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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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18. Kapitel

Bei dem Salto mortale, den Tiger im Sturz beschrieb, hatte Weißwolf einen Puff davongetragen, daß er beinah die Besinnung verlor. Aber sein Instinkt blieb wach und lehrte ihn, den Kampf von unten zu führen, so dicht am Boden, wie sein eigener Körperbau es nur erlauben wollte. So tauchte er plötzlich zwischen den Läufen des langbeinigen Sneaker in die Höhe und versetzte ihm, nach Wolfsart, einen klaffenden Riß quer über den Bauch, daß sich Sneaker vor Schmerzen zu einer Kugel zusammenkrümmte – die Wunde war scheußlich, aber sie machte den Hund nicht kampfunfähig. Als Sneaker wieder gerade stehen konnte, war er toll vor Schmerzen – und gibt es etwas Schlimmeres als einen tollen Hund?

Vier Ungetüme stürzten sich auf Weißwolf. Es war, als ob sie nach einer schwirrenden Motte schnappten. Unter Weißwolfs tanzenden Pfoten schien der Boden zu federn wie eine elastische Matratze. Er war mitten unter ihnen und schon wieder davon, ehe auch nur ein Zahn ihn erreichen konnte. Hinter sich hörte er das Wasser aufklatschen, als sich La Sombra angstgejagt in den Fluß stürzte.

Er selbst konnte sich nicht lange genug von seinen Verfolgern losmachen, um den Fluß unbehelligt zu erreichen. Er wußte es. Aber ziemlich dicht am Ufer erhob sich eine steile, felsige Anhöhe. Mit einem Satz gelangte er halb hinauf. Beim zweiten stand er auf dem Gipfel.

Die Stellung bot ihm natürlich keine dauernde Sicherheit, aber jetzt waren seine Feinde genötigt, ihn einzeln anzugreifen. Doc sprang als erster auf ihn los und trug einen bösen Biß davon, der ein Auge des erprobten Veteranen blendete. Grampus, der Spürhund, versuchte sich listig von hinten auf Weißwolf zu stürzen, erhielt einen Denkzettel, der sich blutend über den Hals bis zu den Ohren zog, und er rollte, jämmerlich heulend, von der Anhöhe wieder herunter.

Weißwolfs Herz schwoll triumphierend. Er behauptete das Schlachtfeld. Alles schien in Ordnung. Aber jetzt stürmten zwei Reiter aus dem Wald. Menschenstimmen erfüllten die Luft. Es war dem Terrier, als habe sein letztes Stündchen geschlagen. Er hörte sie brüllen.

»Da liegt Tiger – mit 'nem gebrochenen Bein, bei Gott! Wo sind die beiden Untiere?«

»Ich seh' nur noch eins. Ich denk' – na natürlich – da auf dem Felsen – siehst du das Weiße schimmern? – Der Weiße Wolf, Tom! Faß ihn Pete! Faß, Lefty! Faß, Sneaker! Faß, Doc! Faß, Grampus! Auf ihn, Bande! Tom, wo ist deine Flinte? Eh' uns der weiße Teufel durch die Finger wischt. Ich glaub', die zweitausendfünfhundert Dollar sind uns sicher.«

Seit sie die Menschenstimmen hörten, waren die Hunde wie verwandelt. So schien es wenigstens Weißwolf. Sie griffen ihn mit einer Unbekümmertheit und Wut an, die ihn verblüffte. Tiger war hin – für immer. Sneaker hatte zum letztenmal versucht, den Felsen im Sturm zu nehmen. Jetzt lag er ächzend unten am Fuß, während Blut und Leben schnell entströmten. Aber immer noch waren vier rasende Berserker übriggeblieben, die keine Todesfurcht zu kennen schienen. Sie griffen von hinten an – ein Zähnefletschen und ein Knurren trieb sie zurück, aber als Weißwolf kehrtmachen wollte, um sich gegen einen Angriff von vorne zu decken, bohrten sich ihm Leftys Zähne in den Hals.

Selbst ein Wolf hätte Lefty um die Kraft seiner Kinnbacken beneiden können. Der Terrier wußte, was es für ihn bedeutete. Sein Gegner hatte ihn an derselben Stelle gepackt, an der er in so vielen Schlachten den Feind gefaßt hatte. Er mochte zappeln und kämpfen aus Leibeskräften. Vergebens! Vor diesem Griff gab es kein Entrinnen!

Es gab nur noch eine verzweifelte Hoffnung. Gerade in diesem Augenblick schnappten andere gierige Zähne nach seiner Flanke und verfehlten ihn kaum um Fingersbreite. Wenn er noch einen Augenblick zögerte, hatte die ganze Meute ihre Zähne in seinem Fell.

