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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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14. Kapitel

Gannaway war von Neugier verzehrt. Er wollte unbedingt den Trapper kennenlernen, der es gewagt hatte, zwei solchen Kerlen, denen noch obendrein ein Heer langbeiniger, kampfgieriger Hundeteufel Gefolgschaft leistete, die übliche Gastfreundschaft zu verweigern. Er wünschte ihn aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Das Risiko war ihm gleichgültig. Sind doch sonst in den Bergen die Gesetze der Gastfreundschaft genau so unerbittlich, wie die Gesetze der Ritterschaft in den goldenen Tagen von einst. Hier hatte sich einer gegen die Spielregeln aufgelehnt. War es ein Paria? Was mochte das wohl für eine Sorte Mensch sein?

So setzte er sich behutsam in der Richtung der Rauchsäule in Bewegung, die in tiefziehenden Schwaden durch den schon winterlich kahlen Wald nach dem Pekan-See zu trieb. Zunächst bekam er nur den silbern blinkenden Wasserspiegel des Sees zu Gesicht. Gleich darauf aber sah er die plumpen Umrisse eines Blockhauses sich gegen den hellen Seespiegel abheben. Eine Lichtung tat sich auf und er machte halt. Er war ein Mensch, dessen Beruf zum größten Teil darin bestand, Kleinigkeiten wahrzunehmen, die andere übersahen und umfangreiche Schlußfolgerungen aus diesen unscheinbaren Unterschieden zu ziehen.

So musterte er die Lichtung und das Haus genau. Nicht die geringfügigste Einzelheit entging ihm. Die Axtspuren an den Stümpfen der Bäume, die gefällt worden waren, um Bauholz für das Haus und Feuerung zu gewinnen, verrieten ihm, daß der Trapper nicht nur ungewöhnliche Körperkraft, sondern auch eine geübte und erfahrene Hand besaß. Denn es gehört nicht nur Geschicklichkeit, es gehört eine wahre Wissenschaft dazu, die Schneide einer Axt so tief ins Holz zu treiben. Die Wände des Blockhauses waren an den Ecken genau und lotrecht gefügt, ein neues beredtes Zeichen dafür, daß der Mann, der es gebaut hatte, sein Geschäft verstand. Am Seeufer lag umgestülpt ein Kanu aus Birkenrinde, dessen schlanke, schöne Linien auch den wählerischsten Indianer entzückt hätten, und dies ist ein Gebiet, auf dem die Indianer gewiß wählerisch sind. Dem Blockhaus waren rückwärts zwei geräumige Schuppen angefügt, und auch sie zeugten erneut für den Fleiß und die Voraussicht des Besitzers. Sie waren nicht flüchtig und primitiv aus ein paar Brettern zusammengefügt, sondern ebenso solide gezimmert wie das Hauptgebäude selbst. Keinem Graubären, den der Duft geräucherten Schinkens anlockte, würde es gelingen, mit seinen Pranken diese Wände einzureißen. Aber die Krönung des Ganzen bildete doch ein großes Fenster, wenn auch seine Scheiben nicht aus Glas, sondern aus geölter Seide bestanden. Die geölte Seide war an sich nichts Wunderbares, aber es gehört die Geschicklichkeit eines geübten Zimmermanns dazu, den Rahmen eines Fensters genau und dicht in die Wände eines Blockhauses einzupassen.

Adam Gannaway schloß aus allen diesen Dingen, daß er es mit einem kräftigen und geschickten Mann zu tun hatte, der die Kunst, sich im Herzen der Wildnis ein Heim zu errichten, meisterhaft verstand. Und wenn ein Mann von diesen Gaben tatsächlich der sauertöpfische Schurke war, als den man ihn beschrieben hatte, so war er gewiß kein angenehmer Gegner. Gannaway lockerte den Revolver im Halfter, ehe er sich dem Hause näherte. Man wird es entschuldbar finden.

Vor seinen Füßen sprang ein Kaninchen auf. Aber statt überstürzt zu flüchten, machte es nur ein paar lange Sätze, ließ sich dann auf einem breiten, flachen Stein nieder, machte Männchen, starrte den Besucher mit glänzenden, furchtlosen Augen an und wackelte neugierig schnuppernd mit der Nase. Adam Gannaway wurde durch das kleine Erlebnis mehr als durch alles andere überrascht. Schien es doch, als ob der ungeschlachte Trapper, der brutal genug war, zwei Wanderern im Gebirge Gastfreundschaft zu verweigern, über einen solchen Überschuß an närrischer Zärtlichkeit verfügte, daß er sich damit vergnügte, Kaninchen zu seiner Unterhaltung zu züchten.

