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Der Werwolf

Willibald Alexis: Der Werwolf - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorWillibald Alexis
titleDer Werwolf
volume1
publisherDrei Türme Verlag, Hamburg
senderwww.gaga.net
created20050810
projectid6d282799
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Fünftes Kapitel

Der Wolf heult

Die beiden Prälaten waren lachend den Abhang hinabgeritten auf den Damm, welcher durch das Bruchland nach dem Kloster führt.

Die beiden Ritter, ihre Begleiter, sehen wir auf der Höhe halten und ihnen nachblicken. Sie hatten sich schon im Walde von den Prälaten beurlaubt, – waren die Herren doch nun in Sicherheit – und Hake wollte noch heute nach Stülpe zurück, der andere bis Brück.

Der Ritter Hake hielt mit der Hand seinen roten, spärlichen Ziegenbart, wodurch sein Mund noch größer schien, als er so herzhaft auflachte, wie vorhin der Bischof; aber, nach seinem grimmigen Gesicht zu schließen, kam das Lachen nicht aus dem Magen, vielmehr aus der Leber.

»Blitz und Donner! wann die den Wanst sich vollschlagen, kullert der Hunger in unserem Magen.«

»Es stand bei Euch. Sie luden uns ein,«

»Ist gegen mein Gelübd'.«

»Ihr ein Gelübd'?«

»Mich von keinem Pfaffen traktieren zu lassen. Nähm' mein Hund einen Bissen Brot aus der Hand einer Glatze, ich schlüge ihn tot.«

»Und mußtet ihnen das Geleit geben! Das ist freilich kurios.«

»'s ist vieles kurios in der Welt. Lieber wär' ich zwischen sie geritten, hätte den einen rechts am Schopf gepackt, den anderen links, und hätten sich küssen sollen, bis ihnen die Zähne wackelten.«

»Bei solchem Sinnen muß man es loben, daß Ihr Euch manierlich genug geführt.«

»Schaut, wie sie auf den Sätteln halb nur sitzen.«

»Zur Lust trabt kein Reiter über einen Knüppeldamm.«

»Hat auch niemand gern den Wolf hinter sich.«

»Bis in die Umfriedung des Klosters wagt sich doch kein solch' Untier?« ' '

»Es kommt drauf an. Schaut Euch da einmal um, da – da« – rief Hake von Stülpe, und als der Ritter Jagow den Kopf wandte, heulte es hinter ihm, wie abends ein hungriger Wolf durch die Heide stöbert.

»Wart Ihr das oder der Teufel? – Ich glaube, Ihr treibt Euren Spaß –«

»Mit Euch, da sei Gott für. O seht, wie sie sich die Hüften halten – der hebt sich schon im Sattel –«

»Der Wind ist gegen uns, sie haben's nicht gehört.«

»Pah! auch nicht nötig. Die Wölfe von gestern heizen ihnen noch ein.«

»Hake! Mir träumte auch, aber –«

»Ihr wolltet's nicht glauben. Da habt Ihr recht. Was ein Prälat behauptet und eine Kapuze beschwört, glaubt nimmer; aber auf ein Ritterwort könnt Ihr Euch verlassen –«

»Ihr könnt –«

»Heulen wie ein Wolf, 's ist so 'ne Kunst, die der hungrige Bauch lernt. Das müßt Ihr doch schon gestern abend gehört haben.«

»Ihr habt keine Wölfe gesehen?«

»Ich nicht, Herr von Jagow. Die Herren Geistlichen sehen immer mehr als wir Weltkinder, und wenn Ihr einen saht, so wette ich, geschah's nur aus Hofedienst für die Prälaten.«

»Eine seltsame Kurzweil, Ritter Hake.«

»Kurzweil nennt Ihr den langen Spaß! Wie ihre Putergesichter kreideweiß wurden, ihre Zähne klapperten, ihre Kniee schlotterten, ihre Lungen pusteten, wie das Weiße vom Auge bald links, bald rechts war. Wie sie sich überschlugen, in jedem Baumstumpf einen Wolf sahen – und dann der Ritt über Stock und Block; wie die Tonnen auf den Kleppern schaukelten! War jeden Augenblick gewärtig, einer kippte und purzelte. Denkt Euch, saht Ihr je eine solche Kavalkade; den Leib über, an die Sattelknöpfe geklammert. Der Bischof hatte die Steigbügel verloren, der Abt rutschte mit den Hacken bis an den Sattel. Gottes Wunder! Und wie sie abstiegen, die begossenen Gesichter; wohin war des Bischofs Zunge immer mit Schmalz und Honig bestrichen. Wie die Schuljungen auf Erbsen knien, saßen sie auf den Schemeln. Warum nippte der Bischof nur, der den Tummler nicht schnell genug wenden kann, und wie hastig brachen sie auf. Das nennt Ihr einen kurzen Spaß?«

