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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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21. Kapitel

Sie schob sich vorwärts, bis sie mitten unter den Wölfen stand. Mühselig humpelte sie auf drei Beinen. Aber die Erregung sträubte ihre Mähne, und bald schien sie wieder, was sie einst gewesen war, eine Königin unter den Wölfen.

»Wölfe der Dunkeld-Berge,« sprach sie, »höret, was ich euch künde. Wenn mein Sohn nicht gleich seine Stimme hören ließ, so geschah es nicht, weil sein Herz zaghaft ist. Hat er sich nicht bewährt vor euch, als es galt die Beute zu Fall zu bringen? Und bewähren wird er sich vor euch in Zukunft! Aber Worte sind nicht seine Gabe. Mit Worten zu gleißen, überläßt er braunen Schleichern wie El Trueno! Und auf sein Geheiß spreche ich zu euch in seinem Namen dieses:

›O Brüder, nicht kundig bin ich des Lebens in den Bergen und nicht erfahren in Hochlandfährten. Denn lang bin ich im Unterland gewesen. Die Menschen haben auf mich Jagd gemacht – ah – wie der Koyote den Berglöwen jagt! –, aber wenn ihr einen zum Leitwolf wollt, dessen Herz keine Furcht kennt, so wählt mich! Wenn ihr Weisheit braucht, so wisset, mein Ohr ist gutem Rat nicht verschlossen, und mein Herz ist willig, den Worten der Alten und Erfahrenen zu lauschen. Hitziges Blut wird das Pack nicht regieren, das ich führe.‹

Wölfe von den Dunkeld-Bergen, hört ihr, was ich sage?«

Sie öffneten die Rachen und gaben Laut und wie mit einer Stimme bellten sie: »Wir hören dich, La Sombra, und gut dünkt uns, was er mit deiner Zunge spricht.« Nur El Trueno schwieg und sträubte die Mähne.

»Und nun zu El Trueno«, fuhr La Sombra fort. »Ein Feigling und ein Tollpatsch, so spricht mein Sohn, verdient nicht in diesem Pack voranzulaufen. Aber mein Sohn gedenkt an seiner Statt zu herrschen, kraft des spitzen Zahns und der scharfen Klaue, wie das Gesetz dieser Berge es gebietet.«

»Das Gesetz gilt und ist ungebrochen«, kam die gellende Antwort. Und das Pack sprang auf die Füße und heulte: »Und was hast du zu sagen, El Trueno?«

Wenn El Trueno auch einmal die Beute verfehlt hatte, wenn er auch Zeuge des kecken Wagestücks gewesen war, das Weißwolf vollbracht hatte, das Herz schlug ihm deshalb nicht weniger mutig in der Brust. Er sprang vor und schob sich dicht an La Sombras Pflegesohn heran.

»Ich hab' etwas plappern hören und es schien mir das sinnlose Schnattern eines Eichhörnchens«, sprach El Truenos tiefe Stimme. »Ich habe es gehört und mußte lächeln, denn wer sprach zu euch? Die Mutter eines weißen Hundes, scheint es mir, dessen Fell ein bißchen nach Wolf riecht. Nun höre mich, Kücken! Soviel gewähr' ich dir. Siehst du die Fichte dort drüben am Berg, die der Blitz versengt hat. Bis dahin lasse ich dir Vorsprung, eh' wir dich hetzen. Doch wenn der Übermut in deinem Herzen übermächtig ist und du kämpfen willst, so prophezei' ich dir, daß du noch heute nacht in den Bäuchen meiner Wölfe schlafen wirst. Sieh dich vor – eine Aussicht auf Rettung hab' ich dir gegeben.«

Und damit ließ er seinen gewaltigen Kopf sinken und tat so, als sei er nur beschäftigt, den Schnee vor seinen Pfoten aufzulecken.

