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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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20. Kapitel

Die Elchkuh und ihr Junges benutzten den Augenblick, in dem die Aufmerksamkeit ihrer Feinde abgelenkt war, um schleunigst die Flucht zu ergreifen. Aber es dauerte keine zwei Minuten, dann lagen nur noch die sauber abgenagten Knochen des gefallenen Wolfs im Schnee verstreut. Das Pack stieß ein kurzes, ohrenzerreißendes Geheul aus und fegte geschlossen auf ihrer Fährte hinterher.

Weißwolf folgte, so rasch er laufen konnte. Aber er war langsamer als der jüngste und schwächste der Wölfe, La Sombra mit ihren drei Läufen ausgenommen. Und sie lief neben ihm wie immer, eifrig, aber schwerfällig vorwärtsstrebend. Er blickte sie nicht an. Er brachte es nicht fertig, aber er schielte heimlich zu ihr hinüber. Ihre Schnauze war dick mit Wolfsschweiß beschmiert. Er empfand Grauen vor ihr.

Aber La Sombra schien von keinen Gewissensbissen geplagt zu sein. Jetzt, wo ihr grimmigster Hunger ein wenig gestillt war, war die rote Flamme in ihren Augen erloschen. Im Laufen lachte sie still vor sich hin. Es war eine Freude, wieder im Pack zu jagen und Besseres stand noch bevor.

»Dies ist ein Tag frischen Fleisches,« sprach sie, »und wir werden fressen, soviel unsere Bäuche fassen können. Schreib diesen Tag in Rot in dein Gedächtnis, Sohn, denn niemals sollst du ihn vergessen.«

Das Wild war von neuem gestellt. Wieder saßen die Wölfe im Kreis, aber jetzt hatte das Fleisch, das sie gekostet hatten, sie kühner gemacht. Ungeduldige Stimmen erhoben sich gellend.

»Ist El Trueno noch unser Führer? Warum greift er dann nicht an? Hier ist Fleisch, und unsere Magen sind leer.«

El Trueno war kein Wolf, der eine solche Mahnung überhört. Er erhob sich im stolzen Bewußtsein seiner Führerrolle und der Pracht seiner Kraft, schüttelte den trockenen Schnee von seinen Flanken und bückte sich, um ein Eiskörnchen zwischen seinen Zehen zu entfernen.

»Schnappt nach ihren Hinterläufen, zwei oder drei von euch«, sagte er kurz. »El Trueno wird ihr die Kehle zerfleischen, wenn ihr eure Pflicht tut.«

Nicht bloß drei, gleich fünf Wölfe stürzten vor und machten einen Scheinangriff auf die Hinterläufe der Elchkuh, und als sie kehrtmachte, um ihnen die Stirn zu bieten, warf sich El Trueno auf sie. Es war ein gutgezielter Sprung. Er sauste wie ein Stein, der die Schleuder verläßt, dem Tier nach der Kehle. Aber der Elch war nicht träge. Er machte halt und riß den Vorderlauf hoch. Einen Augenblick später und die Zähne des Wolfs hätten sich ihm in den Hals gebohrt. Einen Augenblick früher und die stahlscharfe Kante des Hufes hätte den fliegenden Leitwolf in die Rippen getroffen. Aber so traf ihn nur das Knie. Er überschlug sich in der Luft und stürzte zu Boden.

Er war königlich, selbst noch im Sturz. Mit der Gewandtheit einer Katze landete er sicher auf allen vier Pfoten und kroch blinzelnd und hustend ein Stück rückwärts. Das ausgehungerte Pack zeigte die Zähne und rief in düsterem Chor: »El Trueno hat die Beute verfehlt. Wer ist der nächste? Sind wir Kinder oder erwachsene Wölfe?«

Aber bei Wölfen wie bei Indianern kommt im Kampf zuerst die Vorsicht und dann die Tapferkeit. Und obwohl sie sich eifrig in Scheinangriffen aus sicherer Entfernung betätigten, hatten sie alle an dem einen Beweis der Geschicklichkeit genug, mit der der kampferprobte Elch das Leben seines Jungen und sein eigenes verteidigte. Sie zogen es vor, außerhalb des Bereichs seiner Hufe zu bleiben, woraus sich von selbst ergab, daß ihre Zähne auch ihren Gegner nicht erreichen konnten.

Weißwolf hatte all das mit Spannung beobachtet. Es war kein so leichtes Spiel, wie er und La Sombra es mit den fetten Rindern in der Niederung gespielt hatten. Ein rascherer Fuß und ein rascheres Auge gehörten dazu, und ganz gewiß bedeutete es den Tod für den, der versagte. Aber Weißwolf war auch der Überzeugung, daß seine neuen Gefährten, so listige Jäger sie auch sein mochten, in einem wesentlichen Punkte einen Fehler begingen. Sie griffen von hinten und von den Seiten an und bedrohten die Gurgel, aber sein eigener Instinkt lehrte ihn, den Feind beim Kopf zu fassen, immer beim Kopf. Das war die Stelle, die von den flinken Hufen des Elchs am weitesten entfernt war. Und Schnelligkeit des Angriffs – gewiß, er hatte sie am Werk gesehen, und sie hatten ihr Bestes getan, aber keiner war so blitzschnell mit Zähnen und Pfoten gewesen, wie er es sich selbst zutraute.

