Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectidf6866be3
Schließen

Navigation:

2. Kapitel

Ihr Weg ging nicht in derselben Richtung, aber Gannaway hatte gar nichts dagegen, von seinem ursprünglichen Kurs abzubiegen, der ihn quer über das Tal des Winnemago, über den Mount Spencer und Mount Lomas, nach Süden hinunter, hätte führen sollen. Statt dessen wanderte er mit seinem neuen Gefährten das Flußtal hinauf, bis sie gegen Abend die unteren Winnemago-Berge erreicht hatten, unter deren Fichten sie ihr Lager aufschlugen. Der Fremde wollte die Winnemago-Berge kreuzen und über den Mount Spencer nach dem Tal der Sieben-Schwestern gelangen. Daraus ergab sich, daß die beiden am nächsten Morgen sich trennen mußten. Gannaway war aber entschlossen, die Zwischenzeit gut zu benutzen. Vielleicht halfen ihm Klugheit und Geduld, das Rätsel zu lösen. Welches Geheimnis veranlaßte einen Mann, der seine Sinne beieinander hatte, das Leben eines Hundes, der gut seine dreitausend Dollar wert war, in den eisigen Höhenwinden in Gefahr zu bringen – und setzte er nicht ebenso die Existenz der Jungen aufs Spiel?

Es war nicht leicht, aus Crosden irgendwelche Auskunft herauszubekommen. Unverhohlener Neugier gegenüber benahm er sich wie ein Indianer – er schwieg. Und eines war Gannaway von vornherein klar. Der Hundezüchter war ein unverfälschter Gewaltmensch, den eine verzehrende Leidenschaft erfüllte: aus seiner Zucht den Bullterrier ohne Fehl und Makel hervorgehen zu sehen. Erst als sie ihre Abendmahlzeit zubereitet und gegessen hatten, erst als sie danach bei der zweiten Pfeife saßen, löste sich durch einen reinen Zufall Crosdens Zunge.

»Was die Leute auch an dem Tier noch auszusetzen haben mögen, sie hat einen fabelhaften Kopf«, sagte Gannaway und nahm Nellys Kopf zwischen die Handflächen.

Von alledem schien nur ein Bruchstück das Ohr seines ungeschlachten Gegenübers erreicht zu haben.

»Einen fabelhaften Kopf?« wiederholte Crosden mit träumerischer Stimme. »Es hat mal 'nen fabelhaften Hund gegeben. Hört Ihr das, Gannaway? Ihr seid ein Kerl von der richtigen Sorte, kann sein, daß Ihr's versteht. Es gibt Halunken und Schleicher in der Welt und verdammt wenig anständige Menschen. Soll man da Lust haben, zu solchem Gesindel darüber zu reden, was ein Hund ist, wie er sein soll? Das Pack da hinten im Osten – Geschmeiß! Das sind keine Männer. Aber, Gannaway, Ihr scheint mir von der richtigen Sorte, und 's kann sein, Ihr würdet mich verstehen. Angenommen: ich erzähl' Euch – soll ich Euch die Sache erzählen – warum nicht? Heraus damit! Vielleicht tut mir's gut, das Reden, vielleicht bringt's mich ganz um den Verstand.«

Er strich sich das allzu lange Haar aus dem Gesicht und starrte, die Faust fest um seinen riesigen Wanderstab gepreßt, ins Feuer. So saß er lange Zeit, ein seltsam melancholisches und dabei brutales Geschöpf, und brütete vor sich hin, und wenn das Feuer aufloderte, schien es, als ob die Funken in diesen starren Augen tanzten.

Plötzlich hob er den Kopf und starrte Gannaway an. Der zuckte ein wenig zusammen und mußte sich erst wieder fassen.

»Ich kann Euch sagen, Mann, früher, wie die Sache anfing, da gab's kaum einen, außer Newton und mir. 's gab auch andere, die Hunde hatten, und sie stellten sie aus und bekamen Preise dafür und redeten lang und viel, aber keiner von ihnen wußte, wie man's anstellt, daß so ein Bullterrier den richtigen Kopf auf den Schultern hat. Keinen gab's außer mir – und dann Newton! Er hat's von mir gestohlen, wie man's macht. Kann übrigens sagen, er verstand seine Sache. Auf die Hündinnen kommt's an. Man kann die besten Rüden von der Welt haben und 's nützt einem nichts. Aber wenn man eine Hündin hat, bei der das Auge sitzt wie's soll – und nicht zu leicht darf sie sein im Gestell – aber, na ja, Ihr seid kein Züchter.

