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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 34
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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33. Kapitel

Er holte ein Stück gekochtes Wildbret und hielt es dem Hunde einladend hin.

»Wir müssen einen Namen für ihn finden. Komm her, alter Knabe, und nimm mal 'nen Happen.«

Weißwolf legte den Kopf auf die Seite und betrachtete die Angelegenheit mit glitzernden Augen. Kein Zweifel, es war ein saftiger Bissen. Aber er kam aus der Hand des Menschen. La Sombra hatte ihn gelehrt, daß selbst die Witterung des Menschen das reine Gift ist.

»Er will's nicht anrühren«, sagte Tucker Crosden traurig. »Versuch du's, Liebling.«

Molly nahm das Stück Fleisch und hielt es dem Hund hin. Sie lockte ihn mit sanfter Stimme. Alle Klugheit in Weißwolfs Kopf wehrte sich gegen den Einfluß dieser Stimme. Alle die neuen, weichen Gefühle in seiner Brust drängten ihn, der Lockung zu gehorchen. Aber das war die Hand, die zugeschlagen hatte, um ihn zu schützen, als der Kampf am schlechtesten stand und Schwarzwolf ihn zu Fall gebracht hatte. Er hatte es nicht vergessen.

Er kam bis auf Reichweite heran. Der Duft des Wildbrets erschloß schnell sein mißtrauisches Herz und in der nächsten Sekunde war das Stückchen Fleisch schon in seinem Schlund heruntergerutscht.

»Großer Gott!« schnaufte Tucker Crosden. »Hast du ihn zuschnappen sehn? Kein Wolf könnt' rascher sein. Nun geht er hin und wartet ab, ob der Happen ihn vergiften wird!«

Weißwolf nämlich war mit einem Sprung bis an die Tür zurückgewichen. Dort ließ er sich nieder und beobachtete aufmerksam, was in seinem Magen vorging. Aber es waren keine beunruhigenden Symptome zu entdecken. Wenn das Gift gewesen war, so war er gern bereit, eine weitere Portion entgegenzunehmen! So stahl er sich leise heran, als ihm der nächste Bissen hingehalten wurde und riß ihn, wolfsmäßig zuschnappend, aber geschickt, und ohne ihr weh zu tun, dem Mädchen aus den schlanken Fingern. Diesmal sprang er nicht zurück, sondern begnügte sich damit, sich einen Augenblick niederzulassen.

Es dauerte nicht lange, da steckte sein Kopf unter ihrer Achsel und er fraß ihr aus der Hand. Seine Augen leuchteten. Er genoß in der Gesellschaft der Menschen eine Freude, die ihm sein Leben bisher vorenthalten hatte. Solange das große Menschenungeheuer sich in genügender Entfernung hielt und er nicht dauernd auf der Hut sein mußte, war Weißwolf mit der Lage der Dinge durchaus zufrieden.

Tucker Crosden reichte Molly die Schüssel mit warmem Wasser. Molly war es, die dem Terrier die furchtbaren Wunden an Rücken, Schenkel und Hals auswusch, und als das laue Wasser das verkrustete, harte Blut aus seinen Wunden spülte, besser und gründlicher, als je La Sombras Zunge – und als die Schmerzen dahinschwanden, da blickte Weißwolf auf und starrte Molly ernst und schweigsam mit Augen ins Gesicht, in denen sich eine ungeheure, tief verehrende, ewige Liebe malte.

Und mit dem Waschen war es noch nicht einmal zu Ende. Das Wasser wurde mit einem erwärmten Tuch sorgfältig wieder abgetupft und alles mit wohltuender Salbe bestrichen. Weißwolf war überzeugt, daß er auch nicht die leiseste Andeutung von Schmerz mehr spürte.

Als dies alles glücklich beendet war, schnaufte etwas am unteren Türspalt. Weißwolf fuhr wie der Blitz herum.

»Da ist irgendwas«, sagte Molly. »'s kann sein, du hättest besser getan, die Tür gar nicht zuzumachen. Laß ihn hinaus, Dad!«

»Ihn hinauslassen? Schau ihn an! 's kann sein, das ist sein Ende!«

Weißwolf kauerte zusammengeduckt an der Tür. Sein ganzer Körper war gespannt wie eine Feder. Man sah ihm an, wie verzweifelt es ihm darum zu tun war, hinauszugelangen.

