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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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5. Kapitel

Auf seinen großen Stab gelehnt, stand Tucker Crosden mitten in seinem verwüsteten Lager und starrte auf die toten Tiere hinunter. Er hatte sie alle in eine Reihe gelegt und betrachtete sie brütend.

»Wölfe«, sagte er, »Wölfe, möcht' ich sagen, verstehen sich auf Hunde, wie wenn sie's studiert hätten. Sie wissen gute und schlechte auseinander zu halten. Da liegt die ganze Gesellschaft tot in 'ner so strammen Reihe, wie sich's 'n Christenmensch nur wünschen kann – aber das beste Tier aus dem ganzen Wurf – haben sie gefressen. Der Wolf, der geht her und sagt sich: ›Die ganze übrige Bande, die is' grad' gut genug, um ihnen das Lebenslicht auszublasen, aber der Hund hier, der ist das richtige zum fressen.‹ Und so haben sie ihn hintergeschluckt.«

Er fing an zu lachen. Er hatte getobt, geflucht, gestürmt. Das war vorbei. Aber kein Mensch hätte erraten, wie nahe er jetzt, in seinem Lachen, am Wahnsinn war.

Danach sattelte er den Esel. Er lachte wieder, er mußte daran denken, daß die Wölfe die Hunde getötet hatten, aber das arme versklavte Biest, den Esel, das Ding, das knapp zehn Dollar wert war, das hatten sie leben lassen. Als die Traglast auf dem Sattel geordnet und verschnürt war, machte sich Tucker Crosden auf den Heimweg, den langen Heimweg.

Hätte er einen weisen Gefährten gehabt, so hätte der ihm vielleicht geraten, zu bleiben, wo er war, und die wilde Leidenschaft, die in ihm kochte, verdampfen zu lassen. Aber kein Seher fand sich ein, um dem Riesen einen guten Rat zu geben. Wer hätte ihm diesen Freundschaftsdienst auch leisten können? Mußte man nicht über alle Donner des Himmels verfügen, um sich die trotzigen Ohren des ungeschlachten Menschen zu öffnen? Das Schicksal wollte nun einmal, daß Tucker Crosden den neuntägigen Marsch nach seinem Heim im Flachland unten machte. Neun eintönige Tage, neun Tage des Schweigens, in denen die Bitterkeit in ihm gärte und schwoll. Als er am Winnemago hinunterstrich, bekam Gannaway, der müde aus dem Süden zurückkehrte, ihn zu Gesicht; sah, wie er den Esel vor sich herprügelte, und die Art, in der Tucker Crosden einherschritt, schien Gannaway von einer Katastrophe zu erzählen, die geschehen war und von einer Katastrophe, die vielleicht noch bevorstand. Er machte nicht den geringsten Versuch, den Riesen einzuholen, aber er stand und sah ihm nach, bis er in der Ferne verschwand, die Brust erfüllt von bangen, unbestimmten Ahnungen.

Und so ließ der einzige Mann, dem Tucker Crosden all das Elend hätte beichten können, das ihn erfüllte, den Unglücklichen im Stich. Da ihm die Aussprache versagt war, blieben ihm nur noch Taten.

Und er führte seine Reise zu Ende, stieg durch das rauhe und zerrissene Felsgewirr der Winnemago-Schlucht in das grüne Ackerland hinunter und schlug den Weg südwärts, nach seiner Heimstatt, ein. Den Esel prügelte er erbarmungslos vorwärts, bis das Tier am Rande der Erschöpfung vor ihm her wankte und torkelte.

Crosdens Hof lag auf einem Stück welligen Boden, wo selbst die Bäume nicht recht gediehen, und wo die Ernten immer mager ausfielen. Früher einmal war es ein recht umfänglicher Besitz gewesen, vor langen Jahren, als er, damals noch ein junger Mann, sich hier niedergelassen und sein gutes Geld in den schlechten Boden gesteckt hatte. Seitdem war es Jahr um Jahr zusammengeschrumpft. Hypotheken hatten ein Stück ums andere gefressen. Jetzt konnte er kaum noch mehr sein eigen nennen als das kleine, roh zusammengeschlagene Wohnhaus und die Schuppen drumherum, nebst einem Stück Weideland für den Gaul und ein paar Kühe.

