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Der Wettflug der Nationen

Hans Dominik: Der Wettflug der Nationen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Dominik
titleDer Wettflug der Nationen
publisherv. Hase & Koehler Verlag
yearo.J.
firstpub1933
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151102
projectid7ec71a16
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Ausklang

Verschieden wurde die Nachricht in den verschiedenen Staaten aufgenommen. Man jubelte in Deutschland und trauerte in Italien. Man beneidete Deutschland in Frankreich und fluchte mehr oder minder laut in England. Man schwieg in Rußland und in Japan. Verhältnismäßig schnell fand man sich in der Union mit der gegebenen Tatsache ab. Man tröstete sich damit, daß die amerikanische Maschine ehrenvoll unterlegen war. Man bewunderte ihren rapiden Flug von Afrika bis Manila, bei dem sie den Vorsprung der siegreichen ›Seeschwalbe‹ bis auf wenige Minuten einzuholen vermochte, und man fand schließlich Trost in dem Gedanken, daß der ›Eagle 1‹ das Rennen sicher gewonnen hätte, wenn er nicht das Opfer eines Sabotageaktes geworden wäre. –

Noch immer saß John Sharp in Gedanken versunken an seinem Schreibtisch. Auch er versuchte es, zu der neuen Sachlage Stellung zu nehmen. Viel Arbeit mußten ihm die nächsten Tage und Wochen bringen.

Die Errichtung der Reading-Stiftung nach dem Vorbild der schwedischen Nobel-Stiftung. In Anlehnung an das amerikanische Recht mußte die juristische Form dafür gefunden werden. Danach die sichere Anlage der zu dieser Stiftung gehörenden Vermögenswerte und die Bildung eines amerikanischen Treuhänder -Kuratoriums. Es würde darüber zu wachen haben, daß das Vermögen Morgan Readings von den Deutschen im Sinne des Erblassers Verwendung fand. Danach ein feierlicher öffentlicher Akt, in welchem dem Gewinner des Rennens die Pläne des Verstorbenen zu übergeben waren.

John Sharp warf sich in den Sessel zurück und preßte die Hände vor die Augen. Die Millionen, die den Deutschen zufielen, ließen sich verschmerzen. Auch nach deren Auszahlung würde der Reading-Konzern immer noch ein mächtiges, finanzstarkes Gebilde bleiben. Aber die Pläne ... die wertvollen Pläne, in denen ein Teil der Lebensarbeit von Morgan Reading steckte ... wie sehr hatte er gehofft, daß sie den Werken von Bay City zufallen möchten ... daß dort das Luftverkehrsmittel einer kommenden Zeit, das Stratosphärenschiff, zur höchsten Vollendung entwickelt werden möchte ... jetzt ... nur noch wenige Tage, dann würde er sie den siegreichen Deutschen ausliefern müssen ...

Ein Geräusch ließ ihn sich umwenden. Die Tür hinter ihm wurde geöffnet, ein Mann trat ins Zimmer.

»Kelly! Wo kommen Sie her? Ich vermutete Sie noch in Afrika.«

Frank Kelly drückte ihm schweigend die Hand und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Ich komme von Afrika ... Sharp ... ein deutsches Stratosphärenschiff brachte mich hierher.«

»Sie wissen, Kelly, daß unser ›Eagle 2‹ das Rennen knapp gegen die ›Seeschwalbe‹ ...?«

Kelly machte eine abweisende Handbewegung.

»Nebensächlich, Sharp!«

»Aber der ›Eagle‹ hätte doch beinahe ...«

Kelly schüttelte den Kopf.

»Ein Irrtum, Sharp, ein schwerer Irrtum. Die Deutschen hätten mit ihren Stratosphärenschiffen das Rennen in weniger als 30 Stunden machen können, wenn sie es gewollt hätten.«

Sharp schüttelte den Kopf.

»Ich verstehe Sie nicht, Kelly. ›St 1‹ ist erst zwei Minuten nach der ›Seeschwalbe‹ in der Schreckensbucht angekommen. Das Schiff war nur 13 Minuten schneller als unser ›Eagle‹.«

»Ein Scherz, Sharp! Ein verdammter Scherz, den sich Professor Eggerth mit uns geleistet hat. Sie werden es begreifen, wenn ich Ihnen von meinem Flug mit ›St 2‹ erzähle. Während jener Sturmnacht im Indischen Ozean brachten wir die Schiffbrüchigen eines Dampfers nach Madagaskar ...«

Sharp blickte nachdenklich.

