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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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19. Kapitel

Sie brauchten nicht lange, um herauszufinden, daß nur allzuwahr war, was der kranke Fuchs erzählt hatte. Als sie aus den Schluchten der Vorberge hinaufgekommen waren, ins altvertraute Oberland, wo die Tannen unter der Last des Schnees ächzten und der Boden mit einer dicken, weißen Decke bedeckt war, mußten sie feststellen, daß weit und breit nichts Lebendiges zu sehen war, außer ein paar Falken, die auf rastlosen Schwingen zum Teil hoch in der Luft, zum Teil tief unten über einer stummgewordenen Welt hin und her segelten.

La Sombra bemerkte sie und knirschte ungeduldig mit den Zähnen.

»Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn die Falken hungrig sind«, sagte sie. »Harte Zeiten erwarten uns, in denen nichts als abgenagte Knochen übrigbleiben wird, dessen sei gewiß, mein Sohn. Aber haben wir unseren Witz umsonst? Wir werden Essen finden und nicht verhungern. Oder willst du lieber, daß wir kehrtmachen und wieder in die Niederungen ziehn? Dort unten ist noch immer kein Mangel an Schafen, und Rinder gibt's die Fülle.«

Weißwolf fror bereits. Der Wind zerrte an seinem dünnen weißen Fell und ließ ihn bis ins Mark erschaudern. Aber jetzt wurde ihm noch kälter. Er schloß die Augen und sah eine Schar langbeiniger Hunde, die dicht gedrängt über den Grund dahinschossen, rascher als ein Wolf laufen kann – Hunde, die mindestens so furchtbar waren wie ein mannbarer Wolf und die die Kunst des gemeinsamen Kämpfens besser verstanden, als Wolf und Wölfin, die zusammen für ihre Jungen kämpfen.

Daran dachte Weißwolf. Gewiß, er hatte großes Glück gehabt, hatte es zuwege gebracht, in einem ewig denkwürdigen Gefecht drei dieser Ungeheuer zu töten, aber dies machte ihn nicht blind gegenüber der unwiderleglichen Tatsache, daß unter sonst gleichen Voraussetzungen und auf halbwegs ebenem Boden zwei dieser Hunde genügten, um ihm ohne große Mühe den Garaus zu machen. Er hatte nicht den geringsten Wunsch, in die Niederungen zurückzukehren und noch einmal den langbeinigen Bestien zu trotzen. Keinen Augenblick dachte er daran, welche furchtbare Niederlage er gerade dieser Meute zugefügt hatte, und daß denen, die noch am Leben geblieben waren, jede Kampflust vergangen war.

So sprach er zu La Sombra: »Nein, lieber wollen wir hier oben im Schnee dem Hunger trotzen und dem einzelnen Menschen, der im Tal der Sieben-Schwestern haust. Das ist noch immer besser, als sich unten am Winnemago mit den Hunden herumzuschlagen.«

La Sombra senkte den Kopf. Sie leckte ein wenig an dem flockigen Schnee, als wünsche sie ihrem Sohn das belustigte Funkeln in ihren Augen zu verbergen, aber sie konnte eine gewisse ironische Genugtuung in ihrer Stimme nicht ganz unterdrücken, als sie sagte:

»So unternahmen wir diese Fahrt nicht bloß um meinetwillen, o mein weißer Sohn?«

»Wir unternahmen sie für uns beide«, antwortete er. Denn er war wohl immer ein bißchen aufrichtiger, als ein echter Wolf es fertigbrachte, und bei der Erinnerung an die Hunde dort unten begannen seine Narben unerträglich zu brennen.

In ihrer alten Höhle, am Anfang des Dunkeld Cañon, richteten sie sich häuslich ein. Drei Tage gingen ins Land, und sie hatten in dieser Zeit zusammen keine andere Beute gemacht, als ein einziges halbverhungertes, uraltes Kaninchen, das bereits zu schwach gewesen war, um vor ihnen zu flüchten. In Weißwolfs Äußerem machte sich die dürftige Kost bereits geltend. Er brauchte Fressen und reichliches Fressen, wenn er am Leben und wacker auf den Beinen sein sollte. Ein Wolf kann fasten, bis er nur noch ein loses Bündel von Knochen und Sehnen ist, auf dem die zu weit gewordene Haut in lächerlichen Falten hängt. Trotzdem wird er immer noch fähig sein, so rasch und so schnell zu laufen wie zuvor, bis kurz vor dem Augenblick, wo der Hunger ihm den Garaus macht. Aber der Hund verfügt nicht über solche Reserven an Energie. Er hat nicht die Geduld des Wolfes. Er vermag nicht der Natur, wenn sie einen schlechten Tag hat, ins zürnende Auge zu sehen, ohne unruhig zu werden.

