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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 29
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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28. Kapitel

Zunächst blickte er nur scheu und schuldbewußt um die Ecke des Türpfostens, aber er sah, daß der Mensch der Tür den Rücken drehte. Das große Ungetüm war geschäftig über ein Gewehr gebeugt, das es reinigte. Und oh, welche Unzahl wunderbarer Dinge war in dieser einzigen Menschenhöhle versammelt! Tausend Gerüche fielen über ihn her – angefangen von der Bärenhaut und dem großen Vlies des Gebirgsschafes, die den Boden bedeckten – und der Geruch des Holzes selbst, die Witterung unzähliger Menschenspuren und schließlich, tiefer aus der Höhle dieses Ogers kommend, der schwächere Geruch der unzähligen Felle von Tieren, die er erlegt hatte – fürs erste vermochte Weißwolf nur Marder und Stinktier herauszuriechen.

Denn eine Sturzflut von neuen und unerhörten Dingen brach über sein Gehirn herein. Seine Nase zog in langen Zügen aufregende Kundschaft ein und es wurde ihm wirr im Kopf.

Dort, an der Wand, waren Zähne von der Art zu sehen, wie Mensch sie in der Erde zu vergraben pflegte, jetzt aber waren sie an ihren wohlgeölten, aber trotzdem angerosteten, Ketten aufgehängt. Da war ein Gestell mit Gewehren, von denen eines noch den beißenden Geruch des Schießpulvers ausströmte, in einer anderen Ecke standen Äxte an die Wand gelehnt und in nächster Nähe des Menschen gab es noch zwei andere Wunder, auf die sich Weißwolfs staunendes Interesse konzentrierte.

In einer Ecke befand sich ein Gefüge aus Steinen und Eisen, das eine angenehme Hitze ausstrahlte, wie die Sonne am Mittag. Oben darauf aber war ein anderes Ding angebracht, das auch aus Eisen gemacht schien. Es stieß dauernd schnaufend dicke Dampfstrahlen aus, die Weißwolf an seinen Atem an einem frostigen Morgen erinnerten. Daneben standen noch andere eiserne Geschöpfe, aus denen der starke, würzige Geruch von Essen zu dem Terrier hinüberströmte.

Mensch hatte sich bereits gesättigt. Auf einem Ding aus Holz, das wie ein Tier vier steife Beine hatte, waren noch Reste der Mahlzeit verstreut. Kein Ding aber war in der Höhle, das nicht von Menschenwitterung verseucht war, Weißwolf merkte es wohl, aber trotzdem lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Und dabei hatte er erst vor kurzem gefressen und sein Bauch war gefüllt.

Gleichzeitig aber begann Furcht sich seiner zu bemächtigen, denn, wie genau er auch wußte, daß in des Menschen Höhle überall Gefahr lauerte, arbeitete in ihm der wahnwitzige Wunsch, sich in die Höhle hineinzuwagen – ja selbst wenn der Mund der Höhle sich plötzlich hinter ihm schließen und ihn zum Gefangenen machen sollte.

Er wollte sich leise davonschleichen, aber er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Nein, es ging nicht. Auch als der Mensch plötzlich zusammenfuhr und starr auf seinem Stuhle sitzenblieb, gelang es dem Terrier nicht, in die rettende Dunkelheit hinauszuspringen. Ja, nicht einmal, als der Mensch sich langsam auf seinem Stuhle umdrehte, als er das furchteinflößende Antlitz des Menschen erblickte, brachte er es über sich, sich in den Schutz der Nacht zu flüchten.

Jetzt erinnerte er sich an alles, was ihm La Sombra über die wunderbare Gewalt erzählt hatte, die in den Augen des Menschen ruhe – und nicht nur erinnerte er sich, er fühlte es selbst. Der Blick des Menschen drang ihm durch die Augen bis ins Innerste, griff nach seinem Herzen und bemächtigte sich seiner Seele. Und doch empfand Weißwolf mehr Freude als Angst. Wenn La Sombra den Blick des Menschen auf sich spürte, hatte sie nur den Wunsch, zu fliehen. Weißwolf aber empfand nur ein peinliches Bedürfnis, in die Höhle hineinzukriechen und sich zu Füßen des Ungeheuers auszustrecken.

Er kannte das Gefühl. Manchmal, wenn er einen gefährlichen Bergpfad entlanggelaufen war, war ihm Ähnliches begegnet, ein betäubendes, krankmachendes, kitzelndes Gelüst, sich in den bodenlosen Abgrund hinabzuwerfen.

