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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 18
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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17. Kapitel

Sie dehnten ihre Jagd diesmal weiter nach Westen aus, als sie gewohnt waren. Dort lag die Wüste, die La Sombra nicht liebte. Seitdem sie gelähmt war, konnten diese weiten, offenen Flächen bei einer Verfolgung gefährlich werden. Aber die beiden streiften bis dicht an den Rand und vertieften sich in die vielen Gerüche, die grüßend zu ihnen herüberwehten.

»Auf dem Hügel dort sind Rinder, mein Sohn.«

»Ich habe keine Lust, einen Stier zu töten.«

»Es sind Gänse an dem Teich zu unserer Rechten.«

»Laß sie sein. Sie sielen sich im Schlamm und stinken nach Morast.«

»Da sind auch Schweine, dicht neben dem Schuppen, aus dem es so gut nach süßem Heu duftet.«

»Ah, das behagt mir besser.«

»Wollen wir dorthin?«

»Weise Mutter, du zeigst mir den Weg, wie eine Sonne mitten in der Nacht. Geh voran und ich folge dir.«

An der Ecke des Schweinekobens machte La Sombra halt. Es stank.

»Was ist das?« fragte sie.

»Ich höre nichts.«

»Diese Witterung ist zu streng. Mach deinen Sinn frei davon, o Sohn, und horche auf die Dinge, die leiser sind als der Wind.«

Er spitzte die Ohren. In der Ferne hinter dem Horizont, verschwommen und kaum hörbar, vernahm er etwas wie das Bellen eines Hundes.

»Ein Hund, der beim Jagen Hals gibt«, sagte er.

»Und auf was macht er Jagd?«

»Wie soll ich's wissen? Vielleicht auf den Waschbären, den du gewittert hast, eh' wir den Fluß verließen.«

»Schlägt so ein Hund an, der hinter einem Waschbären her ist? Nein! Der jagt auf größeres Wild! Spitze noch einmal die Ohren, o mein Sohn.«

»Ich höre es deutlicher. Es ist nur eines einzelnen Hundes Stimme.«

»Du hörst es deutlicher, weil es gegen uns herankommt.«

»Laß uns ans Fressen denken, Mutter. Fürchtest du dich vor einem einzigen Hund?«

»Wenn ein Hund zu dieser Stunde jagt, so ist's wahrscheinlich, daß ein Mensch mit ihm auf der Jagd ist. Wir wollen warten, bevor wir ans Fressen denken. Wir haben Zeit, und es ist nicht angenehm, mit einem gefüllten Wanst zu laufen, wie du selbst wohl weißt.«

»Bah!« schnaubte Weißwolf verächtlich. »Dein ganzes Leben lang machst du dir Sorgen. Das wäre ein elendes Dasein, wenn man immer vor dem nächsten Augenblick sich fürchten sollte. Ich sage dir, mir tut das Herz im Leibe weh, so sehn' ich mich nach Schweinefleisch.«

»Laß es weh tun, o Sohn, laß es weh tun. Ha! Hörst du's jetzt? Und jeden Augenblick kommt's näher! Und was wirst du sagen, wenn ich dir verrate, was du längst schon wissen solltest? In dieser Tonart bellen Hunde, wenn sie auf der Fährte eines Wolfes laufen!«

Der Terrier stellte die Ohren auf und horchte.

»Du sprichst wahr«, sagte er. »Sie laufen auf einer Wolfsfährte.«

»Und wir sind gar weit vom Fluß. Komm, mein Sohn, wir müssen uns auf den Heimweg machen. Aber zuerst laß uns durch das Gehege laufen, in dem die Schweine sind. Es ist so viel Gestank dort drinnen, daß unsere Fährte die Witterung verlieren wird.«

Sie waren über den Zaun und wieder draußen, ehe die erschreckten Borstentiere ihre schläfrigen Augen zu öffnen vermochten.

»Wie leicht, wie leicht wär's gewesen!« seufzte Weißwolf, als sie Seite an Seite tüchtig ausgriffen. »Hast du den weißen Eber gesehen, der auf der Seite lag und schlief? Ich hätte ihm bloß meine Zähne in die Gurgel zu schlagen brauchen, Mutter. Wie leicht wäre es gewesen!«

»Ein leerer Magen macht leichte Füße und scharfe Zähne, o mein Sohn, und es ist besser, hungrig zu leben, als fett zu sterben. Laß uns diesen Bach kreuzen und längs der Fährte zurückblicken, auf der wir gekommen sind, damit wir sehen, was zu sehen ist. Wie rasch der Hund sich nähert!«

Sie lauschten. Das Bellen kam rascher und rascher näher.

