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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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30. Kapitel

Molly, die mit vor Anstrengung gebücktem Kopf ihren gefüllten Eimer schleppte, blickte nicht auf, als sie sich dem Eingang der Hütte näherte, bis sie den unartikulierten Schrei vernahm, den ihr Vater ausstieß. Gleich darauf sah sie seine gewaltige Gestalt in der Türöffnung erscheinen und in die Nacht hinausstürzen.

Rasch sprang sie die Eingangsstufen hinauf und in die Hütte. Es kümmerte sie nicht, daß das Wasser überschwappte und ihr Kleid durchnäßte. Sie fürchtete, daß eingetreten sei, wovor sie schon seit langem sich geängstigt – was Gannaway prophezeit hatte; daß der letzte Funken Vernunft in Tucker Crosden erloschen war. Von panischem Schreck geschüttelt, streckte sie die Hand nach dem Türgriff aus, aber dann besann sie sich. Es hatte keinen Sinn, ihren Vater auszusperren. Die Winternacht war kalt. Und wenn er es sich wirklich in den Kopf gesetzt hatte, zurückzukommen, so gab es keinen Riegel, der ihn daran hindern konnte.

Sie hörte ihn in der Ferne rufen: »King! Hörst du nicht? King!«

So erschütternd mischten sich Jubel und Trauer in seinem Ruf, daß Molly verzweifelt die Hände rang. Klang es nicht, als ob er das Tier mit leiblichen Augen sehen könne?

Sie konnte nicht mehr daran zweifeln, daß sein Wahnsinn den Gipfel erreicht hatte. Als sie seine Schritte draußen hörte, flüchtete sie auf den Platz hinter dem Tisch und kroch ängstlich in sich zusammen. Das Grauen war stärker als ihre Vernunft. Angst malte sich auf ihrem Gesicht, als sie ihn eintreten sah. Er machte auf der Schwelle halt und warf ihr einen Blick voll Gram und Haß zu.

Molly fühlte, wie ihre Kräfte sie unter diesem Blick zu verlassen drohten.

In panischer Hast machte sie sich daran, das Geschirr zu spülen, aber ihre Finger zitterten ungeschickt, und die Schüsseln stießen klirrend gegeneinander. Jedesmal warf ihr dann Tucker Crosden einen schrägen Blick zu, der weh tat wie ein Peitschenhieb.

Er hatte sich vor der Photographie des toten King aufgepflanzt und verschlang jede Einzelheit mit den Augen. Molly drohte das Herz stillzustehen. Sie hörte ihn murmeln: »Nicht der geringste Unterschied! Bloß größer sah er aus. Aber 's kann nicht anders sein. Wie könnt' der King anders zurückkommen, als größer und stärker? Wie könnt' er anders zurückkommen?«

Sein Murmeln hörte auf. Er begann im Raum auf und ab zu wandern, den Nacken gebeugt, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und schien mit einem wilden Schmerz zu kämpfen, der in seinem Innern tobte. Molly sah, wie seine Erregung immer höher anstieg. Sein Gesicht wurde purpurrot, an seiner Stirn traten die Adern zuckend und geschwollen heraus.

Schließlich machte er am Tisch halt und sprach mit einer Stimme, deren Ruhe unheimlich wirkte: »Du könntest mir wenigstens den Gefallen tun, Molly, mir zu sagen, warum du's angestellt hast. Willst du mir wenigstens das sagen?«

»Was denn, Daddy?« sagte das Kind. »Was hab' ich wieder angestellt?«

Der Wahnwitz zuckte jäh in seinen Augen auf, aber noch einmal kämpfte er den Anfall nieder. Sein ganzer gewaltiger Körper bebte von der Anstrengung.

»Ich hab' nicht im Sinn, dir 'n böses Wort zu sagen«, sagte Crosden. »Ich werd' mich schon im Zaum halten, bloß das frag' ich dich, Mensch zu Mensch, bist du die ganze Zeit hier oben geblieben und hast so getan, als ob's um meinetwillen war und hast dabei bloß auf die Zeit gelauert, wo du den King wieder wegtreiben kannst, wenn er endlich zurückkommt?«

Mollys Augen erweiterten sich hilflos: »Ich weiß nicht, was du meinst.«

Mit einem Ruck hatte er sie bei den Handgelenken gepackt und zerrte sie über den Tisch zu sich hinüber. Die Schüsseln und Teller prasselten lärmend zu Boden. Der brutale Ruck hatte das Kind auf den Boden geschleudert. Als sie, vor ihrem Vater kniend, ihm ins Gesicht blickte, war sie gewiß, daß die Stunde ihres Todes gekommen war.

