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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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10.

Sie reisten über München nach Hause.

Graf Scanzoni war mit Welkers achtzigpferdigem Wagen am Bahnhof, als sie nachmittags ankamen. Er hatte das Monokel im Auge und blickte halb belustigt, halb neugierig auf Herta Land, die ihn mit einer gutgespielten Herablassung begrüßte.

»So! so! Sie sind der Gefährliche, der mich psychologisch zerstückeln wird? Na, ich wünsche Ihnen Glück zu diesem undankbaren Geschäft!«

Sie lachten beide herzlich, und Scanzoni wußte im Grunde gar nicht, was sie von ihm wollte.

Welker saß schon im Wagen und rückte am Steuer.

»Bitte, meine Gnädigste, steigen Sie ein!« Scanzoni nahm die Hand an die Ledermütze und folgte.

Hans Welker zog den Kopf ins Genick, schob die Zunge zwischen die Zähne und brauste durch die engen Straßen der Kleinstadt. Die pneumatische Hupe dröhnte, daß die Leute die Köpfe drehten, stehen blieben und verwundert dem Wagen nachschauten, der einen dünnen, blauen Rauch hinter sich ließ.

Sie fuhren am See entlang, und dann hielt der Wagen vor einer kleinen Villa, unmittelbar am Strand. Welker sprang aus dem Wagen und ging mit eckigen Schritten nach der schmalen Eisenpforte.

»Was sagen Sie zu der Aufmerksamkeit meines Grafen?« sprach er zu Herta Land. »Ist er nicht der geborene Kavalier? Kaum sind Sie hier angekommen, haben Sie auch schon ein warmes Nest. Das Häuschen steht zu Ihrer Verfügung!«

110 Herta Land war erstaunt und streckte dem Grafen die Hand hin. »Das danke ich also Ihrem genialen Spürsinn? Eigentlich bin ich überrascht von soviel Zuvorkommenheit. Was haben Sie denn vor mit mir?«

Der Graf rollte die Lippen. »Ich weiß nicht, welche Experimente der hohe Herr mit Ihnen im Sinn hat.«

Sie traten ins Haus, und Welker rief zurück: »Meine Privatsekretärin! Weiter nichts und doch genug! Aber ich muß sie doch vor der Hand mindestens etwas besser behandeln als mein Tippfräulein.«

»Man wird so behandelt, wie man sich behandeln läßt!« antwortete Herta Land.

Sie traten in wohlig gewärmte Räume. »Klein, aber fein!« zitierte der Graf, und die abgedroschene Redensart kam ihm selbst albern vor.

»Herrlich ist es hier!« Herta ging mit raschen Schritten durch die vornehm ausgestatteten Räume, schwebte elastisch über Teppiche und trat zu den niedern, breiten Fenstern. »Herrlich!« Sie blickte über die Einrichtung des Damenzimmers. »Wirklich ganz allerliebst!«

Hans Welker nickte mit dem Kopf. Ihm fing das nun schon an, langweilig zu werden. Es war auch Zeit, daß er in die Fabrik kam.

»Ja, ja!« sprach er, um überhaupt etwas zu sagen, »ich muß mir das doch leisten können.«

»Zumal für deine Privatsekretärin,« spöttelte der Graf und putzte das Monokel.

Herta belustigte sich innerlich, daß man sie hier so gleichsam als Unterhaltungsobjekt auffaßte, als ein nettes, lebendes Spielzeug, an dem man sich wohl eine Zeitlang ergötzt, und das man dann in die Ecke stellt.

»Sie haben wohl sonderbare Begriffe von meinem Amt. Eine solche Beschäftigung könnte man unter Umständen sogar ernst nehmen.«

Welker setzte die Mütze auf den Hinterkopf und wurde ungeduldig. Er nahm die Türklinke in die Hand und sprach: »Eigentlich ist sie mehr Sport als Bedürfnis.«

111 Darüber lachte sie und entgegnete, zu dem Grafen gewandt: »Das sagt er nur zur Entschuldigung. Im Grunde genommen bin ich da, um seinem farblosen Habitus geschmackvoll nachzuhelfen.«

»Sie schießen vergiftete Pfeile, gnädiges Fräulein.« Scanzoni drehte die Augen.

