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Der wiederkehrende griechische Kaiser

Ludwig Tieck: Der wiederkehrende griechische Kaiser - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorJohann Ludwig Tieck
titleDer wiederkehrende griechische Kaiser
publisherVerlag von Georg Reimer
seriesJohann Ludwig Tieck's Schriften
volumeZweiundzwanzigster Band
year1853
firstpub1831
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Es war in Gent Alles in froher Bewegung. Eine feierliche Messe ward gesungen, eine Prozession der Geistlichen, der sich die Edlen anschlossen, zog über den Markt, durch die größten Straßen der Stadt, um sich in das Schloß zu begeben; die Zünfte folgten, und Musik, Jauchzen, Freudengeschrei ertönte in allen Gassen, wenn auch hie und da ernstere Gemüther, die in die Zukunft schauten, sich banger Besorgnisse nicht erwehren konnten. Ein heiterer Sommertag glänzte über Plätze, Dächer und Häuser herab, und warme Winde spielten im frischen grünen Laube der Bäume, welche die Straßen zierten.

Im Schlosse selbst war Alles noch heftiger und lauter zum Feste aufgeregt. Die Dienerschaft lief geschäftig auf den Gängen hin und her, die Hofleute und Aufseher ordneten, die Spielleute zogen mit Musik in den großen Saal, wo die Speisetische schon standen, und im Hofraum wurden Bettlern, Kranken und Fremden Speisen, Wein und Almosen von den Schaffnern ausgetheilt.

Und Du? rief der zornige alte Koch aus, indem er aus den innern Gemächern kam, um der Küche wieder zuzueilen, Du, alter Taugenichts, stehst und lungerst hier und allenthalben müßig herum? Keine Hand rührt doch das Abentheuer und denkt weder an Gott und Welt. Was so die hohen Herrschaften dergleichen Grillen hegen und pflegen, und sich mit Leuten und Querköpfen umstellen, die nicht wissen, warum die liebe Sonne scheint, und sich so an den Unwissenden und Dummen ergötzen, da sie doch selber immer thun, als wenn sie das Gras könnten wachsen hören.

Diese Worte wurden an ein kleines, altes Geschöpf gerichtet, das in bunter, wunderlicher Tracht im Winkel kauerte und seine Finger bedächtig nachzählte, wobei das kleine verschrumpfte Männchen eine so einfältige Miene machte, als wenn er wirklich die Besorgniß hege, ein Glied könne ihm abhanden gekommen seyn. Zehn und wieder zehn macht zwanzig, nicht wahr, Koch? fragte er endlich, indem er dem großen wohlbeleibten Manne forschend in das rothe Antlitz sah.

Zwanzig, mein Knirps, antwortete der Koch; giebst Du Dich in der That mit Rechnen ab?

Zwanzig Finger und Zehen hat der vollständige Mensch, antwortete der Kleine: nach zehn und zehn rechnen wir Alles aus; es ist eine große Erfindung, und doch kann sie jedes Kind begreifen. Die zehn Finger des Menschen schieben auch alle Angelegenheiten, Anstalten, Einrichtungen, Übersichten, kurz die ganze Welt, in die Zehn hinein, und es ist dumm und unbequem, daß in der Einrichtung des Jahres, der Monate und bei so vielen Sachen noch die Zwölf daneben und mit läuft, um die verständige Zehn zu stören und uns oft die Uebersicht schwer zu machen.

Der Einfaltspinsel, sagte der Koch, will auf seine alten Tage noch zum Philosophen werden.

Mit nichten, Herr Phamphilus, fuhr der Kleine fort: aber überlegt es nur selbst, daß es nun auch gerade zwanzig Jahre sind, als unser edler Graf Balduin von hier reisete, sein Kindchen, das nur wenige Wochen alt war, hier ließ; wie er auf seinem Kreuzzuge, gegen aller Menschen Erwarten, Kaiser von Konstantinopel und Griechenland wurde und schon nach einem Jahre eines schmählichen Todes starb.

Ich erinnere mich wohl, sagte der Koch, jenes Tages der Abreise. Wir haben seitdem viel erlebt, Unruh, Verdruß, Meuterei, Krieg, Aufstand der Städte und Drangsale aller Art.

Ja, ja, sagte der Kleine, Jeder dachte daran, sich zu heben, die Umstände zu nutzen, zu regieren, sich zu bereichern; Alle rechneten zehn und wieder zehn, dann hundert, tausend, immer eine Null angehängt, das kostet ja nichts, und so kann man mit einem Blickchen, auch des kleinsten Auges, in einem Wink in die tausend und tausend Millionen hineinsteigen: – aber dann kommt die täppische, langweilige, unbegreifliche Zwölf immer wieder dazwischen, und hemmt, krümmt, stört, schneidet ab, macht sich und ihre Regel geltend, und Alles fällt zu Boden, oder wird wenigstens so verkürzt, daß die Menschen froh sind, wenn sie statt der Million nur das Hundert gerettet haben.

Du bist ein Dummerjahn, sagte der dicke Mann, und sprichst Unsinn. Aber mir doch zu hoch.

Ich will's Euch an einem Beispiel deutlich machen, sagte der Buntgekleidete, ohne beleidigt zu werden. Unser Graf, als er sein Flandern verließ, ward durch Venedigs Herzog, seine Krieger, die Umstände, das Glück, Kaiser: verständig war's, wenn auch seltsam. Man dachte Zehn nach Zehn, Null an Null könnte und würde sich reihen; er hätte wohl gar noch abendländischer Kaiser werden mögen. Aber nein, da sind die empörten Griechen, der König der Walachei, die Uneinigkeit unter den Abendländern, schlechte Disciplin, Unzufriedenheit der Geistlichen, – plötzlich heißt's: Nein, nicht nach Zehn, nach Zwölf muß gerechnet werden! Gleich bricht die klare Verwirrung ein, und unser Graf, der Kaiser, muß im Kriege gefangen werden und umkommen. Hatte nicht Graf Conrad hier die Regierung so gut wie in Händen? Der große Adel stand ihm bei, unsere Erbgräfin war ein Kind, er dachte schon für sich und seinen Sohn das Land zu besitzen, es konnte ihm nicht fehlen; Zehn und Null dahinter und wieder Null; das Kind wurde und konnte nicht gefragt werden, und so wie sie größer wurde, mochte sie dem jungen oder alten Grafen anvermählt werden: seht, da nahm sich Bischof und Geistlichkeit der Waise an, da kamen die zwölf Himmelszeichen in das weltliche Zehn, da traten die zwölf Apostel dazwischen, ein anderer Vormund nahm die Stelle ein, so wie die Regierung, die Bürgerschaft jauchzte, und nun geht es denn wieder so weiter und durch einander.

Kerl! sagte der Koch, und sprang mit Entsetzen zurück, wahrlich, Du bist ein Ketzer! der Albigenser spricht aus Dir! Ich will keine Gemeinschaft mit Dir haben. Ich sehe Dich noch auf dem Scheiterhaufen brennen.