Weißwolf – zu seiner Schande sei es gesagt – schielte hinüber, wo die vom Blitz getroffene Fichte ragte. La Sombra gerann das Blut in den Adern. Sie wußte, was ihr bevorstand, wenn ihr Sohn sich mit Schimpf bedeckte oder im Kampfe fiel. Ihre Zunge hatte zuviel gewagt, allzuviel. Wenn wieder einmal der Hunger im Pack wütete, brauchte der Leitwolf nur zu murmeln: »Was soll ein lahmer Wolf in unsrer Mitte?« und noch am selben Tag knackten ihre Knochen unter den Zähnen des Dunkeld-Packs. Sie sah, wie ihr Pflegesohn zitternd die Ohren flach legte. Sie sah, wie er sich duckte. Ihr Herz drohte zu zerspringen. Sie fieberte danach, ihm ein wenig von ihrem eigenen, unbezähmbaren Mut einzuflößen. Freilich, es war das erstemal, daß der Terrier sich einem alten Bergwolf zum Kampf stellen sollte und seine Aussichten schienen schlecht. Wenn El Trueno angegriffen hätte in dem Augenblick, wo sein Gegner vor der Gefahr zurückschrak, dann hätte Weißwolfs Laufbahn ein rasches und sicheres Ende gefunden. Aber El Trueno war allzu schlau, schlauer als sein Instinkt, er zögerte, bis Weißwolf plötzlich sich schüttelte und reckte.

»Ich bin bereit,« sprach er – aber es war fast ein Winseln, »laß uns beginnen, El Trueno!«

El Trueno grinste verächtlich: »Was? Einen Jungwolf soll ich als erster angreifen, einen Jungwolf, dem noch nicht einmal das Fell gewachsen ist? Ich nicht!«

Aber das war nur eine Finte. Im nächsten Augenblick schoß er auf den Terrier los. Er war ein alter und erfahrener Kämpfer. In den Tälern der San Jacinto-Berge war sein Ansprung berühmt, doch seine Zähne schnappten in die leere Luft. Weißwolf war zur Seite geschnellt, wirbelte herum und fiel jetzt selbst über seinen Gegner her.

Für Trueno war es neu und ungewohnt. Viele Kämpfe hatte er erlebt und mitgekämpft, aber ein wackerer Wolf begnügt sich, mit seinen Zähnen zu verwunden und beißt nicht zu, ehe der Gegner nicht eine wirkliche Blöße bietet. Und ein Wolf versucht seinen Gegner an der Gurgel oder in der Flanke zu erwischen, aber Weißwolf zielte immer nach dem Kopf.

Sie prallten zusammen, man hörte ihre Zähne knirschen und sie schnellten federnd wieder zurück. Das Pack heulte begeistert auf.

»Ist das die Weise der Wölfe aus dem Unterland?« fletschte El Trueno. »Ah, du wirst sehen, wie rasch sie dir hier oben in den Bergen den Tod bringt. Wahre dich, Weißwolf, denn jetzt faß' ich dich!«

Und er kam so rasch, daß man nur etwas Braunes über den blendenden Schnee huschen sah. Wieder wich ihm der Terrier mit einem Seitensprung aus. Aber es geschah um den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Die messerscharfen Fänge seines Gegners langten nach ihm und packten ihn. Sie rissen ihm das zarte Fell über den Schultern auf. Das Blut quoll.

»Vorbei!« bellten die Dunkeld-Wölfe. »Wieder hat El Trueno den Sieg davongetragen!«

»Still!« knurrte Marco Blanco, der Alte. »Das erste Blut bedeutet noch lange nicht alles. Haltet die Augen offen, o Brüder. Stark wie ein Turm ist dieser weiße Wolf und seine Läufe sind aus Stahl gemacht.«

Wieder griff El Trueno an, entschlossen, seinen Vorteil auszunutzen. Er zielte genau und seine Schulter prallte hart gegen die des Gegners. Der Stoß schleuderte Weißwolf weit in den Schnee hinaus. Aber er kam rechtzeitig auf die Läufe und seine Zähne begegneten rechtzeitig denen des Leitwolfs, der nach ihm auslangte.

Und jetzt sollte das Pack zum erstenmal Weißwolfs Kampfruf hören. Wie wenig glich er dem rauhen Knurren, mit dem ein Bergwolf seinem Gegner trotzt! Sie hörten ein schrilles, winselndes Kläffen, das klang, wie wenn ein Junges nach seiner Mutter weint. Ein Brummen der Verblüffung und stiller Belustigung lief rings im Kreis. Aber was sie zu sehen bekamen, war nicht die Tat eines Jungwolfs.