Weißwolf warf sich von dem Felsen in die leere Luft hinaus. Dreißig Fuß tiefer lag das Ufer, dicht mit Steinen und Geröll bedeckt. Er sauste kopfüber durch die Luft, sah undeutlich die Sterne über den Himmel schwirren, dann war er der oberste in dem Knäuel kämpfender Leiber. Die Sterne verschwanden. Statt dessen erblickte er die drohenden schwarzen Steine dicht unter sich. Im nächsten Augenblick prasselten sie in einem dichten Klumpen auf die Felsen. Weißwolf ging von dem Anprall die Luft aus. Sein hilfloser Körper rollte, sich überschlagend, den Abhang hinab, der rasch dahinschießenden Strömung des Winnemagos zu. Leftys Zähne hatten seine Gurgel losgelassen.

Und niemals wieder sollten sie den Hals eines Gegners packen. Die schwer herabstürzenden Körper hatten Leftys Wirbelsäule getroffen und zerschmettert wie mürbe Kreide. Er war auf der Stelle tot. Pete, Doc und Grampus kamen den Abhang heruntergerutscht und sahen gerade noch, wie die Strömung den Terrier mit unsichtbaren Händen packte und flußabwärts wirbelte.

»Gott steh' uns bei! Drei Hunde sind zum Teufel!« schrie Dan Loftus. »Ruf die übrigen zurück, eh' ihnen die verdammten Wölfe im Wasser den Garaus machen. Lang' mir deine Flinte her. Wer hätte sich das träumen lassen? Schieß doch, Tom, mir zittert die Hand!«

»Ich kann nichts sehen«, ächzte Tom, der mit der Flinte in der Hand am Ufer stand. »Man sieht nichts als den weißen Schaum, wo sich das Wasser an den Felsen bricht. Dan, die Partie ist verloren! Hilf mir nach den Hunden seh'n. Großer Gott! So 'ne Nacht! Ein einziger Wolf und geht durch 'ne ganze Meute wie 'n heißes Messer durch die Butter – und noch nicht einmal ein großes Tier! Soviel hab' ich wenigstens sehen können. Ein reiner Knorz, dieser weiße Wolf, aber er hat alle tausend Teufel der Hölle im Leib!«

Weißwolf war vom Laufen erschöpft, vom Blutverlust geschwächt und von dem Wasser, das er geschluckt hatte als er in den Fluß stürzte, halb erstickt, trotzdem erreichte er den Landungsplatz vor der heimischen Höhle. Niemals aber hätte er die Kraft aufgebracht, ans Ufer zu klettern, wenn La Sombra ihn nicht erwartet hätte. Sie stand fast bis zum Leib im Wasser, packte sein Fell im Genick und half ihm in die Höhe.

Auf müden Beinen schleppte er sich in die Höhle und ließ sich gleich am Eingang auf den Boden plumpsen. Da lag er langausgestreckt, mit bebenden Flanken, die Augen geschlossen, während Mutter Wolfs Zunge seine Wunden leckte.

»Keinen Wolf gibt es, außer einem Wolf!« murmelte sie. »Und das ist Weißwolf! Andere Mütter haben vier Söhne in die Welt gesetzt, aber keiner gleicht dem meinen. Lieg still, hol tief Atem. Du sollst nicht sterben. Die Erschöpfung ist's und nicht die Wunden sind's, die dich schwach machen. Oh, mein Sohn, wenn du mir das Leben schuldest, das ich dir schenkte, du hast mir's zweimal heimgezahlt, da du den Stier tötetest, um mich zu sättigen und da du die Hunde schlugst, die mich verfolgten. Wie kommt's, daß sie dich nicht zerfetzt haben? Ist dein Fleisch aus Eisen? Ist es gefeit gegen Wunden? Still! – Sprich nichts! Alles ist, wie es sein sollte. Schlafen mußt du, und wenn du aufwachst, werden deine Wunden sich geschlossen haben.«

Geschlossen hatten sie sich am anderen Morgen allerdings noch nicht, aber es war wunderbar, um wieviel besser sie schon waren. La Sombra wagte sich, trotz ihrer eigenen Müdigkeit, wieder über den Fluß. Als sie kurz nach Anbruch der Dämmerung zurückkam, trug sie ein fettes Kaninchen in den Zähnen. Sie rührte keinen Bissen davon an, obwohl ihr Bauch zusammengeschnürt war wie ein leerer Ballon. Sie saß dabei und beobachtete mit glühenden Augen, wie er alles verzehrte und gleich darauf wieder in Schlaf fiel. Den ganzen Tag über hielt sie bei ihm Wache und leckte seine Wunden. Erst als die Nacht hereingebrochen war, verließ sie ihn, um für sich selbst und für ihn auf die Jagd zu gehen. Als sie zurückkehrte, war er bereits fähig, sie am Rand zu begrüßen.

