterton der Bauernfängerei, aber ihre wüstenöde Bedürfnislosigkeit lieferte sie rettungslos aus.

Hans Welker stiftete noch einige tausend Mark in die Arbeiterkasse, und damit wurde jede Möglichkeit eines sich aufrichtenden Stolzes niedergedrückt . . .

Abends »stieg« das Arbeiterfest.

195 Der kleine Saal im Ratskeller war gemietet. Mehrere große Tafeln mit zweihundert Gedecken strahlten in blendender Frische, und Oberkellner mit Servietten unterm Arm liefen zwischen den Stühlen hindurch.

Sie kamen pünktlich, verlegen und mit unsicheren, schweren Schritten. Es waren meist ältere, verheiratete Leute mit frischgewaschenen Gesichtern und rotgescheuerten Händen, die nassen Haare in Scheitel gekämmt und die genähten Schlipse um den Stehkragen gebunden. Sie fühlten sich beengt in den schwarzgewichsten Rindlederstiefeln und den Konfektionsanzügen. Die runden Röllchen rutschten ihnen über die Hände. Sie setzten sich umständlich und mit einer feierlichen Unbeholfenheit, zogen an den Westen und rückten die Krawatten zurecht. Die Schnauzbärte waren hochgekämmt, die steifgeplätteten Vorhemdchen bogen sich nach vorn.

Die Jüngeren waren stillos herausgeputzt, mit farbigen, dicken Krawatten und ungezügelten Anzügen. Sie trugen phantastische Krawattennadeln, gesprungene Lackstiefel mit Einsätzen; sie rochen nach gemotteten Sonntagsanzügen und hatten sich pompöse Ringe über die verarbeiteten Hände geschoben. Alle aber waren in einer gehobenen, feierlichen Stimmung und versuchten, sich in dem etwas unbehaglichen Glanz dieses festlich geschmückten Raumes mit Anstand zurechtzufinden.

Als sie versammelt waren, erschien Kurt Seeberger. Er hatte sich in den Smoking geworfen und trug ein Paar mausgraue Glacéhandschuhe in der linken Hand. Wie ein Volksredner trat er unter die Arbeiter, die schon an den blitzblank gedeckten Tischen Platz genommen hatten. Einige wollten aufstehen, aber er winkte ihnen freundlich-lächelnd zu und ging zum Kopfende der Tafel.

Während die Kellner mit dem Essen kamen, salbaderte er eine alberne Rede, pries die Arbeiterschaft, lobte Hans Welker, schimpfte auf Uneinigkeit und Streitsucht, wurde gemütlich und kollegial, warf einen uralten Witz dazwischen und trank auf das weitere Gedeihen der 196 Versuchsabteilung. Die meisten wußten gar nicht, was er eigentlich wollte, sie hatten auch ihre Aufmerksamkeit mehr dem Essen zugewandt.

Schmatzend und mit Wohlbehagen löffelten sie die Spargelsuppe und waren höchst zufrieden, daß man keine großen Ansprüche an ihre Rhetorik und Unterhaltungsgabe stellte. Vorgebeugt saßen sie, die Ellbogen nach den Seiten gestemmt und die Servietten in den Stehkragen gestopft und fühlten eine unerklärliche Beklemmung, wenn die Kellner an sie herantraten und die Gläser vollgossen.

Seeberger ließ eifrig Wein einschenken und trank allen ermunternd zu. Nach dem gekochten Hecht fing die Stimmung schon an, gemütlicher zu werden, und der Panzer der ungewohnten Situation lockerte sich. Einige legten sich behaglich in den Stuhl zurück, wischten den Mund ab oder fuhren sich heimlich mit den Taschenmessern in die Zähne. Andere gossen sich selbst den Weißwein in die Rotweingläser, riefen nach dem Kellner und warteten mit gespannter Miene auf die nächsten Schüsseln.

Es gab Rinderfilet mit Gemüseplatten. Sie luden sich die Teller voll, ohne Berechnung des noch Kommenden, und lockerten die Hosenschnallen. Der Schweiß sickerte aus den Poren, der schwere Wein feuchtete die Augen und heizte die Köpfe. Einer trank Seeberger zu, und andere folgten seinem Beispiel. Stimmengewirr wurde laut, wuchs, schwoll und erfüllte den Saal wie ein stetig steigendes Wasser.

Während junge Hühner mit Salat und Kompott gereicht wurden, hielt der alte Hinnerk Klausen tatsächlich eine Rede. Der Bedauernswerte war wirklich in keiner rosigen Lage. Während des ganzen schönen Essens lag ihm diese verfluchte Rede wie ein schwerer Stein im Magen, saß in den Schluckmuskeln und verdarb ihm den Appetit. Er rutschte mit dem Stuhl, schaute nach der Uhr, trank sich noch einmal Mut an und 197 erhob sich zögernd und schwerfällig. Mit der Hand fuhr er durch den Bart und hustete.

