Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectidf6866be3
Schließen

Navigation:

4. Kapitel

Wenn Nellys Junge echte Kinder der Wildnis gewesen wären, der ganze Wurf wäre verschwunden, lange ehe die Mutter tot war und hätte, listig versteckt, in allen Felsritzen und Löchern Zuflucht gefunden. Aber die Wildnis war ihnen fremd. Generationen lang hatten schon ihre Eltern und Voreltern ihren Witz nicht brauchen müssen, weil der Mensch schützend zwischen ihnen und dem Kampf ums Dasein stand. So rollten die jungen Terriers hilflos und quietschend übereinander, bis ihr Schicksal sie ereilte. Nur das Erstgeborene, das älteste, kräftigste und größte vom ganzen Wurf, war klug genug, schnurstracks die Flucht zu ergreifen. Der Schrecken lehrte, was der Instinkt versagt hatte.

La Sombra ruhte oben am Rand des Plateaus. Der Lärm hatte sie in die Nähe des Schlachtfeldes gelockt. Nun sah sie den Taten ihres Gefährten zu. Ihre lange, rote Zunge hing ihr lang aus dem Maul. Ihre Flanken bebten vor einem Lachen des Entzückens. Sie sah nichts von dem Hündchen, das sich stolpernd und unbehilflich über die harte Schneekruste hangaufwärts quälte. Die Sonne war gesunken. Neuschnee fiel in dünnen Schleiern. Vielleicht hatte die graue Schneeluft La Sombras Augen geblendet, so daß ihr das winzige Wesen nicht auffiel, das schnurstracks auf das Asyl ihrer Höhle zusteuerte, sich ängstlich im Eingang zusammenkauerte und schließlich im Innern verschwand.

Die Wärme, die dem Grottenmund entströmte, hatte das Hündchen angelockt. Je tiefer es ins Dunkle hineinwanderte, um so molliger wurde die Temperatur, bis es schließlich zu einem Knäuel weichpelziger, kleiner Geschöpfe gelangt war. Mitten in den Knäuel bohrte es sich hinein, lag noch eine Weile zitternd und bebend von dem überstandenen Schreck, – dann schloß es die Augen und schlief ein.

Rascher und dichter begannen die Flocken zu fallen. Früher als sonst breitete sich sanftes Dämmerlicht über die Welt da draußen. Schwarzwolf machte sich hinkend auf den Heimweg. Seine Gefährtin lief neben ihm. Zweimal mußte er unterwegs haltmachen. Zweimal leckte sie ihm mit behutsamer Zunge die tiefe Wunde am Vorderlauf. So gelangten sie schließlich an den Höhleneingang. Just zur selben Zeit begann drunten im Grund die gewaltige Stimme eines Riesen zu toben und zu wettern. Instinktiv zuckten die beiden zusammen.

»... aber«, sagte Schwarzwolf, »wer brächte es fertig, im frischfallenden Schnee eine Spur zu finden? Der Mensch? Der am wenigsten, der zweibeinige Teufel ist blind und hat keine Nase. Tot ist die ganze Brut. Keiner blieb übrig – aber es ist ein Tagewerk, an das ich noch lange werde denken müssen.«

Er beschnupperte die tiefen, blutigen Löcher in seiner Vorderpfote und humpelte auf drei Läufen weiter.

»Alle tot, sagst du?« rief La Sombra vom Höhleneingang her. »Alle tot? Hör, was ich dir sage. Es ist sogar eines in unseren Bau gekommen! Die Witterung ist so dick, wie die von frisch vergossenem Blut.«

Ein Ächzen stieg aus ihrer breiten Brust. Mit einem Satz war sie bei ihrem Wurf. Fieberhaft suchte und schnüffelte ihre Nase in dem dichten Knäuel, bis sie auf ein weiches, warmes Fellchen traf, das glatt war wie Seide, ganz anders wie die Pelze ihrer eigenen Brut. Knurrend entblößte La Sombra ihre furchtbaren Fänge. Aber sie schnappte nicht zu. Denn der fremde Gast hatte sich so tief in den Knäuel eingewühlt, daß seine eigene Witterung in dem durchdringenden Geruch der anderen Tiere so gut wie verschwunden war. Und La Sombra traute ihrer Nase, sie war das nie trügende Orakel, auf das sie sich verließ. Dreimal rollte sie das seltsame Geschöpf nachdenklich hin und her. Die Witterung blieb, wie sie war. Dann glitt sie suchend und schnuppernd in jede Ecke und jeden Winkel der Höhle. Die Hundefährte schien wie ausgelöscht. So entschloß sie sich, zu Schwarzwolf zurückzukehren.