»Und Pferde hör' ich auch«, sagte La Sombra. »Das heißt, daß Menschen dabei sind.«

Sie hörten das Unterholz unter den Hufen galoppierender Pferde krachen.

Sie suchten Deckung in einem Klumpen dichten Buschwerks, von dem aus der Streifen offenen Landes bequem zu überblicken war, den sie durchkreuzt hatten, als sie durch das bebaute Land in der Richtung der Wüste gezogen waren. Und kaum hatten sie Unterschlupf gefunden, als das Gebell des jagenden Hundes in allernächster Nähe zu hören war. Gleich darauf sprang das Tier selbst in die Lichtung heraus, ein langes, gespenstisches Geschöpf. Der Körper eines Windhundes, dessen langer Hals aber den grotesken Kopf eines Fuchshundes trug. Das Tier lief rasch und senkte nur hier und da die Nase witternd auf den Boden. Hinter ihm sausten wie ebensoviele Wurfspeere, fünf gewaltige, dunkelgefärbte Hunde, größer als Wölfe, mit langen Fängen und unheilverkündenden Köpfen. Was sie noch unheimlicher machte, war, daß sie keinen Laut von sich gaben. Ihre langen Sprünge trugen sie leicht über den Boden und so mühelos hielten sie das Tempo ein, daß nicht einer die Schnauze geöffnet hatte.

Im nächsten Augenblick waren sie schon jenseits der Lichtung verschwunden. Zwei Reiter kamen in Sicht und brausten vorbei. Es dämmerte. La Sombra stand auf und lief ins Freie. Sie schüttelte sich unbehaglich. »Ist es nicht gut, mein Sohn, daß unsere Bäuche nicht schwer sind von allzuvielem Fressen?«

»Es ist gut, Mutter. Nichts könnte sie hindern uns einzuholen, außer der listigen Fährte, die du zu hinterlassen weißt. Nur dein Witz kann ihnen einen Streich spielen, und wenn sie uns erreichen sollten, wird es sich zeigen, fürchte ich, daß sie aus anderem Stoff gemacht sind als all die anderen Hunde, die wir überrannt haben, wie wenn sie nur Kaninchen wären.«

Sie steuerten jetzt so gerade als möglich auf den Fluß zu, den sie oberhalb ihres Schlupfwinkels unter dem Felsen erreichen wollten. Aber sie machten manchen Umweg, um alle Farmhöfe zu passieren, die in einer losen Kette zwischen ihnen und dem Flusse lagen. Denn jeder Hof, durch den sie liefen, bot die Hoffnung, daß ihre Witterung vorübergehend in tausend anderen Gerüchen unterging. Auf den Strecken zwischen diesen einzelnen Stationen lief La Sombra, so rasch ihre drei Füße sie tragen wollten.

Das Gebell des Spürhundes ertrank im Wind. Aber bald hörten sie es wieder. Die sechs Hunde hatten das äußerste Ende der Fährte erreicht und kamen mit unheimlicher Geschwindigkeit zurück. Es war, wie der Terrier prophezeit hatte. Schnelligkeit genügt nicht, um die beiden Flüchtigen zu retten. Von Zeit zu Zeit schallte der Lärm der Verfolgung deutlicher gegen den Wind herauf. Von Zeit zu Zeit mäßigten die Hunde ihren Lauf und warteten, bis der kluge Spürhund die Geheimzeichen der Fährte entziffert hatte.

So kam die Zeit heran, wo La Sombra und ihr Sohn das letzte Gehöft erreicht hatten. Jetzt galt es die Verfolger abzuschütteln und unbehelligt den langen Lauf über die Felder und durch den Wald bis zum rettenden Fluß zurückzulegen. Aber jetzt, wo sie ihre Kräfte am dringendsten brauchte, war La Sombra schon beinahe erschöpft. Noch hatten sie den Schutz der Wälder nicht erreicht und erst die Hälfte des Wegs zurückgelegt, als sie hinter sich den gellenden Triumphschrei hörten, mit dem der Leithund die neue Fährte im offenen Feld aufnahm.

»Sie kommen schnell, o Sohn«, ächzte La Sombra. »Wenn jemals mein Witz dir genützt hat, wenn jemals meine Nase dazu taugte, ein Rätsel für dich zu lösen, wenn jemals meine Stärke dich beschützt hat, wenn jemals die Milch aus meinen Zitzen dich gelabt hat, o Sohn, so halte mir jetzt die Treue und verlaß mich nicht.

