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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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7. Kapitel

Hinter dem Schuppen reihte sich eine Anzahl enger Hundezwinger. Vor jedem war ein langer, schmaler Auslauf eingerichtet. Zwinger und Ausläufe waren mit starken, dichtmaschigen Drahtzäunen abgegrenzt. Sämtliche Zäune waren nicht weniger als neun Fuß hoch. Bei einem Bullterrier genügt ein einfacher Drahtzaun nicht. So ein Tier klettert wie wilder Wein, wenn es ihm gerade paßt, und es springt, als hätte es Flügel. Sämtliche Drahtzäune setzten sich einen Fuß tief unter dem Erdboden fort. Denn wenn ein Bullterrier es sich einmal in den Kopf gesetzt hat, aus seinem Zwinger herauszukommen, dann wird er mit größter Wahrscheinlichkeit so lange an dem Problem kauen, bis er es gelöst hat. Trotz aller Vorkehrungen, die Tucker Crosden getroffen hatte, kam es immer noch gelegentlich vor, daß sich ein Hund einen Kanal ins Freie grub. Gewöhnlich erfuhr man dann von seiner Abwesenheit erst dadurch, daß einer der Farmer in der Nachbarschaft wie besessen anklingelte.

»Einer von Ihren verdammten weißen Kötern war hier bei uns und hat unseren Rex totgebissen – vor unsern Augen auch noch! Der verflixte weiße Teufel war von dem armen Vieh nicht loszukriegen – und ...«

Das also war das Gehege, das Tucker Crosden mit solcher Liebe und Sorgfalt für seine Hunde errichtet hatte, und wenn es im Hause ein Gewitter gegeben hatte, dann wußte Molly immer sofort, wo sie ihren Daddy zu suchen hatte. Sie brauchte nur nach dem Hundezwinger zu gehen, dann fand sie ihn. Aber in dieser Nacht war er nicht dort.

Immerhin gab es noch einen Platz, wo man ihn suchen konnte, die Brücke, die das kleine Flüßchen überspannte. Tucker Crosden hatte irgendeine tiefe Zuneigung für diese Stelle entwickelt. Bei Tag und bei Nacht konnte man ihn dort auf das Geländer gelehnt finden, das massive Kinn nachdenklich aufgestützt, die Augen träumerisch auf das wirbelnde, rasch dahinjagende Wasser gerichtet. Bei Nacht schien die Strömung ein lebendiges, kämpfendes, ein wenig unheimliches Geschöpf. Bei Tag lockte ihr grüner, undurchsichtiger Spiegel mit dem Reiz des Geheimnisvollen. Molly lief zur Brücke. Aber auch dort war ihr Vater nicht. Sie ließ sich auf der Brücke nieder, wo sie schon so oft gesessen hatte, starrte in die dahinrollenden Wirbel hinab. Wo mochte ihr Vater sein? Sie blieb sitzen, zerbrach sich den Kopf, versuchte es vergeblich zu erraten. Die Zeit verrann. Und sie hatte inzwischen, ohne es zu wissen, den Zeitpunkt verabsäumt, wo es ihr möglich gewesen wäre, Tucker Crosden zu begegnen und ihn vor sich selbst zu hüten.

Tucker Crosden war nicht nach dem Hundezwinger gegangen, denn die Hunde waren tot, er war nicht auf die Brücke über den Fluß gegangen, denn sein Hirn war des Geheimnisvollen müde. Er war blindlings in die Felder hinausgerannt, in die Felder, auf denen er sich einst mit solcher Hingabe geplagt und so bitterwenig dabei erworben hatte – in die Felder hinaus, wo er zum erstenmal hatte erfahren müssen, daß nicht immer ehrliche Arbeit ihren ehrlichen Lohn findet – wo er schließlich entdeckt zu haben vermeinte, was Fortuna in ihrer wirklichen Gestalt ist – eine boshafte Hexe und eine Betrügerin.

Er rannte blindlings weiter, bis sein Zorn ein wenig verraucht und sein Hirn etwas klarer war. Dann machte er sich langsam auf den Heimweg. Er hatte sich verhalten wie ein Kind oder ein naiver Naturmensch. Er hatte sich durch körperliche Bewegung das schlimmste Gift aus dem Leib geschafft. Es gab einen Gedanken, der ihn ein wenig tröstete und den er sich auf dem Weg nach Hause immer und immer wieder halblaut wiederholte:

»Das ist eben so. Alle Frauen sind 'n bißchen närrisch. Ja, so ist das. Die Frauen sind alle 'n bißchen närrisch!«

Er hatte noch nicht den halben Weg zurückgelegt, als er hinter sich drei Pferde in vollem Galopp die Straße entlang rasen hörte. Und ehe er den Zaun seines Besitztums erreicht hatte, kamen noch vier Reiter in einem dichten Klumpen dahergeprescht und bogen zu seinem Haus ab.