Das Küchenfenster war erleuchtet. Als der lange gelbe Lichtstrahl ihm weit durch die Nacht entgegenkam, machte Tucker Crosden halt und fragte sich selbst, warum er heimgekommen wäre. Er hatte in die Berge gehen wollen, um Fallen zu stellen, um Geld für den Unterhalt seiner Familie zu verdienen. Daß Nelly und ihr Wurf hatten sterben müssen, hätte eigentlich an diesem Teile seines Planes nichts ändern dürfen. Und, weiß der Himmel! – sie brauchten das Geld. Was würde Caroline sagen, wenn er mit leeren Händen zurückkam, ohne ein einziges Fell, das seine Abwesenheit rechtfertigen und beweisen konnte, daß er sich für sie bemüht hatte?

Ja, er hätte am liebsten kehrtgemacht und den Weg nach dem Gebirge eingeschlagen, aber es war, als wenn die Gespenster seiner toten Hoffnungen aufstünden und sich ihm entgegenstemmten. Es war schlimmer, als dem Tod zu trotzen. Dem Riesen war es, als sei er bei lebendigem Leib gestorben.

Es war eine dunkle, warme Nacht, die erste echte Frühlingsnacht, und obwohl der Schnee schon ganz geschmolzen war, hatte die Erde noch nicht alle Feuchtigkeit eingetrunken. Alle Wege, die er in den letzten drei Tagen entlanggestampft war, waren knöcheltief mit Schmutz bedeckt und bei jedem Schritt schleppte er den Lehm, der sich an seine Stiefel hängte, pfundweise mit. Aber die Wärme, die über den Feldern brütete, bedeutete, daß das Leben überall im Keimen war und daß in kurzer Zeit sich alles rasch mit Grün bedecken würde. Es war ein Gedanke, der Crosden keine Freude zu schenken vermochte.

Während des ganzen Marsches hatte nur eines ihm zu einer gewissen Ruhe und Gelassenheit verholfen: die selbstquälerische Grausamkeit, mit der er die lastende Ermüdung niederkämpfte und die erschöpften Muskeln zwang, weiter ihre Arbeit zu tun. Als er die Scheune auf seinem Hof erreicht hatte, nahm er dem Esel den Packsattel ab und ließ ihn auf die Weide. Das Tier blieb mit hängendem Kopf stehen. Selbst um nach einem Maulvoll Wasser zu suchen, war es zu erschöpft. Crosden warf den schweren Sattel über die Schulter und ging über den Hof nach dem Haus hinüber. Selbst jetzt noch war es ihm ein grimmiges Vergnügen daran zu denken, daß zwei normale Männer unter dem Gewicht, das er jetzt trug, gewankt hätten.

Vor dem dichtbeschlagenen Küchenfenster machte er halt und warf einen Blick hinein. Aber er konnte nichts sehen. Er hörte nur Stimmen, die seiner Frau, und die von Tante Abbey. Als er Tante Abbey sprechen hörte, runzelte er die Stirn.

»Jetzt geh doch zu Bett, Caroline.«

»Es ist doch noch nicht elf.«

»Und was macht's, wenn's noch nicht elf ist? Wozu brauchst du hier 'rumzusitzen?«

»Ich weiß auch nicht! Wenn Tucker nachts unterwegs ist, bleib' ich meistens bis elf auf und wart' auf ihn. Wenn er heimkommt und es ist keiner da, der ihm seinen Kaffee eingießt und so, dann wird er manchmal recht widerhaarig.«

Man hörte Tante Abbey wegwerfend schnauben: »Na, Gott sei Dank ist Tucker ja nicht da.«

»Um Gott, sag das nicht, Tante Abbey.«

»Dummes Mädel, hast du immer noch so 'ne Angst vor ihm? Wo er doch jetzt oben in den Bergen steckt?«

»Tucker, Tante Abbey, den wirst du nicht los. Man könnte just sagen, das ganze Haus hier ist von ihm getränkt – bis oben hin voll von Tucker, die ganze Bude. Da gibt's keine Minute, könnte man sagen, wo man nicht meint, er steht hinter der Tür. Da kann er so weit weg sein wie er will!«

»Ja, Kind,« sagte Tante Abbey, »er ist schlimmer als ein Alpdruck! Das war ein Unglückstag, wo du 'nen Kerl wie den zum Mann genommen hast.«