Ihr Pflegesohn rannte dicht hinter ihr.

»Denke nicht daran,« schnaufte er, »spar' deine Kraft fürs Laufen. Und sei eingedenk, daß ich hier bin, um dein Fell zu retten, wenn es zu retten ist. Laufe aus Leibeskräften und halt' aus. Niemals werd' ich dich verlassen, Mutter!«

Dies schien ihr neue Zuversicht zu geben. Und Zuversicht ist Kraft. Sie lief auf drei Beinen und die Schulter, die bei jedem Sprung das ganze Gewicht des Körpers aufzufangen hatte, schmerzte, als ob jede Sehne darin bersten wolle. Noch immer aber hielt sie durch, während ihr vor Erschöpfung die Funken vor den Augen tanzten.

Sie erreichten den Wald und La Sombra schlug die Richtung ein, in der das Wasser am raschesten zu erreichen war, da wo der Winnemago eine große Kurve nach Westen zu beschrieb. Aber wehe! Wie schnell die Gefahr im Rücken näher herankam! Die Beine der Verfolger schienen keine Müdigkeit zu kennen, während unter La Sombra die Läufe nachzugeben schienen und sie immer tiefer zu sinken schien. Ihr buschiger Schweif schleifte nach und war dick mit Schmutz und welken Blättern bedeckt.

»Ich kann nicht weiter«, ächzte sie. »Wir wollen uns zum letzten Kampf stellen und miteinander sterben.«

»Weiter! Weiter!« schrie Weißwolf. »Der Fluß ist nah. Seh' ich ihn nicht schon durch die Bäume glänzen?«

Wohl war es das erste Glitzern des rettenden Flusses, aber hinter ihnen ertönte im selben Augenblick ein blutgieriges Geheul, nicht mehr allein das Halsgeben des Spürhundes, sondern das Geläut der ganzen Meute. Die sechs Ungeheuer hatten zum erstenmal ihr Wild erblickt.

Wie rasch sie jetzt näher kamen! Weißwolf warf einen Blick über die Schulter und sah, wie die fünf schwarzen Gespensterhunde sich an dem Spürhund vorbeischoben und die Führung der Jagd übernahmen. Wie ebensoviel Wurfspieße schwirrten sie heran – und immer noch war es eine ganze Strecke bis zum rettenden Fluß.

»Lauf!« japste Weißwolf. »Lauf was du kannst, Mutter! Ich werde sie zum Halten bringen – sieh, daß du inzwischen das Wasser erreichst! Schneller!«

»Ich habe keine Kraft mehr – mir birst das Rückgrat – ich werde sterben, Weißwolf!«

»Nein, du wirst leben! Schneller, La Sombra!«

Er winselte es in tödlicher Spannung. Die Schatten der Verfolger hatten ihn schon erreicht, dicht hinter sich hörte er den Leithund schnaufen – kein Wolf, kein langbeiniger Hund hätte wagen können, was er jetzt wagte. Es gehörten sein gedungener Körperbau und blitzschnelle Gewandtheit dazu. Weißwolf warf sich herum und drückte sich im selben Augenblick dicht an den Boden. Er sah einen gierig geöffneten Rachen dicht über sich. Aber er hatte sich so flach an die Erde geschmiegt, daß die langen Zähne ihn verfehlten. Sie glitten harmlos über seinen Rücken, während sich die Kiefern des Terriers wie eine eiserne Faust um den Vorderlauf des mächtigen Hundes schlossen.

Es gab einen fürchterlichen, zerrenden Ruck. Fleisch und Bein konnten es nicht aushalten. Etwas mußte nachgeben. Und während der Hetzhund sich überschlug und dröhnend auf den Rücken plumpste, brachen die Knochen seines Vorderlaufs mitten durch.

So fiel Tiger, der schnellfüßigste Hund der Meute und der erfahrenste. Heulend wälzte er sich und schnappte, wütend vor Schmerz, nach Steinen und Moos, während der Terrier aufsprang und sich seinen fünf übrigen Gegnern zum Kampfe stellte.

Sie hatten den lahmen Wolf vergessen, der dem Fluß zustrebte – sie hatten das Angstgeheul ihres Leithundes in den Ohren und erblickten den weißen Feind, der sich ihnen gestellt hatte. In wildem Wirrwarr stießen und drängten sie sich gegenseitig, weil jeder als erster dem Bullterrier die Zähne ins Fell schlagen wollte.

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