Well, wir wollen's lassen. Ich wußte jedenfalls Bescheid und Newton auch. Ich wußte, daß er Bescheid wußte und er wußte dasselbe von mir. Manchmal brachten wir nicht viel heim, just 'ne rote Schleife oder 'ne gelbe und solches Zeug, aber ich hatt' mir's angewöhnt hinzugehen und Newtons Hunde anzusehen, und er kam zu mir herüber und sah sich meine an. Und jeder von uns wußte, daß der andere dicht daran war – 'nen Hund zu züchten, den man 'nen Hund nennen konnte.

Wir fingen auch an und brachten erste Preise heim, 's dauerte nicht lang, da schneiten sie reichlich dicht auf uns herab. Aber immer noch bleibt Newton dabei und schleicht um mich herum und paßt auf mich auf, und genau so mach' ich's ihm. Schließlich komm' ich wieder nach New York und wie ich in Madison Square Garden bin, seh ich, wie Newton sich an mir vorbeidrückt mit 'nem schuldbewußten Blick. Ich lang' aus und pack' ihn am Kragen. Newton ist 'n kleiner schwächlicher Tropf. Er fällt mir unter der Hand zusammen und schmeißt 'nen Arm hoch, als ob ich ihn hauen wollte.

›Laß die Pfoten von mir‹, sagt er. ›Wer hat dir's gesteckt?‹

Wie er das sagt, wußt' ich gleich, der Kerl hatte die Sache geschafft. Ich dachte gleich, daß er mich geschlagen hat – und ich war nah daran, ihm da auf der Stelle den Hals herumzudrehn – mächtig nah.«

Er hob seinen eisenbeschlagenen Stock und schlug damit auf einen dicken Felsklotz – der Stein barst wie verwitterte Kreide.

»Sag' ich: ›Du nimmst mich jetzt mit nach hinten und zeigst's mir –‹, sag' ich. ›Bei deinen Tieren hast du's nicht mit ausgestellt.‹

Denn ich hatte mir die Hunde angesehen, die auf seinem Stand ausgestellt waren.

Also nimmt er mich nach hinten und öffnet einen Verschlag, der in einer Ecke stand. Er schnippt mit den Fingern, und heraus springt ein Hund – der Hund, wie er sein soll!

Zuerst, wie das Tier so 'raus huscht, und ich seh' das weiße Fell – 's wurde mir richtig flau zu Mut um den Magen herum, bild' ich mir ein, Newton hätte das Kunststück geschafft und ich sei geschlagen. Sag' ich: ›New't‹, sag' ich, ›du hast's geschafft! Das ist der richtige Hund da!‹

Well, er sieht von der Seite an mir 'rauf und schüttelt den Kopf, Gott möge ihn segnen, ich hätt' ihn dafür küssen können. Sagt er: ›Früher, als das Vieh noch klein war, dacht ich auch immer, 's wird's erreichen. So wie's aussah, schien alles tadellos. Aber, Kamerad, wenn du just 'nen Schritt zurückmachst und schaust noch mal genau hin, dann siehst du auch, wo's fehlt. Am Kopf ist's irgendwo und am Hals – aber es ist nichts, was bei der Wertung mitzählt. 's ist nichts gegen den Standard.‹

›Hol der Teufel den Standard‹, sag' ich. Denn das hatten wir alle schon erlebt, daß ein Hund dem Standard entsprach, als wär's bestellt. Und dann wurde er von einem beliebigen Durchschnittsköter geschlagen, bloß weil der Köter das richtige Feuer in sich hatte. Also seh' ich mir die Hündin an und seh', Newton hat recht. Just um 'ne Idee stimmte was nicht am Kopf und am Hals. Und auch unter den Augen – just 'ne Idee.