Er wunderte sich. Was war eigentlich los? Er beschleunigte seinen Schritt. Caroline mußte doch inzwischen Zeit gefunden haben, ein bißchen wieder zu sich zu kommen und einzusehen, daß nur ihre eigene Hysterie daran schuld war, wenn sie sich eingebildet hatte, er wolle sich an ihr vergreifen.

Er ging ums Haus herum zur Hintertür – zur Küchentür. Aus dem Haus hörte man halblaute, erregte Stimmen. Das verblüffte ihn. An der Küchentür stieß er auf zwei Männer. Als Tucker plötzlich in der Dunkelheit auftauchte, machten die beiden einen erschreckten Satz nach rückwärts. Er hörte Sam Watcheds Stimme, dünn und entstellt von Erregung und Furcht, schreien:

»Rühr du mich ja nicht an, Tucker Crosden! Du hast heute nacht schon genug angestellt!«

»Hör mal, Sam,« sagte der Riese gelassen, »mit deinem Gehirn is' was nicht in Ordnung. 's könnt einer ja denken, das Haus steht in Flammen, so stellst du an. Was willst du denn? Ich tu' dir doch nichts. Ich will ja nichts weiter als hineingehn.«

»Das wirst du bleiben lassen!« schrie Sam. »Ich hab' 'n Gewehr da, Tucker. Ich warne dich! Bleib weg! Nämlich, ich hab' 'n Gewehr und wenn du 'n Schritt weitermachst, drück' ich ab!«

»Sam,« antwortete Tucker, »bei dir is' glatt 'ne Schraube los. Was hab ich denn getan?«

»Kann sein, bei euch zu Haus ist's nichts Besonderes, wenn man seine Frau prügelt,« sagte Sam Watched, »aber hier herum im Land – paß auf, Tucker! Bleib weg – oder – bei Gott ...«

Aber es war zu viel für Tucker. Die Wut hatte ihn gepackt. Er sah und hörte nichts mehr. Er stürzte vorwärts. Ein Schuß krachte. Etwas zerrte heftig an seinem Rock. Dann griff er nach dem Gewehr und riß es dem andern, der kleiner war, so spielend aus der Hand, wie wenn Sam Watched ein Kind gewesen wäre. Aber Sam war eine Kampfnatur. Er sprang auf Tucker los und schlang seine Arme um den Riesen. Es war, wie wenn er den Stamm einer uralten Eiche umarmen wollte. Der andere Mann brüllte auf, drehte sein Gewehr um und holte mit dem Kolben nach Crosdens Kopf aus. Tucker schmetterte ihm den Handrücken in das verzerrte Gesicht. Mann und Büchse tauchten geräuschlos im Dunkeln unter. Dann sauste Tuckers Faust Sam Watched zwischen die Schulterblätter und der wackere Kämpe fiel wie ein Sack zu Boden.

Crosden rüttelte an der Klinke. Die Tür war verschlossen und verriegelt. Er schlug sie mit Sams Büchse ein. Kolben und Lauf trennten sich, als sei die Waffe nur aus Pappe gemacht. Ein Fußtritt, und die Trümmer der Tür gaben ihm den Weg frei. Undeutlich sah er mehrere Männer, Gewehrläufe blitzten. Er schleuderte seinen Gegnern das Wrack der Tür ins Gesicht. Weit, weit hinten schrie eine Frau laut auf. Es ging Tucker Crosden wie eine glühende Nadel durchs Hirn.

Plötzlich waren die Männer nicht mehr da. Sie waren ins nächste Zimmer gestürzt, hatten die Tür hinter sich zugeschlagen und verriegelt. Wie von weither hörte man von drinnen das Durcheinander ihrer Stimmen, Ratschläge, Befehle. Crosden blickte sich hilflos um.

Im Haus war er, aber was sollte er hier? Er konnte die zweite Tür einschlagen, wie er die erste eingeschlagen hatte. Aber was nützte ihm das? Höchstens geriet ihm einer der Kerle zwischen die Finger – und dann hieß es Mord. Aber nach und nach dämmerte es ihm, daß die Bewaffneten bei ihm nicht eingebrochen waren, ohne gerufen zu sein. Der Schrei vorhin, das hysterische Lachen, das er jetzt hinter der Tür hörte, dies alles sagte ihm, daß sie auf ausdrückliches Verlangen gekommen waren, um seine Frau gegen seine Brutalität zu verteidigen.

Das traf ihn wie ein Schwert. Plötzlich schien sein ganzes bisheriges Leben ausgelöscht. Er starrte umher und erblickte das einzige, was in sein künftiges Leben mitzunehmen ihm noch der Mühe wert erschien – Kings Bild an der Wand.