»Wenn der Hund kam, ist er auch wieder gegangen. Mein Herz stockte, als ich die Spur fand. Ich sah schon meine eigenen Kleinen zerfetzt und zerrissen vor mir liegen, wie die Hundebrut. Aber sie sind heil und gesund. Von Gefahr ist keine Spur. Alles ist, wie's sein soll.«

Sombra, La Sombra, wie blind bist du gewesen!

Der junge Terrier lag inzwischen längst in festem Schlaf, als sei nichts geschehen, was ihn persönlich anging. Zwei Wochen lang schlief das Tierchen mehr als es wach war, und wenn es erwachte, umgab es noch immer das tiefe Dunkel der Höhle. Aber eines Tages stürzte sich Mutter Wolf auf die ganze Gesellschaft und trieb sie energisch aus dem warmen Nest. Beunruhigt rafften sie sich auf, faßten sich ein Herz und trollten durch den Höhlengang, bis sie zitternd und blinzelnd draußen in der Sonne standen. Sie waren verblüfft, aber es dauerte nur einen Augenblick, dann stürmten tausend Gerüche auf ihre kleinen schnuppernden Schnauzen ein, Dinge, die sie in der Tiefe der Höhle nur schwach und verschwommen, wie im Traum, gespürt hatten. Nun lag die Schönheit der weiten Welt nackt und blendend vor ihren erstaunten Augen.

Und was für eine Welt! Ein Maitag, an dem die ganze Kette der San Jacinto-Berge aus ihren kalten, winterlichen Leichentüchern hinausdrängte in die Frühlingswärme. An allen Hängen hingen duftige Schleier und funkelnde Stickereien von wilden Blumen. Die dünne Gebirgsluft schwang und dröhnte vom Orgeln der Dutzend von Wildbächen, die der schmelzende Schnee bis zum Rand gefüllt hatte. Alle sangen sie, vom gewaltigen Wasserfall mit seinem dröhnenden Baß bis zum kleinen Wiesenbach in nächster Nähe mit seinem glockenhellen Sopran. Das junge Wolfspack wälzte und rollte sich spielend auf der Wiese, aber La Sombra sah ihrem Spiel nicht lange zu. Sie reckte sich und sandte einen langen heulenden Ruf in die Ferne. Gleich darauf kam Antwort aus einer Gruppe hoher Fichtenstämme und Schwarzwolf kam in langen Sätzen auf die Terrasse gefegt, die vor dem Eingang der Höhle lag.

»Sieh!« sagte La Sombra. »Ich sah etwas, was meine Augen nie zuvor erblickten. Von weißen Wölfen habe ich erzählen hören, und wenn ich sie zu Gesicht bekam, waren es ausgebleichte gelbe Gespenster. Aber du und ich, Lieber, wir haben zusammen den wahren weißen Wolf in die Welt gesetzt.«

Schwarzwolf reckte den Hals. Sein Fell sträubte sich im Nacken und den Kamm seines Rückens entlang.

»Wolf?« sprach er. »Wolf? La Sombra, ein Hund ist's, den du aufgezogen hast! Ein Hund wie die, die ich da unten im Grund getötet habe!«

Dröhnend war Schwarzwolfs Stimme, so tief und gewaltig, daß alle Jungwölfe La Sombras sich furchtsam platt auf den Boden duckten und die kleinen, spitzen Ohren flach legten, bis sie im weichen Nackenfell fast verschwanden.

