Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Dominik >

Der Wettflug der Nationen

Hans Dominik: Der Wettflug der Nationen - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDer Wettflug der Nationen
publisherv. Hase & Koehler Verlag
yearo.J.
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151102
projectid7ec71a16
Schließen

Navigation:

In den Eggerth-Werken

Nordwestlich von Bitterfeld liegen die Eggerth-Werke. Mehrere Montagehallen bilden einen langgestreckten Komplex, flankiert von einer Reihe mehrstöckiger Bauten, in denen sich die Werkstätten und Laboratorien befinden. Äußerlich nimmt sich das ganze ziemlich bescheiden aus. Irgendein kleineres Werk unter den vielen Werken dieser industriereichen Gegend, könnte wohl ein oberflächlicher Beobachter denken. Auffallend vielleicht nur, daß die hohe, aus gelben Bitterfelder Ziegelsteinen errichtete Fabrikmauer nicht nur die Baulichkeiten des Werkes, sondern auch noch eine ebene und völlig unbebaute Fläche von etwa anderthalb Kilometern im Quadrat umschließt. Aber dieses scheinbar nutzlose Gelände ist keineswegs unwichtig. Es ist der Flugplatz, über dem die von den Eggerth-Werken herausgebrachten Flugzeuge eingeflogen werden und von dem aus sie danach immer weiter ausgedehnte Probeflüge in die Umgebung unternehmen.

Als Professor Eggerth sich hier mehrere Jahre vor dem Weltkriege niederließ und zuerst ganz bescheiden mit einer kleinen Werkstatt anfing, wurde manch absprechendes Urteil über ihn gefällt. Der typische deutsche Gelehrte, sagte man, der allen Dingen mit professoraler Wissenschaftlichkeit auf den Grund gehen will, in einer Baracke, die er hochtrabend »Forschungsinstitut« nennt, zwecklose, kostspielige Versuche anstellt, und vor lauter Versuchen nicht zum Bauen kommt. Doch die folgenden Jahre hatten solche Kritiken bald verstummen lassen. Die Flugzeuge, die Professor Eggerth nach einer freilich nicht eben kurzen Vorbereitungszeit herausbrachte, erwiesen sich als unübertrefflich und eroberten den Eggerth-Werken schnell eine führende Stellung in der deutschen Flugzeug-Industrie.

Dabei scheute sich dieser wissenschaftliche Revolutionär nicht, alte, von der Technik als gut befundene Wege kurz entschlossen zu verlassen, sobald er bessere Möglichkeiten sah. So hatte er schon während des Weltkrieges gegen den Widerspruch der gesamten Fachwelt und der militärischen Stellen das erste Ganzmetall-Flugzeug herausgebracht. Wie hatte man damals über die »fliegende Konservenbüchse« gespottet. Und doch begann sich die neue Bauart schon während des Krieges allgemein durchzusetzen und um 1940 erinnerte man sich nur noch dunkel, daß man dreißig Jahre früher einmal Flugzeuge aus Holz, Leinewand und ähnlichen brennbaren und auch sonst bedenklichen Stoffen gefertigt hatte.

Es ging oft so mit den bahnbrechenden Erfindungen des Professors, daß man sie erst verlachte, dann allgemein annahm und den Erfinder darüber vergaß. Der alte Eggerth war es nachgerade gewohnt und ertrug es mit philosophischer Gelassenheit. Dabei arbeitete er heute noch ebenso unermüdlich wie vor einem Vierteljahrhundert und vertrat die Ansicht, daß das Flugzeug von einem Abschluß seiner Entwicklung noch weit entfernt sei.