All das brauchte La Sombra nicht zu wissen, aber die Eingebung verriet es ihr. Sie sah klar, daß dieser, ihr Sohn, ein zartbesaitetes Wesen war, das gute Kost nötig hatte und nicht zu knapp verwöhnt sein wollte. Zurück in die Niederungen wollte und konnte sie nicht ziehn, aber wenn sie in den Bergen blieb, war es ihre Sache, dafür zu sorgen, daß ihrem Beschützer der Tisch reichlich gedeckt wurde. Und so sehr war sie sich dessen bewußt, daß sie sich eine Ehrensache daraus machte, den eigenen wühlenden Hunger zu verkneifen, wenn sie auf diese Weise ihrem Pflegesohn einen Bissen mehr verschaffen konnte.

Ihr erster Entschluß war bald gefaßt. Als der dritte Tag zu Ende ging, hatten sie die alte Höhle wieder verlassen. Sie tauchten ins Tal des Tomahawk-Flusses hinab, und das erste was ihnen begegnete, war eine Elchkuh mit ihrem halberwachsenen Sohn. Weißwolf hatte große Lust, sich sofort auf die beiden zu stürzen. Aber die weise, alte Kämpferin hielt ihn zurück.

»Das sind keine Kühe, die der Mensch gezogen und auf seinen Weiden fett gemacht hat«, sagte sie. »Bilde dir nicht ein, daß Elche dumm und blind sind, wenn's zum Kampfe kommt. Just wie wir Wölfe es gewöhnt sind, halten sie die Augen offen, wo Gefahr im Anzuge ist. Mehr als zweier Wölfe Kraft braucht es, um auch nur eines dieser Tiere zu Fall zu bringen. Wenn wir uns auf das Kalb stürzen, werden wir die Mutter auf dem Hals haben, und ein Hieb ihrer Hufe würde genügen, um dir die Rippen zu zerschmettern. Glaube mir, ich war dabei, wie's einem Wolf geschehen ist, und er war der klügste Leitwolf in dem größten Pack, das ich je im Winter auf einer Fährte hetzen sah. Indessen wollen wir den beiden folgen und abwarten, welche Gelegenheit sich uns bietet. Wenn die Mutter jung und töricht ist, vielleicht – – – Wehe, wehe, bitter ist dieser Winter! Wenn je es not tat, daß wackere Wölfe gemeinsam jagten, so ist dies die Zeit. Wären wir ein Pack, wir wären jetzt schon dabei, den beiden das letzte Fleisch von den Knochen zu lösen – ah – und Fleisch wäre da für alle – Fleisch für alle!«

Sie leckte ihre dünnen Lefzen, und ihre vom Hunger geröteten Seher schweiften fragend und spähend im Kreise über die in der Ferne entschwindenden Hügel und die nackten Bäume.

Zwei Tage folgten sie der Fährte der Elchkuh, die kräftig vorwärtsstrebte, dem oberen Tomahawk-Fluß zu, wo ein vielgesuchter Weidegrund der Elche liegt. Aber die Wachsamkeit der Elchkuh ließ Tag und Nacht nicht nach. Einmal dachte La Sombra schon einen günstigen Augenblick erspäht zu haben und stürzte vor, um das Jungtier durch einen kräftigen Biß in die Flechsen zu lähmen. Der erschreckte Elch stieß einen Angstschrei aus und im Nu war die Mutter da und stürzte sich wütend auf La Sombra. Um ein Haar hätte ein Schlag ihres Vorderhufs die Wölfin in die ewigen Jagdgründe befördert, in die alle guten Wölfe einmal einziehen.

