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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 16
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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15. Kapitel

Die Sonne verschwand lange vor der Stunde ihres Untergangs. Dicker Nebel braute über dem Land, und als das Gestirn diese Dunstschicht erreicht hatte, erlosch es und ließ die Welt in einem tristen grauen Zwielicht zurück. Um diese Zeit erwachte La Sombra. Sie gähnte. In der Höhle herrschte pechschwarze Finsternis. Zu sehen war nichts, außer dem matten Lichtfleck, der den Eingang bezeichnete. Aber neben sich konnte sie die Atemzüge ihres Pflegesohns hören. Ihre kalte Nase stieß ihn an. Er sprang knurrend auf.

»Ein leerer Magen gibt schlechte Träume«, sagte La Sombra. »Was ist dir, mein Sohn?«

Er kroch dicht an sie heran, als müsse er sich wärmen.

»Ich träumte, wir kehrten in die Höhle zurück. Aber es war keine fröhliche Heimkehr. Hundert Hunde fielen über uns her und Menschenwitterung drohte mich zu ersticken.«

»Ah, ah,« murmelte die Wölfin, »hast du es doch gelernt, den Geruch zu hassen? Aber es ist Zeit. Wir müssen weg. Zwei Tage ist's her, daß ich zum letztenmal gefressen habe. Und um diese Stunde ist die Wacht am Flußufer nicht so streng.«

Sie krochen hinaus, wo sie das graue Zwielicht des späten Nachmittags empfing. Ihre Zufluchtsstätte schien von außen nichts anderes als ein nackter mächtiger Felsen, der unmittelbar aus den Wassern des Winnemago emporstieg. Um seinen Fuß schäumte und lärmte die Strömung. Nichts als ein Zufall hatte eines Tages, als ihnen die Hunde hart auf den Fersen waren, der Wölfin und dem Hund, die sich in den Fluß geworfen hatten, gezeigt, daß es an diesem Felsen doch eine einzige Stelle gab, wo man landen konnte. Ein Zufall war es auch, daß sie die schmale Felsspalte entdeckt hatten, die tief ins Innere des Felsens führte, und sich dort zu einer bequemen Schlafstelle erweiterte. Aber nachdem der Platz einmal gefunden war, wußte Mutter Wolf recht gut, welchen Schatz sie entdeckt hatten, wenn sie auch jedesmal der Strömung trotzen mußten, um die Höhle zu verlassen oder heimzukommen. Sie hatten die Stelle zu ihrem ständigen Heim gemacht. Seit einem Jahr hatten die verzweifelten Farmer der Umgegend, ja auch die erfahrenen Jäger, die die immer höher anschwellende Belohnung von nah und fern herbeilockte, immer wieder erfahren müssen, daß die Spur der beiden Wölfe ihnen am Ufer des Winnemago auf Nimmerwiedersehn verloren ging. Weiter oben im Strom und unterhalb des Felsens lagen ein paar dicht bewaldete, breite Inseln. Sie alle hatte man von Anfang bis zum Ende durchsucht, aber keiner der Verfolger hatte es je der Mühe wert gefunden, den unscheinbaren Felsvorsprung näher in Augenschein zu nehmen.

La Sombra musterte aufmerksam die dichtbebuschten Ufer des Winnemago stromauf und stromab. Nirgends schien Gefahr im Anzug. Aber als Weißwolf an ihrer Seite sprach: »Alles in Ordnung, Mutter, laß uns hinüberschwimmen,« knurrte sie zurück: »Alles ist in Ordnung, soweit das Auge spähen kann, aber was kündet dir das andere Auge, das bessere Kunde bringt und um die Ecke sieht?«

Gehorsam ließ sich Weißwolf auf die Hinterläufe nieder und schnüffelte im Wind, der quer über den Fluß daherkam. Er schnupperte nach rechts, er schnupperte nach links. Er hob die Nase hoch in die Luft und senkte sie bis auf den Boden.

»Ein Wiesel ist unterwegs – es jagt weiter oben am Ufer – und weit, weit weg spür' ich ein Stinktier ...«

»Ein Wiesel und ein Stinktier!« schnaubte La Sombra verächtlich. »Hab' ich dich gefragt, ob die Berge noch auf ihren Plätzen stehen? Mag ich niemals den liebsten meiner Söhne einen Narren nennen, aber hat mir der Wind nicht Botschaft von dem Wiesel und dem Stinktier gebracht, lang ehe wir die Höhle noch verließen? Und du sitzt hier mit einem klugen Gesicht und erzählst mir Geschichten darüber, es ist immer dasselbe mit dir! Deine Nase ist blind. Ich wünsch' dir, daß sie dich niemals in Gefahr bringt.«

Weißwolf gähnte nervös und legte sich nieder. Seine Gefühle waren verletzt. Die Stumpfheit seines Geruchsinns war seine empfindlichste Schwäche, deshalb legte er jetzt eine schläfrige Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, an den Tag.