Im Gegensatz zu manchen anderen Flugzeugfabriken befaßten sich die Eggerth-Werke auch mit dem Bau der Flugzeugmotoren, und ein gutes Stück der Lebensarbeit des Professors steckte darin. »Der Motor ist das Herz des großen Vogels«, pflegte er zu sagen. »Wie kann ich die Herzen meiner Flugzeuge, von denen alles abhängt, bei fremden Leuten kaufen?« Nach diesem Grundsatz arbeitete er und hatte schließlich schnellaufende Dieselmotoren geschaffen, die höchste Zuverlässigkeit und Lebensdauer mit geringstem Gewicht und einem phantastisch niedrigen Brennstoffverbrauch vereinigten. –

Bei solcher Lage der Dinge ist es selbstverständlich, daß das Vermächtnis Morgan Readings Professor Eggerth in höchstem Maße interessierte. Er war nicht nur entschlossen, sich am Wettflug der Nationen zu beteiligen, er hatte auch die feste Absicht, den großen Preis unter Einsatz des Besten, was seine Werke je hervorgebracht, für sein Land und für sich zu gewinnen. –

Es war ein trüber Dezembertag in der Woche zwischen den Festen. Der Himmel, diesig grau, ließ die Sonne nicht durchkommen. Die weite Ebene um Bitterfeld lag unter einer leichten Schneedecke. Professor Eggerth saß in seinem Arbeitszimmer, einen Folioblock mit vielen Notizen vor sich, einen Bleistift in der Hand. In den Sessel zurückgelehnt, hörte er, was der Lautsprecher auf dem Schreibtisch vor ihm in kürzeren und längeren Zwischenpausen zu sagen hatte und notierte sofort, was in Morsezeichen von der Membrane zu ihm klang.

So jetzt wieder: »Von Bord der ›Seeschwalbe‹. Flugzeit 19 Stunden 30 Minuten. Flugstrecke 5850 Kilometer. Noch Brennstoff für eine gute Stunde. Wollen das Dreieck noch dreimal abfliegen.«

Der Professor strich sich durch das volle weiße Haar. Ein Lächeln der Befriedigung glitt über sein Gesicht. Die »Seeschwalbe« erfüllte genau die Bedingungen, die er bei ihrer Berechnung und Konstruktion zugrunde gelegt hatte. Um vier Uhr nachmittags war sie gestern vom Flugplatz des Werkes aufgestiegen. Unablässig flog sie seitdem das 100 Kilometer lange Dreieck Bitterfeld, Halle, Köthen ab und vollendete ihre Runden mit mathematischer Regelmäßigkeit. Fast auf die Sekunde genau strich sie alle 20 Minuten in 1000 Meter Höhe über den Flugplatz des Werkes hin. Man hätte eine Uhr nach dem Kommen und Wiederverschwinden des Motorgeräusches stellen können.

Professor Eggerth schrieb ein paar Zeilen auf den Notizblock. 40 000 Kilometer der Flug für den Reading-Preis. 300 Stundenkilometer die Geschwindigkeit der »Seeschwalbe«. In 133 Stunden reiner Flugzeit würde sie es schaffen.

Er fuhr sich über die Stirn. Sollte er die »Seeschwalbe« in das Rennen schicken? Ihre Zuverlässigkeit war hundertprozentig, davon war er überzeugt. Sie würde nicht nur 133, sie würde auch 500, ja 1000 Stunden ebenso sicher durch den Äther ziehen wie jetzt. Doch, wenn nun ein anderer Bewerber eine Maschine in das Rennen brachte, die ebenso zuverlässig war und vielleicht zehn, oder zwanzig, oder fünfzig Kilometer mehr in der Stunde flog? Was dann? ...

Ein Klopfen an der Tür riß den Professor aus seinen Gedanken.

»Herein! ... Sie sind's Vollmar. Was gibt's denn?«

»Ich habe die Japaner durch das Werk geführt, Herr Professor. Augenblicklich sitzen die Herren im Kasino und tun dem dargebotenen Frühstück alle Ehre an.«

»So ... so. Bitte, lieber Vollmar, nehmen Sie Platz.« Der Professor bot seinem Oberingenieur einen Stuhl an. »Wer von unseren Herren war an der Führung beteiligt?«

»Außer mir selbst Hansen und Berkoff, Herr Professor. Die frühstücken jetzt mit ihnen im Kasino. Ich hielt es im Interesse einer besseren Überwachung für angebracht, für jeden unserer Gäste einen Führer zu nehmen. Wir haben, wie verabredet, nach Schema C geführt. Der neue Windstromkanal und der Erweiterungsbau des Motorenwerkes sind nicht gezeigt worden.«