Dies gab ihm Mut, auf die Schwelle zu treten und an die Tür zu klopfen. Sie war so massiv und so sorgsam angebracht, daß er das Gefühl hatte, als klopfe sein Finger gegen eine solide Hauswand. Er glaubte ein leises Geräusch im Hause zu vernehmen, aber dabei blieb es. Keine Stimme antwortete, und er war eben im Begriff, noch einmal anzuklopfen, als ein langer, glänzender Flintenlauf sich durch eine Öffnung der Hauswand schob und ein Schuß knallte. Mit einem Fluch machte er einen Satz nach rückwärts. In der ersten Überraschung hatte er große Lust, in den Wald zu flüchten, aber eine Sekunde des Nachdenkens überzeugte ihn, daß der Schuß, ohne zu zielen, ins Blaue abgegeben war – eine Warnung, daß der Besitzer des Hauses zur Zeit der Unterhaltung mit Fremden abgeneigt und im Augenblick nicht in der Stimmung war, Besuche zu empfangen.

Trotzdem fand der Meteorologe nach reiflicher Erwägung, daß es wohl besser sein dürfte, die Lichtung wieder zu räumen. Da fiel sein Auge auf das Kaninchen, das noch immer auf seinem Steine saß. Gannaways Fuß zögerte. Ein Mann, der Zeit daran vergeudete, Kaninchen zu zähmen ...

Er sagte mit gelassener Stimme: »Nachbar, ich führ' nichts Böses im Schilde. Mein Name ist Gannaway. Ich treib' mich hier in den Bergen 'rum und kann sein, Ihr werdet mich für einen Landstreicher ansehn, aber ich habe noch niemals in meinem Leben eine Schießwaffe auf einen Mann gerichtet und hab' auch nicht im Sinn, es bei Euch zu versuchen. Bloß eins muß ich Euch sagen, wenn Ihr's eigentlich auch schon wissen könntet: einen Menschen einfach von der Tür zu weisen, ist eine Niedertracht. Hört Ihr? Eine ganz verdammte Niedertracht!«

Er machte eine Pause. Der Gewehrlauf zog sich aus der Schießscharte langsam zurück. Das rätselhafte Schweigen aber dauerte an. Nichts rührte sich, außer daß die herbstliche Stille der Wälder plötzlich von dem Plappern eines Vogels in der Ferne unterbrochen wurde. Gannaway versuchte von neuem sein Glück:

»Vielleicht habt Ihr ein kleines Stück Speck übrig, das Ihr mir herausreichen könntet, ich brauche welchen. Wenn Ihr keinen Speck habt, tut's auch ein Stück anderes Rauchfleisch. Man braucht sich hier bloß umzusehen, um zu wissen, daß Ihr einer von den Burschen seid, die ihre Wintervorräte längst unter Dach haben, wenn's November wird, und wegen der ...«

Er unterbrach sich. Die wuchtige Tür des Blockhauses begann sich zu bewegen – Gannaway hatte keinen Riegel knirschen gehört – bis sie offen klaffte. In der dunklen Türöffnung stand ein etwa elf Jahre altes Mädchen. Ihr Haar fiel in einem langen Zopf über den Rücken. Sie war in ein rauh aus Wildleder zurechtgeschneidertes Gewand gekleidet. Aber das Fell stammte von jungen Kitzen und war prachtvoll gefleckt, wie die Schattenmuster, die die Septembersonne auf einen Waldweg malt. Gannaway blickte in ein sommersprossiges Gesichtchen und in ein Paar große, glänzende Augen.

»Daddy möchte wissen,« sagte das Mädchen, »ob Ihr Ruh' gebt, wenn Ihr ein Stück Rauchfleisch bekommt.«

»Gewiß«, sagte Gannaway.

Die Tür schloß sich. Schon die Langsamkeit, mit der sie sich in ihren Angeln drehte, verriet ihr Gewicht. Einige Zeit verging, dann öffnete sie sich wieder. Ein Paket, das gut zehn Pfund wiegen mochte und fest in zähe Birkenrinde gewickelt war, flog Gannaway vor die Füße.

»Denke, das ist just so viel, wie Ihr schleppen könnt, Fremder«, sagte das Mädchen. »So trollt Euch!«

»Hör mal, Kleine«, protestierte Gannaway. »Wenn dein Vater einer ist, der's nicht gern hat, daß man sein Gesicht sieht, so sag ihm doch, hier draußen wäre einer, der ist auf dem einen Aug' blind und mit dem andern kann er nichts anderes sehen als Freunde.«

Ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht. Sie war mit einemmal beinahe hübsch.

»Ihr seht schon aus, als ob alles mit Euch in Ordnung wäre, Fremder«, sagte sie. »Aber Daddy – er macht sich nicht gerade viel aus Fremden.«

Gannaway kam eine Erleuchtung.