Nein, rief ihm der Kleine nach, ich will Euch ja nur ein Rechnungs-Exempel deutlich machen. Ihr habt ja selbst auch gesehen, wie geistlich und fromm seit einigen Jahren Graf Conrad geworden ist, wie sehr ihn jetzt alle seine weltlichen Verirrungen gereuen. Zur Zwölfe hat er sich bekehrt und die ist viel schwerer in Rechnung zu stellen. Was Ihr mir aber von Ketzerei und Verbrennen sagt, hat gar nicht meinen Beifall. Ihr seid des Feuers mehr gewohnt, lieber dicker Mann: Ihr habt neulich, als Ihr schon betrunken wart, Eure Fasten gebrochen, das weiset direkt auf Ketzerei und Abtrünnigkeit hin. Habt Ihr nicht immer die Brüder Franziskaner verachtet, weil sie betteln? Glaubt Ihr wohl an die Wunder des heiligen Mannes, des Franziskus selbst? Ja, als Ihr neulich den Hasen spicktet, sagtet Ihr – Ihr wart wieder ein wenig betrunken – so eine Kreatur, auch Aal und Krebs sei gleichsam ein Märtyrer. O dicker Bösewicht, das find Grundsätze und Überzeugungen, die Ihr vor keinem rechtgläubigen Bischöfe werdet verantworten können.

Immer wieder, sagte der Koch ergrimmt, indem er fortging, läßt man sich verleiten, mit dem Narren ein ernsthaftes Gespräch anzufangen. –

Der kleine Mann war in der That nichts anders, als der Narr des gräflichen Hauses. Balduin hatte ihn in heiterer Jugend von einem seiner Verwandten angenommen und ehemals manchen Scherz mit ihm getrieben. Nach der Abreise des Grafen und dessen Tode, während am Hofe und im Lande sich so mancherlei zutrug, war er vernachlässiget, die Räthe waren zu ernst, sich mit ihm einzulassen, doch blieb er im Schlosse und zeigte eine große Liebe für die junge Johanna, die Erbin des Landes. Wie wenig er beschäftigt oder beachtet wurde, so hatte er doch die Einladung benachbarter Großen oder Fürsten nicht angenommen, die ihn verschiedene Male aufgefordert hatten, in andern Schlössern sein Talent wieder geltend zu machen. Johanna, so wie sie in Huld und Schönheit erwuchs, zeigte dem Alten immer mehr Gewogenheit, da sie seine Ergebenheit bemerkte und würdigte, und er war in Preis und Bewunderung ihrer Reize und Gaben so wenig zurückhaltend, so begeistert in seinem Lobe, daß er fast die Sprache eines entzückten Liebenden redete, weshalb ihn oft Diener und Krieger laut verlachten. Nur Einer im Schlosse war ein wahrer Freund des armen, von Allen Verschmähten, ein schöner Jüngling, der nur um wenige Jahre älter als Johanna war.

Dieser Jüngling, am Hofe als Edelmann erzogen, dessen Eltern und Heimath aber Niemand kannte, kam jetzt von der Straße roth und freudeglühend, und stellte sich lächelnd vor den Narren hin, der mit einem wehmüthigen Blicke zu ihm emporsah. Nun, wie ist's mit Dir, alter, lieber Ingeram, fragte der junge schöne Mann, der in seinen Festkleidern im Sonnenschein leuchtete.

Seid Ihr schon zurück, Ihr Frühlingsblume? murrte Ingeram; seid Ihr froh? glücklich?

Wie anders! rief Ferdinand aus: Alles jubelt ja heut, daß nun endlich die edle Johanna mündig gesprochen ist, daß sie selbst regieren soll, daß die lästige Vormundschaft zu Ende ist.

Werdet Ihr nun, oder ich regieren? fragte der Narr, und verzog grinsend das Gesicht.

Sprich nicht so thöricht, alter Freund, rief Ferdinand halb im Lachen aus; dazu hat uns der Himmel nicht erschaffen.

Und warum hat er es nicht? fuhr der kleine Alte fort: wenn sie mich zum Kanzler machten, so würde ich diese Mühe mit Ohren und Schellen, dieses weite bunte gestreifte Wamms, diese rothen und gelben Hosen und grünen Schuh mit einer würdigen, schwarzen Tracht vertauschen und als Regent meine Mienen ein Bischen in Ordnung legen. Ihr nun gar: was ginge Euch zu einem hübschen gekrönten Haupte ab? Ihr seid ja wie ein gebornes Prinzchen, so rein und glatt, wie aus dem Ei geschält; so goldnes Ringelhaar um die freie leuchtende Stirn, solchen fürstlichen Anstand, die geraden feinen und vollen Beine, – ei! sprängt Ihr nur so in einen aufgemachten geräumigen Thron hinein! Und dann neben Euch die herrliche Johanna! Glanz an Glanz! Silber an Gold! Was? Besser wär's, als die dumme halbe Vormundschaft, die nun eintreten wird. Und alles Einfältige und Schlechte, was nun geschieht, alle Unterdrückung und Beraubung fällt jetzt auf das arme Kind, weil man sich einbildet, sie regiere selbst, was bis dahin nur auf den Vormund und die Räthe geschoben wurde. Sagt einmal, Prinzchen, verdrießt Euch denn das nicht am allermeisten? Aber wenn Ihr nun so mit dem goldenen Scepter drein schlagen dürftet und Frieden stiften! Ach, keine größere Freude könnte ich mir für meine arme Person denken, als wenn ich den frommen ehrwürdigen Grafen Conrad und den vortrefflichen moralischen zweiten Vormund Hugo so recht durchwammsen dürfte! Seht, schlechte Kerle zu prügeln kann keine sonderliche Wonne gewähren, aber die Tugendhaften, auf denen das Wohl des ganzen Landes liegt, die so recht dick in Verdiensten und Moral sitzen; das wäre doch noch eine Freude, um die man nach Rom wallfahrten möchte, um sich den Dispens zu holen und den Knittel zu der Verrichtung einweihen zu lassen.

Du sprichst heute wieder Alles durch einander, sagte Ferdinand mit beschämter Milde: wenn Dich Andere hören, so verklagen sie Dich wieder, um Dich züchtigen zu lassen. Guter, alter Ingeram, sei doch freundlich und bescheiden. Hatte Jemand vom Adel gehört, was Du eben von mir und den hohen Räthen gesagt hast!