Es war, als ob Weißwolf Flügel gewachsen wären. Er tanzte um El Trueno, der blindlings ins Leere stieß, und wenn der Rachen des gewaltigen Leitwolfs vorschoß, um ihn zu packen, so tauchte er darunter hinweg und riß gleich darauf einen Fetzen Haut und Haare aus dem braunen Fell seines Gegners. Und dann griff er selbst an, und niemals zuvor hatten die Dunkeld-Wölfe erlebt, daß einer seinen Gegner dort packte, wo Weißwolf sich festbiß, denn er hatte die Schnauze kühn dem Gegner in den klaffenden Rachen geschoben, seine Kinnladen schlossen sich eisern über El Truenos Unterkiefer. Sein ganzes Körpergewicht hing zuckend und zerrend daran.

Es sah aus, als solle der Kampf erst beginnen. In Wirklichkeit war er bereits vorbei. El Truenos Unterkiefer war wie mit eisernen Klammern festgehalten. Um zubeißen zu können, hätte er die achtzig Pfund hochheben müssen, die in Gestalt des Bullterriers an ihm rissen und zerrten. Seine Kinnbacken erlahmten bereits. Er japste verzweifelt, sprang hierhin und dorthin und versuchte sich von seinem Gegner loszumachen. Die Dunkeld-Wölfe standen steif und starr. Eine neue Macht offenbarte sich ihnen und sie begriffen es. Nur La Sombra erging sich in geräuschvollen Freudenausbrüchen. Sie hatte einmal schon ihren Sohn sich dieses Griffs bedienen sehn und sie wußte, was er bedeutete.

Gut und tapfer hatte El Trueno gekämpft, aber jetzt schwand sein Mut dahin wie der eines Menschen, der auf seine Größe gepocht hat und erleben muß, wie seine Körperkraft vor der überlegenen Geschicklichkeit eines kleineren Gegners zunichte wird. Er legte die Ohren flach. Sein Schweif senkte sich trübselig. Noch riß und zerrte er eifrig, aber nur in dem Wunsche, sich loszumachen und sein Heil in der Flucht zu suchen – er hoffte noch auf den Augenblick, wo die Zange, die ihn festhielt, nachgab. Aber sie gab erst nach, als El Trueno vor Anstrengung schwindlig und nahe an der Ohnmacht war und von seinen Lefzen der Schaum der Erschöpfung in dicken, blutigen Tropfen in den Schnee troff. Ja die Zange öffnete sich, aber rasch wie eine Hand schloß sie sich auch wieder – um El Truenos Gurgel. Sein Schicksal war besiegelt. Erbarmungslos drangen lange, spitze Zähne durch die Falten des Pelzes, durch die rollenden Muskeln darunter und fanden die Stelle, wo die Luftröhre saß – und das Leben.

Und dann drang La Sombras Stimme durch den roten Freudenrausch, der Weißwolfs Hirn umnebelte:

»Zurück, mein Sohn! Laß das Pack das übrige besorgen. Je rascher er stirbt, desto größer ist dein Ruhm. Laß sie sich selbst überzeugen. Niemals mehr wird El Truenos Stimme die Dunkeld-Wölfe zur Jagd rufen.«

Weißwolf ließ seinen Gegner fahren und trat zurück. Noch schüttelte ihn das Fieber des Kampfes. El Truenos Augen wurden glasig, seine Zunge schlappte lang und rot zwischen den Zähnen heraus. Die Wölfe starrten ihn an. Ein Blick genügte. Schon fielen sie in dichtem Schwarm über ihren gefallenen Führer her, um ihm den Garaus zu machen.

»Komm!« rief La Sombra.