Professor Eggerth nickte zustimmend. »Ist auch besser so. Wir haben zwar sonst die besten Beziehungen zu ihnen. Aber die besonderen Verhältnisse – – Sie wissen, der Reading-Preis – – Vorsicht ist geboten. Der Wissensdurst der Herrschaften schien mir ungewöhnlich stark zu sein. Wie war es bei der Führung?«

Der Oberingenieur zuckte die Achseln. »Natürlich die alte Geschichte, Herr Professor. Jeder von den dreien hatte die bewußte Knopflochkamera unter der Weste. Was ihnen interessant erschien, haben sie mit ziemlicher Unverfrorenheit geknipst.«

Professor Eggerth lachte. »Nun, ich werde die Herrschaften selber über den langen Gang in unsere Forschungsanstalt führen.«

Oberingenieur Wollmar konnte nicht umhin, ebenfalls zu lachen. Der »lange Gang« war eine Spezialerfindung des Professors. Hinter den dünnen Holzplanken, die seine Seitenwände bildeten, standen gewaltige Röntgenröhren, die eine Strahlung von größter Stärke und Härte quer über den Gang aussandten. Wer da mit einer photographischen Kamera durchkam, dem wurden die Filme restlos geschwärzt. Schon mancher allzuneugierige Besucher der Eggerth-Werke hatte das zu seinem Schaden erfahren müssen.

Professor Eggerth fragte weiter. »Haben sich die Herren über den kaufmännischen Teil ihrer Mission geäußert?«

»Doch etwas. Sie haben die Absicht, mit schnellster Lieferfrist zwei Maschinen vom Typ der ›Seeschwalbe‹ zu erwerben. Außerdem fragten sie recht interessiert nach unseren letzten Fortschritten auf dem Gebiete des Höhenflugzeuges.«

Professor Eggerth pfiff durch die Zähne. »Was haben Sie ihnen gesagt?«

»Daß wir noch in den Entwicklungsarbeiten stecken und an eine Lieferung vor ein bis anderthalb Jahren nicht zu denken ist.«

Eggerth horchte auf ein Motorengeräusch in den Lüften. »Die ›Seeschwalbe‹ beginnt eben ihre letzte Runde. In zwanzig Minuten dürfte sie hier landen. Gehen Sie einstweilen auch zu unseren Gästen ins Kasino. Ich will unsere braven Piloten bei der Landung in Empfang nehmen. Dann werde ich auch hinüberkommen.«

Der Oberingenieur empfahl sich. Professor Eggerth war wieder allein und überlegte. Der Geschäftsgang des Werkes ließ im Augenblick zu wünschen übrig ... zwei Maschinen vom Typ der »Seeschwalbe« ... es würde sich lohnen, den Auftrag mitzunehmen. Vor dem März konnten die Maschinen kaum geliefert werden. Dann war's noch ein halbes Jahr, bis zu dem Wettflug um den Reading-Preis. Natürlich würden die Käufer die beiden Flugzeuge in Japan sofort auseinandernehmen und für ihre eigenen Rennmaschinen davon zu kopieren versuchen, was ihnen brauchbar schien. In sechs Monaten ließ sich mancherlei nachbauen. Damit mußte man rechnen ... versuchen einen Weg zu finden ... der Professor grübelte lange Minuten, wie er den Auftrag ausführen könne, ohne seine eigenen Aussichten bei dem Wettflug zu verschlechtern. –

Hein Eggerth, die Hände fest am Steuer der »Seeschwalbe«, tat einen langen Schluck aus der Kaffeeflasche, die sein Nachbar ihm an den Mund hielt.

»Das hat gut getan, Bert«, schrie er dem zu, um sich bei dem Motorgeräusch verständlich zu machen. »Nachgerade wird's doch Zeit, daß wir mal wieder aus unserem Kahn rauskommen. Seit zwanzig Stunden trommelt uns der Motor die Ohren voll. Na, da kommt ja schon der Giebichenstein unserer treuen Stadt Halle in Sicht. Noch acht Minuten, dann kann ich in Bitterfeld landen und meinem alten Herrn gerührt in die Arme sinken.« Bert Röge, der zweite Pilot der »Seeschwalbe« schlug ihm lachend aus die Schulter.