Und dabei verfügte er jetzt über weniger Besinnung und geringeres Widerstandvermögen. Noch nicht einmal zuckte er zurück, als Mensch zwei furchtbare Tatzen ausstreckte und flüsterte: »Der King!«

Nein, die Furcht hypnotisierte ihn, das Staunen bannte ihn und das sinnlose, lächerliche und unbegründete Gefühl inneren Jubels, das in seinem Herzen Wurzel gefaßt hatte, fesselte ihn an seinen Platz.

»Der King!« sagte Mensch zum zweitenmal und hob sich langsam von seinem Stuhl, bis es Weißwolf schien, dieses Ungeheuer werde überhaupt nicht mehr aufhören größer zu werden – bis sein Kopf oben an die Decke der Höhle zu stoßen schien. Immer noch mit ausgestreckten Händen, machte es einen halben Schritt auf den Terrier zu.

Jetzt hatte Weißwolf den dringenden Wunsch zu fliehen, aber wahrhaftig, er war bereits verzaubert, und es war ihm zumute, als ob die Stimme dieses Ungeheuers – tiefer noch als der dröhnende Ruf eines gewaltigen Wolfes – ihm bis ans Herz dringe. Diese Stimme zu hören dünkte ihn wie ein Geschmack köstlicher Speise auf der Zunge, nur daß dies mehr war als Speise. Ungeahnte Schauer des Entzückens überrieselten ihn.

Ja, nun brach es überwältigend von allen Seiten über ihn herein: diese Stimme hatte er schon einmal vernommen. Er kannte dieses Gesicht und die Zaubergewalt in den Menschenaugen, die sich in seine bohrten.

In diesem Augenblick wurde der Bann gebrochen. Geräuschvoll quietschte draußen der volle Eimer an seinem Henkel. Molly Crosden erschien gesenkten Kopfs, emsig das schwere Gefäß schleppend, in dem Lichtstreifen, der aus der Tür ins Freie hinausfiel. Das Geräusch hinter seinem Rücken befähigte Weißwolf endlich, den Kopf zu wenden. Und im nächsten Augenblick war er wie ein Blitz in die gütige Finsternis hinaus entwichen.

Ah, und er war gerade noch im letzten Augenblick entwischt. So wenigstens schien es ihm. Denn ein fürchterlicher Schrei gellte hinter ihm her, und als er in raschen Sätzen der Stelle zustrebte, wo er den toten Fuchs in den Schnee geworfen hatte, stürzte das Menschenungeheuer mit hocherhobenen Armen aus der Hütte heraus und brüllte wie von Sinnen.

Weißwolf wartete nicht ab, was noch geschah. Er vergaß den toten Fuchs. Er vergaß La Sombras Hunger. Das einzige, wonach er sich sehnte, war ihre tröstende Gegenwart und die Gewißheit, daß ihr kluger Kopf für alles Rat wußte. Deshalb jagte er wie ein Blitz dahin, obgleich die Dunkelheit so groß war, daß Weg und Steg nicht zu erkennen war. Immer noch aber glaubte er vor seinen Augen das dritte Wunder schweben zu sehen, das er in der Hütte erspäht hatte – das glänzende Wunderbild der Lampe. Ihr funkelnder, weißer Schirm tanzte noch vor seiner Augen, schien wie ein falscher Mond vor ihm durch die Bäume zu huschen.

So hetzte er über Stock und Stein voran, heimwärts. Der wirkliche Mond kletterte über die Bäume empor. Er war dankbar dafür. Sein Licht erleichterte ihm das Laufen. Keuchend, mit berstenden Lungen erreichte er die Höhle und entdeckte, daß andere sie vor ihm erreicht hatten.

Zwei mächtige Wölfe standen vor dem Eingang. Aber als er aus dem Wald schoß und plötzlich auf steifvorgestreckten Läufen bremsend, im Lauf innehielt, wichen sie zur Seite.

»Tritt ein, Weißwolf,« sprachen sie, und fürchte nichts. Sind wir nicht Wölfe von deinem Pack?«

Da kam La Sombras Stimme aus der undurchdringlichen Finsternis des Höhleneingangs. »Ist das wahr?« schnurrte sie. »Und was ist sein Pack? Hat er euch nicht verleugnet und verlassen? Soll er zu euch zurückkehren, nachdem ihr ihm einmal schon die Treue gebrochen habt?«

»Es ist wahr, daß wir wie Toren gehandelt haben. Aber wir alle sind noch jung und wenig erfahren und Marco Blancos Zunge war listig. War sie's nicht?«

»Allzu listig war seine Zunge«, sprach der zweite Gesandte.

»Hat sogar Marco Blanco euch gesandt, um Weißwolf zurückzuholen?« fragte Mutter Wolf, sich der Leitung der Angelegenheit bemächtigend.

