Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170530
projectidf6866be3
Schließen

Navigation:

16. Kapitel

Der Hinterhof des Hauses war von einer Hecke eingefaßt. Von da aus besah sich Weißwolf den Knäuel der Hunde. Auf fast allen Farmen findet sich eine solche buntscheckige Versammlung. Auch hier waren zwei oder drei unmögliche Bastardköter, dann ein gewaltiges Scheusal vom Schlag der Bluthunde, ein Windhund und zwei Fuchshunde. Weißwolf kannte alle Eigentümlichkeiten seiner Gegner. Seit einem Jahr hatte er jede Gelegenheit wahrgenommen, die Kampfmethoden der verschiedenen Hunderassen zu erproben und seine eigene Taktik auf Grund seiner Erfahrungen zu verbessern. Denn das Gesetz der Wildnis ist: »Dank der Schärfe deiner Zähne sollst du leben!« Weißwolf aber liebte außerdem den Kampf um des Kampfes willen. Vergeblich predigte ihm seine Mutter, daß alle Kämpfe, außer denen, die die Notwendigkeit befiehlt, unbeschreibliche Torheit sind. In dem Terrier brannte die Kampflust wie ein verzehrendes Feuer. Es gab nichts, was sie dämpfen konnte.

So lag er auch jetzt unter dem Wind, beobachtete die Hundeversammlung und fragte sich, ob die Übermacht für das, was er im Schilde führte, wohl zu groß sei. Im allgemeinen hatte er für Hunde nur die unbegrenzteste Verachtung übrig. Er kannte zwei Arten, um mit ihnen fertigzuwerden. Wenn sie in der Überzahl waren, konnte er sich der Taktik bedienen, die er La Sombra und Schlappohr abgelauscht hatte. Die beiden waren Meister in der Kunst des Raufens nach der Manier des Grauwolfs, die lehrt, daß man den Gegner mit der Schulter treffen und ihm die Zähne wie ein Messer durchs Fell treiben soll. In dieser Art zu fechten hatte Weißwolf einen Vorteil vor anderen Wölfen voraus. Er war unvergleichlich gewandter auf den Läufen. Sein Körperbau war gedrungener und er konnte sein ganzes Gewicht tiefer am Boden zur Geltung bringen. Dagegen war es ein Nachteil, daß er es nie zuwege brachte, seinem Gegner so tiefe und kräftige Risse und Wunden beizubringen wie ein echter Wolf. Von der zweiten Kampfweise, über die er verfügte, machte er nur dann Gebrauch, wenn er es lediglich mit einem einzelnen Gegner zu tun hatte und ihm nur daran lag, sich durch Übung in seiner Kunst zu vervollkommnen. Denn diese zweite Fechtweise war mit ihm auf die Welt gekommen wie sein weißes Fell. Es war ein Instinkt, der ihn trieb, den Feind beim Kopf zu packen und sich entweder an seinem Kiefer zu verankern, wenn es möglich war, oder seine Kehle zu fassen oder schließlich, wenn sich auch diese zweitbeste Chance nicht bieten wollte, einen Vorderlauf des Feindes zwischen die Kinnladen zu bekommen. Seine Zähne bahnten sich dann schnell genug einen Weg bis zum Knochen hinab. Mit dieser doppelten Ausrüstung an Wissen und Erfahrung fühlte er sich, wo Hunde im Spiel waren, über jede niedrige Furcht erhaben. So lag er nun und wartete auf eine günstige Gelegenheit.

Mit einemmal öffnete sich die Küchentür – ein breiter Lichtstrahl fiel in die Dunkelheit. Ein großer Knochen flog mitten unter die knurrenden Hunde. Im Nu drängten sie sich in einem dichten Knäuel um die Beute. Ihr scharfes Gekläff verursachte einen gewaltigen Tumult, bis sich in einer Ecke des Hofes die plumpe Gestalt des Bluthundes erhob. Er watete mühelos durch den Knäuel und packte den Knochen. Ein Knurren genügte, um alle Mitbewerber auseinander zu jagen. In einiger Entfernung machten sie halt, der Geifer troff ihnen vor ohnmächtiger Wut von den Lefzen, aber keiner wagte sich einen Schritt näher heran.

Weißwolf stand auf, um sich den Gegner aus der Nähe zu betrachten. Der Hund war lohbraun gefärbt wie ein Berglöwe, schwer und massig gebaut und sicher nicht rasch auf den Füßen. Aber er hatte Kinnladen wie ein Schraubstock und das war ohne Zweifel der Grund, warum die übrige Bande hilflos und zitternd im Hintergrund blieb. Wahrscheinlich hatte ein oder der andere von ihnen schon einmal in diesem Schraubstock gesteckt und sie hatten seitdem die schmerzhafte Lektion nicht mehr vergessen können.