»Dann lies du die Zeichen in der Luft, Mutter. Ich bin noch ganz und gar voll Schlaf und außerdem, was ändert's? Werden wir nicht hinüberschwimmen und auf die Jagd gehen?«

»Wir werden sehen«, sagte La Sombra.

Sie schloß die Seher, wie es einem erfahrenen Wolf geziemt, wenn er auf die schweigenden Stimmen horcht, die die Luft erfüllen und den Kindern der Wildnis vielfältige Botschaft bringen.

»Was?« sagte sie gleich darauf. »Täuscht mich meine Nase? Sollte tatsächlich um diese Jahreszeit ein Waschbär auf der Jagd sein? Längst sollte er sich zum Winterschlaf verkrochen haben. Ich fürchte, er wird heute nacht nicht weit kommen, denn ein Berglöwe ist in seiner Nähe. Das muß der Hinkende vom Tafelberg sein. Eine Falle hat ihn einst verstümmelt und weil er seitdem in den Bergen sein Auskommen nicht mehr finden konnte, ist er hinuntergestiegen in das Land der Menschen. Der Dummkopf! Eines Tages wird er von den Hunden in einen Baum getrieben werden, und Mensch wird ihm den Garaus machen. Jedenfalls spür' ich heut abend nichts in der Luft, was des Redens verlohnte, außer einem Flecken Sauergras, der mir das Wasser im Munde zusammenlaufen läßt. Und außerdem ist mir's, als könnt' ich selbst auf diese weite Entfernung die Schafe in ihren Hürden wittern, mein Sohn. Komm, laß uns gehen. Es lauert kein Mensch in den Uferbüschen. Pfui! Wie kalt das Wasser heute ist und wie rasch es strömt!«

Am Rand des Wassers machte sie halt. Sie tauchte ihre Vorderpfote in die Strömung und betrachtete nachdenklich, wie sich das Wasser wirbelnd daran staute. Auch Weißwolf sprang auf. Er war nicht mehr das junge ungeschickte Hundetier, das vor einem Jahr in diese, von Menschen verpestete Gegend herabgekommen war. Zwölf Monate der Jagd, des Kampfes und reichlichen Fressens hatten ihn sich voll entwickeln lassen, und noch niemals hatte es einen Bullterrier gegeben wie ihn. La Sombra, in ihrem zottigen Winterpelz, wirkte doppelt so groß wie ihr Pflegesohn. Aber im Körpergewicht der beiden war kaum eine Unze Unterschied. Weißwolf war ein junger Riese von achtzig Pfund Lebendgewicht, massig im Bau, leise wie eine Katze, gewandt und schnellfüßig. Die Muskeln seiner Kinnladen schienen aus Eisen gemacht. Sein Balg war schneeweiß, dicht und glänzend wie Seide. Auch er steckte prüfend die Pfote ins Wasser und ein Kälteschauer flog über ihn hin. Jedoch geschehen mußte es. Da die Wasser des Winnemago von den Gletschern oben im Gebirge gespeist wurden, machte es wenig aus, ob es Winter oder Sommer war.

Er tauchte mit der Gewandtheit eines Otters, kam, in weißen Schaum gehüllt, wieder zum Vorschein und schwamm stracks auf das gegenüberliegende Ufer zu. Aber trotzdem wurde er zweihundert Meter weit stromab getrieben, ehe er an einer seichten Stelle Grund faßte und ans Land watete. Er schüttelte sich wie besessen und wurde auf diese Art einen guten Teil der unbehaglichen Nässe wieder los, zumal sie von seinem glatten Fell abfloß, wie wenn es geölt wäre. Dann trabte er am Ufer stromauf, um La Sombras Kampf mit dem Fluß zu beobachten. Daß sie den einen Vorderlauf verloren hatte, machte ihr beim Schwimmen viel zu schaffen, aber sie hatte sich allmählich an die Anstrengung gewöhnt. Das Wasser riß sie noch ein gutes Stück über Weißwolfs Landungsplatz hinaus, aber schließlich watete auch sie heil an Land, schüttelte das Wasser aus dem Fell, daß die Tropfen weit umher spritzten und stieß wieder mit ihrem Gefährten zusammen. Ihre Nasen berührten sich freundschaftlich.

»Alles in Ordnung!« sprach La Sombra. »Das doppelte Bad jeden Tag hält den Pelz sauber und das ist der größte Segen. Ein sauberer Balg bedeutet eine saubere Höhle, wie jeder gute Wolf weiß. Komm – die Kälte frißt mir bis ins Mark.«

Sie schoß davon. Weißwolf lief hinterher. Als sie eine Meile durch den Wald gelaufen waren, waren sie warm. Nach zwei Meilen waren sie trocken, und bald darauf ließen sie die Bäume hinter sich und kamen ins weite Grasland des Tales hinaus. Hier und da blinzelte ein erleuchtetes Fenster im Dunkeln – mindestens ein halbes Dutzend Häuser lagen im näheren oder weiteren Umkreis.

