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Der Wilde Freiger

Roland Betsch: Der Wilde Freiger - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Wilde Freiger
authorRoland Betsch
year1919
firstpub1919
publisherUllstein & Co
addressBerlin
titleDer Wilde Freiger
pages252
created20151207
sendergerd.bouillon@t-online.de
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9.

In dem schmalen Joch zwischen Schindler und Valuga, in einer Höhe von zweitausendfünfhundert Metern, überraschte sie der Nebel. Wie ein hungriges Raubtier stürzte er sich über die Berge und hatte in wenigen Stunden das ganze Gebirge verschlungen.

Gleich hinterher fegte der Sturm, in gellendem Triumphgeheul. Ein fesselnder Tobsuchtsanfall der Natur geisterte mit gepeitschten Schnee- und Eismassen um die massiven Eiskolosse, pfiff durch die engen Kamine und rüttelte an den nackten Felsen.

Herta Land stemmte sich gewaltsam gegen den Sturm und streckte den Arm nach Hans Welker. Er stand keine fünf Schritte vor ihr, und sie konnte ihn nicht sehen. Es war fast finster geworden und die Luft ein einziges Meer von tobenden und wirbelnden Eisnadeln.

Jetzt stand er dicht an ihrer Seite. Lächelnd.

»Ich glaube, wir sind ordentlich 'reingeraten.«

Sie verstand ihn nicht. Der Sturm verschlang alles. Sie sah ihn nur lächeln. Kurz vorm Tod würde der Mensch noch lächeln. Immer, bis in alle Ewigkeit würde er gleichgültig bleiben und ohne seelische Erregung. Lächeln, lächeln bis ans Ende der Welt.

Sie beugte sich zu ihm und schrie durch das Branden: »Wir müssen zurück, zur Ulmer Hütte!«

Er neigte den Kopf vor. »Zur . . . Ulmer Hütte . . . zurück!«

Er nickte geschäftsmäßig mit dem Kopf und deutete mit dem Stock nach unten.

Nichts war zu sehen. Kein Anhaltspunkt. Keine Erde und kein Himmel. Ein leeres, raumloses, todgraues Nirwana.

106 Es wird nicht möglich sein, abzufahren, glaubte Herta Land. Man fühlte ja keinen Boden unter den Füßen. Aber dort, halblinks, mußte gleich die Ulmer Hütte liegen. Wenn sie Glück hatten, konnten sie vielleicht die Hütte finden.

Sie sah, daß er zur Abfahrt bereit war. Noch wollte sie überlegen. Aber ihr Stolz bäumte sich dagegen.

Er zog die Mütze fest ins Gesicht und schoß in steiler Fahrt in das Chaos. Sie folgte hinterher, mit gesenkten Knien und mit vorgebeugtem Oberkörper. War er denn verrückt, den Hang so steil zu nehmen! Sie verlor fast das Gefühl, nur ihre große Technik hinderte sie am Sturz.

Jetzt sah sie ihn. Wie einen Schatten, dann war er wieder verschwunden. Eine jähe Erkenntnis durchzuckte sie. Er fährt zu weit rechts, dort ist die große Wächte. Wenn er so weiterfährt, stürzt er über die Wächte.

Sie wollte ihn rufen, aber sie sah ihn nicht. Er schoß blindlings in sein Verderben. Einen gellenden Schrei stieß sie aus. Fürchterlich! Er schrillte durch den Donner der Natur. Bei ihrer blinden, rasenden Fahrt ging es ihr durch den Kopf, wie brausender Gesang. Jetzt kommt das Ende. Die göttliche Fahrt ins Verderben! Und ich mit!

Ich mit!! Ein heiseres Lachen des Triumphes brandete über ihre Lippen. »Nun packt es ihn. Nun endlich packt es ihn! Es ist zu Ende!«

Die Eiskristalle drangen ihr in den Mund. In Ohren und Nase. Das stach wie Nadeln.

Sie wankte. Mit den Armen griff sie in die Luft.

Dort ist sein Schatten. Er floß im Nebel zusammen.

»Haaa . . . aalt!!« In einem scharfen Telemark schwang sie nach links, fühlte, daß sie stand, und ließ sich ermattet in das weiße Schneepolster fallen.

Nun war es zu spät.