»Wenn wir uns bei ihm verhaßt machen, weil wir ihn mit Gewalt dabehalten wollen, dann kannst du gewiß sein, daß er einen Weg findet, um zu verschwinden. Laß ihn hinaus, Dad – und ich glaub' sicher, er wird zurückkommen.«

»Willst du's wirklich drauf ankommen lassen?« fragte Tucker Crosden, in dessen Phantasie die entzückenden Bilder von der größten Hundeausstellung der Welt in Madison Square Garden in New York sich plötzlich verfinsterten.

»Wir müssen's drauf ankommen lassen.«

»'s ist ja dein Hund!« sagte Tucker Crosden bitter. »Und ich hab' kein Recht, dir Vorschriften zu machen, was du mit ihm anstellen sollst. Na, leb wohl, alter Knabe!«

Er öffnete mit einem Ruck die Tür und Weißwolf war wie ein Blitz hinaus und verschwunden. Weit drüben, am Rand der im Mondlicht gebadeten Lichtung, sah der Trapper, als er hinausblickte, undeutlich etwas wie einen dreiläufigen Wolf, der ungeschickt humpelnd, im Unterholz verschwand. Und eine Sekunde danach flitzte der Terrier durch dasselbe Schlupfloch im Dickicht. Und doch hörte man kein Kläffen, kein Knurren, nichts, das verriet, daß zwischen dem Wolftöter und dem Wolf ein Kampf im Gange war.

Tucker Crosden horchte und dann begriff er. Er kehrte zu Molly ins Haus zurück und setzte sich auf ihr Bett.

»Man muß es vorwärts und rückwärts durchbuchstabieren, Molly. Knobel du's aus und sag mir dann, was du von der ganzen Sache hältst. Wir hören, wie was an der Tür schnüffelt. Wir machen auf. Der Hund springt hinaus; und drüben an der Lichtung seh' ich 'nen dreibeinigen Wolf ins Unterholz verduften. Der Hund saust hinterher und ...«

»Ein dreiläufiger Wolf – Dad, 's ist der weiße Wolf! Und das war seine Gefährtin ...«

»Ja, du hast recht!« rief Tucker Crosden überrascht. »Oder seine Pflegemutter!«

So hatten sie zu guter Letzt die Wahrheit herausgefunden, die Lösung, die gut und echt klang wie Gold. Keiner von ihnen zweifelte, daß alles sich wirklich so verhielt. Von da an hätte auch die größte Summe den Trapper nicht verlockt, das Gewehr an die Backe zu legen, um Mutter Wolf zu Fall zu bringen.

Währenddessen stand sie, von der die Rede war, halb im Mondlicht, halb im Schatten, bei ihrem Pflegesohn und knurrte ihn an.

»Von allem was übel und faul ist in dieser Welt, bist du das übelste, o Sohn! Menschengestank bedeckt dich über und über – Menschengestank dampft dir aus dem Rachen – Menschengestank füllt dir den Magen – und Menschenhand hat Fett auf deine Wunden geschmiert – wenn es nicht Gift ist?«

»Es schmeckt wie Fett von gutem Fleisch«, sagte Weißwolf. »Du kannst selbst kosten! Und ich sage dir, Mutter, weise magst du sein, und Unzähliges magst du wissen, was dein Sohn niemals lernen wird. – Aber von einer Sache – vom Menschen ...«

»Schon sein Name schnürt mir die Kehle zu«, sagte Mutter Wolf. »Oh, mein Sohn, halb fürcht' ich mich vor dir, halb haß' ich dich. Bist du nicht in seine Höhle gekrochen? Und nicht einmal hab' ich dich kämpfen hören, um zu entrinnen.«

»Laß dir dies eine erzählen. Ein großes Wunder wird es dich dünken und es bedeutet mehr, als du erraten kannst. Als der Eingang der Höhle sich hinter mir verschloß, merkte ich es kaum, denn so vieles Sonderbare geschah da mit mir. Aber als ich dich rufen hörte, sprang ich dorthin, wo ich hereingekommen war und sagte ihnen, sie müßten mich gehen lassen. Und sie taten, was ich verlangte. So wahr du die Mutter bist, die mich geboren hat, sie öffneten die Höhle und ungehemmt lief ich hinaus zu dir, wie dich deine eigenen Augen lehren.«

Mutter Wolf wich zurück und starrte ihn an, als müsse sie sich vergewissern, ob es wirklich Weißwolf war, der vor ihr stand, oder nur sein Gespenst, das aus dieser Höhle voller Gefahren zu ihr zurückgekehrt war.