Draußen, im Dunkeln, hielt Crosden den Atem an und wartete auf eine Entgegnung. Aber Caroline antwortete nichts. Keine Entgegnung kam. Die Wahrheit traf ihn wie ein Hammerschlag vor den Kopf. Manchmal schon hatte er mit einem zynischen Lächeln sich heimlich gewünscht zu wissen, was seine Familie in Wirklichkeit über ihn dachte. Daß er der ganzen übrigen Welt verhaßt war, davon war er schon immer fest überzeugt. Aber es hatte ihn immer gelockt, zu wissen, wie die über ihn dachten, die unter seinem eigenen Dache lebten. Jetzt, wo er plötzlich der Lösung des Rätsels gegenüberstand, zuckte er davor zurück.

Mit aller Inbrunst seines Herzens wünschte er in diesem Augenblick, irgendwo anders zu stehen, nur nicht hier.

Er hörte Tante Abbeys essigsaure Stimme: »Natürlich, es laut sagen, traust du dich nicht, aber du denkst es! Und wenn du's denkst, is' es genau so gut, wie wenn du's laut herausgeschrien hättest. Bloß du schaffst dir's nicht vom Herzen. Du mußt's so haben, wie du dir's in den Kopf gesetzt hast! Dabei haßt du den Kerl und fürchtest ihn.«

»Ich haß' ihn nicht, Tante Abbey.«

»Nenn's wie du's willst. Das ändert nicht die Bohne dran. Hab' ich's nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, wie du auf seine Hände aufgepaßt hast, als wenn du jeden Moment geglaubt hätt'st, er wird dich schlagen?«

Ah, auch Tucker Crosden hatte das gesehen, ein Gespenst der Furcht, das in den Augen seines Weibes hauste. Das Blut schoß ihm zu Kopf vor Wut. Es war bitter, zu wissen, daß auch andere genau dasselbe gesehen hatten wie er. Er ging zur Tür und öffnete sie mit einem Fußtritt. Er mußte sich bücken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen, als er über die Schwelle trat.

Tante Abbey wurde leichenblaß, aber Tante Abbey gehörte zu den Crosdens, und ob Mann oder Weib, die Crosdens kapitulierten nicht vor der Gefahr. Sie sprang tapfer auf, um dem Ungetüm zu trotzen. Caroline duckte sich ängstlich in ihren Stuhl.

»Ihr seid höllisch froh, daß ihr mich wiederseht, nicht wahr?« höhnte Crosden. »Ihr wißt euch alle beide vor Freude nicht zu lassen. Man kann's euch am Gesicht absehen.«

Er ließ Pack und Sattel dröhnend auf den Boden fallen.

»Tucker!« preßte seine Frau heraus. »Du weckst das Kind.«

»Na und?« sagte Tucker Crosden. »Hat das Mädel schon nicht mehr das Recht aufzustehen, damit sie ihrem Vater guten Tag sagen kann?«

Aber seine Stimme verriet eine gewisse Unsicherheit. Leise schlich er an die Tür zum inneren Zimmer und öffnete sie ein wenig. Er hörte eilige, nackte Füßchen im Dunkeln. Ja, er hatte sie geweckt. Er ging und lehnte sich an den Ofen, als die kleine Molly hereinschoß. Sie stieß einen Jubelschrei aus und streckte ihm im Laufen die Arme entgegen. Als er ihr keinen Schritt entgegenkam, faßte sie wenigstens eine seiner großen Hände fest mit ihren beiden kleinen. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und starrte zu ihm hinauf.

»Hast du wieder Pech gehabt, Daddy?« sagte sie. »Aber trotzdem bin ich arg froh, daß du wieder bei mir bist.«

»Das Kind wird sich auf den Tod erkälten«, sagte Tante Abbeys eiserne Stimme.

Crosden beugte sich vor, schlang eine seiner mächtigen Tatzen um das Kind und hob es an die Brust. Er betrachtete Mollys nackte braune Füße, die vom vielen Barfußgehen knotig und entstellt waren, er betrachtete die dünnen Waden ihrer Beine, die unter dem Nachthemd heraussahen, ihren allzu hageren Hals, an dem man jede Sehne sehen konnte und das schmale Gesichtchen, ganz das Abbild von Carolinens Gesicht, aber schon jetzt, wo sie der Vater in den Armen hielt, hübscher. Das beste aber waren die tapferen braunen Crosden-Augen, die das Mädel im Kopf hatte.