»Junge, Junge! Du klöhnst jetzt schon nach lumpigen zwanzig Stunden. Wie soll denn das werden, wenn wir erst um den Reading-Preis fliegen. Da können's doch siebenmal zwanzig Stunden hintereinander werden.«

Hein Eggerth antwortete nicht. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er durch die Zellonscheibe. Gerade voraus wurde am diesigen Horizont eben der Wasserturm der Eggerth-Werke sichtbar. Mit gespreizten Fingern streckte er die rechte Hand über die Schulter. Das war das verabredete Zeichen für Kurt Schmieden, den dritten Mann am Bord, die bevorstehende Landung zu funken. –

Dann strich die »Seeschwalbe« über den Flugplatz. Eine Schalterbewegung und wie abgeschnitten hörte das Donnern des Motors auf. Fast unheimlich wirkte die plötzliche Stille nach dem vielstündigen Dröhnen auf die drei an Bord. Im Gleitflug ging die Maschine in langen Schleifen zur Erde nieder. Jetzt setzten die Räder, die zwischen den Schwimmkörpern hervorragten, auf den Boden auf. Noch ein kurzer Auslauf, dann stand der große Vogel regungslos still. Nur ein leises Rauschen des Wassers im Kühler, ein leises Knistern der heißen Maschinenteile verriet etwas von dem zwanzigstündigen Probeflog.

Hein Eggerth kletterte als erster aus der Maschine, stampfte ein paar Schritte über den Schnee und tat dann, was er vor kurzem Bert Röge angekündigt hatte. Er fiel dem Professor, der dort schon wartend stand, um den Hals. »Hurra, Vater, 6000 Kilometer in zwanzig Stunden! Die ›Seeschwalbe‹ hat sich gut gehalten. Ich denke, mit der können wir in das Rennen gehen.«

Der Alte schüttelte ihm die Hände und begrüßte auch seine beiden Gefährten.

»Brav gemacht, Jungens. Euch drei werde ich zusammen ins Rennen schicken. Vielleicht mit der ›Seeschwalbe‹? Vielleicht mit einem noch besseren Vogel? Das zu entscheiden haben wir noch zehn Monate Zeit. Kommt jetzt mal erst ins Kasino und erholt euch von euren Strapazen. Aber erzählt nicht mehr als nötig. Wir haben ausländische Gäste da. Drei Japaner, die ziemlich wißbegierig sind.« –

Sie saßen alle zusammen an dem großen runden Tisch in dem gemütlichen Gastzimmer des Kasinos. Die Herren Yoshika, Kyushu und Hidetawa aus Tokio waren äußerst liebenswürdige Herren, die ein erträgliches Deutsch sprachen und mit ihrem Lob der Eggerth-Werke nicht hinter dem Berge hielten. Zwischen Braten und Kompott wurde von ihnen der Auftrag auf zwei Maschinen vom Typ der »Seeschwalbe« unterschrieben und mit einigen Gläsern alten Rheinweins besiegelt. Mit aufrichtigem Bedauern mußte Professor Eggerth es ablehnen, heut schon in Verhandlungen wegen seines Höhenflugzeuges einzutreten, weil dieser Typ noch einer längeren Entwicklungszeit bedürfe.

Auch dem mißtrauischsten Beobachter hätte an dem Benehmen der Gäste kaum etwas auffallen können. Daß jeder von ihnen im Laufe der Mahlzeit einmal für kurze Zeit die Toilettenräume aufsuchte, durfte bei der Menge und Güte der dargebotenen Getränke nicht wundernehmen. Daß dabei winzige Filmrollen ihren Platz wechselten und aus Photoapparaten in Bleikapseln wanderten, blieb nach Lage der Sache natürlich verborgen.

Ein guter Mokka beschloß das Mahl. Zum Schluß forderte der Professor seine Gäste zu einer kurzen Besichtigung der Forschungsanstalt auf, in der es auch noch mancherlei Interessantes zu sehen gab. Mit ihrem ewig gleichbleibenden Lächeln nahmen die japanischen Herren die Einladung an. Mit dem gleichen Lächeln verabschiedeten sie sich danach von ihrem Gastgeber. Das Werkauto brachte sie zu ihrem Hotel in der Stadt zurück.