»Wundert mich, daß Ihr nicht auch in der Nacht Eure Wölfe heulen ließet. Das hätte doch ihren Schlaf gestört.«

»Hätts getan, so mich der Schlaf nicht selber wie ein Bär gepackt. Doch was gilt's, sie taten kein Aug' zu. Die Angst und – Ihr blickt so verflucht ernsthaft. Tut's Euch leid um ihre Angst? Habt Ihr die Pfaffen lieb?«

»Nein!« sagte der andere nach einigem Besinnen mit Entschiedenheit.

»Ich wußt's. Ihr solltet ja selbst einer werden, hattet schon als Knab' die niederen Weihen, aber das Wesen widerstand Euch. Wer wie Ihr im vollen sitzt, und solche Vorwerke hat, kann sich wenden in der Welt, wohin er Lust hat. Drauf seid Ihr aber viel im Ausland gewesen, auch in Rom –«

»Und kehrte nicht mit mehr Liebe für den geistlichen Stand zurück.«

»Schaut! Das Nest an den Sumpf geklebt! Ringsum dürrer Sand, in trocknen Jahren gedeiht kaum der Buchweizen, und da leben sie wie die Schweine im Fett. Weizen, Gerste, Wein, Hopfen wuchert aus dem schwarzen Erdreich, und drinnen die vollgestopften Kammern und Gänge. Teppiche, sage ich Euch, Pokale, Leuchter, Gold und Silber und Edelsteine, Perlen und Elfenbein. Die Augen flimmern einem. Und die Küche! Vom Geruch allein könnten hundert Hungernde satt werden, und – die Keller! Wer da nur die Nase hineinsteckte, dem wirbelt's ums Hirn wie im Paradies. Und da schwappt sich solch ein gemästeter Bauch 'raus, striegelt die Backen, daß sie nicht zu voll aussehen sollen, und dann erhebt er die Augen und die Arme, und predigt uns, daß wir enthaltsam sein sollen, nicht nach den Gütern der Erde trachten. Armut führt ins Himmelreich – ich weiß noch einen Weg.«

»Es sind nicht alle so.«

»Fünfzig wie ich, ihre Mauern von festgebranntem Stein sollten knacken und brechen, und dann drei Tage nur Einlagerung!«

»Ihr hattet häßliche Prozesse mit –«

»Schweigt mir davon, um der Gebenedeiten willen. Meine Großbase mag's vor Gott verantworten, wenn wir in Stülpe an den Hungerpfoten nagen müßten. Das ist eine Geschichte, eine von tausend. Wo die Himmelssackermenter sich bei alten Weibern einnisten und den Sterbenden ihre letzten Seufzer stehlen, fliegt's immer in der Pfaffen Säckel.«

»Man sagt, das hätte zu längst gedauert. Klagen die Geistlichen doch, daß die Stiftungen immer sparsamer, die frommen Vermächtnisse immer schmäler werden.«

»Pestilenz, das andere wollen sie nicht, weil's ihnen zu mager ist. Zählt doch alle fruchtbaren Triften in unseres heiligen Römischen Reichs Sandbüchse, die gehören ihnen, vom heiligen Kreuz bis, ich weiß nicht wo. Ihre Dachshunde haben immer zuerst das Gute geschnüffelt. Das Fleisch ist in ihren Rachen, die Knochen lassen sie uns. Habenwollen ist ihre Natur; weil keine großen Fische mehr zu angeln sind, fischen sie nach den kleinen. O, der Ablaßkram ist eine schlaue Erfindung, da klingeln sie den Bauerndirnen, den Handwerksburschen den letzten Heller aus der Tasche. Und haben sie keinen, werden verkauft, versetzt der Latz, das letzte Hemde, Schnallen, Schuhe und das heißt kein Landraub! Der Kapuzenjude, schachert er nicht auf allen Straßen, in allen Städten? Er soll schon Tausende, Hunderttausende hinausgeschickt haben. O, ich wünschte einmal diesem Dominikaner zu begegnen. Das Tragen sollte ihm leichter werden.«

»Der Kurfürst ist dem Wesen nicht hold.«

Hake von Stülpe machte ein grimmig Gesicht, aber antwortete nicht. Sie ritten schweigend eine Weile nebeneinander, bis Jagow wieder anhub:

»Ich weiß es für gewiß. Er selbst hätte dem Unwesen gesteuert, wenn der Wittenberger Mönch ihm nicht, wie er es nennt, ungebührlich ins Amt gegriffen.«

»Hätte ist nicht hatte,« brummte der von Stülpe.