»Willst du mir einreden, du hast ihn nicht gesehen?« brüllte Tucker Crosden. »Hier, just hier an der Tür hat er gestanden!«

»Wer?« fragte Molly, als sie endlich fähig war ein Wort herauszuwürgen. »Wer hat an der Tür gestanden?«

Sein Arm fuhr in die Höhe. Sie erwartete jeden Augenblick, daß die Faust zerschmetternd niederfiel – aber er hatte den Arm nur erhoben, um den Himmel zum Zeugen anzurufen.

»Ruhig Blut. Ich bin ja ganz ruhig«, stöhnte er. »Ich will ihr ja kein Leid antun. Ich bettel' ja bloß, daß sie die Wahrheit sagt – und bei Gott, sie lügt mir ins Gesicht. Molly, auf den Knien fleh' ich dich an – sag mir endlich aufrichtig, warum versuchst du mich anzulügen und warum hast du's getan? Warum hast du den King weggejagt?«

In ihrer Kehle suchte sich das Schluchzen Bahn zu schaffen, aber eine Stimme sagte ihr, daß Tränen in diesem Augenblick das Verhängnis zum Losbrechen bringen mußten. Sie würgte sie hinunter und stammelte: »Ich weiß doch von gar nichts! Ich ...«

»Wie er hier an der Tür gestanden hat ...«

»Was war denn an der Tür, Daddy?«

»Wenn dir dein Leben lieb ist, Molly, versuch' nicht, mich an der Nase herumzuführen! Der King war's! Aus dem Grab ist er aufgestanden, um zu mir zurückzukommen! Hörst du! Der King war's! Und du hast's wohl gewußt und deine Mutter hat dich hier 'raufgeschickt, um ihn von mir fernzuhalten, weil – o Gott, du Allmächtiger, wie soll ich's aushalten?«

Seine Stimme war kreischend geworden, und bei den letzten Worten fühlte sie, wie die Finger seiner furchtbaren Tatzen nach ihrer Kehle tasteten – ein Zugreifen genügte, um ihr Leben zu enden. Das wußte sie.

»Ich hab' nicht gesehen, daß der King dagestanden hat«, ächzte sie. Der Druck an ihrer Kehle war nahe daran sie zu ersticken. Sie griff nach diesen unheimlichen Händen – dann aber erinnerte sie sich, daß Widerstand nicht nur nutzlos, sondern gefährlicher war als alles andere. Gannaway hatte ihr das mit unendlicher Mühe immer und immer wieder eingeprägt.

»Du lügst!« kreischte Tucker Crosden. »Nichts wie Lügen steckt in euch Weibervolk. Denn da hat er gestanden und 'n helles Licht war um ihn her – geglänzt hat er, als wär' er aus Mondschein gemacht und du ...«

»Ach, Daddy, ich war halt so geblendet«, hauchte Molly. »Ich hab' eben nicht gesehen, was in dem Lichtschein an der Tür gewesen ist. Begreifst du's nicht?«

»Bildst du dir ein, du kannst vorwärts und rückwärts lügen«, ächzte Tucker Crosden. »Dann sag' ich dir bloß eins: für dich ist auf der Welt kein Platz, 's ist nicht genug Raum für dich und mich zugleich im Sieben Schwestern Tal ...«

Sie sah, wie der Wutteufel seiner völlig Herr wurde, wie seine Augen tückisch glitzerten.

»Willst du mich ermorden?« schrie sie auf. »Dein eigenes Kind?! Du wirst – du wirst – dafür in der Hölle schmoren – wenn ...«

Der Griff an ihrer Kehle schnürte ihr die Luft ab. Alles tanzte um sie im Kreis, und es wurde ihr schwarz vor den Augen. Dann fühlte sie sich hochgehoben und aus der Tür geschleudert. Eine hohe Schneewehe, ein eisiges, aber weiches Federbett, fing sie auf und dämpfte ihren Fall. Betäubt und hilflos hörte sie über sich ein verschwommenes Dröhnen. Dies war Tucker Crosdens Stimme.