Hier erst im Badezimmer, das Yoshika sofort als Dunkelkammer einrichtete, wich die lächelnde Maske. Mit gespannter Aufmerksamkeit betrachteten die drei beim schwachen Schimmer der roten Lampe die Filme im Entwicklerbad.

Kam was? Hatte die starke Bleikapsel die lichtempfindliche Schicht vor den tückischen Strahlen geschützt ... oder hatte die Röntgenstrahlung den Panzer durchdrungen ...?

Jetzt wurde etwas sichtbar. Hier ein paar Linien dort ein paar Umrisse. Aber stark verschwommen blieb das Ganze. Wie ein dichter Schleier schien es über den Filmen zu liegen. Mit langen Gesichtern besahen sich die drei ihre Aufnahmen, bevor sie sie in das Fixierbad legten. Allzuviel waren diese Filme bestimmt nicht wert. Auch die starkwandigen Bleikapseln hatten die Schwärzung nicht völlig verhindern können. –

Im Kasino der Eggerth-Werke rieb sich Oberingenieur Vollmar die Hände. »Der Bande habe ich den Spaß versalzen, Herr Professor«, brummte er vergnügt, »unsere größte Röhre habe ich mit 400 000 Volt Anodenspannung arbeiten lassen. Wenn die was auf ihren Filmen finden, dann kann es höchstens den Boxkampf zweier Neger in einem dunklen Tunnel darstellen.«

Der alte Eggerth zuckte die Achseln.

»Mehr als töricht ist diese Photographiererei während der Werkbesuche. Am Ende können sich es die Herrschaften doch selber an den Fingern abzählen, daß wir ihnen nach solchen Erfahrungen die wirklich wichtigen Dinge gar nicht mehr zeigen. Von ›St 1‹ haben sie hoffentlich nichts zu sehen bekommen?«

»Selbstverständlich nicht, Herr Professor«, beantwortete Hansen die Frage. »Weiß der Teufel, woher die Herrschaften Wind von der Existenz des ›St 1‹ bekommen haben. Alle Berechnungen und Pläne sind von Berkoff und mir hinter verschlossenen Türen angefertigt worden. Sogar die Lichtpausen haben wir selber gemacht, um nicht unnötig viel Leute ins Vertrauen zu ziehen ...«

»Sie vergessen die Werkstatt, mein lieber Hansen«, unterbrach ihn der Professor. »Ein Stratosphärenschiff mit seinem luftdichten, druckfesten Rumpf und den großen Kompressoranlagen ist nun doch einmal etwas ganz anderes als die gewöhnlichen Typen. Es ist fast unausbleiblich, daß die Werkleute sich allerlei Gedanken machen und auch darüber sprechen. Nicht nur in der Werkstatt, sondern auch wo anders, beispielsweise beim Glas Bier in irgendeiner Wirtschaft. Und da kann denn am Nebentisch irgendein Zeitgenosse sitzen, der vielleicht sehr harmlos aussieht, aber durchaus nicht harmlos zu sein braucht. Der hört's und sehr bald danach wissen die ausländischen Interessenten um die Sache.«

»Ist doch aber scheußlich«, brauste Hansen auf. »Ich hätte geglaubt, daß unsere Werkleute besser dichthalten würden.«

Der alte Eggerth schüttelte den Kopf. »So etwas läßt sich nun einmal nicht vermeiden. Was schadet es auch schließlich, wenn Fremde wissen, daß wir ein Stratosphärenflugzeug entwickeln. Die Hauptsache ist, daß alle wichtigen Konstruktionsdaten wirklich geheimbleiben, und das dürfte denn doch bisher der Fall sein.«

»Bestimmt, Herr Professor«, beteuerte Hansen. »Während des Baues habe ich die Zeichnungen jeden Abend wieder an mich genommen und im Tresor verschlossen. Seitdem wir ›St 1‹ im Prüfstand haben, ist überhaupt keine Zeichnung mehr draußen.«

»Ja der Prüfstand«, unterbrach ihn der Professor, »ich wollte Sie schon heute früh danach fragen. Was haben die ersten Probeläufe im Stand ergeben?«

Wolf Hansen, der Konstrukteur des neuen Stratosphärenflugzeuges »St 1« holte sein Notizbuch hervor und schlug eine mit Zahlen eng bedeckte Seite auf. Ein Ausdruck stolzer Befriedigung glitt über seine Züge, als er jetzt zu sprechen begann.