Er riß es aus dem Rahmen, faltete es sorgsam zusammen und schob es in die Brusttasche. Dann schritt er durch die gähnende Öffnung, wo einst die Tür gewesen war, in die Nacht hinaus. Zwei dunkle Gestalten lagen auf dem Boden und ächzten. Er hatte kein Wort für sie. Auf der Schulter trug er den Sattel mit dem schweren Pack, den er vor so kurzer Zeit dem Esel abgenommen hatte. In der Koppel fand er seinen einzigen Gaul, einen Grauen. Er schnallte ihm den Packen auf und sah sich hilflos um. Ringsum ertrank alles in gleichmäßiger Dunkelheit, nur gegen Osten hob sich die äußerste Bastion der San Jacinto Berge scharf vom bestirnten Himmel ab. Diese Richtung schlug er ein. Er erreichte den Weg. Die lange Reise, die er hinter sich hatte, hatte in umgekehrter Richtung neu begonnen.

Von den Hüften abwärts war sein Körper steif und gefühllos vor Müdigkeit. Er wurde sich dessen nicht bewußt. Bild um Bild blitzte durch sein Hirn, alles was sich seit seiner Heimkehr ereignet hatte, Bild um Bild, von einem seltsamen roten Brandlicht überstrahlt. Da hörte er hinter sich eine Stimme. Die einzige Stimme, die ihn dazu bewegen konnte, haltzumachen. Er wartete, bis im Dunkeln die kleine Gestalt auftauchte und in seine Arme stürzte.

»Oh, Daddy,« rief Molly, »das ist doch nicht wahr! Sie sagen, Nelly ist tot?«

»Nelly, ja. Gott, das hab' ich schon vergessen«, sagte Crosden. »Aber ich will dir mal sagen, worauf's wirklich ankommt. Da war ein Junges in dem Wurf, das sah aus wie King, als der noch klein war. Wie King sah's aus, nur besser. Da war nicht ein Fehl an ihm. Oft hab' ich am Lagerfeuer gesessen und das kleine Vieh in der Hand gehalten, und da hascht doch der kleine Köter nach meinem Daumen und beißt – und wie er gebissen hat! Manchmal da hab' ich gesagt: ›Herr im Himmel, wenn an dem Tier der kleinste Makel ist, dann zeig ihn mir.‹ Aber da war nicht das winzigste bißchen. Er war tipptopp. Well, Molly, der ist auch dahin, wie all die andern.«

Er wartete. Was hatte seine Frau gesagt, als sie es erfuhr? »Dreitausend Dollar zum Teufel.«

Aber Molly?

»Armer, armer Daddy!« sagte sie. »O du armer, unglücklicher Daddy! Da muß dir ja just das Herz zerspringen!«

»Molly, Gott dank dir's! Ich gehe. Ich bleib' weg, bis ich mit genug Geld zurückkomme, daß ich dich wie eine richtige feine Lady halten kann. Wirst du's glauben?«

Sie packte seine Rockschöße und zerrte daran.

»Daddy, hörst du mich?«

»Ja, Liebling, was ist?«

»Was soll ich denn zu Haus, wenn du so lang von uns wegbleiben willst?«

»Sag mal, Molly, hast du dir's vielleicht in deinen närrischen Kopf gesetzt, daß du mit mir in die Berge hinauf willst, Fallen stellen?«

»Ich habe doch meinen dicken Mantel an, was brauch' ich sonst? Kann ich vielleicht nicht für dich kochen und flicken? Ist das nicht besser, als zu Haus zu hocken, zuzusehen, wie Mutter die Hände faltet und weint?«

»Und was soll aus ihr werden?«

»Was schon? Sie zieht zu Tante Abbey.«

»Es ist nicht recht, Molly. Ich versteh' mich nicht besonders darauf, zu sagen, was richtig und was falsch ist, aber ich, ein Kerl mit solchen Händen – sind das Hände, die dazu geschaffen sind, ein Mädel aufzuziehen, wie es sich gehört?«

»Daddy, 's gibt in der ganzen Welt keine Hände, die mich großziehen könnten, wie ich mir's wünsche, außer deinen.«

Er antwortete nicht. Gram, Bedenken und – Freude erfüllten ihn zu sehr, aber mit einemmal merkte er, daß er bereits ein langes Stück marschiert war, das Pferd am Zügel führend, Mollys kleine Finger fest mit der andern Hand umschlossen haltend. Molly war furchtbar müde, aber sie kämpfte tapfer, um in dem grundlosen Schmutz des Weges mit ihm Schritt zu halten.

Er hob sie auf, um sie auf das Pferd zu setzen. Statt dessen ließ er sie auf seine Schulter gleiten und marschierte stetig weiter in die Finsternis hinein. Ein kleines bißchen Schuldbewußtsein mischte sich in seine tiefe Freude, aber die Seele, die in dem klotzigen Körper eingesperrt war, deuchte es, daß doch alles in Ordnung sein müsse. Hätten die Sterne so schimmern können, wenn das nicht recht war, was er tat? Hätte nicht vielmehr der Himmel, der jetzt breit und heiter auf ihn herablächelte, in düsterem Grimm auf ihn hinabgestarrt?

Als Molly in Schlaf gesunken war, legte er sie behutsam oben auf die Traglast und wanderte langsam neben dem Pferd einher, einen Arm um das Kind geschlungen und das Herz berstend vom Überschwang der Trauer und der Freude.

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