»In der Tat, Kelly, erstaunlich schnell sind Sie nach New York gekommen. Auf dem kürzesten Wege sind es von hier bis nach Madagaskar etwa 15 000 Kilometer.«

»Wir sind aber nicht auf dem kürzesten Wege hierher gekommen, Sharp. Wir flogen erst nach den Manihiki-Inseln, um einen Eingeborenen abzusetzen, der dort bei einem früheren Aufenthalt an Bord gekommen war. Von Madagaskar bis zu den Manihiki-Inseln sind es 18 000 Kilometer. Erst nach längerem Aufenthalt flogen wir darauf nach New York. Sind noch mal 10 000 Kilometer. Ich habe an Bord des Stratosphärenschiffes eine Strecke von 28 000 Kilometer in einer reinen Flugzeit von 21 Stunden zurückgelegt ... wissen Sie, was das heißt, Sharp?«

John Sharp schwieg.

»Es bedeutet eine Stundengeschwindigkeit von 1350 Kilometer. Die Deutschen hätten, wie ich's Ihnen schon sagte, mit ihren Stratosphärenschiffen das Rennen in 30 Stunden machen können.«

Der Gesichtsausdruck Sharps veränderte sich. Der Ernst wich aus seinen Zügen, ein Lächeln glitt darüber hin, und dann lachte er laut auf.

Kelly sah ihn verwundert an.

»Ich begreife Sie nicht, Sharp. Ich sehe keinen Grund zu einer besonderen Freude.«

»Aber ich, Kelly!« rief Sharp immer noch lachend. »Um die Pläne unseres alten Morgan Reading hat mir's leid getan. Wenn die Deutschen aber schon so weit mit ihren Stratosphärenschiffen sind, werden sie keinen Vorteil mehr davon haben.«

»Jedenfalls keinen bedeutenden mehr«, stimmte ihm Kelly bei. »Was ich von ›St 2‹ gesehen habe, war wundervoll. Nach meiner Meinung haben die Eggerth-Werke das Problem des Stratosphärenschiffes schon von sich aus zu 90 Prozent gelöst.«

»Die Pläne werden ihnen nicht mehr viel nützen ...« sagte Sharp.

»... aber unsere Millionen werden sie leider bekommen«, schloß Kelly den Satz. –

Der weitere Verlauf der Ereignisse ist schnell erzählt. Am Tage nach dem Rennen waren die Schalter von Harrow & Bradley wieder geöffnet. In 97 Stunden und 45 Minuten hat die deutsche ›Seeschwalbe‹ das Rennen gewonnen. Die Zahl 97 galt als Siegesstunde und alle diejenigen, die diese Zahl auf ihren Wettzetteln hatten, bekamen den hundertfachen Wert ihres Einsatzes ausgezahlt.

Die glatte Auszahlung erregte das Erstaunen vieler Leute in New York, die den Herren Harrow & Bradley eine derartige Ehrlichkeit nicht zutrauen wollten. In der Tat war ihr auch eine lange und keineswegs friedliche Aussprache zwischen den beiden Partnern der Firma vorausgegangen. Immerhin standen Einsätze in der Höhe von 17 000 Dollar auf der Zahl 97. Den hundertfachen Betrag davon, die Summe von einer Million und siebenhunderttausend Dollar mußte die Firma auszahlen, wenn sie ehrlich bleiben wollte.

Bradley war dagegen, Harrow war dafür. Der Hinweis Harrows, daß der Firma auch nach der Auszahlung immer noch ein Gewinn von beinahe acht Millionen Dollar verblieb, hätte Bradley kaum zu überzeugen vermocht. Durchschlagend war das andere Argument, daß eine ehrliche Firma Harrow & Bradley in New York bleiben und bei nächster Gelegenheit ihre Netze für irgendeinen anderen großen Fischzug auswerfen könnte.

So kamen die glücklichen Wetter zu ihrem Geld, und die amerikanische Polizei brauchte sich, vorläufig wenigstens nicht, um die Firma Harrow & Bradley zu bemühen. –

Auf den ersten Oktober lud John Sharp die Vertreter der Weltpresse wieder in den großen Sitzungssaal des Reading-Hauses. Sie sollten zugegen sein, während das Kuratorium die Bevollmächtigten des siegreichen Werkes begrüßte und die offizielle Mitteilung über die Verleihung des Preises machte.

Doch der Saal war diesmal nicht so gefüllt, wie bei den beiden vorjährigen Versammlungen. Nur die deutsche und amerikanische Presse waren vollzählig vertreten. Die übrigen Länder, die bei dem gewaltigen Rennen das Nachsehen hatten, schienen kein besonderes Interesse mehr für das zu haben, was jetzt noch kommen konnte, und dementsprechend spärlich war auch ihre Presse vertreten.