Es war ein trauriger Marsch und La Sombra und ihrem Pflegesohn wäre es schlimm ergangen. Aber einmal fanden sie ein erfrorenes Kaninchen im Schnee und am nächsten Tag entdeckten sie, in einer dünnen, vom Frost verkrusteten Schneehülle verkapselt, zwei Blauhühner schlafend auf einem niederen Ast, den Weißwolf mit einem raschen Sprung erreichen konnte. Der dritte Tag brach an und brachte eine Veränderung. La Sombra war es, deren scharfes Gehör zuerst etwas vernahm. Sie stieß ihren Gefährten an. Er hob den Kopf. Jetzt vernahm auch er es. Über den Kamm der Berge, im Norden hinten, schallte im verworrenen Chor vieler Stimmen ein melancholisches, düsteres Geheul.

»Was sind das für Teufel?« fragte Weißwolf und kroch in sich zusammen.

»Wölfe, o Sohn, wie ich und du. Bei meiner Mutter, die mich geboren hat und vor mir starb, sie jagen auf derselben Fährte wie wir! Ah, noch ehe die Nacht kommt, werden unsere Bäuche gefüllt sein, wenn der Leitwolf des Packs weiß, wie man ein Wild zur Strecke bringt. Jetzt ist's Zeit, dem Elch den Weg zu verlegen, o Sohn! Das Pack soll sehen, daß wir unsern Teil der Arbeit auf uns nehmen. Ah, ah! Wenn ich nur jetzt auf meinen vier gesunden Pfoten stünde! Niemals hätte ich sie besser brauchen können, außer vielleicht noch an dem Tag, wo die Hunde mich in den Winnemago hetzten. Stell dich, als wolltest du den Elch von hinten angreifen, mein Sohn, aber wag dich nicht zu nah an seine Hinterhufe! Tu so, als hättest du es hauptsächlich auf das Jungtier abgesehen. Das wird sie beide zum Stehen bringen. Meine Sache ist, sie von vorne anzugreifen.«

Und gleich darauf handelte sie, wie sie gesagt hatte. Wenn man sah, wie ihr vor Wut der Geifer vom Maule troff, wenn man ihr gieriges Heulen hörte, hätte man denken können, dies sei der Augenblick und die Stelle, wo sie die beiden Tiere anzugreifen beabsichtige. Der riesige Mutterelch machte sofort halt. Hier und da versuchte er einen kleinen Ausfall, um La Sombra zu vertreiben. Seine Läufe waren flink; wäre fester Boden unter seinen Füßen gewesen, hätte er die verkrüppelte Wölfin rasch eingeholt. Aber der Schnee war weich und tief, und mühelos vermochte La Sombra zu entschlüpfen. Das Kalb drängte sich ängstlich gegen die Mutter und versuchte sich zu verteidigen, so gut es ging. Aber hier war der Terrier an der Arbeit. Unaufhörlich ertönte sein scharfes, kurzatmiges Bellen. Lächerlich dünn und hoch war seine Stimme im Verhältnis zu seinem Körperbau und seinem Charakter. Langsam begann der Elch mit seinem Jungen sich auf der Stelle im Kreise zu drehen, um so gut es ging, den Feind im Gesicht zu behalten.

Lauter wurde der Chor der hetzenden Wölfe in der Ferne. Die arme Elchmutter verstand wohl, was es bedeutete. Ein schmetternder Schrei rief das Kalb an ihre Seite. Sie machte sich von den beiden Feinden frei, die sie umkreisten, und eilte in schnellster Gangart davon, das Tal hinauf. Aber ihre Flucht dauerte nicht lange. La Sombra schnappte im Laufen dem Elchkalb nach den Hinterflechsen und die Mutter machte verzweifelt kehrt zu einem vergeblichen Angriff. Sie stieß ins Leere, aber noch ehe sie zu bremsen vermochte, war das Pack in Sicht. In voller Fahrt schoß es über den Kamm im Norden und an Weißwolfs Ohren dröhnte ein unheilverkündender Gesang, den er noch niemals vernommen hatte.

Er sah ein Dutzend Wölfe den Abhang herabfegen. Dünn waren ihre Flanken. Ein riesiger, brauner Wolf schoß weit voraus und seine tiefe Stimme beherrschte das Geheul der andern.

Er war rasch heran, dann aber sah er, daß das Wild bereits gestellt war. »Gut so, La Sombra!« knurrte er im Vorbeilaufen: »Ihr habt sie gut festgehalten. Du und das andere Geschöpf. Jetzt geh aus dem Weg und laß die Männer die Arbeit tun.«

»Es geschieht wie du sagst, El Trueno«, sprach La Sombra gehorsam und drückte sich beiseite. Weißwolf folgte ihr.