»Joachim geht mit großen Dingen um zur Besserung des Klerus. Sein eifriger Wunsch ist, die Klöster zu säubern und die Kirchenzucht einzuführen. Man muß ihm nur Zeit lassen.«

»Bis er in die Sterne geguckt hat,« fiel Hake ein, und der Zorn, an dem er innerlich schluckte, brach heraus. »Joachim! Ei, Herr von Jagow, der wird den Klerus bessern, wie er den Adel gebessert hat. Immerhin, dann ist's aus mit ihm. Dann kann er über Füchse und Bauern regieren. Er den Klerus anfassen! Soll er sich den Stuhl fortziehen, um auf die Diele zu fallen! Lobt mir lieber den kecken Mönch da, aber nichts von dem Adelschlächter.«

»Ich lobe den Mönch.«

»Höll' und Teufel, Herr von Jagow, wenn ich einen hasse – und ich hasse sie alle wie die Sünde; nein die Sünde kann nichts dafür, wenn die Pfaffen sie gepachtet haben – haß ich einen, ist's der Brandenburger, den wir –«

»Er ist nicht von den Schlimmsten.«

»Nicht! Die glatte Zunge und die züngelnden Augen in dem feisten Vollmondsgesicht, das sich überfirnißt hat mit Hofgunst. Der Bauernlümmel aus Schlesien, wollt Ihr's leugnen, daß er jetzt des Kurfürsten rechte Hand in allen guten und bösen Dingen? – Ihr schüttelt den Kopf –«

»Joachim hat keine Vertraute –«

»Um so schlimmer solche Schmarotzer.«

»Der Bischof ist ein großer Redner.«

»Um so gefährlicher. Hörtet Ihr, was er gestern abend sagte? – Er wird seinem Herrn einen Bericht abstatten über den Mönch drüben. Wißt Ihr, was das heißt? Wird er sagen, was er gehört, gesehen, was sie in Sachsen von ihm denken? – Er wird lauschen, was sein Herr hören will. Dann wird er's drehen, schmieren, ausschmücken mit etwas Gelehrsamkeit, Frömmigkeit, mit süßen und bittern Worten, links, rechts, bis es recht klingt. Eine Meinung wird der Kurfürst verlangen. O ja, er wird an seine Brust schlagen und rufen: Ich kann nicht anders, gnädigster Herr, das ist meine Meinung von der Sache, auf die Gefahr hin, daß sie Euch mißfällt. Auf die Gefahr hin will ich zur Hölle fahren, denn wem gefällt nicht seine eigene Meinung? Oder seid Ihr anderer?«

»Ich fürchte, daß Ihr recht seid.«

»Die sich spreizen vor Hoffart wie ein Pfau, die watscheln wie ein Faultier, geil sind wie Affen, ich will den Mund mir zuhalten, wenn der Grimm mir losplatzen möchte; aber diese Kammerdienerpfaffen bei den großen Herren, die ihren Lüsten frönen und ihre Gedanken stehlen, um sie eingemacht mit Gotteswort ihnen als Nachtisch vorzusetzen, da jückt's mich in den Fingern, daß ich sie zu Mus zerschlüge.«

»Die Kirche hat auch ihre eigenen Meinungen.«

»Haben sie 's Maul aufgetan, als er dem Adel das Genick brach? Stecken ihrer doch genug aus guten Häusern unter der Kutte. Sie haben die Augen verdreht und ihn gesegnet mit Bibelsprüchen, weiß nicht welchen. In der Bibel steht nichts davon, daß man den Adel ausreuten soll, der Doktor Luther hat's mir gesagt. Als sein Großohm, der andere Friedrich, die Städte zwang und ihre Briefe zerriß, als der erste Friedrich unsere Burgen brach, wer hat sie zuerst gelobt und alles schön und gut gefunden, als die Glatzen.