»Pfui!« sprach Weißwolf. »So wahr du meine Mutter bist, halt dich fern von ihrem greulichen Fraß. Er ist unser Feind und er ist tot – aber er ist von unserm Stamm. Wenn wir alt und schwach werden, du und ich, sollen wir demselben Ende entgegensehen? Es macht mich krank, es mit anzusehen, La Sombra!«

Aber sie starrte ihn nur einen Augenblick verwundert an und in ihren Augen glomm dasselbe grüne Licht auf, das er schon einmal darin gesehen hatte. Gleich darauf hatte sie ihn verlassen und nahm teil an dem Gelage der übrigen.

Weißwolf entfernte sich ein Stück von der zähnefletschenden Schar. Er brauchte Ruhe und Frieden, um seine Wunden zu lecken. Es waren ihrer nicht viele, aber sie waren tief. El Truenos scharfe Zähne hatten sich grausam in Haut und Fleisch gegraben. Es brannte und schmerzte und jeder Pulsschlag dröhnte fiebrig in seinem Hirn.

Außerdem brauchte er Zeit, um seine Gedanken zu sammeln.

Gewiß, es war prachtvoll, dies Pack zu leiten, das im Kampf bewährt war und dessen Füße keine Fährte ermüdete. Kein Zweifel, es war glorreich, zu herrschen, wo man über lauter Könige gebot. Aber was geschah, wenn er eines Tages versagte, wie El Trueno versagt hatte? Sollte er sterben, wie El Trueno gestorben war?

Ein Schauer kroch ihm bis ins Mark. Er schüttelte sich und schloß seine kleinen, dreieckigen, schwarzen Augen.

Aber er war jung. Er fühlte die Kraft, die in ihm wohnte. Er hatte in dem eben beendeten Kampf soviel gelernt, daß es auf lange Zeit für alle kommenden Fehden reichen mußte. Und schließlich war das Blut des besiegten Gegners noch süß auf seiner Zunge.

Da drüben, ein Häufchen blanker Knochen, lagen die Überreste El Truenos, der einst Herr in diesem Pack gewesen war. Um ihn herum saßen die Dunkeld-Wölfe mit langheraushängenden Zungen und starrten ihren neuen Herrscher mit einem Blick verzückter Bewunderung und tiefer Ehrfurcht an.

So richtete sich Weißwolf auf und schüttelte den Schnee aus dem Fell, der noch vom Kampf her an ihm klebte. Die Sonne, eine kleine, rotglühende Scheibe, senkte sich hinter düster blauen Wolken dem westlichen Horizont zu. Ein kalter Abendhauch geisterte durch die Luft. Weißwolf richtete die Nase gegen die Sonne, ein Zittern lief durch ihn hin, ein langer, melancholischer Schrei brach aus seiner Kehle – er glich beinah, ja beinah, dem echten Jagdruf eines Wolfes.

»Hört ihr mich, Wölfe vom Dunkeld-Pack?«

In tiefem Baß, getreu im Chor, rollte die Antwort: »Wir hören die Stimme unseres Herrn. Sprich zu uns, Weißwolf, denn uns dünkt alles weise, was der zu künden hat, der im Kampfe siegte! Sprich zu uns und sag uns, was wir tun sollen!«

»Folgt mir!« rief Weißwolf. »Folgt mir und kein Wolf soll an meiner Seite laufen außer La Sombra!«

Und mit einer Weisheit, die nicht von ihm stammte, fügte er hinzu: »Nicht die Schnelligkeit der Beine ist es, sondern die Schärfe des Witzes, die Wölfe im Winter fett erhält. Ihr sollt nicht darben, Brüder! Hört ihr mich?«

»Wir hören, Weißwolf!« schallte es hinter ihm.

Und im Trab ging es westwärts. Hinter dem dünnen Schleier der frostkahlen Bäume flammte der Tomahawk-Fluß im Abendlicht wie ein nacktes Schwert. Eifrig hinkte La Sombra an Weißwolfs Seite. Aber auch mit ihr war eine Veränderung vorgegangen. Stets hielt sie sich eine gute Elle hinter ihm.

»Hab' ich es nicht vorausgesagt,« raunte sie im Laufen, »Kind meines Schoßes, Fleisch von meinem Fleisch? Hab' ich nicht wahr gesprochen? Sag es mir, wenn du meinst, mein Sohn, daß das Herz einer Mutter je einer Lüge fähig war?«

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