Dann raffte sie sich auf und raste blindlings davon, quer über die Lichtung, nach Westen zu. Ringsum breitete sich die stille, winterliche Landschaft, über die jetzt der Mond sein Licht ergoß. Sie wußte nicht, warum sie diese Richtung einschlug. Vielleicht erinnerte sie sich dumpf, daß am Morgen Adam Gannaway westwärts verschwunden war. Die furchtbare seelische Erregung, in der sie sich befand, trieb sie vorwärts, aller körperlichen Erschöpfung zum Trotz. Irgendein Instinkt veranlaßte sie, den Pfad des Fallenstellers einzuschlagen. Bei der blinden Eile, in der sie davonstürzte, ohne darauf zu achten, wohin sie den Fuß setzte, war es eigentlich ein Wunder, daß es nicht früher geschah – jedenfalls –, aus der Erde schnappte plötzlich ein drohendes Maul nach ihr, scharfe Zähne packten ihr Bein und der plötzliche Ruck schleuderte sie mit dem Gesicht nach abwärts in den Schnee.

Als sie aufwachte, war ihr bitter kalt. Zunächst glaubte sie, sie wäre in der Hütte, und im Schlaf sei ihr die Decke vom Bett geglitten. Traumverloren versuchte sie danach zu tasten, statt dessen berührte ihre Hand die eisige Oberfläche des gefrorenen Schnees.

Sie richtete sich auf. Ringsum erblickte sie nichts als frostkahle Bäume, dazwischen hier und da eine dunkle Tanne, wie ein drohend warnender Schatten oder den dünnen Stamm einer Silberbirke, der im Mondlicht wie Metall glänzte.

Jetzt fühlte sie, daß ihr die Stirne weh tat und dann erst, als sie versuchte aufzustehen, wich das abgestorbene Gefühl in ihrem Bein einem anhaltenden, bohrenden Schmerz, der durch Fleisch und Bein bis ins Gehirn drang.

Sie begriff, daß sie in eine Wolfsfalle von der größten Sorte geraten war. Eine kurze Prüfung genügte ihr, um zu begreifen, daß sie keine Hoffnung hatte, sich selbst zu befreien.

Mehr als einmal hatte sie daheim in der Hütte aus Leibeskräften sich abgequält, die gewaltigen Federn, die die Bügel der Fallen zusammenpreßten, zum Nachgeben zu bringen, niemals war es ihr gelungen, während ihr Vater sie ohne die geringste Anstrengung spannte. Außerdem war die Falle dick mit Rost bedeckt und mußte schon seit langer Zeit rostend im Schnee gelegen haben.

Es blieb ihr einzig die zweifelhafte Aussicht, daß ein Hilferuf das Ohr ihres Vaters erreichte. Aber selbst wenn er ihr Rufen hörte, würde er überhaupt kommen? Sie erinnerte sich an die Entfernung von der Stelle, wo sie sich befand, bis zurück zur Hütte. Wahrscheinlich konnte er sie überhaupt nicht hören.

Trotz allem wehrte sie mutig das heranschleichende Entsetzen ab. Die Hände als Schalltrichter um den Mund wölbend, schickte sie einen schrillen Schrei in die Nacht hinaus, der langausgehalten anschwoll, bis er schließlich wehklagend erstarb. Ihr Vater hatte sie das gelehrt. Der scharfe, durchdringende Ruf war, selbst bei ungünstigem Wind, auf größere Entfernung vernehmbarer als ein Pfiff. Seit langem war er ein altgewohntes Signal geworden, mit dem sich Vater und Tochter im Gebirge verständigten. Ein dutzendmal versuchte sie es, alle Kraft und alle Kunst aufbietend. Und jedesmal wartete sie vergeblich. Die dröhnende Antwort, die dem Schrei einer Dampfersirene glich, blieb aus. Nichts regte sich. Schließlich mußte sie sich mit dem Gedanken vertraut machen, ob und wie es möglich sein werde, die lange, furchtbare Frostnacht hier draußen zu verbringen, ohne zugrunde zu gehen.