Laß einen seinen Sohn umbringen, sein Weib verstoßen, weil er ihrer satt, sein Leibpfaff wird Gottes Willen darin schnüffeln; Abraham wollte ja auch seinen Sohn schlachten und sein Weib verstieß er in die Wüste. Nichts heuer, was die Fürsten tun und vornehmen, was nicht die Priester gut, recht und wohlgefällig, wofür sie nicht zehnhundert Exempel aus der Schrift finden. Ja, könnte unsereiner nur auch so die Schrift lesen; ich glaube, da steht viel's drin, auch für uns. Aber da ist's alleben, die haben den Schlüssel zum Teich und fischen 'raus, was ihnen behagt, und paßt's doch nicht, drehen sie den Kopf ab, und machen den Schwanz vorn, und da wird geschrieben und da wird gepredigt von des Himmels wunderbarer Fügung, von Gottes unerforschlichen Ratschlüssen, vom Gehorsam gegen die Obrigkeit, der Gehorsam gegen Gott ist. Wenn so ein Lobsalm von der fetten Zunge fließt, und die Weiber unten zu schluchzen anfangen, da rührt sich's Gekröse in mir. Packt mich der Teufel oder wer, ich möchte aufspringen und aufschreien: Pfaff, Du lügst, das ist nicht Gottes Wort,: das ist Deins. Könnt Ihr's leugnen, daß es so ist?«

»Nein.«

»Könnt Ihr's loben?«

»Nein.«

»Warum schaut Ihr doch vor Euch, mit Permiß zu sagen, wie ein Duckmäuser. Der Jagow ist doch sonst ein Mann, der geradaussieht.«

»Weil Ihr das Kind mit dem Bade verschüttet, Ihr lobt unbewußt, was Ihr tadeln wollt. Die Geistlichkeit ist entartet, wer leugnet's, und nicht allein in ihren Sitten, auch in der großen Aufgabe, so Gott ihr gesetzt. Sie sollte nicht den Mächtigen zum Munde reden und das Unrecht der Gewaltigen beschönigen; sie ward vielmehr eingesetzt, um die Schwachen zu schützen und Trotz und Willkür zu brechen. Da hat sie in finstern Zeiten ein gewaltiges Licht aufgesteckt, daß der Frevel derer erschrecke, daß der Bange und Unterdrückte sich an dem warmen, freundlichen Strahle wärme und Mut und Lebenshoffnung schöpfe. Als die Völker irrten im Labyrinth der Wildheit, Unsitte und Roheit, hat sie die Zucht und Sitte gefördert.«

»Wollt Ihr auch predigen?«

Nicht hier im Walde. Es gab andere Zeiten, wo die Kirche und ihre Diener mit ihrem starken Arm den Fürsten und Gewalthabern zuriefen: Bis hier und nicht weiter! Sie hatten keine Macht für sich als das Wort Gottes und ihre Gerechtigkeit, aber Könige und Kaiser mit ihren Tausenden und ihrem gerüsteten Zeuge vermochten nichts gegen sie.«

Hake antwortete nichts; nach seiner Miene zu schließen, behagte ihm wenig, was der andere sagte.

»Das wird auch vielleicht bös; aber es lag doch Gutes zum Grund. Die Kirche hat auch jetzt noch Macht –«

»Eine Hand wäscht die andere, eine Tasche gönnt's der anderen; wir gehen immer leer aus.«

»Die alte Zeit – ich meine die gute alte Zeit – könnte wiederkehren, wo der Priester seines Schwurs und hohen Amtes sich gemahnen läßt, wo er unerschrocken zu den Gewaltigen spricht, nicht was ihnen lieb ist, wo er wieder ein Anwalt wird des Volkes vor den Trotzigen und Ungerechten, wo er Gottes Wort spendete, lauter und rein, wie es in der Schrift steht. Solcher freier Priester, gab es auch zu alten Zeiten. Kaiser Wenzels Beichtvater Nepomuk –«

»Sprang in's Wasser, und steht auf der Brücke vor Prag, tut aber's Maul nicht mehr auf. Haben 'nen Heiligen mehr, nämlich von Stein; das ist die ganze Bescherung. Welcher Priester läßt sich noch ins Wasser werfen, wenn seine Zunge ihn retten kann!«

»Ich wüßte einen!« sprach vor sich hin der Ritter Jagow.

»Ich keinen,« brummte der Hake.

Ihr Gespräch war abermals verstummt. Der Wald schüttelte seine Aeste, und der Schnee fiel in großen Klumpen zur Erde. Da wo er sich lichtete, trennten sich ihre Wege. Der von Stülpe reichte dem andern die Hand:

»Lebt wohl! Wo wir uns mal wieder treffen, in mir trefft Ihr immer einen Pfaffenfeind.«

Der andere behielt die Hand in seiner, ohne sie noch zu drücken; aber er sah ihn halb lächelnd, halb ernst an mit seinem klaren, großen Auge: »Auch als mein Feind, Hake? Das täte mir leid, wir vertrugen uns doch bei mancher Gelegenheit.«

»Was! Plagt Euch der Teufel – Ihr wolltet –«

»In den geistlichen Stand zurücktreten.«

»Und wißt das, habt das gesehen! Wart in allen Ländern, in Hispanien und Welschland. Habt Ihr 'nen Hexenschuß? Erklärt mir's.«