»Wolf?« wiederholte der Vater der Familie. »Kein Blut von mir rinnt in einem Wolf von solcher Art! Laß mich's beiseite schaffen, La Sombra. Wenn dies Geschöpf in unserem Familienkreis gesehen wird, wirst du zum Spott des ganzen Volks der Wölfe. Laß mich's wegschaffen – ich will sanft zu ihm sein – ich leg' es dort drüben in das weiche Gras, wo es weglaufen kann ...«

La Sombra ließ sich auf die Hinterschenkel nieder und legte nachdenklich den Kopf auf die Seite.

»Du redest wie ein Mann und wie ein Narr«, sagte sie. »Meinst du, eine Mutter kann sich in einem ihrer Kinder täuschen? Sieh die andern, wie sie zitternd am Boden kriechen, während der brave, kleine Kerl vor dir steht wie ein Held, und – Zurück! Scher dich zurück!«

Die grimmige Mahnung galt dem schwarzen Wolf. Denn als der Terrier auf seinen wackligen Beinchen auf das mächtige schattenhafte Untier losmarschierte, war in Schwarzwolfs Augen ein bösartiger grüner Funke aufgeglommen. Aber vor La Sombras drohendem Zähnefletschen wich er langsam zurück. Schon mancher Familienstreit hatte ihn gelehrt, wie scharf ihre Fänge waren.

Und sieh, das winzige weiße Hündchen reckte die Schnauze in die Höhe; und mit einem Eifer, daß ihm von der Anstrengung die Rute wackelte, stieß er ein wütendes, herausforderndes Gebell aus. La Sombra machte einen Luftsprung, als ob eine Falle nach ihrem Lauf geschnappt hätte.

»Hörst du's?« knurrte Schwarzwolf und leckte die gewaltige Narbe an seinem Vorderlauf. »Ist das die Stimme unseres Volks?«

La Sombra streckte zögernd die Pfote aus und warf das kleine Wesen auf den Rücken. Dann beschnüffelte sie es vom Kopf bis zur Rute.

»Es ist sehr seltsam,« sagte sie zögernd, »aber ...«

»Es ist nur halb so groß wie die andern. Das ist mal das erste«, bemerkte der Vater.

»Sein Haar hat noch nicht richtig angefangen zu wachsen«, entgegnete La Sombra.

»Schau dir doch die kleinen dreieckigen Augen an und – pfui! – sieh dir mal die rosa Schnauze an, mit der das Geschöpf herumläuft. Sie ist just wie der Rüssel des Schweins, das ich im letzten Sommer erlegte.«

»In dir ist kein Erbarmen«, sagte La Sombra. Sie wurde allmählich zornig gegen sich selbst, merkte sie doch, daß sie im geheimen ihrem Gebieter mindestens zur Hälfte recht geben mußte. »Alles ist ganz anders, solang das Kleine so jung ist. Gib dem weißen Wolf Zeit, bis er in seine wahre Gestalt hineingewachsen ist und er wird zu einem Sprößling werden, auf den ich noch stolz sein muß. Da – sieh! – sieh doch, wie tapfer er mit dem größten meiner anderen Söhne spielt!«

Der weiße Hund hatte ausgerechnet den stärksten der jungen Wölfe ausgesucht, um sich mit ihm zu belustigen.

»Der größte deiner anderen Söhne ist drauf und dran, es zu fressen«, grinste Schwarzwolf, denn das Wolfsjunge hatte das Hündchen bei der Kehle gepackt.

»Ah, ah«, murmelte die Mutter. »Das zarte, weiße Fell – aber es muß durch Erfahrung klug werden. Nichts ist besser für die Kinder, als durch Erfahrung klug zu werden und – sieh doch, es hat bereits den Spieß umgedreht!«

Der Terrier nämlich hatte die Pein, die ihm die nadelscharfen Zähne seines Milchbruders bereiteten, zunächst schweigend ausgehalten, jetzt aber machte er sich los und haschte nach dem ersten besten, was seine Zähne erwischen konnten – nach dem breiten, weichen, empfindlichen Ohr dieses Gegners. Und da blieb er hängen wie ein Blutegel, während das doppelt so große Wolfsjunge wild hin und her rannte, seinen Gegner mitschleifend und mitleiderregend um Hilfe winselnd. Schwarzwolf sprang hoch und fletschte die Zähne.