Kraftlos kauerte sie im Schnee und lauschte angestrengt in den Orkan, der sie umbrüllte. Warum soviel Aufwand für zwei armselige Menschenleben?

Im Hindämmern dachte sie über alles nach. Berauschte sich an der Tragik des Augenblicks.

107 »Nun geh' ich hier zugrunde,« sprach sie vor sich hin, »es ist eigentlich der Tod, den ich mir immer gewünscht habe. Von der Natur erschlagen. Ein weicher, warmer Tod inmitten von Aufruhr und Zügellosigkeit. Morgen früh strahlt die Sonne über eine blendende Schneedecke, und wir beide sind ausgetilgt. Verweht! Welch ein kostbarer Tod!« . . .

In diesem Augenblick verlor Hans Welker den Boden unter den Füßen. Er fühlte, wie er schwebte, ins Wesenlose, ohne Empfindung.

»Jetzt stürze ich,« sprach er rein sachlich. »So ist es, wenn man stürzt.« Keine Furcht! Kein Grauen! In den wenigen Sekunden des Stürzens quälte ihn nur der Gedanke: Ich bin gespannt, wo ich hinstürze! . . .

Herta Land öffnete die Augen. Sie war halb vom Schnee zugeweht. Das war höchste Zeit, dachte sie, und arbeitete sich hoch. Das Wetter tobte weiter. Wie lange sie hier gelegen hatte, wußte sie nicht. Wo war Hans Welker?

Herta Land quälte sich durch den Sturm und suchte Hans Welker. Langsam tastete sie abwärts, Schritt für Schritt. Schon nach wenigen Metern stand sie vor der Wächte. Sie sah den runden Eisgrat. Da war alles Suchen vergebens. In seiner Tollkühnheit, in seinem grenzenlosen Leichtsinn war er da hinunter.

Sie kehrte um und fuhr langsam in der Richtung, wo sie die Ulmer Hütte vermutete. Und quälte sich um Hans Welker. Es wurde immer dunkler und gespenstischer.

Sie öffnete die Jacke und schaute nach der Uhr. Der Abend kam. Da mußte sie mindestens drei Stunden im Schnee gelegen haben. Aber sie quälte sich so.

Müde und trostlos und in einer öden Gedankenmattigkeit schleppte sie sich weiter. Alle Gelenke schmerzten, und die Haut brannte wie Feuer.

Dicht vor ihr tauchte ein riesenhafter Schatten aus dem öden Grau.

Gottlob, das war die Ulmer Hütte.

Sie suchte den Eingang und blieb wie versteinert stehen.

108 Wie zu Eis erstarrt stand sie da.

Hans Welker lehnte unter der halbverwehten Tür und lächelte. Lächelte über ein verschwollenes, blutunterlaufenes Gesicht.

»Na, da sind wir ja. Und Sie leben auch? Das war mal so ein bißchen mit dem Teufel gespielt.«

»Aber . . . wie kommen . . . Sie . . .?«

»Ich hätte nie gedacht, daß ich mal ohne Flugzeug stürzen könnte. Aber ich bin mindestens vierzig Meter heruntergefallen.«

»Aber wie kommt es, daß Sie leben, daß Sie hier stehen? Wie haben Sie die Hütte gefunden?«

»Das weiß der Kuckuck! Schwein muß der Mensch haben. Ich fiel hübsch weich, und außer einigen Schrammen im Gesicht kann ich nicht klagen. Es fallt mir doch auch gar nicht ein, mir hier den Hals zu brechen. Sogar die Bretter sind ganz geblieben. Da bin ich auf gut Glück losgestampft und stieß geradewegs auf die Hütte.«

»Und ich? Was dachten Sie von mir?«

»Ja,« sprach er trocken, »eigentlich dachte ich, daß Sie hinüber sind.«

Das traf sie so tief, daß sie aufstöhnte.

»Und das sagen Sie so ruhig, so selbstverständlich? Nicht mal umgesehen haben Sie sich nach mir?«

Hans Welker stampfte den Schnee von seinen Füßen und zuckte die Achseln. »Gott! Jeder derartige Sport fordert seine Opfer!«

Herta Land schwieg. Ruhig schnallte sie die Schneeschuhe ab und trat in die Hütte.

Dort sank sie ohnmächtig am Tisch zusammen. 109

 

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