Dafür sah man manche andere Gesichter, die im vergangenen Jahre noch nicht da waren. Hein Eggerth mit Schmieden und Röge, Wolf Hansen und Berkoff und auch Petersen und sein Pilot Kraus waren unter den Anwesenden, als John Sharp in der zweiten Nachmittagsstunde die Versammlung eröffnete.

Sharp trat an das Rednerpult, während seine Blicke die vor ihm Sitzenden musterten.

Mit einem leichten Kopfschütteln wandte er sich zu Frank Kelly und sprach halblaut mit ihm.

»Er ist natürlich nicht gekommen. Es ist ja auch unmöglich, Kelly. Er war heute früh um halb zehn noch in Bitterfeld, als ich mit ihm telephonierte.«

»Sie meinen den alten Professor, Sharp? Wenn er gesagt hat, er kommt zur Sitzung, dann kommt er auch.«

Kelly hatte noch nicht geendet, als eine Tür aufging. Gefolgt von Heinecken und Beckmann trat Professor Eggerth in den Saal.

»Entschuldigen Sie die Verspätung, Mr. Sharp«, sagte er und drückte dem Präsidenten des Kuratoriums die Hand. »Wir wurden an der Zollstelle im Hafen etwas länger aufgehalten.«

»Wann haben Sie Bitterfeld verlassen, Herr Professor?« fragte Sharp.

»Heute nachmittag um halb vier ...«, er bemerkte eine Verwunderung auf Sharps Zügen. »Ah, Verzeihung! Ich nannte die mitteleuropäische Zeit unseres Abfluges. Nach amerikanischer Ostzeit sind wir um halb zehn Uhr morgens gestartet.«

»Meine Hochachtung, Herr Professor!« mischte sich Kelly ein. »Sie sind zwei Stunden schneller als die Sonne über den Atlantik zu uns gekommen.«

Professor Eggerth schaute nach der Saaluhr und nickte.

»So ist es, Mr. Kelly. Wir haben den Flug in vier Stunden gemacht. Nach den Ortszeiten sind wir zwei Stunden vor unserm Start in Bitterfeld in New York angekommen. Die Sonne lief für uns von Westen nach Osten.«

Der offizielle Akt wurde schnell und ohne Zwischenfälle erledigt. Während Professor Eggerth und seine Leute noch ein Kreuzfeuer der Pressephotographen über sich ergehen lassen mußten, stürmten die Berichterstatter bereits aus dem Saal, um mit ihren Artikeln noch für die Abendausgaben zurechtzukommen.

Hein Eggerth trat zu seinem Vater. Erst jetzt fand der Alte Gelegenheit, seinen Sohn, den Sieger des großen Rennens, zu begrüßen, und die Pressephotographen verfehlten die Gelegenheit nicht, auch diesen denkwürdigen Moment auf die Platte zu bannen. Es war viel Blitzlichtdampf in dem Saal, als der letzte Photograph das Feld räumte.

»Was hast du sonst noch auf dem Herzen, mein Junge?« fragte der Professor.

»Kelly kennst du schon, Vater. Aber Hobby und Pender möchte ich dir noch vorstellen. Und Thomson, Watson, O'Brien und Jones. Famose Kerls alle. Du mußt sie kennenlernen. Wir wollen in Bay City mit ihnen arbeiten.«

Professor Eggerth sah sich in dem fast leeren Saale um.

»Wo sind sie denn, Hein?«

»In Bay City natürlich, Vater, wo sie hingehören.«

»Ja, aber dann ...«

»Dann fliegen wir eben mal schnell nach Bay City rüber«, lachte Hein Eggerth. »Unsere drei Stratosphärenschiffe liegen unten im Hafen. Die schäbigen 1200 Kilometer bis nach Bay City machen wir in einer knappen Stunde. Kelly hat mir schon versprochen, mitzukommen. Mr. Sharp mußt du selber bitten, Vater. Der ist zu sehr Respektsperson. An den traue ich mich nicht ran.«

John Sharp hatte die letzten Worte gehört und verstanden.

»Oh, Mr. Professor«, sagte er in einem englisch gefärbten Deutsch. »Ich komme gern mit in Ihrem Stratosphärenschiff. Wir fliegen alle zusammen nach Bay City.«

 

*

 

 

Der »Wettflug der Nationen« ist zu Ende, doch die Stratosphärenschiffe der Eggerth-Werke blieben nicht untätig. Neue große Aufgaben stehen ihnen bevor, die Hans Dominik in seinem Buche:

»Ein Stern fiel vom Himmel«

das in naher Zukunft spielt, ausführlich schildert –

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