»Du hast nur noch die Menschenwitterung an dir«, sagte sie finster. »Die saubere Wolfswitterung ist kaum noch an dir zu spüren. Wehe, mein Sohn, noch kurze Zeit, dann wird mich höchstens noch das Auge daran hindern, dich mit den Bauernkötern zu verwechseln, die einst drunten in den Niederungen gejagt haben. Ein Tag des Unheils war's, an dem wir die weiten Täler dort verlassen haben. Denn sonst wäre dies nicht geschehen.«

»Was denn?« sprach der Terrier. »Bin ich nicht frei, bin ich nicht hier bei dir und kann mit dir gehen, wohin du willst?«

»Aber wirst du dabei zufrieden sein?«

»Warum nicht? Wir wollen nach der Höhle laufen.«

»Hast du vergessen, daß das Pack der Dunkeld-Wölfe dich erwartet?«

»Gut denn«, sagte Weißwolf. »Aber lauf du hin und rufe sie hierher. Ich werde nicht weit von dieser Lichtung zu finden sein, wenn ihr zurückkehrt.«

La Sombra sträubte sich nicht länger und stellte auch keine Fragen mehr. Hinkend eilte sie davon, um das Rudel ausfindig zu machen, das am Mount Spencer warten sollte.

Und dort war es auch gewesen, aber der quälende Hunger hatte es weit weg getrieben. Als La Sombra das Pack erreichte, lange nachdem der Morgen angebrochen war, war noch ein langer mühseliger Marsch zurückzulegen, um die Dunkeld-Wölfe nach dem Pekan-See zu bringen, wo sie ihren Pflegesohn verlassen hatte.

Als sie ankamen, war keine Spur von Weißwolf zu entdecken. Auch seine Fährte fanden sie nicht. Denn die Hufe vieler Pferde hatten alles zertrampelt. Die Hufspuren führten auf die Tür der Hütte zu und dann in einem großen Bogen wieder westwärts, das Tal der Sieben-Schwestern hinauf.

Das Haus war verschlossen und verriegelt. Von dem Menschen war keine Spur zu entdecken, obwohl sich La Sombra, in wilder Sorge um ihren Sohn, bis dicht an die Türe wagte. Aber wenigstens fand sie in nächster Nähe der Schwelle eine Spur von Weißwolf. Von dem Augenblick an ließ ihre Nase sie nicht mehr im Stich, trotz aller Pferdespuren. Unverdrossen humpelte sie weiter, und nicht lange danach wurde die Fährte so frisch, daß das ganze Pack sie aufzunehmen vermochte. Die Rotte schloß sich zusammen und schoß dahin, La Sombra rasch hinter sich lassend. Der Ruf des Dunkeld-Packs erhob sich und hallte in langen Wellen durch die Wälder.

Und von weit vorne kam Antwort zurück. Für Menschenohren war es ein Wolfsruf, höchstens etwas kürzer und schriller als gewöhnlich. Aber die Dunkeld-Wölfe täuschten sich nicht. Sie wußten jetzt, daß da vorne irgendwo ihr verlorener Führer zu finden war.

Auch La Sombra war nicht zu weit zurückgeblieben und hatte den Ruf gehört. Sie schleppte sich, so rasch es ging, auf die Anhöhe hinauf. Zwei Büsche gaben ihr sichere Deckung und erlaubten ihr die nächste Talsenkung zu überblicken. Und was sie da unten sah, bereitete ihr Kummer.

Dort unten zogen fünf Pferde des Wegs. Vier trugen fremde Reiter, auf dem fünften saß Tucker Crosdens Tochter. Ihr Kopf war traurig gesenkt. Gannaway und die Brüder Loftus gingen zu Fuß. Bei ihnen befand sich Tucker Crosden. Seine gewaltigen Arme waren ihm auf den Rücken gebunden.

All das hätte Mutter Wolf nur gefreut, denn es konnte als ein Zeichen dafür gedeutet werden, daß die Menschen diese Gegend verließen und vielleicht überhaupt nicht mehr zurückkehrten. Aber sie sah auch Weißwolf und der Anblick bereitete ihr Schmerz, denn sie sah ihn von Gebüsch zu Gebüsch hinter dem Zug herschleichen. Der Mensch hatte den Kampf gewonnen – sie hatte ihn verloren – eine geheimnisvolle Kraft war am Werke, die ihren seltsamen Sohn mitzog. Niemals wieder würde er in die Berge und zu den Wäldern zurückkehren!

Neben ihr lagen die anderen Wölfe vom Dunkeld-Pack tief im Schnee und spähten hinunter nach den Pferden, den Menschen und den drei Hatzhunden der Brüder Loftus, die hinter ihrem Herrn hertrotteten, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.

»Grauwolf!« befahl La Sombra. »Schleich dich leise hinab. Schleich dich hinunter und rufe meinen Sohn zurück!«

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