Außerdem aber war da der Knochen, an dem noch üppige Fleischfetzen hingen und der in seinem Innern ungeahnte Reichtümer von fettem Mark zu bergen schien. Der Bullterrier kämpfte mit der Versuchung, bis er nicht mehr zu kämpfen imstande war. Die Aussichten waren prachtvoll. Gleich nebenan ragte die Behausung des Menschen drohend in der Dunkelheit und die Hauptperson war ein respekteinflößender Gegner für einen Zweikampf. Aber es gab auch einen Siegespreis, der der Mühe wert war, ganz abgesehen von der Lockung, die ein Kampf mit diesem Feinde bot.

Mit der Geschwindigkeit eines Adlers, der sich von seiner hohen Klippe herabstürzt, fiel Weißwolf über seinen Gegner her. Der überrumpelte Bluthund sah etwas Weißes aufblitzen und schon hatte der Bullterrier den Knochen gepackt und ihm aus den Zähnen gerissen.

Er hätte sich mit der Beute unbehelligt zurückziehen können, aber er war nicht nur auf Fressen erpicht, obwohl der Geschmack des gekochten Fleisches seinem Gaumen fremd und lieblich zugleich dünkte. Es dürstete ihn nach Kampf. Die Gelegenheit bot sich sogleich. Die Hunde starrten ihn an, aber keiner rührte sich, um ihn anzugreifen. Sie waren windwärts von ihm. Das war für Weißwolf immer wieder ein neues und überraschendes Erlebnis. Wenn die Meute unter dem Wind war, dann konnte er sicher sein, daß sie im nächsten Augenblick »Wolf! Wolf!« heulte und über ihn herfiel. Wenn aber der Wind von ihnen zu ihm hin stand, dann hatte es immer den Anschein, als ob sie ihn als einen der ihrigen betrachteten. Das war ein Geheimnis, das er noch nie hatte enträtseln können.

Wolf oder Hund, der Bluthund war auf keinen Fall geneigt, den saftigen Brocken ohne Kampf fahren zu lassen. Er raffte sich zusammen und ging zum Angriff über. Weißwolf sprang zur Seite wie ein Boxer und riß seinem Gegner mit einem einzigen wohlgezielten Biß den ganzen Hinterschenkel auf.

»Wolf!« knurrte der Bluthund, als er von seinem Gegner volle Witterung bekommen hatte. Er machte kehrt und griff von neuem an. Auch diesmal bekam er nur die leere Luft zu fassen und trug einen derben Denkzettel davon. Da verließ ihn alle Besinnung. Er griff zum drittenmal an und vergaß dabei den Kopf niedrig zu halten. Gerade darauf hatte der Terrier gewartet. Er glitt unter seinen Gegner wie ein tauchender Seehund, fuhr in die Höhe, und im gleichen Augenblick schlossen sich seine Kiefer eisern über der Gurgel des überlegenen Widersachers.

»Wolf!« würgte der Bluthund heraus, als er hilflos zappelnd auf dem Rücken lag. »Hilfe!«

»Wolf?« höhnte einer der Fuchshunde, der die Gelegenheit benutzte, sich des im Stich gelassenen Knochens zu bemächtigen. »Wolf? Nein, sondern ein Hund wie wir alle – und einer, in dem du deinen Meister gefunden hast, dickwanstiger Meuchelmörder!«

»Wolf!« würgte der Bluthund heraus. »Ich bin hin, wenn ihr nicht helft! Wolf! Riecht ihr denn nichts?«

Seine Augen quollen aus den Höhlen. Seine Zunge schlappte lang heraus. Der Terrier hatte den Griff gewechselt und ihn noch unerbittlicher gepackt. Seine Zähne bohrten sich immer tiefer. Einer der Bauernköter, der mit begeistertem Gekläff um die beiden Kämpfer herumgetanzt war, geriet in diesem Augenblick an eine Stelle, wohin der Wind vom Kampfplatz wehte. Er stand stockstill und schnüffelte in der Luft.

»Wolf! Wolf!« kläffte er. »Es ist die Wahrheit!«

Und gleich darauf gruben sich seine Zähne in den Hinterlauf des Terriers. Das war nur der Auftakt. Mit wildem Geheul fiel, seinem Beispiel folgend, auch der Rest der Meute über Weißwolf her.

Weißwolf ließ den Bluthund los, der schon am Ende seiner Kräfte war. Auf den ersten Hieb rissen seine kräftigen Zähne dem Bauernköter das Fell vom Ohr bis zum Auge auf. Aufheulend ließ der Verwundete Weißwolfs Hinterlauf fahren. Der zweite Hieb spaltete einem der Fuchshunde das Ohr und die Kinnbacke. Wie ein weißer Dämon tauchte der Bullterrier aus dem quirlenden Haufen der Hunde in die Höhe. Gerade in diesem Augenblick öffnete sich die Hintertür des Hauses und eine Frau rief heraus: »Jerry – Mack – hört auf mit dem Radau, ihr Dummköpfe – heiliger Himmel, da ist der weiße Wolf!«

Sie war sonst ein vernünftiges Frauenzimmer, und wäre das Licht etwas besser gewesen, hätte sie vermutlich erkannt, um welches Tier es sich handelte, aber es war bereits so gut wie Nacht. Sie vermochte nichts zu unterscheiden als eine unbestimmte weiße Gestalt, die sich plötzlich aus der Mitte des Hundeknäuels löste und vor der die ganze Meute zurückschrak, wie vor einem bösen Geist. Das gespenstische Geschöpf machte noch einmal halt, um rasch den verlassenen Markknochen zu packen und verschwand durch die Hecke. Und all das geschah, ehe man bis drei zählen konnte.