»Die ersten Proben sind so glänzend verlaufen, daß ich am liebsten noch heute mit ›St 1‹ aufsteigen möchte. Es war eine phänomenale Idee von Ihnen, Herr Professor, das ganze Schiff für die Probeläufe in die große Vakuumkammer zu bringen, wo es den gleichen Bedingungen unterworfen ist, wie in der Stratosphäre selbst ...«

Eggerth machte eine abwehrende Bewegung. »Nicht so üppig, mein Lieber! Die fünfzig und mehr Grad Kälte, die wir in der Stratosphäre haben, können wir in unserer Vakuumkammer leider nicht nachmachen.«

»Zugegeben, Herr Professor. Aber alles andere war doch da und das Schiff hat sich tadellos bewährt. Daß der Rumpf absolut druckfest und luftdicht ist, brauche ich als selbstverständlich wohl kaum zu erwähnen. Aber bei einer Luftverdünnung, die einer Flughöhe von 14 Kilometern entspricht, geben die Maschinen noch die volle Leistung her und die Propeller entwickelten eine Zugkraft, die rechnerisch eine Stundengeschwindigkeit von erheblich mehr als tausend Kilometer erwarten läßt. Ich glaube nicht, daß es auf der Erde ein Höhenflugzeug gibt, das auch nur entfernt an die Leistungen unseres ›St 1‹ heranreicht.«

Er schwieg. Auch Professor Eggerth saß geraume Zeit überlegend da. Dann begann er zu sprechen. Langsam ... stockend, als wolle er jedes Wort auf die Goldwaage legen.

»Mehr als tausend Stundenkilometer ... es müßte den sicheren Sieg bedeuten, wenn ›St 1‹ auch nur 40 Flugstunden durchhält ... aber es kommt mir nicht ganz fair vor, mit einer derartig überlegenen Maschine in das Rennen zu gehen ... ich habe ein Gefühl dabei, als sollte ich mit einem Maschinengewehr gegen unbewaffnete Wilde losgehen ... ich weiß nicht ...«

Die anderen, sein Sohn Hein an der Spitze, fielen ihm ins Wort, sprachen und riefen durcheinander ... »Keine falsche Bescheidenheit! ... Keine unnötige Rücksicht! ... Wer weiß denn, mit was für Maschinen unsere Konkurrenten ins Rennen gehen werden ... wer die Trümpfe hat, muß sie ausspielen ...«

Der Professor ließ sie eine Weile reden. Dann nickte er.

»Gut, ich erkenne das Gewicht eurer Gründe an ... es ist vielleicht doch richtig, bei diesem Spiel einen starken Trumpf in Hinterhand zu haben. Aber kein Fremder darf um diesen Trumpf wissen. Wir werden die Probeläufe mit ›St 1‹ im Vakuumraum fortsetzen, bis die Maschine ihre Höchstleistung ununterbrochen durch 100 Stunden hergegeben hat. Das ist unbedingt notwendig, denn mit den Probeflügen dürfen wir erst beginnen, wenn wir unserer Sache absolut sicher sind. Irgendein Zwischenfall, eine Notlandung könnte verhängnisvoll für uns werden. Und dann, meine Herren, werden wir morgen früh mit dem beschleunigten Bau eines zweiten gleichartigen Schiffes beginnen. Auch ›St 2‹ muß bereits voll erprobt sein, wenn das große Rennen seinen Anfang nimmt. Und noch eins! Kein Wort von dem, was wir hier besprachen, zu irgendeinem dritten! Sie haben vorher gehört, was dabei herauskommen kann.«

Professor Eggerth verließ das Kasino und auch die anderen begaben sich wieder an die Arbeit.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.