»Mut, mein Sohn!« murmelte sie ihm ins Ohr. »Starr sie nicht an, als ob sie leibhaftige Löwen wären. Sie sind Volk von unserm Volk, Weißwolf. Hörst du mich?«

»Mein Herz erhebt sich gegen sie,« sagte Weißwolf und fügte niedergeschlagen hinzu: »Wie können sie jemals mich in ihre Reihen aufnehmen?«

»Warum nicht? Gewiß, und mit Stolz. Denn bist du nicht mein Sohn? Achte auf den Leitwolf, o Kind! Sieh wie er seine Wölfe in Ordnung hält und jedem seinen Platz in der Schlachtordnung anweist. Pfiffigkeit ward ihm zuteil außer der Stärke. Sein Name ist El Trueno, weil seine Stimme wie der Donner dröhnt. Du hast sie gehört. Und siehst du den grauen Wolf dort drüben mit dem weißen Streifen quer über der Brust? Das ist ein berühmter Kämpe. Er ist jetzt schon ein wenig betagt, sonst würde nicht El Trueno an der Spitze des Packs laufen, solange er noch da ist. Marco Blanco ist sein Name, und ich habe ihn mit einem einzigen Biß einen Elch lähmen sehen. Noch andere Wölfe, die ich kenne, sind darunter. Wahrlich, niemals war ihr Anblick mir willkommener als heute. Ausgezehrt sind sie alle, und wenn ein Pack wie dieses dünne Flanken hat, dann ist es fürwahr ein Zeichen, daß einzelne Wölfe Hungers sterben müssen. Ha – siehst du den Narren –, einer von den Jungen, und die sind von allen Narren die schlimmsten.«

Das Pack hatte sich im Nu zerstreut und um die beiden Elche einen weiten Kreis geschlagen. Jetzt hockten sich die Wölfe nachdenklich auf die Hinterkeulen in den Schnee, schöpften frisch Atem und widmeten sich der genaueren Prüfung der Aufgabe, die ihnen bevorstand. Der Zahn des Hungers wühlte grausam in ihren Eingeweiden. Weißwolf erschrak jedesmal in tiefstem Herzen, wenn zufällig einer ihrer Blicke ihn trafen, so barbarisch war die Gier, die in ihren Augen loderte. Und doch zeigten sie eine bewundernswürdige Geduld und warteten auf den Befehl ihres Führers und auf die Anordnungen, die seine bekannte Klugheit ihm eingeben mochte.

Indessen lief ein junger Kämpe mit im Pack, dessen Tapferkeit größer war als seine Erfahrung. Der sprang jetzt vor die Front, machte mit steifgehaltenen Pfoten ein paar kurze, herausfordernde Luftsprünge und bellte:

»Es ist meine Jagd! Die Jagd ist mein! Es ist meine Jagd!«

Und plötzlich schoß er vor wie ein Pfeil. Seine Zähne schnappten nach den Hinterläufen der Elchkuh. Dem Bullterrier schien es ein tüchtiger Sprung. Niemals hatte er La Sombra, die verstümmelte, rascher und besser springen sehen. Und doch hatte La Sombra vor seinen Augen Kühe wie Stiere zu Fall gebracht. Jetzt konnte er ermessen, wie gut La Sombra ihre Sache verstanden hatte, als sie sagte, das Wild, mit dem sie jetzt zu tun hätten, sei von ganz anderer Art. Denn die Elchkuh machte bloß eine kleine Wendung und hob einen einzigen Hinterlauf zu blitzschnellem Schlag. Der scharfe Huf traf den Jungwolf in die Rippen und vergrub sich tief in seine Gescheide. Er stürzte und war schon tot, ehe er noch in den Schnee plumpste. Und im nächsten Augenblick drängten sich seine Gefährten im dichten Knäuel um den Gefallenen. Weißwolfs Herz brannte vor Ekel und Entsetzen. Er sah die Wölfe mit unglaublicher Fixigkeit ihren Kameraden zerreißen und verschlingen.

»Ah,« ächzte er, »lebt denn der Teufel selbst in diesen Wölfen?«

Von La Sombra kam keine Antwort. Er drehte sich nach ihr um und merkte, daß sie verschwunden war, und als er genauer hinblickte, sah er sie mitten im Getümmel, eifrig bestrebt, sich ihren Anteil an dem Fraß zu sichern.

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