Sie überflohen einen Zaun und kamen auf ein flaches Stück Weideland. Ihr Ziel war der Kadaver einer jungen Kuh, die sie vor drei Tagen getötet hatten. Aber sie hatten kaum ein Dutzend Sätze gemacht, als La Sombra plötzlich haltmachte und die Nase in den Wind steckte.

»Ich rieche Eisen, Weißwolf«, sagte sie. »Sie haben die Zähne, die sich in der Erde verstecken, rings um die tote Kuh gepflanzt. Wir müssen heute an einer anderen Stelle jagen.«

»Wohl,« sagte Weißwolf, »selbst ich vermag jetzt die Witterung zu entziffern. Ungeschickt waren die Leute, die die Fallen legten, denn ich rieche den Menschendunst, der sich mit dem des Eisens mischt. Ist's nicht so?«

»Seht ihr, wie mein Sohn gelernt hat die Wahrheit zu erkennen, selbst wenn er die Spur auch ein wenig undeutlich liest. Wahr hast du gesprochen. Menschenwitterung hängt an dem vergrabenen Eisen.«

»Der Wind bringt Kunde von einem andern toten Rind. Laß uns sehen, was es ist.«

»Ich hab' es lang schon gewittert, aber es ist etwas in dieser Witterung, das mir nicht behagt. Laß uns indessen sehen! Aber hüte dich! Hüte dich! Kann's nicht sein, daß Mensch bei dem toten Tier auf uns lauert?«

Sie legten etwa eine halbe Meile zurück. In einer Feldecke, unter Bäumen verborgen, fanden sie die Leiche eines Kalbs. Weißwolf stürzte sich darauf, aber La Sombra stieß ein Schnaufen des Abscheus und des Entsetzens aus, das ihn zurückhielt. Der Wind, der über den Kadaver strich, hatte sie voll getroffen.

»Gift, mein Sohn! Keinen Schritt näher!«

»Ich merke nichts Unrechtes – soweit ich's wissen kann.«

»Und ich sage dir, ich kenne diese Witterung. Habe ich dir nicht früher schon davon erzählt? Mensch verbirgt im Fleisch von toten Tieren einen Feind, den man nicht sehen kann. Aber ich erinnere mich gut. Ich war dabei, wie ein junger Wolf sich an solchem Aas sättigte – es war ein harter Winter, wo Wölfe gemeinsam jagen mußten oder allein verhungern –, und der junge Wolf starb unter fürchterlichsten Qualen. Sich selbst hat er zerfleischt vor Schmerz. Es war furchtbar mitanzusehen, und damals wehte derselbe fremde Geruch um das tote Kalb. Ja, es war sogar im Atem des Wolfes, als er an der Erde lag und starb. Komm weg von hier.«

Weißwolf mochte darüber denken wie er wollte. Er hatte gelernt, daß seine eigene Klugheit in solchen Dingen sich mit La Sombras Weisheit nicht vergleichen ließ. Sie trabten weiter. Eines Farmers Haus lag windwärts. Atemlos vom Lauf ließ sich La Sombra nieder, um die Luft zu prüfen und ihre Beobachtungen anzustellen.

»Spürst du die giftige Luft, die aus der Höhle weht, wo die Menschenteufel leben?« sagte La Sombra.

»Ich rieche Mensch und Eisen und Holzrauch, aber auch Fressen.«

»Aber kein frisches Fleisch?«

»Nein.«

»Mensch rührt kein Fleisch an, das er nicht vorher mit dem Stank des Feuers verdorben hat. Als ich noch jung war, habe ich in den Büschen gelegen und dem Menschen zugesehen bei seinem närrischen Beginnen. Es war seltsam zu sehen, Weißwolf.«

»Mensch ist für mich kein Wunder mehr«, sagte der Terrier. »Haben wir nicht seit ungezählten Monaten unter seiner Nase ein fettes Leben gelebt?«

»Still, Kind! Du sprichst wie einer, der niemals des Menschen Gesicht gesehen hat und sein Auge gespürt, außer aus weiter Ferne.«

»Er hat seine Sklaven, er hat Eisen, die scharfe Stimme, die aus der Ferne tötet, er hat Gift, und er hat Hunde. Gibt es nicht sogar Hunde in diesem Hause dort, Mutter? Ich, Weißwolf, werde ein Wörtchen mit ihnen reden.«

»Oh, mein Sohn, deine kleinen Spiele sind fürchterlich. Eines Tages wirst du den Tod dabei finden.«

»Ich werde ihnen noch nicht einmal die Zähne zeigen,« sagte Weißwolf weinerlich. »Ich will nur mit ihnen reden – oder sie ansehn. Dann komm' ich wieder zu dir zurück, und es geschieht mir nichts ...«

Und er verschwand in der Dunkelheit.

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