Sag' ich: ›Wie hast du sie genannt?‹

›Königin‹, sagt er, ›ist der einzige Name, den ich ihr gegeben hab', The Queen‹.

›Newton Queen?‹ frag' ich.

›Nein, just Queen‹, sagt er, ›nichts weiter.‹

Well, Mann, den Namen hatte sie verdient. War just 'n junges Tier von nur zehn Monaten, aber in der Zuchtklasse wurde sie als Beste von 'nem guten Hundert Bullterriers preisgekrönt. Und damit war's nicht zu Ende. Schließlich wurde sie für den besten Terrier auf der ganzen Ausstellung erklärt. Und vielleicht wär' sie noch höher gekommen – geradeswegs bis oben 'rauf. Aber wann werden die Kerle auf der Richterbank einem Bullterrier die höchste Auszeichnung zusprechen? Niemals, bei Gott, solange nicht ein Hund daherkommt, der 'ne Krone auf dem Kopf ...

Aber das kommt später!«

Tucker Crosden stand auf und begann in großen Schritten auf und ab zu wandern. Man sah, wie mühsam er sich beherrschte.

»Newton, Mann, der kommt zu mir, wie die Ausstellung vorbei war, und sagt: ›Crosden‹, sagt er, ›ich will verdammt sein, wenn ich nicht mein bestes Pulver schon verschossen hab'. 's ist just 'n Stimmchen in mir, das verrät mir, daß ich mit meinen Hunden nicht mehr viel weiter kommen werde, als ich schon gekommen bin. Die ›Queen‹ ist mein bester Trumpf, wenn ich mich nicht draußen umschau und neues Blut in die Zucht bring'.‹

Ich sah gleich wo er hinauswollte, aber ich halt' fein den Mund. ›Wie willst du's anstellen, um die Zucht zu verbessern?‹ sag' ich, und nichts sonst.

›Ich weiß auch nicht‹, sagt er. ›Aber wie wär's, wenn wir einen von deinen Hunden nehmen würden für die Queen, alter Knabe.‹

›Was nicht gar. Ich stell' dir fünfzehn Jahre Arbeit und Plackerei zur Verfügung und du zahlst mir fünfundzwanzig Dollar Deckgeld, was? Und tust dich dann dick mit deinem Erfolg.‹

's kam ihn mächtig schwer an, aber er mußt' sich dreinfinden. Er versprach, er läßt mir die Hälfte von dem neuen Wurf. Wie's soweit war, mußt' ich damit herausrücken, daß ich im Augenblick nicht einen einzigen Hund hatte, an dem was besonders Berauschendes war. Aber Newton, der sagt: Auf den Hund käm's gar nicht so sehr an. Der richtige Stammbaum, das wär' die Sache. Also, was soll ich Euch sagen, wir suchten den besten von meiner ganzen Bande aus – 's war – Champion Barnsbury Moonstone, der hatte im Jahr zuvor den ersten Preis bekommen. Und 'n paar Monate später fuhr ich zu Newton hinüber – er hatte sich in Colorado niedergelassen – und ich war selbst dabei, wie der Wurf zur Welt kam. Das erste vom Wurf gehörte natürlich Newton, das zweite mir. Fünf waren 's im ganzen. Und 's war keiner darunter, über den man hätt' ein großes Geschrei anheben können, kein einziger. Dann geht 'ne Stunde rum und dann kommt das letzte von dem Wurf zur Welt. Und wie 's abgemacht war, gehört es mir.«

Tucker Crosden hob seinen schweren Stab grimmig zum sternübersäten Himmel auf und lachte.

»Klein war das Vieh und schwach und es war nicht viel dran. Newton, der wirft 'nen Blick drauf und dann sagt er: ›Hör mal, Kamerad! 's geht mir mächtig gegen den Strich, wenn ich sehe, wie du hier hereingefallen bist. Da sitzst du nun mit zwei Hündinnen, mit denen nicht viel los ist und einem kleinen Rüden, der aussieht wie 'ne krepierte Ratte und dabei bist du so weit gereist, um den Wurf kommen zu sehen. Hier – nimm den Rüden, der zuerst geworfen ist. Die Ratte will ich für mich behalten – vielleicht ersäuf ich sie auch, 's wird sich noch zeigen.‹