Und nun erhob er sich und ließ zum erstenmal das Pack seine Stimme hören:

»Wölfe von El Truenos Pack,« sprach er, »ich habe euch an der Arbeit gesehen und gute Arbeit war's und tapfere. Doch, um euretwillen und um La Sombras willen und ebenso um meinetwillen, will auch ich mich an diesem Spiel versuchen. Laßt die Elchkuh noch einmal euer Knurren hören. Tummelt euch, als wolltet ihr sie in die Hinterflechsen beißen. Lenkt sie ab, dann will ich sehen, ob ich sie nicht beim Kopf fassen kann.«

Das Kläffen des Packs stockte.

»Ist das ein Wolfshund oder ein Hundewolf«, höhnte El Trueno. »Wenn El Trueno der entscheidende Streich mißlang, will dein Junges ihn führen, La Sombra? Aber meinetwegen mag der junge Narr die Schärfe ihrer Hufe kosten, wenn es ihn danach gelüstet. Tummelt euch, Brüder, doch ich denke, dies ist ein eitler Prahler und ein Feigling obendrein. Seht, zittert er nicht jetzt schon, wo er nur mit Worten kämpft?«

Und es war wahr. Kälte und Erregung ließen Weißwolf in allen Fibern erbeben. Da aber erhob sich La Sombras Stimme klar über denen der andern:

»Sieh ihn dir an, El Trueno! Dies ist die Stunde! Sieh ihn dir gut an! Bei der Mutter, die mich trug, die Zeit ist gekommen, wo du sehen wirst, was wahrhaft jagen heißt. Spring, mein Sohn, es gilt deine und meine Ehre! Kleiner Sohn, spring und pack zu!«

Wieder wirbelten behende Feinde drohend im Rücken der bedrängten Elchkuh. Wieder machte sie kehrt, um ihnen zu trotzen. Aber diesmal waren weder ihre Gurgel, noch ihre Flanken, noch ihre Läufe in Gefahr. Ein blinkender, weißer Strich schoß durch die Luft und gleich darauf gruben sich die Zähne des Terriers tief in ihren empfindlichen breiten Windfang. Die ganzen achtzig Pfund, die der gedrungene kleine Körper des Hundes wog, rissen zerrend und zappelnd an ihrem Kopf und Hals. Der Ruck, den sie erhielt, war so unerbittlich, daß sie einen Schritt seitwärts taumelte.

Nur einen Augenblick hatte sie das Gleichgewicht verloren. Aber das genügte. Das hungrige Pack hatte seine Gelegenheit erspäht. Lang genug hatten sie auf den Fraß gewartet. Wie von der Sehne geschnellt, schossen ein Dutzend kräftiger Gestalten auf sie los, gierige Zähne vergruben sich in Hals, Flanke und Schenkel.

»Flieh!« rief sie schnaufend ihrem Jungen zu. »Dein Leben für mein Leben! Das ist das Gesetz! Flieh, Liebling ...«

Und sie sank verendend in den Schnee. Aber auch für das Kalb gab es keine Rettung. Wacker griff es aus, um zu fliehen, aber eine kundige alte Jägerin hatte ihm den Weg verlegt – La Sombra. Ihre blinkenden Fänge schnappten zu und die Hintersehnen des Tieres zerbarsten wie eine mürbe Saite unter dem Violinbogen. Das Kalb wälzte sich im Schnee und man hörte jetzt nichts mehr als das kurzatmige Schnaufen und Knurren der Wölfe, die sich sättigten, und das Knacken der Knochen unter ihren gewaltigen Zähnen.

»Tat dies ein Wolf oder ein Hund, El Trueno?« rief die Wölfin glücklich. »Mag der Leitwolf sprechen, damit wir die Wahrheit erfahren.«

Weißwolf ließ den Fraß einen Augenblick fahren und hob den Kopf. Er war mit roter Farbe beschmiert vom Kopf bis zur Rutenspitze, aber er war selig. Es entging ihm nicht, daß der Leitwolf so tat, als sei er in sein Mahl zu sehr vertieft, um La Sombras höhnischen Zuruf zu hören. Zwietracht zwischen ihm und dem breitschultrigen Leiter des Packs verhieß die Zukunft, oder die Stimme, die sich leise in der Brust des Terriers regte, war ein schlechter Prophet.