Das Kind war nicht schön, aber sein Anblick berührte immer eine sanftere Seite in Tucker Crosdens Brust. Dies war immer so gewesen, seit er einmal in ihrem dritten Jahr sie mit einer Ohrfeige gezüchtigt hatte und Molly ihm mit wild hämmernden kleinen Fäusten ins Gesicht gesprungen war. Er sah in Molly immer etwas von einer kleinen Bestie und es gefiel ihm. Das war sein Blut, das ihm in dem Kinde Antwort gab, und immer in solchen Augenblicken hatte er große Lust, laut herauszulachen. Molly war jetzt zehn Jahre alt und obwohl die Zeit dahin ging, schien sie nicht weiblicher zu werden.

»Na, nu schau mal, wie du dir die Füße schmutzig gemacht hast«, sagte er, »hättest du nicht warten können, bis du dir Pantoffeln angezogen hast?«

Sie langte nach seiner Stirn und versuchte mit ihrer kleinen Hand die gerunzelten Brauen zu glätten.

»Na los, lach mal!« kommandierte sie.

Sein Lächeln brach hervor wie ein Blitz durch das Gewölk. Wie gut die Kleine ihn durchschaute. Er zitterte vor Freude.

»An der Hand hast du auch Schmutz«, sagte er, »oder ist das Blut?«

»Sst,« sagte sie, »Mutter darf's nicht hören!«

Er trug sie aus der Küche und legte sie wieder in ihr Bett.

»Na, jetzt sag mir's«, sagte er.

»Ich wollte es abends nicht wegwaschen, verstehst du? Morgen früh wollt ich's nochmals ansehen, Daddy. Das ist Sammy Maxwells Blut. Den hab' ich gehörig verdroschen.«

»Ach, das ist ja nicht wahr!«

»Und ob! Ich hab' ihm eine mitten auf die Nase gegeben. Aufgekreischt hat er und is' ausgerissen.«

»Wie alt ist Sammy?«

»'n bißchen über elf.«

»Ach, Molly, hätt'st du nicht 'nen fabelhaften Jungen abgegeben?«

»Was? Nicht wahr? Hätt' ich nicht, hätt' ich nicht? Und hätten wir nicht bombige Zeiten miteinander gehabt, Daddy? Warum kann man mich nicht in 'nen Buben verwandeln, irgendwie? Warum kann ich nicht 'n Junge sein?«

Sie reckte und streckte sich und schrie laut: »Ich will, ich will, ich will ein Junge sein!«

Er streichelte ihren Kopf. Gedankenlos ließ er im Dunkeln seine Finger über ihr Haar gleiten.

»Du bist schon recht, wie du bist. Ich möcht' nicht groß wünschen, daß man dich mir umtauscht. Übrigens deine Rippen kann man zählen. Hast du nicht genug gegessen? Du solltest 'n bißchen weniger dich mit den Jungen herumprügeln und nicht ewig auf den Bäumen herumklettern. Verstanden? Und fleißiger essen! Jetzt will ich dich mal was fragen.«

Denn die große Frage, die in seiner Brust schlummerte, war wach geworden und drohte ihn zu ersticken.

»Immerzu«, sagte Molly, »schieß los und frag mich.«

Aber er stand auf und schüttelte den Kopf.

»Denke, ich werd' es doch besser lassen.«

»'n Nacht, Daddy.«

»'n Nacht, Kleines.«

An der Tür machte er halt.

»Hör mal, Molly, wenn die beiden da draußen dir was sagen, mußt du's nicht immer für das reine Evangelium halten, verstehst du?«

»Ob ich's versteh'?« sagte Molly. »O je, und ob! Und ob!«

Blitzschnell fügte sie hinzu: »Ich hab' dich ja auch nicht nach Nelly gefragt.«

Er würgte heiser heraus: »Und warum nicht, kleiner Aff'?«

»Weil ich mir die große Neuigkeit für morgen früh aufspare. Ich spar' mir's zum Frühstück!«

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