Endlich fing er an, und es ging ganz gut. Viel besser, als er eben noch gedacht hatte. Er sprach langsam und mit einer Betonung, die so scharf und eckig war wie sein Meißel, aber es hatte Hand und Fuß, was er in mühselig verkleidetem Dialekt in den Saal schmetterte. Es klang unbeholfen und kantig, aber genau genommen hatte es viel mehr Sinn als Kurt Seebergers Gefasel.

Nun er alles glücklich zu Ende gebracht hatte und über einige Klippen mit Anstand hinweggeklettert war, setzte er zu einem Hoch auf Hans Welker an, und die fetten Stimmen gaben seiner Rede einen gewissen apotheosenhaften Höhepunkt, über den er sich, nach überstandener Qual, so ehrlich freute, daß ihm Tränen der Rührseligkeit aus den wasserhellen Augen tropften. Jetzt erst bekam er Hunger. Er füllte beide Lungenflügel mit Luft und holte alles nach, was versäumt war. Er aß für zwei und trank den Burgunder wie Quellwasser. Immer neue Platten wurden herbeigeschafft, und ganze Kompagnien Weinflaschen traten ins Gefecht.

Wie ein Pfau im Hühnerhof thronte Seeberger oben, drehte den Kopf, redete unaufhörlich und freute sich über seine Umgebung.

Neben ihm saß Jochen Witt, ein Künstler, ein Virtuos mit der Feile. Er feilte die feinsten Arbeiten aus dem Handgelenk, komplizierte Teile und Beschläge. Er konnte Gewinde feilen, eine der mühseligsten und erstaunlichsten Künste. Jochen Witt hatte einen breiten Mund und zerkaute spielend mit seinen gelben Zähnen die Hühnerknochen. Seine plumpe Hand faßte das Glas, und er goß mit leuchtenden Augen den Wein durch die Kehle. Er zählte sich zu den Auserwählten, die nicht unter den Tisch zu trinken waren, und bekam erst Durst, wenn die anderen schon genug hatten.

198 Nach dem Käse war die Stimmung so weit vorgeschritten, daß einige ein Lied sangen. Das Lied war der untrügliche Beweis, daß die Leute satt waren und zur Verdauung schritten. Die Stimmen klangen breit, zufrieden und faul, das Zeitmaß schleppend wie ein schwerer Güterzug, der eine Steigung nimmt. Sie steckten sich die dicken Zigarren in den Mund, und da man es doch ausnutzen mußte, qualmten sie wie die Fabrikschlote darauf los. Erstaunlich war es, was diese Menschen im Trinken leisteten.

Seeberger ließ Sekt anfahren und erntete gerechten Beifall.

Sie zogen bewundernd die Augenbrauen hoch, wenn ihnen die prickelnden Bläschen in die Nase stiegen, und gossen das verlockende Getränk hinunter, als wollten sie sich damit einen letzten Rest von Seligkeit erkaufen. Und taten doch weiter nichts als sich betrinken.

Johann Klickermann hatte dem Kellner eine Flasche abgenommen und sie vor sich auf den Tisch gestellt. Sein Kopf war rot wie eine Tomate, und er fraß buchstäblich den Zigarrenrauch. Er war der beste Schweißer der Versuchsabteilung und nicht mit Gold aufzuwiegen.

»Nu will wi man 'n dägten Sluck nähm'n,« rief er vergnügt und griff mit wahrer Andacht zur Sektflasche.

»De ward glik de ganz Buddel mitsupen!« lachte der verkrümmte Luden Swank über den Tisch. Gesicht und Hände waren dicht behaart und die Arme unnatürlich lang. Der Bart war bei ihm so dick und spröde, daß er sich nicht mehr in zivilisierte Formen bringen ließ und die narbige Haut wie halbverdorrtes Seegras überwucherte. Aber wenn man Luden Swank die schwierigste Zeichnung gab, mit Unmengen von Verbesserungen und Umänderungen, dann las er sie deutlich und zuverlässig, als ob es lauter fettgedruckte Buchstaben wären. Luden Swank las die größte Zeichnung mit der gleichen Leichtigkeit, mit der er sein Abendblättchen las. Und wie sich 199 in das Abendblättchen hin und wieder Druckfehler einschlichen, so geschah es auch dann und wann in den Zeichnungen, daß sich kleine Fehler einnisteten, die auf dem Papier unbedeutend erschienen, in der Praxis aber zu Katastrophen führten. Diese Fehlerteufelchen fand Luden Swank mit fabelhafter Schnelligkeit heraus. Er hatte dem Konstruktionsbüro schon manche Blamage beigebracht, und das tat er gern und mit schadenfroher Befriedigung.