Herta sprach: »Merken Sie nicht, daß Hans Welker gehen will? Es gibt Menschen, die nie Zeit haben. Nie! Und doch alles versäumen!«

»Ich muß in die Fabrik. Ich werde mein Motorboot schicken, da könnt ihr später nachkommen!« Er schlug die Tür und warf den Motor an. Dann brauste er davon.

Herta Land ging mit dem Grafen ins Wohnzimmer, und bald dampfte der Teekessel.

Er setzte sich in einen Korbsessel, zündete eine Zigarette an und beobachtete, wie sie den Tee bereitete.

Unwillkürlich sahen sie sich einmal in die Augen. Und der Graf sprach: »Sie passen zu Hans Welker wie ein Trauermarsch zu einer Kindtaufe!«

Herta goß das heiße Getränk in die gemalten japanischen Tassen und setzte sich dem Grafen gegenüber. »Wie kommen Sie auf diesen Vergleich?«

»Das ist nicht mit einigen wenigen Worten gesagt. Das läßt sich überhaupt nicht sagen. Es gibt Dinge, die man erlebt haben muß. Die man überstehen muß, um sie zu erkennen! Hans Welker ist zu brutal für Sie!«

»Ich verstehe das! Er lebt nur mit dem Kopf und nicht mit dem Herzen!«

»Das ist vielleicht nicht unwahr. Mir scheint, Sie finden Gefallen an seinem unpolierten Wesen. Sie nehmen ihn, wie man einen Intriganten auf dem Theater nimmt. Aber das ist ein gefährliches Spiel.«

Herta sah durchs Fenster auf den See. Ein kalter Ostwind peitschte weiße Schaumkronen hoch, und die Wellen schlugen gischtsprühend gegen das Ufer.

»Ich fürchte keine Gefahren! Ich fürchte nur den Alltag und das graue Einerlei. Uebrigens, ganz nebenbei, wo 112 haben Sie Ihren italienischen Namen her? Sie haben überhaupt einen stark südländischen Einschlag. Nur Ihr Temperament scheint aus kälteren Breitegraden zu stammen.«

»Mein Temperament? Hat ausgegoren, Gnädigste! Ich bilde mir ein, über Temperament und Leidenschaft zu stehen. Das ist vielleicht viel gesagt und läßt sich schwer beweisen, aber wenn Sie meine Vergangenheit kennen würden, dann wäre es möglich, daß Sie für mich Verständnis hätten. Ich will Ihnen etwas sagen: Bei Menschen, die viel erlebt, die viel genossen und viel entbehrt haben, die Bettler und Verschwender, Künstler und Banausen waren, kommt einmal eine Zeit, wo ihr Uhrwerk abgelaufen ist. Sie hören auf zu handeln, und ihr Unternehmungsgeist wird schäbig, wie von den Motten zerfressen. Sie verlieren die Lust am Komödienspiel und suchen sich eine höhere Warte, von der aus sie das Schauspiel des Daseins mit einer gewissen, mühsam erworbenen Blasiertheit und ohne innere Konflikte an sich vorüberziehen lassen. Mit einem Wort: Für mich ist alles abgetan!« Er griff nach der Teetasse und blieb gleichgültig und trocken. Seine Stimme klang spöttisch und schulmeisterlich.

Herta Land fühlte etwas wie Groll gegen diesen Menschen mit der überlegenen Miene. Gegen diesen ledernen Spötter. »Ich glaube aber, um all Ihre Weltweisheit hüpft doch immer noch ein Hanswurst, und das ist der Selbstdünkel. Sie mästen sich in dem Bewußtsein, eine Ausnahmenatur zu sein.«

Er lächelte und rückte die schiefachsigen Augen auf sie. »Wenn Sie meinen! Es wäre vergebliche Mühe, Ihnen das ausreden zu wollen. Aber vielleicht findet sich mal eine günstige Stunde, da will ich Ihnen aus meinem Leben erzählen. Es ist nicht ganz uninteressant . . . wie das Ihrige! Bitte, das weiß ich . . . und dann vor allem – – lehrreich! Lehrreich, Gnädigste!«

Er mühte sich aus dem Sessel und trat zum Fenster. »Ha, ja! Kunterbunt ist alles. Kunterbunt!« Dann kam er auf Herta zu, blieb vor ihr stehen und sprach ohne Betonung: 113 »Sie halten heute hier Ihren Einzug. Da will ich Ihnen einen Hausspruch geben: Hans Welker ist ein brutaler Realist. Er ist ohne Kinderstube, ohne Taktgefühl und scheut keine Mittel. Keine! Und ist ein seltener Günstling des Schicksals! Nehmen Sie diese Tips von mir an.«

»Ich weiß es!« Mehr konnte sie in diesem Augenblick nicht sagen. »Ich höre das Boot kommen.«

Ein dunkles Schraubengeräusch drang über das Wasser. Das Boot legte am Steg an.