Ich schau mir Newton bloß an und lach' ihm ins Gesicht. ›Verdammter Schleicher, du‹, sag' ich, ›bildest du dir ein, ich bin nicht mit zwei Augen auf die Welt gekommen? Nein, alter Knabe. Meinetwegen kannst du die andern fünf alle miteinander behalten, aber ich bleib' bei dem hier.‹

Und ich hab's getan. Wie der Hund drei Monate alt war, stand er auf seinen Beinen, wie aus Marmor gehauen. Und wie er sieben Monate alt war, kam die Zeit für die große Ausstellung heran und Newton schrieb, um zu hören, was aus dem Vieh geworden sei. Ich besinn' mich nicht lang, setz' mich hin und schreib' auf ein Blatt Papier: »The King!« Und schick ihm das. Mit dem nächsten Zug war mein Newton schon da. Sagt er: ›Well, was ist mit deinem König? Laß ihn mal anschauen, zeig' mir mal den King.‹ Und lacht dazu mit so 'ner verdrehten Stimme, dünn und quietschend.

Sag' ich, wie gar nichts Besonderes: ›Ach, das Kleine? Nun, er muß irgendwo hier herum stecken.‹ Ich tu 'nen Pfiff – und mein King stolziert durch die Tür herein und bleibt da stehen vor dem dunklen Hintergrund, und der Hund macht die Augen halb zu und schaut uns so an.

›Großer Gott!‹ sagt Newton, ›o du gerechter Gott!‹

Jawoll, Mann, der Hund war so nah an 'nem Ideal von 'nem Hund, da ging kein Blatt Papier dazwischen. Newton und ich, wir fahren expreß nach New York, um ihn auf die Ausstellung zu bringen. Wir saßen miteinander im Gepäckwagen und ich hab' den Hund in den Armen, wie der Kladderadatsch kommt – wir fuhren gerade um 'ne Kurve – ein Zusammenstoß ...«

Gannaway fuhr sich mit der Hand über die Stirn, aber er verwandte kein Auge von dem von bitterer Pein erfüllten Gesicht seines Gefährten. Schweigen. Dann fuhr der Riese fort: »Ich hab' ihn begraben und wie ich zurückkomm', bind' ich meine Hunde an, alle in einer Linie und schieß' sie nieder, alle miteinander. Ich komm' ins Haus hinein und ruf' meine Frau und mein Mädel und sag' ihnen, sie sollen hinausgehen und die Kadaver verscharren. Sie tun's, wie ich sie geheißen habe. Aber kurz drauf kommt mein Mädel, die Molly, wieder herein. ›Daddy‹, sagt sie, ›einer lebt noch.‹

›Ich werd's ihm besorgen‹, sag' ich und saus' hinaus. Es war 'ne Hündin, 'n kleines Biest von grad zwei Monaten. Was meine Molly ist, die läßt sich auf die Knie fallen und drückt's an die Brust. Das Tier war ganz voll Blut. 'ne Kugel hatte es gestreift.

›Daddy‹, sagt sie, ›oh, Daddy, Gott hat's nicht gewollt, daß du sie umbringst.‹

Ich denk' mir, vielleicht hat die Kleine recht. Richtig abergläubisch war ich geworden und ich heck' mir aus, 's steckt vielleicht besonderes Glück in dem Tier. Also, wie sie soweit ist, schickt mir Newton 'nen Hund zum Decken – Champion Silverside. Ich laß' mir die Sache durch den Kopf gehen. Ich denk' mir, was meinen Hunden immer gefehlt hat, ist ein bissel rauheres Leben. Ihr versteht mich? – in der Wildnis draußen, wie andere Tiere. So denk' ich mir aus, ich will Nelly mit hier herauf in die Berge nehmen und ihre Jungen in der Zeit aufziehen, wo ich meine Fallen stelle und auf Pelze Jagd mache. Und so kommt's, Mann, daß Ihr Nelly jetzt hier bei mir seht.«

»Vielleicht gibt's einen zweiten King«, murmelte Gannaway.

»Das weiß bloß Gott«, sagte der Riese, »und der red't nichts!«

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.