Schmerzen hatte sie, wie es schien, zunächst nicht zu befürchten. Das Bein, das von der Falle gepackt worden war, war wie abgestorben. Das Stechen und Ziehen hatte aufgehört und quälte sie nicht mehr, solange sie es vermied, sich zu bewegen.

Sie mußte daran denken, wie es wohl einem Wolf zumute war, wenn er mit unendlicher Geduld vergeblich mit dem teuflischen Mechanismus kämpfte.

Die Zeit verging. Sehr bald mußte sie einsehen, daß sie wenig Hoffnung hatte, die Nacht zu überleben. Der Frost fraß sich ihr bis ins Mark. Ein schläfriges Gefühl der Schwäche nahm mit jedem Augenblick zu. Sie kannte die unheimliche Bedeutung.

Sie hatte aber auch schon lange genug in der Wildnis gelebt, um zu wissen, welche Gefahr am schlimmsten war. Wenn hysterische Furcht in ihr emporquoll und im nächsten Augenblick sie zu überwältigen drohte, dann wiederholte sie sich selbst, was alle Waldläufer und Wüstenreisende wissen – daß in der Einöde das Entsetzen sicherer töten kann als eine Kugel. So behielt sie die Besinnung und machte sich daran, so gut es ging, den stockenden Blutkreislauf in Bewegung zu bringen. Auf dem eisigen Schnee zu sitzen, wurde mit jedem Augenblick gefährlicher. Sie blickte umher und sah in ihrer Nähe ein kleines, dürftiges Gebüsch. Sie riß Zweige davon ab und hatte bald genügend zusammen, um ein grobes Geflecht zustande zu bringen, auf dem sie sitzen konnte, ohne die eisige Schneedecke unmittelbar unter sich zu haben. Das nächste war, das Wasser aus ihren Kleidern zu winden, wo ihr erhitzter Körper den Schnee zum Schmelzen gebracht und sie durchnäßt hatte.

Noch ehe sie ihre Aufgabe beendet hatte, waren ihre Hände bereits steif vor Kälte. In kurzer Zeit waren auch ihre Kleider außen steif wie Holz gefroren. Von Zeit zu Zeit zerrte ein eisiger Wind an ihr und schien durch sie hindurch zu blasen.

Sie begann, so rasch und kräftig wie sie nur konnte, die Arme zu bewegen. Bald kreiste das Blut wieder rasch und heiß in ihrem Oberkörper, aber die untere Hälfte erstarrte mehr und mehr, und wenn sie sich auf den Knien aufrichten wollte, verursachten ihr die Zähne der Falle unerträgliche Schmerzen.

Sie versuchte, mit Hilfe des Mondes abzuschätzen, wieviel Zeit vergangen war, seit sie die Hütte verlassen hatte. Als sie Wasser holen ging, soviel konnte sie sich erinnern, war der Mond noch nicht aufgegangen. Kurze Zeit später aber, als sie vor ihrem Vater geflohen war, hatte er bereits durch die Bäume geleuchtet. Inzwischen hatte das Gestirn am Himmel ein großes Stück seiner Bahn zurückgelegt, aber noch lange Stunden mußten vergehen, ehe selbst ein Frühaufsteher wie Tucker Crosden, die Hütte verließ, um seine Fallen nachzusehen.

Was würde in seinem Herzen vorgehen, wenn er sie fand?

Sie hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gebracht, als etwas Unsichtbares nach ihr griff, das kälter war als der Nachtwind. Sie fuhr mit einem jähen Ruck herum und erblickte halb im Mondlicht, halb noch im Schatten, einen Wolf, ein wahres Ungeheuer, so groß fast wie ein Bär und mit einem Fell, das schwarz war wie die Nacht. Mit einem Schrei griff sie nach einem Ast und schleuderte ihn nach dem Wolf. Sie traf ihn mitten auf die Schnauze, aber das Tier zuckte nicht einmal. Es glitt rasch drei Schritte näher und machte wieder halt. Molly sah, wie seine Flanken vom Hunger ausgehöhlt waren.

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