»Das erinnert mich an einen Tag, der war!« sagte er. »Es kitzelt in den Muskeln meiner Kinnbacken, wenn ich das mit ansehen muß, La Sombra!«

»Friede!« bellte die Mutter, so scharf, daß das Hündchen vor Schreck losließ und kopfüber in die Fichtennadeln rollte. »Trau dich nicht einen Schritt näher heran, mein Lieber! Ich kenne dich! Dir wässert das Maul danach, meinen weißen Sohn zu verschlingen! Komm näher, kleiner Schuft!«

Mit einem blitzschnellen Schlag ihrer Pfote hatte sie das Hündchen zu sich herangeholt und kauerte sich dahinter auf den Boden. Ihr Kopf lag leicht auf dem weißen Fell. Einem Instinkt gehorchend, hielt sich der Terrier mäuschenstill.

»In diesen Dingen«, sprach Schwarzwolf, »ist dein Wort Gesetz. Aber wenn du denkst, ich jage für dich und deine Brut, solange dieser abscheuliche Wechselbalg in deiner ...«

»Tu, was dir paßt«, bellte La Sombra verächtlich. »Aber ich sage dir ein für allemal: Dieser, mein kleiner, zarter Sohn, der ein so unerschrockenes Herz hat, ist mir teurer als alle andern. – Da – sieh, was er getan hat!«

Und damit leckte sie von dem Ohr ihres ältesten Sohnes die beiden Blutstropfen, wo die Zähne des Terriers zwei nadelstichartige Löcher hinterlassen hatten. Schwarzwolf aber machte kehrt und stelzte davon. In Abscheu und Zorn sträubte sich sein Nackenfell. Und von diesem Tage an steuerte er auch nicht einen Bissen zum Wohlergehen der Familie bei. Ja, ganze Wochen lang bekam man ihn überhaupt nicht mehr zu Gesicht. Höchstens zeichnete sich hier und da einmal auf dem Kamme eines Berges seine riesige Silhouette gegen den abendlichen Himmel ab, oder sein Schatten glitt undeutlich und gespenstisch durch die Dunkelheit des Unterholzes.

Es hätte für La Sombra, die acht Mäuler zu sättigen hatte, eine bittere Zeit werden können, und wahrhaftig, sie magerte auch beinahe zum Skelett ab, aber der Frühling dieses Jahres war besonders üppig und die breite Brust des Mount Spencer wimmelte von Kleinwild. Mühe und Plage bedeutete dieser Sommer für La Sombra, aber wenn man auch ihre eigenen Rippen mühelos hätte zählen können, gelang es ihr doch, ihren Nachwuchs hinreichend mit roher Fleischkost zu versorgen. Freilich blieb ihr wenig Zeit, ihre Familie geziemend in den Gesetzen und Künsten der Wildnis zu unterrichten. Deshalb forderte die Wildnis auch blutigen Zoll von ihr. Die erste Tragödie dieser Art trug sich unter den Augen der Mutter zu.

Sie hatte ein Hirschviertel mit nach Hause gebracht und lag schläfrig und die Ruhe genießend daneben, während die acht kleinen Bestien an dem Stück zerrten und rissen, als plötzlich ein Schatten über den Himmel glitt. Gleich darauf krallten sich die furchtbaren Fänge des Adlers, der hoch oben auf dem zerklüfteten Gipfel des Mount Spencer horstete, in den Leib von La Sombras Jüngstem. La Sombra schnellte hoch, elastisch wie eine Katze, aber es war längst zu spät. Mit schweren Flügelschlägen schraubte sich der Räuber bereits hoch, hoch in den leeren Himmel und nur ein letzter schwacher Todesschrei wehte von dort oben zu den Ohren der Mutter.

Der zweite Schlag dagegen fiel, als La Sombra weit von ihrem Heim entfernt war.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.