Ihr versteht das Ding gar nicht, junger Mensch, antwortete der Alte, denn Ihr kennt die Weltgeschichte zu wenig. Mag Krieg oder Friede seyn, so müssen Bürger und Bauern brav arbeiten, schwitzen, pflügen, ernten, und wenn sie recht müde geworden sind, zur Abkühlung tüchtige Abgaben zahlen. Der Feind quartiert sich ein, nimmt, was er findet, sucht, was er braucht oder wünscht, haut Bäume um, deckt Dächer ab, nimmt das Vieh mit und brennt beim Abschied die Häuser nieder. Das nimmt nachher der Freundestrupp, der das Land beschützt, sehr übel, daß der Bauersmann dergleichen hat geschehen lassen, haut und schlägt, sucht und raubt, was irgend an Röcken, Geräth oder Geldeswerth noch da ist. Der Krieger selbst, wenn er zurückgerufen wird, muß hungern, Frost und Nässe erleiden, Krankheit im Spital, erbärmlichen Tod. Der Ritter und Edle hätte es schon etwas besser, aber ein Geist, oder Gespenst, ein Wort quält, martert, peinigt ihn in der Welt herum. Ehre muß er suchen, haben, schützen: das giebt Kämpfe auf Leben und Tod, im Turnier zerbrochene Rippen, Bosheit auf Alle, die seiner Ehre zu nahe thun. Der Kaufmann läuft, reiset zu Wasser und zu Lande, er gewinnt, bevortheilt, wacht in Nächten, gaunert am Tage: plötzlich wird er von Denen, die ihre Ehre so streng bewachen müssen, beraubt, oder ermordet, weil ein anderer Mann der Ehre, ein Schwager oder Vetter von jenem, von einem herrlichen Ehrenvollen bei einem Gelage, wo Alle trunken waren, ist gekränkt worden, der mit dem Kaufmann in einer und derselben Stadt wohnt. Die Geistlichkeit baut große, herrliche Kirchen und Klöster, und Fürsten, Fromme und Reichbegabte geben ihr Geld und Gut hinein, daß die Aermsten in den großen Gebäuden hungern und dursten müssen. Da sitzt der Gelehrte auf der Universität und grübelt in tiefen Nächten, er schläft nicht, ißt nicht, um Ruhm zu erwerben und in die Tiefen menschlicher und göttlicher Weisheit zu dringen; es gelingt ihm auch; wie um den Bienenweiser schwärmen und summen die jungen Bewunderer und Anbeter um ihn her, saugen die süßen Worte ein und bauen und fabriziren mit dem Honig ihre geistlichen Zellen. Da heißt es, die Welt wird besser, heller, die Wissenschaft blüht, die Menschen und die Nachkommen werden glücklicher. Plötzlich das Geschrei: der Mensch ist ketzerisch, seine Schüler sind verderbt, die Welt geht unter! Seine Einsicht ist groß, aber gefährlich: sein Wissen steigt in die geheimnißreichen Tiefen, aber ist in den Irrthum gerathen: herbei Geistlichkeit, Magistrat, Könige und Fürsten, drein geschlagen, die Henker und Folterknechte zu Hülfe gerufen! Franziskus und Dominikus haben nun den Bettel selbst zur Religion erhoben, ihre Schüler sind zur Verherrlichung des Höchsten in immerwährendem Verhungern begriffen, das ist nun wieder ihre Ehre und Begeisterung. Unter dieses Gewirre hinein kam mein müder Geist denn nun auch auf die unverständige Welt. Zum Handwerker war ich zu schwach, zum Geistlichen zu klein und ohne Erleuchtung, zum Fürsten ohne Geburt und Erbe: gleich wieder fortgehn war mir vom Geschick untersagt, denn ich lebte weiter und hatte mein Gedeihn zu einer Art, die fast mit dem Zwerge Grenznachbar ist. Da war ein kluger Oheim, der sagte: laßt uns das Kind zu einem Narren erziehen, die Waare ist an Höfen unentbehrlich. So geschah's und durch Vorspruch und Gnade kam ich hieher. Spaß mußt' ich machen, mocht' ich an Zahnweh, Bauchgrimmen oder an der menschlichen Schwermuth leiden, die, wenn man nicht von Arbeit müde ist, immer von selbst darüber brütet, warum der Mensch und alles Lebende und sogenannte Leblose denn überall geschaffen sei. Fiel mir kein Spaß ein, hieß es: peitscht ihn mal ab, das wird ihm wohl den Witz schärfen. Ein andermal, beim Trinkgelag, wurde meine Lustigkeit gepriesen und bewundert, ich aufgemuntert; der Herr selbst rief: weiter! scheue dich nicht. Er war glücklich, wenn ich ihm seinen Rath recht in seiner Abgeschmacktheit hinmalen und den Schwätzer mit meinen Einfällen zum Schweigen bringen konnte. Nach acht Tagen, wenn Alles vergessen war, wirft sich der Rath in Demuth auf die Knie. Was giebt's? ruft der Herr. – Eine Gnade! – Warum weinst Du? – Himmel, was ist vorgefallen? – Gewährt, – gewährt; – schluchze nicht so bitterlich, sagte der Graf. – Nun gewährt mir, ruft der Bittende, daß Euer Narr wegen neulich ein bischen gepeitscht werde. – Nichts weiter? lachte der Graf, ich dachte, Du wolltest wieder sechstausend Gulden, oder einen Verurtheilten vom Magistrat losbitten, oder eine reiche Pfründe für Deinen Neffen, diese Deine Bitte soll gleich erfüllt werden. – Ein andermal war ein grobes Lästerwort über den Herrn selbst umgetragen. – Von wem kommt die Bosheit? – Vom Narren. – Ich war so unschuldig, wie das Kind im Mutterleibe. – Peitscht ihn nur tüchtig! So geschah es. – Nachher entdeckte man den Uebelthäter. – Ein Glück, sagte der Graf, daß es nur den Narren getroffen hat, sonst müßte ich auf Schadenersatz denken. So immer, ich mochte traurig, fröhlich, ausgelassen, stumm, krank oder gesund, zu bitter oder zu oberflächlich seyn, immer: peitscht ihn! Dadurch kam ich, obgleich ich kein bürgerliches Gewerbe trieb, kein Bauer oder Soldat, kein Geistlicher oder Gelehrter war, wieder in den Rang zu stehen, der Allen gebührt, und erfüllte meine Bestimmung. Und doch war dieser Graf einer der besten und liebevollsten Herrn. Nun, er hat sein Schicksal denn auch gefunden. Noch denk' ich, vor zwanzig Jahren, des Tages, als der hochgewachsene rüstige Mann von uns Allen Abschied nahm. Wie viel Noth, Drang, Pein und Sorge hat er auf diesem Zuge ausstehn müssen! Und als sie ihn nach dem Sturme und der Eroberung von Konstantinopel zum Kaiser dort wählten – was hat er für Freuden genossen? Qual, Zank, Streit, Empörung umgab ihn von allen Seiten. Jämmerlich dann gefangen, und unter Barbaren auf klägliche Weise verstümmelt und ermordet. – Aber, Freundchen, meine Peitschenhiebe, die ich in allen Stationen meines Lebens habe ertragen müssen, möchte ich gern den übrigen Menschen zurückgeben! Ich träume oft, wie ich eine große, weitumgreifende Maschine erfunden habe, wie ein meilenlanger Webestuhl, wo hunderttausend Peitschen zugleich auf und nieder, rechts und links arbeiten und dreschen, und ganz unschuldige Völkerschaften, Fürsten und Schulknaben, Bischöfe und Bettelmönche hindurch müssen, um von den Millionen Karbatschen bearbeitet zu werden. – Und ist denn die Welt und dieses Leben eigentlich etwas Anderes?