Der Alkohol sorgte für die Stimmung. Die Gesichter verschwammen in dem Zigarrennebel, der in dicken Wolken nach der Decke stieg.

Kurt Seeberger hielt noch eine zweite Ansprache, die aber in der Brandung der Stimmen halb unterging. Er sprach von der zukünftigen Arbeit, von den Hoffnungen, die Hans Welker gerade auf die Versuchsabteilung . . . Aber die meisten hörten nicht mehr auf ihn.

»I moan allewei, der is scho b'suffa,« sprach Toni Bretthuber, der klobige Niederbayer aus Passau.

»Schscht! Wi möten woll ruhig wesen, hei will uns wat seggen!«

Fritz Krause aus Brieg schlug seinem Nebenmann auf den Hinterkopf. »Nu hall bluß a Fresse, wenn a asu labert!«

»Wat seggt hei blot vun dat grote Fleigen?«

Seeberger merkte, daß die meisten schon betrunken waren, und trompetete mit absichtlich gesteigertem Pathos in den Zigarrendunst, daß die Stimme sich überschlug.

»Wi will'n bloß seggen, dat wi dat all nich verstah'n, wat hei dor bölkt.«

». . . grade darin zeigt sich der wahre Stolz und die Ehre des Arbeiters, daß er auch in den schweren Stunden nicht vergißt, welche moralische Verantwortung auf seinen Schultern liegt, und sich bewußt wird der Pflicht, die rein menschlich . . . was von uns verlangt?«

Johann Klickermann stieß es auf. Mitten in einer rhetorischen Pause, die Kurt Seeberger einschaltete, um 200 zu einer Steigerung auszuholen. »Hinrik, giv mi dor mal een von de dicken Glimmstengels!«

»Minsch, dat 's n' famoses Krut, dat müg ick woll ümmer smöken!«

»Nu pack di bloß nich wek bisit!«

Seeberger brachte nochmal ein Hoch aus, keiner wußte, auf wen, aber sie schrien, daß der Stuck von den Wänden fiel und die Kellner sich die Servietten in die Ohren stopften.

Hinnerk Klausen hatte sich solchen Mut angetrunken, daß er zu einer richtigen Stegreifrede ansetzte. Er litt jämmerlich Schiffbruch, da ihn der Schluckauf buchstäblich überwältigte. Sie tranken ihm zu, und Hinrik Sahlmann, der Modellkünstler, drückte ihn sanft auf seinen Stuhl nieder. »Mak du man blot din Mul tau un verkäuhl di nich 'n Magen!«

»Aber erlauben Sie . . .« Hinnerk Klausen sprach Hochdeutsch, und das wirkte so erheiternd, daß seine Nachbarschaft in ein rauhes Gelächter ausbrach.

Kurt Seeberger aber sah, daß seine Rolle hier zu Ende gespielt war. Er verließ die Bühne. Mit Schwung und einer letzten Pointe. Er klopfte kräftig ans Glas und verkündete sein Evangelium. »Meine Herren! Ich muß Sie leider verlassen, denn ich muß . . .« Na, was denn? Es fiel ihm gar nicht ein, was er mußte . . . »Na, ich muß noch zu einer Sitzung, aber bleiben Sie hier beim fröhlichen Gelage versammelt, und alles, was Sie noch trinken und essen und rauchen, dazu sind Sie herzlichst eingeladen. Prosit!« Er leerte mit Widerwillen sein Glas.

Der Sturm des Beifalls schlug über ihm zusammen. Sie johlten und jauchzten, erhoben sich von den Stühlen und warfen die Gläser um. Einige taumelten auf ihn zu und reichten ihm gerührt die Hand.

»Hei sall läben, hoch!«

»Dat's uns Mann, hei is son 'n dägten Dunnerslagskirl!«

201 Seeberger trat ab. Bis zum letzten Augenblick wahrte er die Pose.

Lächelnd, nickend, gerührt, jovial, bescheiden abwehrend und ermunternd zuprostend stieg er durch die Reihen der Arbeiter und steuerte wie ein Vollschiff durch die Brandung der Begeisterung dem Ausgang zu. Alle fühlten sich froh erleichtert, als er verschwunden war. Nun waren sie endlich ganz unter sich.

»Wi wull'n em 'ne gesolt'ne Recknung ansupen.«

»Aewer wi möten wull noch wat tau fräten hebben!«

Neue Flaschen kamen. Gewaltige Platten mit belegten Broten wurden aufgetragen. Mit den Händen krabschten sie nach den Schinkenbrötchen, fuhren mit den Fingern in die Majonnaise und zerdrückten die Käsestücke. Jochen Witt schleuderte die Radieschen nach den Köpfen seiner Genossen und lachte unbändig, wenn er einen traf. Einer zog sich Kragen und Krawatte aus und steckte beides in die Tasche.