»Dad!« kreischte sie ins Haus hinein. »Der weiße Wolf! Hörst du nicht? Er hat Champ totgebissen und zwei andern einen Denkzettel versetzt – und – faßt! Faßt!! Ihm nach, Jerry! Holla, Mack, erwisch ihn! Oh, ihr Esel, ihr Feiglinge!«

Denn die Hunde rührten sich nicht. Sie lagen und leckten ihre Wunden und antworteten nur mit einem Winseln. Soweit sie aber ihr heiles Fell bewahrt hatten, schienen sie nicht zu wünschen, weitere Bekanntschaft mit dem weißen Teufel zu machen, der schnell war wie ein Blitz und Zähne hinten und vorne zu haben schien. Sie begnügten sich damit, zwecklos im Hof im Kreise herumzulaufen und ein beredtes Heulen auszustoßen, das ihren Herrn veranlassen sollte, herauszukommen und die Führung zu übernehmen. Dann natürlich würden sie sich alle miteinander tapfer wie die Löwen zeigen.

Sid Harter nahm sich nicht die Zeit, nach einem Gewehr zu greifen. Als er die Worte »weißer Wolf« hörte, sah er vor sich – von einer willigen Phantasie hingezaubert – zweitausendfünfhundert Dollar funkeln und war mit einem Sprung an der Hintertür, den Revolver in der Faust.

Aber es war zu spät, selbst für einen Schuß aufs Geratewohl. Von dem berüchtigten Würger sah er nicht mehr, als andere vor ihm zu sehen bekommen hatten, einen matten, hellen Fleck, der, wie ein Blitz dahinschießend, sofort im Dunkeln verschwand.

»Wenn ich bloß dabei gewesen wär',« ächzte er, »aber 's ist zu spät. Die Bestie schlachtet uns zwei Kühe, eh' 's noch Morgen wird, wenn wir ihr nicht Beine machen. Und dabei hat er die Hunde zu Grund' gerichtet. Rasch, Marie, ans Telephon! Klingle bei Chick Parker an. Die Brüder Loftus müssen bei ihm sein – die Kerle, die das Maul so voll genommen haben, was sie mit ihren Hunden ausrichten können. Jetzt haben sie mal 'ne Chance. Die Fährte ist frisch – woll'n mal sehn, was sie mit ihren Wunderhunden ausrichten.«

Draußen unter den drei einsamen Fichten lag Weißwolf schnaufend neben seiner Mutter ausgestreckt. Obwohl er ihr den verlockenden Knochen hingeworfen hatte, beschnüffelte sie erst voller Sorge die Wunden in seinem Hinterlauf.

»Das ist nicht schlimm«, keuchte er. »Ein paar Kratzer, die nur die Haut geritzt haben. Der Köter kam von hinten, als ich grad' 'nen andern auf den Rücken gelegt hatte. Aber heiß ist mir geworden. Für den Augenblick hab' ich genug. Knackst du den Knochen, Mutter?«

»Aha«, grinste La Sombra. »Weht daher der Wind? Mit all deinen Heldentaten und deinem Erwachsentun brauchst du mich doch noch, he? Ist dir der Knochen zu dick?«

»Unsinn«, japste ihr Pflegesohn. »Aber ich muß mich schonen. Wer weiß, ob ich meine Kinnbackenmuskeln heut nacht nicht noch für was Besseres brauch'. Knack den Knochen und sprich nichts mehr.«

»Ich sage kein Wort mehr«, sagte La Sombra, hochzufrieden. »Doch du täuschst mich nicht, mein weißer Sohn! Mir macht man nichts vor! Aber 's ist alles, wie's sein soll. Die Jungen sollen von den Alten lernen. Nun sieh zu – das macht man so!«

Sie klemmte ein Ende des Knochens zwischen ihre Vorderpfoten, so daß das andere Ende frei in der Luft stand, dann schoß ihr Kopf vor und ihre mächtigen Kinnladen packten den Knochen mit aller Gewalt. Die dicke Wand des Knochens zersplitterte unter ihren Zähnen. Weißwolf sah bewundernd zu. Oft schon hatte er es versucht. Unendliche Mühe hatte er sich gegeben, den Kniff zu lernen. Niemals aber war es ihm gelungen, mit derart zermalmender Wucht zuzubeißen, und niemals hatte er sich den besonderen Kniff aneignen können, den es dabei anzuwenden galt.

Das Mark lag jetzt frei. Sie fraßen, friedlich Seite an Seite gelagert. Dunkel und verschwommen regte sich in La Sombra das Bewußtsein, daß nie in ihrem langen Leben sie bisher von Wölfen gehört hatte, die eine so prachtvolle Beute friedfertig miteinander teilten.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.