Schlage Dir, lieber Ingeram, erwiederte der Jüngling, alles Dieses aus dem Sinne, denn die Zeiten sind jetzt besser und sie lassen Dir mehr Ruhe.

Bald gesagt: antwortete jener; aber, Kind, wie war unsere junge Fürstin heut?

Warum bist Du nicht hinausgegangen, um sie anzuschauen? antwortete Ferdinand. Kommt der Frühling schon als Braut, im Himmelsglanz, im lachenden Schein von Blumen und im frischen Schimmer der Baumblüthen, so war sie wie der Frühling im Frühling, wie ein Trost aller Welt, wie ein Sonnenschein, der nach der Sturmnacht durch die aufgelösten Wolken bricht. Ihrem süßen Lächeln schmolzen die strengsten Blicke und die finstersten Gesichter. Jammer und Armuth erwärmten sich an dieser Labung und die Klage selbst wurde Jauchzen und Triumph. Die hohe Jungfrauengestalt, mit den rollenden blonden Locken, auf welchen die Krone schimmerte, der Purpurmantel, der die edlen Glieder wie liebkosend umfloß, wie stolz, daß er die Leuchtende umkleiden und sich um den zarten Leib schmiegen durfte: unten das himmelblaue Gewand, und die goldene Busenzier, die mit dem Glanze des marmornen Halses wetteiferte. Aller Augen auf der Straße und dem Platze, aus allen Fenstern, von allen Balkonen, waren auf sie in Freude gerichtet, und das Alter und Greise selbst schienen sich im Anblick dieser überirdischen Klarheit wieder zu verjüngen. Ich Aermster, Verlorner, stand und folgte ganz in der Ferne, ein Strahl ihres leuchtenden Auges streifte an mir vorüber, wie die Morgensonne unter den hohen Bäumen des dichten grünen Waldes auch den kleinen finstern Strauch am Boden auf einen Augenblick erleuchtet.

Ja, ja, erwiederte der Narr, mit einem grinsenden Lächeln, es macht sich sehr hübsch, wenn Hals und Haupt so recht frei sich zwischen vollen und glänzenden Schultern herausheben, und oben mit den beiden Lichtern der Kopf anständig schwankt und neigt und unter den Augen und der feinen Nase die rothen Lippen halb lächeln, daß, wie neugierige Kinder, die Zähnchen dahinter hervorblicken, der halbsichtbare Busen dann mit melodischem Wellenschlag die Hülle zu durchstreben und das wiegende Gold und die blitzenden Juwelen mit leichtem Stoß zu necken scheint. Und wie dann den schlanken Leib die vollen Hüften tragen und hegen, und zierliche Füßchen unten bei jedem Schritt aus dem kostbaren, weiten und sich blühenden Gewände hervorlauschen, ob denn auch Augen genug da find, alle die Herrlichkeiten zu sehn, zu würdigen, in Obacht zu nehmen, und Sinn und Geist in den Augen, um das Verhüllte, noch Reizendere in süßer Sehnsucht zu errathen.

Ferdinand wendete sich mit einem Seufzer hinweg, eine zarte Rosengluth flog über sein schönes Angesicht, und er wollte dem Alten sein verschämtes Entzücken verbergen. Dieser fuhr ungestört fort: Dagegen nun freilich Unsereins und Alle, die mir ähnlich sehen! Es hat in der That etwas Unedles, ob es sich gleich nicht recht deutlich darthun läßt, weshalb, – wenn Brust und Leib und somit das ganze denkende und fühlende Wesen fast wie ermüdet, um sich nicht nach oben so weiten Weges auszustrecken, oder als in Zerstreuung in die watschelnden, wackelnden Hüften hinuntergerutscht sind. Dazu denn noch, wie sie mir zu Theil wurden, kurze, dicke, unförmliche Beine und platte, gestaltlose Füße, so nimmt sich die Totalfigur und Hülse des unsterblichen Geistes nur aus wie Ente oder mancher Wasservogel, im Verhältniß zum Schwan; als sei das Gestell unten zusammengebrochen und das obere Kunststück auch in den Lehm hineingepreßt und gesunken. Da hilft es nun nichts in der Welt, wenn die schöne Stirne, wie es bei mir wirklich der Fall ist, noch so edle, gedankenreiche Form hat, die Augen darin geistvoll funkeln und blitzen, und das Maul sich im Zickzack und allen künstlichen Wendungen und Tänzerspringen abquält; – die Leute werden immer nur sagen: das ist doch eine recht garstige Kröte! Ihr, Freundchen, seid nun freilich hübscher; aber was hilft es Euch auch sonderlich? Da ist der Sohn des Grafen Conrad, der Wachsmuth. Ein schmuckes Ding, wenn auch nicht ganz so wie Ihr; aber der Bengel hat, außer dem klaren Angesicht, auch noch die vielen Ahnen, seine Vorfahren, von denen in unserer Geschichte steht, wie oft sie Andere geprügelt haben, wie häufig sie sind geprügelt worden, einige sind sogar in Rebellionen und Bürgerkrieg gehängt, manche, was noch mehr sagen will, geköpft, andere haben Heere angeführt, der eine hat drei Städte abgebrannt und dreitausend ziemlich ruhige Bürger niederhauen lassen. Dergleichen könnt Ihr von Euern Eltern, die man gar nicht kennt, nun freilich nicht anführen. Darum thut auch Graf Conrad Alles, dies unserer Johanna recht einleuchtend zu machen. Wer gefällt Euch von den beiden alten Grafen am besten, Conrad oder Hugo?

O Du Frager! antwortete etwas unwillig der junge Mann, ich habe Beiden große Verbindlichkeiten.

So? erwiederte der Alte; doch etwa bloß, daß Ihr noch lebt; denn was haben sie sonst für Euch gethan? Und wenn Graf Hugo, oder Wachsmuth, der Sohn Conrads, die Blicke bemerken sollten, die Ihr zuweilen auf Johannen werft und allzulange auf dem schönen Antlitze ruhen laßt: glaubt mir nur, das würde Euch nicht sonderlich bekommen.

Du bist unerträglich! rief jetzt Ferdinand, und wendete sich hastig von dem Alten; er verhüllte sein Gesicht schnell, um eine stürzende Thräne zu verbergen, und eilte aus dem Saal.

Der arme Mensch! seufzte der Alte ihm nach: möchten und könnten sie ihn wenigstens zum Ritter schlagen; wüßte man nur, ob er von ehelicher Abkunft sei, so möchte er draußen und im Kriege sein Heil versuchen, denn hier muß er doch früher oder später zu Grunde gehn. Das vergafft sich, das schwärmt und träumt, der blanke Unsinn ist in so ein Kind hineingefahren, bevor man nur die Hand umkehrt.