»Dessen bedarf es nicht«, sagte der zweite Gesandte. Er grinste und seine schneeweißen Zähne blitzten im Mondlicht. »Marco Blanco ist tot.«

»Gut!« sprach La Sombra. »Dies hört sich besser an. Und du, junger Freund, hast wohl dabei die Hand im Spiele gehabt?«

»Seine Flanke hat meine Zähne zu spüren bekommen. Du sprichst wahr, La Sombra. Nur fünf sind noch übrig vom alten Pack und mager sind wir geworden. Drei neue Wölfe sind heute zu uns gestoßen. So sind wir acht an der Zahl.«

»Und ist keiner darunter stark genug, euer Führer zu sein?«

»Wir wollen keinen zum Führer als Weißwolf allein. In den Tagen, da er das Rudel führte, waren wir fett. Sprech' ich nicht wahr, Bruder?«

»Keine einzige Woche haben wir fasten müssen in den Tagen, da er uns führte. Dürre Tage, Hungertage sind uns jetzt beschieden. Bedenke dies, Weißwolf!«

»Kehrt zurück zum Rudel«, sagte Weißwolf. »Ich werde kommen – morgen früh. Zweifelt nicht daran. Wartet auf mich am Abhang des Spencer-Berges. Mit der Morgendämmerung werde ich bestimmt dort sein.«

Sie knurrten vor Freude und verschwanden, wie Schatten zwischen den kahlen Bäumen dahinschleichend.

Weißwolf warf sich neben La Sombra auf den Boden. Noch immer schnaufte er vom eiligen Lauf, und ehe er noch Atem zum Reden fand, hatte La Sombras Nase die Hälfte dessen, was er zu berichten hatte, an ihm gewittert.

»Nerz!« rief sie. »Herb schmeckende Kost hast du heute gefunden, o Sohn. Oder nicht?«

Und gleich darauf fügte sie hinzu: »Fuchs auch noch! Fuchsblut ist an deiner Schnauze. Ein scharfer Gestank nach Fuchs hängt in deinem Fell. Ah, du hast deinen Magen wohlgefüllt, o Sohn, aber hast du deine kranke Mutter vergessen?«

»Nein«, japste Weißwolf. »Warte nur, bis ich reden kann.«

»Dummes Zeug! Aber was ist das? Deine Füße stinken danach – das ist Mensch!«

»Ich stand nur an seiner Tür und blickte in seine Höhle hinein! Oh, Mutter, wußtest du, daß er aus Steinen ein Gefängnis für das Feuer gemacht hat? Daß er einen Mond in seine Höhle geschleppt hat, um ihm zu leuchten?«

»Ist das wahr?«

»So wahr, wie ich dein Sohn bin, La Sombra!«

»Ah, sollte man es glauben? Du wirst einst ein Weiser unter den Wölfen sein, mein Kind, wenn dir nicht ein früher Tod beschieden ist. Aber sicherlich wirst du jung sterben, wenn deine Fährte nicht fern von den Höhlen des Menschen bleibt. Nun sprich, was hast du noch gesehen, das dich jetzt immer noch zittern macht?«

»Ich habe des Menschen Gesicht gesehen.«

Sie machte einen Satz nach rückwärts und fauchte wie der Nerz, den Weißwolf im seichten Wasser des Pekan-Sees getötet hatte.

»Ho,« japste La Sombra, »das war's? Und zitterst du nicht jetzt noch vor Furcht?«

»Furcht?« sagte Weißwolf. »Ich weiß es nicht. Das Ding, das ich fühle, ist anders. Es ist wie ein übles Gefühl in meinem Innern, La Sombra, wie ein leerer Magen – wie wenn andere Wölfe fressen und man sieht hungrig aus der Ferne, wie sie über ihre Beute herfallen. Nein, die Furcht ist es nicht.«

»Dies ist ein Wunder!« sprach sie verdrossen. »Kein Wolf lebt in den Bergen, der nicht Furcht empfand, wenn er den Menschen erblickte.«

»Er sprang heraus, um mich zu fangen, aber ich lief davon wie der Wind. Ich werde dorthin zurückkehren ..«

»Niemals, Weißwolf! Für uns hat er noch andere Fallen als die von Eisen, des sei gewiß!«

»Ich kehre dorthin zurück. Aber nur, um dir den Fuchs zu bringen, den ich zurückließ, als Mensch mich verscheuchte.«

»Und du kommst dann schnurstracks zu mir zurück?«

»Wie ein Falke zum Nest.«

»Ich werde dich am Fuß des Berges erwarten. Gute Jagd, mein Sohn.«

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