»Ich denke, wir brechen langsam auf, es fängt bereits an dunkel zu werden, und wenn Sie noch Lust haben, das Feld Ihrer zukünftigen Tätigkeit zu besichtigen, dann dürfen wir keine Zeit mehr verlieren!«

Herta erhob sich und trat zum Fenster. Sah über das belegte Wasser und war voll Erwartung. Und die Stunde wurde in ihr wach, als sie in jener Nacht mit Windtholz auf den Peischelkopf gestiegen war. Seine Worte kamen ihr deutlich ins Gedächtnis, und sie sah ihn stehen, hochgewachsen und scharf umrissen. Ein riesiger Schatten gegen den mondhellen Nachthimmel. Mit Gewalt verjagte sie das Bild.

»Wir wollen gehen!« Sie verließen das Haus und gingen zum Steg. Das Boot hatte schaukelnd beigedreht.

»Sie können zu Fuß umkehren,« sprach Scanzoni zu dem Monteur, »ich werde selbst steuern.«

Im Boot lagen Oel und Pelzmäntel. Der Wind war kalt und brachte eine fröstelnde Nässe. Der Nebeldampf stieg aus den Wäldern.

Scanzoni gab Gas und steuerte in die Brandung. Es war ein schlankes Boot mit weit vorgreifendem Verdeck und hochgeschweiftem Bug. Rauschend schnitt es durch die Wellen und lief in guter Fahrt nach Norden.

»Hans Welkers Fabrik liegt hart steuerbordwärts. Wollen wir ihn gleich anlaufen?«

Herta Land saß im Oelmantel am Heck und sah auf das bewegte Wasser. Da bekam sie Lust, weiter hinauszufahren. Der Ostwind traf sie von der Seite, und seine Wasserperlen sprühten ihr ins Gesicht.

114 »Ich glaube, die Fabrik wird uns nicht davonlaufen. Haben Sie Lust, ein Stück hinauszufahren?«

»Wie Sie wünschen! Es ist scharfes Wetter, und wenn Sie die Nässe nicht fürchten, können wir getrost einen Tanz wagen. Die Luft ist heute nach meinem Geschmack.«

Es fing schon an dunkel zu werden. Im Westen lag ein brandroter Streifen über dem Buchenwalde, und zwischen den kahlen Aesten schwamm das letzte Sonnenlicht. Sie kamen mehr und mehr ins offene Wasser. Hinter ihnen blitzten grelle Bogenlampen auf.

»Das ist Welkers Fabrik! Wie früh es dunkel wird!«

Scanzoni saß am Steuer und warf das Boot gegen die aufsteigenden Schaumkronen. Das Wasser prallte gegen den Bug und schlug weißperlend nach hinten.

»Wir müssen schon die Persenning über das Boot nehmen, sonst saufen wir noch ab.« Herta Land half. Sie deckten das Boot ab, so daß gerade noch Platz für zwei Sitze freiblieb. Ein befreiendes Gefühl kam über sie. Hier war Kraft und Schönheit und Kampf gegen die Natur.

»Wollen Sie mich nicht ans Steuer lassen? Ich glaube, ich bringe das fertig. Wenn ich so viel Talent hätte wie Lust, würde ich wohl ein brauchbarer Steuermann werden.«

Scanzoni überließ ihr das Steuer und erklärte ihr Handhabung und Regulierung des Motors. »Ist sehr einfach hier. Den ganzen Motor können Sie mit der Zündung regulieren.« Sie probierte alles und fand eine große Freude.

Er fing an, sie im Scherz zu prüfen. »Aufgepaßt! Eine Boje steuerbord!« Sie mußte das Gas fortnehmen und über Backbord beidrehen. »Aeußerste Fahrt voraus! Na! Na!« Schon begriff sie. Gab Gas und volle Vorzündung, und das Boot schoß durch ein mächtiges Wellental. Wurde von der nächsten Woge hochgerissen und fiel klatschend zurück.