Indem näherte sich dem Saale großes Geräusch, Waffen klirrten, Tritte dröhnten, mannichfaltige Stimmen ließen sich vernehmen, und die vornehmsten Räthe, an ihrer Spitze die Grafen Hugo und Conrad, zogen durch die weiten, geöffneten Thüren ein, von Bewaffneten und den Angesehensten der Bürgerschaft begleitete Auch Ferdinand war im Gedränge und kehrte zu seiner vorigen Stelle zurück.

Alle ordneten sich im großen Saale, indem das Gedränge sich auflösete, und alle Blicke wendeten sich zur Gallerie hinauf, die, auf Säulen ruhend, die Gemächer des Palastes verband. Mit ihren Frauen erschien die junge Gräfin von Flandern, Johanna, oben, verneigte sich huldreich und lächelnd mit einem vorneigenden Gruße zur Versammlung hinab, und begab sich dann in ihre Zimmer. Ferdinand bildete sich ein, ihr freundliches Auge habe sich im Fortgehn noch zu ihm gewendet, und war in diesem Augenblicke glücklich.

Die Bürger entfernten sich und die Räthe beurlaubten sich von den beiden Grafen, die mit ihren Söhnen nur und wenigen Befreundeten im Saale zurückblicken. Ingeram zog den gedankenvollen Ferdinand mit sich fort, weil er es unschicklich fand, wenn beide auch vielleicht unbemerkt blieben, an der Gesellschaft der Herren Theil zu nehmen, die sich auf Sesseln und gepolsterten Bänken niedergelassen hatten.

Graf Hugo, der jetzt der Regentschaft der nächste war, zeigte seine breite wohlgenährte Gestalt in einem reichgestickten Wamms, um welchen ein kostbarer Mantel floß. Ihm zunächst saß Graf Conrad und betrachtete schweigend und aufmerksam den lächelnden Mann, der ihn erst aus der Vormundschaft und nachher aus der Verwaltung der Geschäfte verdrängt hatte. Conrad war hager, groß und sein blasses ernstes Gesicht ward durch seine einfache schwarze Tracht noch feierlicher. Sein Sohn, Wachsmuth, ein feiner Jüngling, sprach erst leise mit ihm und setzte sich dann auf die Bank, den Rücken an die Wand gelehnt, indessen der Sohn Hugo's, Humberkurt, trotzig noch eine Weile stehen blieb, wie zornig auf Wachsmuth blickte, und sich dann zu dem ältesten Rathsherrn setzte. Die Freunde der beiden vornehmen Männer beobachteten ein feierliches Stillschweigen, in dem sie abwechselnd, unbemerkt, ohne die Augen zu bewegen, mit forschenden Blicken die beiden alten Grafen ansahen, verlegen und gespannt, den Anfang eines Gespräches erwartend, das Allen wichtig seyn mußte.

Mit Behaglichkeit und freundlichem Lächeln fing Graf Hugo an, indem er dem ernsten Conrad die Hand reichte: so sind wir denn also wieder Freunde, verehrter Mann, und ich bin von Eurer Tugend und edlen Gesinnung überzeugt, daß Ihr mit derselben Wahrheit und christlichen Frömmigkeit diese wichtige Aussöhnung gefeiert habt, mit der ich Hand und Herz dazu geboten habe. Auf das Sakrament haben wir geschworen, Rath und Volk war Zeuge unseres Eides und Bruderkusses, und so seid Ihr auch von dieser Stunde an wieder, wie ehemals, der Freund meines Herzens, der nächste meiner Liebe und meinem Vertrauen, mein väterlicher Freund, von dem ich in jüngeren Jahren bewundernd lernte und dem ich immer, obgleich sein Alter nur um ein Lustrum dem meinigen vorgerückt ist, als einem hohen Vorbilde nachgestrebt habe.

Mein edler Freund, erwiederte Graf Conrad, indem er die dargebotene Hand herzlich drückte und schüttelte, ich habe Euch, Ihr habt mir vergeben, ich hoffe, Bürger und Volk, die wohl zuweilen unter unserer Feindseligkeit litten, haben sich auch mit uns versöhnt, und jeden Widerwillen in ihren Herzen vertilgt, so daß jetzt ein holdseliger, ungestörter Friede diese christlichen Länder beglücken kann.

Amen! so sei es, rief Hugo: Ihr wißt am besten, Graf, daß ich Euch persönlich niemals entgegen war. Die Bürgerschaft, Rath und Adel setzten einmal das Vertrauen in mich und wählten meine Person zum Vormund und Reichsverweser. Ich habe der Stimme des Volkes, so wie den Ermahnungen der Geistlichkeit nachgeben müssen. Die allgemeine Stimme ist oft unsere Tyrannin, wie frei wir uns auch wähnen: vielleicht leidet unter diesem Vorurtheile das gemeine Wohl und meine Berufung wird wohl in einigen Jahren ebenso getadelt, wie jetzt über mein Verdienst gerühmt, und der Haß Derer mag mich alsdann verfolgen, deren ungestüme Liebe mir jetzt mein Amt aufgedrängt hat.

Lassen wir, sagte Conrad mit feierlichem Tone, alle diese irdischen und weltlichen Dinge fahren und berühren sie nicht weiter, die so viele Jahre hindurch mein Gemüth nur gestört und beunruhigt haben. So lange der Mensch Aufgaben der Welt, der Regierung und Staatskunst zu lösen hat, so lange er sich berufen glaubt, bei diesen Geschäften Hand anzulegen, so lange ist es auch seine Pflicht, die Klugheit, welche ebenfalls ein Geschenk des Himmels ist, anzuwenden, um seine Zwecke durchzusetzen, die ihm löblich erscheinen. Darum sei es fern von mir, es zu tadeln, oder auch nur anders als tugendhaft zu finden, wenn ich es im Gegentheil mit Ruhm erwähne, daß Eure Klugheit sich glänzend, Euer Verstand vielgewandt sich zeigte, um diese Euch günstige Stimmung zu erregen und nachher zu benutzen. Der Wille des Volks, die Meinung und Gunst der Menge sind dem Winde zu vergleichen; der Schiffer ist ohne Zweifel ein Thor, der die Segel diesem nicht entgegenspannen wollte, um ihn wie Roß und Maulthier anzuschirren, wenn er nach dem Hafen zubläst, den der Seemann zu erreichen strebt. So habt Ihr gehandelt, und mit Recht; unterließt Ihr es, wäret Ihr thöricht, und wenn ich es nicht bemerkt hätte, wie jeder erfahrene Mann, so wären wir wohl blödsinnig zu schelten.