Denn, wie sie gesagt hatte, er war wirklich fast aus Eisen gemacht. Wunden und Beulen, an denen ein Hund, der unter Menschen aufgewachsen war, vierzehn Tage krank gelegen hätte, waren bei ihm nur ein paar Schrammen, die verheilten, noch ehe der dritte Tag zu Ende ging.

Und am vierten Tag waren die beiden verschwunden. Denn an diesem Tag hatten sie in der Ferne ein Boot erblickt, das langsam mit der Strömung herabtrieb und an jeder der kleinen Inseln oberhalb der Höhle anlegte. Es waren Männer an Bord, die überall an Land gingen und alle Büsche eifrig untersuchten. Niemand konnte im unklaren sein, daß es keinen Schlupfwinkel gab, der sich den Augen dieser systematischen Jäger entziehen konnte. Deshalb warteten La Sombra und Weißwolf nur noch bis es dunkel war, stürzten sich in den Strom und landeten am jenseitigen Ufer.

Sie wanderten stromauf und hielten sich dabei lange Zeit sorgfältig auf den Steinen in dichtester Nähe des Wassers, wo sie sicher sein konnten, daß die spritzenden Wellen ihre Fährte und ihre Witterung verwischten, ehe sie noch eine halbe Stunde alt geworden war. Schlüpfrig war der Pfad, trotzdem aber liefen sie so gut vier bis fünf Meilen weit, ehe sie es wagten, den Winnemago zu verlassen. Dann ging es ins Land hinein und weiter, den oberen Regionen des Gebirges zu.

Sie wanderten langsam. Tag für Tag erforderte die Jagd weite Abstecher nach Norden und nach Süden, aber sie hielten doch die ungefähre Richtung nach Osten ein, auf den Mount Spencer zu, der täglich größer und größer wurde, bis er mit dem gewaltigen Mount Lomas im Süden und dem flachen Gipfel des Tafelbergs im Norden den ganzen Himmel auszufüllen schien. Ohne daß ein Wort darüber gewechselt wurde, wußten sie beide, daß das Ziel des Marsches das altvertraute Tal der Sieben Schwestern war. Und ebenso fühlten sie beide, daß sie der Gefahr entgegen liefen, vor der sie vor einem Jahr geflohen waren. In diesem Winter lauerte in den Bergen noch eine andere Gefahr, von der Weißwolf noch niemals etwas geahnt hatte.

Es kam ein Tag, an dem ein schneidender Gebirgswind quer über ihren Pfad pfiff und keine Witterung aufkommen ließ, da prallten sie, um die Ecke eines Felsblocks biegend, fast mit einem räudigen Rotfuchs zusammen, der eilig westwärts strebte. Er schnellte zurück wie ein Ball und blieb sprungbereit stehen, gewärtig, jeden Augenblick zu fliehen, aber, wie alle Füchse, nicht geneigt, unnütz Kräfte zu vergeuden.

»Soll ich das kleine Scheusal an der Gurgel packen und in die Schlucht hinunterwerfen?« fragte Weißwolf. »Er ist so nah, daß ich ihn mit einem Satz erwischen kann, eh' er Zeit hat, die Beine zu strecken. Sag was ich tun soll, La Sombra.«

Die Wölfin antwortete: »Schau zweimal, was du tust. Dies Geschöpf ist unrein. Ich müßte am Verhungern sein, eh' meine Zähne dies räudige Fell berühren. – Was ist los, rote Ratte? Wo strebst du so eilig hin? Und was hat deine Flanken so hohl gemacht?«

Der Fuchs feixte voll Bosheit. Einer seiner Fangzähne war abgebrochen und dies machte sein Grinsen noch scheußlicher und hinterhältiger.

»Ich geh' dem aus dem Wege, dem ihr entgegenwandert«, sagte er. »Ich will euch nicht raten umzukehren, denn alle Wölfe sind dickköpfige Narren, aber wenn ihr über den Gebirgskamm kommt, wird euch das Knurren und Kneifen in euren Bäuchen schon Bescheid sagen, liebe Freunde. Sind doch die Mäuse selbst gestorben, weil kein Körnchen Futter mehr zu finden war. Die Kaninchen sind an einer Seuche zugrunde gegangen. Sprecht selbst, was soll uns, die wir Fleisch zur Nahrung brauchen, ein Land, in dem es keine Kaninchen und Mäuse mehr gibt? Adios, liebe Freunde! Für dich, Weißwolf, hab' ich noch ein Wörtchen im besonderen. Selbst hier oben in den Bergen hab' ich von dir gehört. Aber dies sag' ich dir zur Warnung. Wenn du unter die gerätst, die wahre Wölfe sind, werden sie merken, daß du nur ein Hund bist, und du wirst ihnen einen fetten Fraß liefern, junger Freund. Fahr wohl!«

Mit einem Satz sprang er auf einen Felsen, erreichte von da aus einen anderen darüber und strich davon.

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