Die ersten Sturzwellen prasselten über Deck. Der Wind war noch stärker geworden und raumte schwach nach Norden. Höher stiegen die Wellenberge. Der weiße Schaum schlug nach achtern. Klatschte den beiden ins Gesicht und lief am Oelzeug herunter.

115 »Sie steuern noch zu naß! Sie müssen jedem Brecher geschickt entgegenkommen.«

Er nahm das Steuer und paßte jede Welle ab. Drehte kurz vor dem Anprall bei und fing ihre Kraft ab. Das Boot tanzte. Sie waren schon mitten auf dem offenen See. Die Ufer verschwammen im Dunst.

Scanzoni hielt immer noch nordwärts mit zwei Strich nach Osten. Das Ostufer war bewaldet. Die entblätterten Buchenäste stießen wie Skelette durch den Novemberdunst. Dort drüben sah Herta Land mit einem Male schwaches Licht aufblitzen. Matt und rötlich, wie ein ferner Stern.

»Sehen Sie das Licht? Was ist das für ein einsames Licht?« Eine donnernde Welle polterte über sie. Scanzoni schüttelte das Wasser ab und lächelte. Die Augen waren auf das Licht gerichtet. »Sie werden sich wundern, wenn ich Ihnen sage . . . Achtung! aufgepaßt!«

Wieder wälzte sich ein heulender Wasserberg über das Verdeck. Scanzoni schaltete die Pumpe ein.

»Passen Sie auf, der Tanz wird noch lebhafter. Sehen Sie dort die Wolken?«

Bleigrau schwollen sie am Horizont hoch.

»Sie wollten mir sagen, was das Licht . . . brrr!«

Eiskalt peitschte es ihr ins Gesicht. Der Motor stampfte gegen die Gewalt des andrängenden Wassers. Scanzoni ließ mit vollen Touren laufen und sprach leichthin, während er am Magnetschlüssel spielte: »Dort wohnt Hans Welkers Bruder!«

»Hans – Welkers – Bruder?« Herta war betroffen. Hans Welkers Bruder?!

»Ja, sein ehrgeiziger Bruder. Das ist eine Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, wenn wir mehr Ruhe haben.«

»Erzählen Sie! Ich bin ebenso erstaunt wie überrascht. Ist er Hans Welker ähnlich?«

Der Graf schüttelte den Kopf. »Er ist so verschieden von ihm wie der Tag von der Nacht.«

Sie sann darüber nach, und ihr Atem ging frei im Brausen des Novembersturmes. Die Nacht war 116 hereingebrochen, und die dicken Wolkenballen hingen schwarz über dem See.

»Paul Welker ist ein Träumer!« sprach Scanzoni, »er ist zu ehrlich für das Leben.«

»Zu ehrlich?«

»Er gleicht diesem schwachen, rötlichen, verträumten Licht.«

Herta Land fuhr hoch. Backbord voraus kam ein Boot in Sicht. Eine Segeljacht lag hart am Winde auf dem Steuerbordbug. Mit vollem Zeug kreuzte sie auf. Die Schaumwellen rauschten am Bug hoch, und der Großbaum lag fast im Wasser.

Der Graf beobachtete das Boot und erkannte es an der Form. »Das ist Paul Welker!« – und während er ihn weiter verfolgte: »Schade um ihn!«

Herta sah dem Boot nach. Es tauchte mehr und mehr in den Dunst. Nun war es wie ein Schatten. Eine Gestalt war nicht zu erkennen.

»Der Kerl ist waghalsig. Bei der Brise heute läuft er mit vollem Zeug!«

Scanzoni sah nach den Wolken. »Es ist Zeit, daß wir uns nach Hause machen! Ich glaube, es wird noch ein ungemütlicher Guß über unsere Häupter kommen.«

Er drehte scharf über Steuerbord und nahm Kurs auf die hellen Bogenlampen, die leuchtend im Süden standen. Bald schon brach das Wetter los. Die Wolken stürzten in den See.

Herta Land suchte das Segelboot. Es war nicht mehr zu finden. Auch das Licht war im nassen Qualm versunken. Ringsum nur eintöniges Regenrauschen und aufschäumende Kammwellen. 117

 

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