Bei diesen Worten fuhr der junge Humberkurt zornig von seinem Sitze auf und rief: Wem sagt Ihr dies Alles? Soll der alte Hader wieder beginnen? Ihr werdet uns und unsere Freunde nicht ungerüstet treffen, wenn Ihr streitet; Eure gleißenden Reden aber werden wie bleierne Pfeile von jeder Brust abprallen und ohnmächtig zu Boden fallen.

Jetzt erhob sich Hugo auch von seinem Armstuhl, ballte die Faust, und sein freundliches Gesicht plötzlich in Wuth verzerrend, schrie er dem Sohn entgegen: Knabe! Knabe! Wie darfst Du Deine Stimme erheben, wenn Männer sprechen! Der elende Bursch will im Rath der Freunde und der Weisheit krähen? Hinaus unter die Buben und Kinder, wo Du hingehörst, Du mehr als alberner Thor!

Ich gehe nicht! sagte Humberkurt sanft, aber bestimmt, und setzte sich wieder zum alten Rathe nieder.

So schweig! rief Hugo, und antworte nur, wenn Einer Dich zu fragen würdigt.

Ihr seid, Herzensfreund, nahm Conrad wieder das Wort, Eurem jungen Sohne viel zu heftig. Erniedrigt ihn nicht, da er es gut meint, und Eure Würde und Tugend nach seiner beschränkten Einsicht nicht will schmalem lassen. Er ist noch des Krieges und Haders gewohnt und hat für den Augenblick den Frieden und unsere Aussöhnung vergessen. Auch er wird mir in Zukunft nicht weniger mit Liebe, als Ihr selber zugethan seyn. War ich doch selber jung, und habe ebenso in Zorn und Uebermuth durch aufbrausendes Blut gefehlt. Auch diese Leidenschaft kann zur Tugend werden, und was Euer lieber Sohn dieser Anlage zu viel hat, finde ich in meinem Wachsmuth zu wenig, der darüber leicht das Spielwerk eines jeden Raufers werden mag, der sich seines sanften Gemüthes zu bemächtigen weiß.

Wachsmuth wurde vor Beschämung roch und sah seinen Vater mit einem Blicke an, in welchem man eben so viel Bitte als sanften Vorwurf lesen konnte. Der Blick des jungen Humberkurt war im Gegentheil stolzer und trotziger geworden und suchte das Auge des verlegenen Jünglings auf. Conrad fuhr nach einer Pause fort: Ich selbst habe so sehr allen weltlichen Gedanken und Gesinnungen entsagt, daß ich schon morgen die Stadt verlassen werde, um auf meinem einsamen Schlosse, im Walde, ganz der Betrachtung zu leben. Wer so, wie ich, seit mehr als dreißig Jahren den Weltlauf beachtet hat, wer so den Kelch von Bitter und Süß nicht bloß gekostet, sondern bis auf die Hefen geleert, Der wird, wenn sich der Geist bei ihm meldet, alles dieses leeren Getreibes satt. Als ich mit meinem Freunde, dem großen Balduin, nach Griechenland als Kreuzritter zog, da lachte mir Jugend, Glück, die unendliche Aussicht auf Abentheuer und große Begebenheiten. Diese Zeit meiner Begeisterung, als goldne Träume dicht und dichter mir um das Haupt schwärmten, war die Blüthenzeit meines Lebens, obgleich ich das Alter des Jünglings schon hinter mir hatte. Welch eine Heldenbahn eröffnete sich mir und meinen Gefährten, vor allen meinem Fürsten, dem herrlichen Balduin. Ihr wißt, wie der Kaiser Alexius unsere Hülfe gegen Verräther begehrte, wie er dann selbst Verräther ward, und wir, nach vielem Unglück und Verlust der edelsten Freunde, die unermeßliche Stadt, die zweite der Welt, Constantinopel eroberten. Die Weisesten, so wie die größten Helden, die aus Europa versammelt waren, wählten mit der Bewilligung der besseren Griechen einstimmig unsern Balduin zum Kaiser. Aber nur für ein Jahr war dieser Heldenschritt gethan. Und welches Jahr! Von allen Seiten mit Kampf umdrängt, von Verrath umlauert; Neid, Bosheit und Haß gegen den Herrlichen gerichtet. Der König der Bulgarei ward unser Feind. In unserm Heere Meuterei und Zwiespalt, welches den Ausgang der Schlacht in Niederlage und Elend verwandelte, statt daß wir auf Sieg und Ehre hoffen durften. Ich half den Rest des Heeres retten, aber unser Kaiser war gefangen, die Getreuesten um ihn niedergemetzelt. Im schmählichen Gefängniß ward unser hoher Fürst von den übermüthigen Barbaren gemißhandelt. Wie lange er dort geschmachtet, ist ungewiß. Aber er starb, wie Mitleidige versichern, erst durch grausamen Hohn der Arme und Beine beraubt, worauf man ihn im Freien, in einen feuchten Graben hingeworfen, hat verschmachten lassen, indem der Unglückliche noch zwei Tage und Nächte seine Qualen duldete.

Sein Bruder, Heinrich, hat nachher als Kaiser das Reich noch einige Jahre beschirmt. Endlich sind Alle erlegen.

Erlaubt, mein edler Freund, fiel Hugo ein, so viel ich mich erinnern kann, habt Ihr sonst mit genauern Umständen den Tod unsers Balduin erzählt: und daß Ihr selbst die Leiche des Unglückseligen mit Euern Augen sahet.