»Dat Düwelstüg snarrt mi de Kehl' tau!«

»Korl Jakob, Korl Jakob,
Din Büx is so bunt,
Du sast mi doch heirat'n,
Du schleifbeinte Hund!«

Einer setzte ein, und die Umgebung folgte. Die Zigarren in den Zähnen, grölten sie mit heiseren Stimmen.

»Holt dat Mul! De oll Kunkel seggt een plattdütsch Gedicht up.«

Oll Kunkel war es eingefallen, daß er deklamieren konnte. Es war, als wollte er gegen einen Orkan sprechen. Kein Wort drang durch das Wogen der ungeglätteten Stimmen. Aber er sprach immer weiter, feierlich, mit vorstehenden Augen und das Glas in der Hand. Es schien, als wollte ihn die Rührung übermannen. Das Gedicht war ernst, aber sie lachten ihn aus, warfen ihn mit Sektkorken, und ein Stichelhaariger mit Warzen im 202 Gesicht steckte ihm eine Zigarre in den breitgeöffneten Mund. Da sank oll Kunkel in sich zusammen wie ein baufälliges Haus.

Sie betranken sich bis zur Unkenntlichkeit.

Krischan Jörns mit seinem kantigen Schädel hing mit schlapphängenden Armen auf dem Stuhl und stieß fortwährend mit dem Kinn nach unten, als müßte er etwas Uebles hinunterschlucken. Er war Teilschlosser, hatte kurze Beine mit Plattfüßen und einen Schnauzbart wie ein Seehund, dessen widerborstige Haare sich bis in den Mund krümmten.

»Jörns, paß man up und verget dat Supen nicht!«

»Ick glöw, hei slöpt in!«

In der Tat hatte er die Augen halb geschlossen. Da goß ihm Klaus Dierks, der Klempnermeister, einen Schuß Sekt in den Halskragen. Krischan Jörns schaute sich dösig um, fühlte das Nasse, das ihm über den Rücken lief, und glotzte den lachenden Attentäter an. Mit einem Male fuhr ihm der Zorn in die Glieder. Er sprang auf und wollte sich auf Klaus Dierks stürzen.

Einige hielten ihn. Er riß sich los.

»Du versapener Swinegel, du! Dor paß man up, ick war di glik dat Ledder versahlen!«

Sie balgten sich, warfen die Stühle um und wälzten sich unter dem Gejohle der Zuschauer am Boden.

»Wullt ji woll ruhig wäsen! Dat giwt dat nich, det ji juch hier dat Fell äwer de Ohren stöpt!«

Die Kampfhähne wurden auseinandergezerrt.

Klaus Dierks stand ganz sprachlos da. Er wußte nicht, sollte er lachen oder schimpfen. Sein schöner platter Scheitel war ganz aus der Form gebracht, und die schwarzen Haare standen ihm vom Kopf wie verwildertes Gras. Der fleckige Schlips war über den Kragen gerutscht und das gestärkte Vorhemd zum Westenausschnitt hervorgekommen.

Krischan Jörns nahm eine gefüllte Sektflasche, torkelte damit in eine Ecke und ließ sich in einen Sessel fallen. 203

»Lott is dod, Lott is dod,
Jule ligt in Keller,
Kriegt 'n Kind, kriegt 'n Kind
Von 'n versapen Möller!«

Er schlief dann ein.

Die Betrunkenheit stieg. Flaschen lagen auf der Erde, Platten mit Speiseresten und zerbrochene Teller. Ganze Kisten mit Zigarren wurden förmlich ausgeraubt und dann in den Taschen zerdrückt.

»Nu möt'n wi noch 'n por Frunslüd dormang hebben!« krähte August Plückhahn. Er stand auf einem Stuhl und spreizte die Finger. Das Fleisch wuchs in dicken Knoten bis über die Fingernägel, und die Gelenke waren gekrümmt und unbeweglich.

Otten Ruhkiek, der Grobschmied, lag halb bewußtlos unterm Tisch. Ihm war es zum Erbarmen elend. Mit den Händen schlug er um sich und wälzte sich im Schmutz. Sie zogen ihn hervor und setzten ihn auf einen Stuhle wo er sofort kopfüber auf den Tisch schlug.

Sie sangen, grölten, pfiffen und tanzten mit ihren schweren Stiefeln um die Tische herum. Sie umarmten sich, wurden rührselig, grob, gutmütig und zuletzt gewaltsam.

Es war der gefährlichste Zeitpunkt. 204

 

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