Inzwischen aber war Fleisch für alle da und mehr, als sie brauchten. Sie fraßen, bis sie nicht mehr weiter konnten, und dann zerstreuten sie sich. Sie fühlten, daß ihnen ein langer und tiefer Schlaf bevorstand, und der Instinkt, der sie beschützte, verlangte, daß mindestens eine gute Viertelmeile Wegs zwischen ihnen und dem nächsten Mitglied des Packs lag, ehe sie sich behaglich im Schnee zusammenrollten. Der Wind erhob sich und jagte Schneewolken vor sich her, die sie in eine weiße Decke hüllten. Warm und geborgen lagen sie. Weißwolf, dicht an seiner Mutter Seite, schlief wie das Pack.

Drei Tage blieben sie dort. Drei Tage währte das Gelage. Und keiner würde glauben, wieviel Pfunde Wildbret jeder einzelne Wolf in diesen Tagen in sich hineinschlang.

Am vierten Tage nagten sie bereits an den Knochen.

Am fünften Tag waren sie von neuem unterwegs. Aber das Pack schien wie verwandelt. Die Löcher in ihren dünnen Flanken waren ausgefüllt. Sie trugen die Köpfe hoch, die sie vordem hatten hängen lassen. Ihre buschigen Lunten, die im Schnee geschleift hatten, waren keck ausgestreckt, jede Unze, die sie gefressen hatten, schien sich in neues Fleisch verwandelt zu haben, sie schienen größer und stärker geworden zu sein. Weißwolf staunte darüber. Er fühlte sich kräftig genug, aber sein Körper vermochte nicht ein Zehntel von dem zu verarbeiten, was diese Räuber der Berge in sich aufnahmen.

Ja, es war der fünfte Tag, als El Truenos Jagdruf über den Schnee hallte: »Die Zeit ist da, o Brüder! Die Zeit ist gekommen, zu neuer Jagdfahrt! Und wer wird euch leiten, wenn nicht El Trueno?«

Die Wölfe erwachten aus ihrem Schlaf. Sie setzten sich auf, aber keiner machte Anstalten, sich El Trueno anzuschließen und sich um die Stelle zu versammeln, wo er saß und seine Stimme dröhnen ließ, bis die Berge im Süden ein mattes und melancholisches Echo zurücksandten. Sie warteten auf etwas. Sie drehten die Köpfe und warfen dem Terrier schielende Blicke zu. Weißwolf aber wandte sich zu seiner Mutter:

»Was geht vor, La Sombra? Haben sie ihren Haß auf mich geworfen? Wollen sie die Fährte nicht betreten, solange ich bei ihnen bin? Was grinsen sie und zeigen alle ihre Zähne und werfen mir schräge Blicke zu?«

La Sombras Antwort war ein Schnauben, erstaunt schien sie und verstimmt.

»Oh, mein Sohn,« sprach sie, »sicher rührt sich nicht die Stimme eines Wolfs in deinem Herzen! Was? Du fragst mich, warum sie El Truenos Ruf nicht folgen wollen und warum sie dich anblicken? Dies geschieht, weil du, Sohn meiner Lenden, Fleisch von meinem Fleisch, Blut von meinem Blut, die Beute zu Fall gebracht hast, wo El Trueno versagte. Verstehst du jetzt?«

»Ich nicht«, sagte Weißwolf. »Wahr ist's, ich packte den Elch beim Kopf, so daß sie ihn niederreißen konnten. Aber was soll das?«

»Bescheidenheit«, sagte seine Mutter steif, »ziemt wohl dem jungen Wurf. Du aber bist kein Jungtier mehr, sondern ein vollerwachsener Wolf. Geh hin zu dem langbeinigen Prahlhans und sprich dein Wort mit ihm. Sag ihm, daß die Tage vorbei sind, wo er das Pack führte und daß du, mein Kind, König bist an seiner Statt.«

»Ich?« japste Weißwolf. »Ich soll das Pack führen, wo ich kaum die Fährte eines Elchs von der eines Stiers unterscheiden kann? Wer bin ich, daß ich ihr Führer sein könnte?«

»Du bist mein Sohn und das genügt!« sagte La Sombra verstimmt. »Aber rede offen. Fürchtest du dich davor, El Trueno zum gerechten Kampf zu stellen, Schulter gegen Schulter und Zahn gegen Zahn, damit das Pack wisse, wer herrschen soll?«

»Oh«, sprach Weißwolf. Sein Auge glitt über die mächtige Gestalt des alten, erfahrenen Kämpen. Gute hundertundfünfzehn Pfund mochte er wiegen. »Angst regt sich in mir, La Sombra. Schwach sind die Gelenke meiner Läufe und steif und kraftlos meine Kinnbacken. Mag er das Pack führen. Ich bin bereit zu folgen, wie bisher.«

Ein grünes Licht schoß in La Sombras Augen auf. Verachtung schien es, ja Haß. »Lieber wünschte ich, du wärest tot, lieber würde ich mit dem übrigen Pack zusammen dir das Fleisch von den Knochen reißen, als deine Unehre mitzuerleben. Hörst du mich? Ich bin La Sombra, und du wirst keine Unehre bringen über mein Haupt!«

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