Verehrter Graf, antwortete Conrad, daß ich, selbst schwer, wie es schien, tödtlich verwundet, ihn noch heldenmüthig kämpfen sah, ist gewiß, und dies habe ich nach meiner Rückkunft Euch und Andern erzählt. Ich sah noch, indem ich die letzten Haufen sammelte, um den Kampf zu erneuern, wie unserm Kaiser ein Schwert in seine Schulter drang und er sich der Ueberzahl gefangen ergab. Ich zog mich mit dem geschlagenen Heere zurück und sammelte die zerstreuten Haufen, so viel es die Verwirrung des Tages zuließ. Als ich genesen war, erfuhr ich den Tod Balduins, manche meiner Leute wollten den verstümmelten Leichnam gesehen haben. Ich selbst war damals immer noch in der Pflege des Arztes, und Andere, die als Gesandte zum Regenten der Bulgarei, Johannizza, gegangen waren, behaupteten damals, Balduin sei vor Gram und Schmerz der Seele, aber ohne weitere Verletzung von Seiten der Barbaren, in seinem Gefängnisse verschieden, in welchem sie ihn selbst mit Achtung sollen behandelt haben. Diese verschiedenen Nachrichten, von denen man niemals hat erfahren können, welche die wahre sei, wurden schon damals ausgebreitet. Aber selbst habe ich die Leiche nicht gesehn, würde sie auch nicht erkannt haben, sowie Jene, die den todten Kaiser nach ihrer Meinung gesehen hatten, ihn nach so vielen Monden und so verstümmelt und entstellt nicht mit Sicherheit als ihren Fürsten bezeichnen konnten. Genug, und diese Wahrheit, die so unabweislich auf uns eindrang, daß er todt und verloren sei, war für alle Franken, für uns seine Unterthanen am meisten, schrecklich genug. Die Art des Todes malte sich Jeder mehr oder minder furchtbar aus, wie die Liebe zum Herrn, oder die Angst seine aufgeregte Phantasie anreizte. – Ich als einer der älteren und vertrauteren Freunde kam zurück, vom neuen Kaiser Heinrich mit Aufträgen in das Vaterland gesendet. Alle nahmen mich gütig und mit Vertrauen auf; in meine Hand legte man damals die Verwaltung des Staates. Unermüdet war mein Wirken, mein Streben redlich, aber freilich stand mir das Glück nicht in dem Maaße bei, wie ich es durch meinen Eifer wohl zu verdienen glaubte. Euch lächelte Fortuna mehr, als Ihr Euch den Mühseligkeiten der Regierung unterzogt, und ich trete gern, ja, wie ich schon sagte, mit Freuden zurück. Mich hat eine Stimmung ergriffen und sich aller meiner Kräfte bemeistert, daß mir alle weltlichen Angelegenheiten so grau, farblos und dürftig erscheinen, daß ich keinen Antheil an ihnen nehmen mag, ja selbst nicht könnte, wenn mein Ehrgeiz, oder irgend eine Regung in mir es möchte. Ich fühle nur zu sehr, zu lebendig, daß wir Alle, die wir damals im Taumel der Wuth Constantinopel stürmten und eroberten, uns zu schwer an Kirche, Gott und allem Ueberirdischen versündigt haben. Alles, was damals in Taumel und Wahnsinn gegen die Geistlichkeit geschah, gegen Kirchen und Altäre, gegen die heiligen Gefäße, die Besudelung, Mord, Blutvergießen, das Alles ist schlimm an uns bestraft worden und wird noch an unsern Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden. Darum haben uns damals die Barbaren besiegt und unsern verehrten Kaiser ermordet, darum war in Europa und auch in den hiesigen Landen Zwist und Unruhe, daher Empörung, Krankheit und Pest, daher Ketzerei und Zauberkunst und der Untergang von Geschlechtern und Völkern. Aber, stelle man sich auch, wie man will, so lange der Mensch in der Welt mithandelt, ist er der Sünde und dem Irrthume ausgesetzt, das haben wir am glänzenden Richard Löwenherz erfahren, am vorigen König Johann in England, am großen Philipp in Frankreich, an dem Weltherrscher Barbarossa und an allen mächtigen Erscheinungen der Zeit, mochten ihre Entschlüsse noch so fromm, ihre Begeisterung die ächteste seyn, der Weltgeist, der gewonnen werden muß, um handeln zu können, bemächtigt sich unvermerkt des Gemüthes, und das Böse, Schreckliche und Entsetzliche steht plötzlich vor uns da, von unsern besten Kräften geweckt und in das Dasein gerufen. Darum ist für die Seele, die mit Ernst ihr Heil sucht, keine andere Rettung, als sich ganz von der Welt und ihrer Verwirrung zurückzuziehen. Das ist nun auch mein Entschluß, der unerschütterlich steht. Ich will mich in die einsamsten Gegenden begeben, einige Einsiedeleien besuchen, und mein Ohr ganz den Nachrichten aus der Welt, aller Neuigkeit verschließen. Wir leben wahrlich in einer Zeit, in welcher das Herz wohl erweckt werden dürfte, denn Zeichen aller Art geschehn, um uns zu mahnen, daß wir höheren Ursprunges sind und deshalb das Zeitliche nicht zu unserm höchsten Streben und Trachten machen sollen. Wir haben es erlebt, auf wie wundervolle Weise der große Franz von Assisi zur Beschaulichkeit und zu überfrommem Wandel ist begeistert worden: wir haben unter unsern Augen seine Brüderschaft und die des auserwählten Dominikus entstehen sehn. Wie sehr haben diese heiligen Männer die Welt erregt und erbaut und den Ketzereien segensvoll entgegengearbeitet. Ich bin noch tief erschüttert, denn gestern ist mir die Nachricht gekommen, daß der fromme Franziskus gestorben sei, er, der in seiner Einsamkeit uns die unglaublichsten Wunder sichtlich vor Augen stellte. Seine Prophezeiungen, so wie Das, was so viele fromm erregte Gemüther verkündigen, führen uns zu der Ueberzeugung, daß eine große, wichtige Epoche in der Geschichte der Welt im Anzuge ist, daß neue Verwirrung aller Art uns bedroht, daß die Ruhe nur Schein und nicht dauernd ist, und daß Derjenige, der wirklich auf seine Rettung bedacht ist, sich ganz und auf immer der Einsamkeit ergeben muß.

Conrad stand nach diesen Worten auf und näherte sich dem Grafen Hugo, welcher sich ebenfalls erhoben hatte. Gönnt mir, sagte Conrad mit Thränen, noch einmal die letzte Umarmung. – Sie hielten sich eng umschlossen. – Und so scheiden wir denn auf ewig: bleibt auch in der Abwesenheit mein Freund, sagte Conrad mit unterdrückter Stimme, indem er schnell den Saal verließ. Wachsmuth folgte ihm, der seine Rührung nicht verbergen konnte. Auch die Räthe gingen stillschweigend fort.

Hugo und der Sohn blieben allein im Saal zurück, indem sie sich lange betrachteten. Endlich brach Humberkurt los: So ist der Mensch! Schwach und arm, wie stark er sich auch dünken mag! Ich wollte dem elenden Weichling, dem Wachsmuth nach, um ihn zum Kampf zu fordern, – und nun hat mich der alte pfäffische Ritter so bewegt, daß mir das Wasser in die Augen getreten ist.

– Und weshalb – fragte Hugo gelassen und wie im tiefen Nachsinnen – wolltest Du mit dem jungen, ganz unbedeutenden Menschen kämpfen?

Weil ich weiß, rief Humberkurt erbittert, daß er immer noch nicht seine Gedanken auf die junge Fürstin Johanna aufgegeben hat. Der Alte hat es ihm damals mit seinen Demonstrationen in den Kopf gesetzt, und seitdem hängt das blonde Gesicht mit feurigen Blicken nur an ihrem Auge. Ich muß ihm diese unnützen Gedanken vertreiben, oder ich will kein Schwert mehr an der Seite tragen.