»Das wäre ein zu lang' Gespräch am Kreuzweg. Da geht Euer Weg hin, hier meiner. Meiner –«

»Weiß, Ihr wart immer ein sehr tugendhafter Mann, auch im Lager, aber –«

»Die Menschen sind unterschiedlich von der Natur gebildet, mein lieber Hake. Hätten wir alle einen Weg, ein Ziel, denselben Wunsch, welches Gedränge, Getreibe, welche Unruhe wäre es! Ich hasse nicht das Irdische, es ist auch von Gott, aber – genüge es Euch – je länger ich's genoß, so durstiger ward ich nach einem anderen Heil –«

»Und wollt ein Pfaff wie die anderen werden?«

»Da sei Gott für!«

»Wer hat's Euch eingeblasen?«

»Ich kämpfte und rang lange mit mir. Wo ich hinkam, wo ich Trost hoffte, den Sinn, den Geist, den ich im Priester will, ich fand – ich brauche Euch das nicht zu sagen. Ich fand nirgends, was ich suchte. Ja, als ich Rom verließ, meinte ich, es sei abgetan, ich wollte nicht mehr suchen gehen. Da wollte es der Zufall, daß mich der Abt in Lehnin bat, ihn nach Wittenberg zu begleiten – und von daher – Glück auf den Weg, Herr von Hake, ich sag' Euch nur, daß ich von daher mit anderer Gesinnung heimkehrte.«

»Hat's Euch der Blitzmönch angetan! Ein Wetterkerl. Ich sah ihn nur einmal.«

»Ich auch. Aber das eine Mal reicht aufs Leben aus. Das war ein Mann, wie ich den wahren Priester mir vorstellte. Kühn, frei, so bewußt des Funkens, der ihm Feuer lieh, und dabei demütig wie ein Kind. Ich hatte Trugbilder gesehen, schillernde, dunstaufgeblasene Phantome, nun sah ich eine Wahrheit.«

»Also der Mönch hat recht. Mir lieb, daß ich's nun weiß, ob's mich schon nicht viel schiert.«

»Der Mönch mag irren, wie jeder irrt. Aber wie er mit dem Abte sprach und mit der Hand an die kräftige Brust schlug: Hilf mir Gott, ich kann nicht anders! Da hatte ich eine Wahrheit, die mir genug ist, wie ein Mann, ein Christ, ein Priester für seine Ueberzeugung sprechen kann, auch wenn er allein steht gegen Tausende.«

Auf des Ritters Lippen, oder mehr in seinen Augen, stand noch vieles, aber er verschluckte es wie ein Weiser, der die Perlen nicht fortwirft, wo man ihren Wert nicht kennt. Schien es doch fast, wie ein leichtes, hochmütiges Lächeln über seine Lippen flog, als glaube er schon an diesem Orte mehr gegeben zu haben, als nötig war.

»Also auf Wiedersehen,« sprach Hake, »als Märtyrer oder als Papst.«

»Als Arbeiter im Weinberge, dem der Herr die Stelle anweisen wird nach seiner Kraft.«

Sie schüttelten sich die Hände, wie zwei, die sich nichts mehr zu sagen haben, vielleicht auch als zwei, die es sehr bedauern, voneinander zu scheiden. Der Ritter von Stülpe gab seinem Rosse die Sporen, sobald er um die Waldecke war, als wär' es ihm nicht heimlich in der Gegend. Der Ritter Mathias ritt langsam auf den Weg nach Brück. Ueber Brück geht es nach Wittenberg; aber je näher er kam, so langsamer ritt er, und hielt oft an, als wogten in ihm schwere Gedanken. Und plötzlich nickte er mit dem Kopf, und machte linksab kehrt. »Was soll ich in Wittenberg noch,« schien er zu sprechen. »Der Mann dort geht seinen eigenen Weg auch ohne mich. An Troß fehlt's nimmer, so einer als Herzog keck vorangeht; aber der Troß macht viel Staub, daß niemand ihn vergrößern soll ohne Not. Und wenn er nun einen falschen Weg ging, der Troß muß mit, und je größer der ist, so schwerer dem Führer die Umkehr. So er aber mit Gott geht, treffen wir beide wohl zusammen. Er muß sein Land, das er liebt, studieren, es umblättern und röten, wie der Gelehrte ein Buch, nicht einmal, vielmals, daß er wisse, welche Pflege es fordert, um zu tragen die Früchte, die er will. Was ich ihm danke, ich will's nicht aus dem Gedächtnis schwinden lassen.«

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