Schweig! sagte der Vater, fiel dann wieder in tiefe Gedanken und fuhr nach einer Weile fort: ich verbiete Dir ein für alle Mal dergleichen Kindereien, Du bist erwachsen, und sollst Dich als ein Mensch betragen, der für Geschäfte und wichtige Dinge brauchbar ist. – Er ging wieder sinnend auf und ab, und sprach dann abgebrochen: – Sich schlagen! Aufsehen machen! – Wohl gar das junge Blut abschlachten! Darauf käme es hier auch an! Es sind wohl andere Dinge unterwegs, und ganz andere Maßregeln müssen ergriffen werden! – Er ging schneller, summte und murmelte einzelne unverständliche Worte in sich hinein, fuhr sich ein paar Mal mit der Hand über die Stirn, die sich in tiefe Falten gelegt hatte, stand dann plötzlich vor seinem Sohne still, richtete sich auf und legte diesem, der ihn an Größe überragte, beide Hände auf die Schultern. Nachdem er den jungen Mann lange fest angesehen hatte, sagte er mit leiser Stimme: Humberkurt! Mein Liebster! Mein einziger Erbe, laß uns auf der Hut seyn! Der Mensch spräche nicht so, wenn er nicht etwas Großes und Wichtiges im Schilde führte. – Sei besonnen, mein Sohn, ernst und Deines Geschlechtes würdig; Du, auf den ich so gern alle Ehren dieser Erde häufen möchte, Du, für den ich einzig wache und sorge.

Wie? fragte der Sohn erstaunt; Ihr traut Euerm alten Freunde und Feinde immer noch nicht? Ihr meint, es sei ihm mit allen diesen Reden, die mich erschüttert haben, kein Ernst?

Ich traue ihm weniger als je, sagte der Alte; Ernst? Was ist ihm wohl Ernst, als sein Hochmuth und der Gedanke, seinen milchweißen Sohn in die Höhe zu bringen? Glaube mir, Freund, und traue meiner Erfahrung, ein Mensch, der in Staatsgeschäften und im Lügen und Trügen grau geworden ist, der immer Plane des Ehrgeizes und Eigennutzes gesponnen hat, der es gewohnt ist, Andere zu beherrschen und zu seinen Mitteln wie Lastthiere, oder höchstens wie muthige, ausgeschmückte Rosse zu gebrauchen, der tritt nicht so freiwillig zurück, wenn er nicht im Haupt verwirrt worden ist, wenn ihn nicht ein Wahnsinn ergreift. Und nach diesem sieht mir unser gleißender Conrad noch nicht aus, in so fromme Falten er auch seine Worte und Mundwinkel legt. Gewiß, gewiß ist eine große, durchgreifende Bosheit reif. Darum, Sohn, alle Sinne angespannt. Betrage Dich klug, zurückhaltend, bändige diese Deine dumme Hitze, die Dich und mich verderben kann, sei freundlich gegen Alle, besonders gegen Die, die unter uns stehen, damit Du Dir Freunde erwirbst, die Dir bis jetzt noch sehr fehlen. Du setzest Deinen Stolz darin, zu zeigen, wie hochfahrend Du seyn kannst. Dergleichen versuche in Zukunft, im Fall es Dir Freude macht, wenn Deine Regierung erst fest und sicher ist. Vor Allem aber lege Dein rohes Betragen ab, mäßige Deine laute, schreiende Stimme, kleide Dich sorgfältiger und edler, nimm Dir einige der feinen Hofleute zu Mustern, lies die zarten Liebesgesänge der Deutschen und Franzosen, so wie von manchen Brabantern, die sich in der Dichtkunst versucht haben, laß Dich öfter in den Zimmern der Damen und wohlgezogener junger Fräulein finden, damit Dein zu männlicher wilder Ton etwas Liebevolleres, etwas von dem Wesen der Mädchen annehmen möge.

Mit einem Worte, sagte Humberkurt unmuthig, und stampfte den Boden, ich soll wie das blasse Gesicht, der Wachsmuth werden! Das kann ich, das will ich nicht!

Thor! sagte der Vater aufgebracht; so fruchten denn alle meine Worte, alle meine wiederholten Ermahnungen nichts? Sei, wie Du willst, aber lerne auch scheinen, um Das zu erringen, wodurch es Dir erst möglich wird, wahrhaft zu seyn. Gewinne das Herz der jungen Fürstin, werde durch ihre Liebe und meine Hülfe Graf von Flandern, dann stelle Dich der Welt und den Fürsten gegenüber, und ziehe die Gesichter, die Du für die majestätischen hältst.

Ich habe aber gesehn, rief der Sohn, wie gering, wie widerwärtig ihr immer das Wesen des wehmüthigen Wachsmuth erschienen ist; ich habe ja gehört, wie sie die thatkräftigen, kühnen Männer bewundert hat, wenn von ihnen erzählt wurde, was sie den Richard Löwenherz verehrte, dessen Vater, Heinrich den Zweiten, den Heinrich den Guelfen, der so lange gegen Barbarossa kämpfte, und die Mailänder, die mit so großen Anstrengungen ihre Freiheiten vertheidigten. Geht mit aller der Ziererei in die Kammern der Liebessänger und hängt alle die Fratzen an die verwelkten Blumenkränze ihrer klimpernden Lauten. Der Degen macht den Mann, Entschlossenheit, Muth, wenn es seyn muß, Tollkühnheit, den Helden und Fürsten. Stieg doch nur dadurch unser Balduin auch auf den alten Thron der griechischen Kaiser, was ihm kein Wahrsager in seiner Jugend wohl hätte prophezeien können.

Dieser Dein Starrsinn, antwortete der Vater, macht mein Elend, und ich sehe es auch im Voraus, an ihm werden meine noch so klugen Plane zerbrechen. – Doch lassen wir dies Alles, denn der hinterlistige Conrad muß jetzt alle unsere Gedanken beschäftigen, ihn müssen wir von Freunden beobachten lassen, und wenn ich Dir trauen dürfte, solltest Du seinem Lauf unter irgend einem Vorwande folgen, um ihm und den Seinigen nahe zu bleiben; aber Dir fehlt es ganz an List, ja selbst alle Klugheit mangelt Dir, und ich müßte fürchten, Du benutztest einen solchen Auftrag nur, um Dich mit Wachsmuth zu schlagen und Deine Bosheit an dem Unschuldigen auszulassen.

Man kann auch zu klug seyn, antwortete nicht ohne Stolz der Sohn; ich habe noch nicht gesehen, daß die zu feinen Gewebe lange gehalten haben. Gerade dadurch hat unser Nachbar, der vorige König von Frankreich, der große Philipp, Manches eingebüßt, was er schlichter, derber und einfacher hätte erreichen können.

Schweige mir, sagte Graf Hugo, von Politik und Staatssachen, und beurtheile so kluge Herrscher nicht mit Deinem bäurischen Verstande. Ich bin nur ruhig, wenn ich erfahre, daß Graf Conrad auf sein einsames Schloß gezogen ist, daß er Niemand von seinen vorigen Freunden sieht, daß er wirklich die Eremiten besucht und sich einem geistlichen Leben ergiebt.

Noch streitend verließen Sie den Saal; so wie sie den Platz und die Gassen betraten, hatte Hugo für Jeden den freundlichsten Gruß und das heiterste Lächeln bereit. Später begab er sich wieder in das Schloß zu Johanna, um mit ihr die Angelegenheiten des Landes zu berathen.

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