»Liebling,« sagte er, »dein Vater ist gar nicht zu Haus. Du bist allein.«

Er hörte, wie sie erschrocken und überrascht nach Luft rang – sah, wie sie rasch die Tür zuwarf – aber sie fiel nicht ins Schloß und wurde langsam wieder geöffnet. Gannaway hatte sich nicht vom Platz gerührt.

»Ihr seid verdammt kaltblütig, Fremder, daß Ihr Euch immer noch hier rumdrückt, nachdem Euch eine Ladung Blei um die Ohren geflogen ist. Was wollt Ihr eigentlich? Wenn Dad Euch hier erwischt, macht er kurzen Prozeß mit Euch. Wär' Euch viel gesünder, Ihr trollt Euch.«

»Du hast wohl Angst vor mir?«

»Ich? Ich denk', doch nicht. Nicht vor zweien von Eurer Sorte.«

»Wenn du keine Angst vor mir hast, werd' ich zu dir 'reinkommen.«

»Und wenn Ihr 'reinkommt – und Dad findet Euch ...«

»Ich will's drauf ankommen lassen.«

»Na schön«, sagte sie trotzig. »Hereinspaziert!«

Sie machte die Türe ganz auf. Gannaway trat ein. In seinem ganzen Leben hatte er ein solches Blockhaus nicht zu Gesicht bekommen. Die dicken Stämme der Wände waren im Innern so sorgfältig geglättet wie eine Gipswand, und so geschickt war die Hand gewesen, die das Beil geführt hatte, daß es kaum eine Spur hinterlassen hatte. Selbst die erstaunliche Tatsache, daß die Hütte ein wohlgefügtes Fenster aufwies, trat hinter diesem Wunder zurück. Vor Gannaway stand ein Tisch, wie ihn kein Handwerker, wenn nicht ein Künstler der Drehbank, hätte herstellen können. In der Ecke war ein Herd aus viereckig zubehauenen Steinen errichtet. Den Boden bedeckte das gewaltige Fell eines Graubären und das zarte Vlies eines Bergschafes. Auch war ein schwacher Versuch gemacht worden, die Wände etwas zu schmücken. Da und dort hingen ein paar Kalender in grellen Farben, ein grinsender Wolfskopf war an die Wand genagelt und gegenüber hing die gerahmte Photographie eines Bullterriers.

»Ach so,« sagte Gannaway, »deine Mutter hat das alles so arrangiert?«

»Ma?« lachte das Kind. »Keine Spur! Die würde den Winter hier oben nicht aushalten. Die hat sowieso zuviel von Frostbeulen auszustehen. Aber jetzt habt Ihr gesehen, wie's bei uns ausschaut, Fremder. Wär's nicht besser, Ihr macht Euch auf die Socken? Mein Daddy ...«

»Ich werd's drauf ankommen lassen«, meinte Gannaway schmunzelnd. »Dies scheint ein hübsches Plätzchen, um sich ein bißchen niederzulassen.«

Und damit ließ er sich in einen Schaukelstuhl sinken, der anscheinend ebenfalls im Haus verfertigt war. Sofort schoß, erschreckt quietschend, etwas quer über den Boden der Hütte, kletterte in fiebrischer Hast an den Ledergamaschen des Mädchens empor, und mit einemmal saß auf ihrer Schulter ein großes, graues Eichhörnchen, den prachtvollen, buschigen Schwanz hoch aufgerichtet und keifte von seiner Warte aus den Fremden wütend an. Das Kind hob seine braune Hand, und das Eichhörnchen beruhigte sich.

»Schön«, sagte das Mädchen. »Ich habe Euch gewarnt – und weiß Gott, ich sehn' mich danach, mal mit jemand ein Wort zu reden. Gut und gern ein Jahr ist's her, daß ich 'nen andern Menschen als Daddy zu Gesicht bekommen hab'.«

»Ein Jahr?« wiederholte Gannaway. »Ein ganzes Jahr? Kannst du mir sagen, was ihn veranlaßt hat, dich ...«

Ihr Gesicht verriet ihm wie ein Spiegel, daß der Herr dieses Hauses im Anzug war. Sie wurde bleich vor Angst. Aber noch ehe sie den Mund öffnen konnte, fiel plötzlich von der Türöffnung her ein Schatten über Gannaway und eine riesige Faust packte ihn im Nacken.

»Verdammte Ratte!« sprach eine mächtige, heisere Baßstimme. »Hast du dich hier eingeschlichen, um die Kleine auszuhorchen? Ich kann für mich selbst reden!«

Gannaway fühlte sich wie von einem Dampfkran in die Luft gehoben und herumgeschleudert. Vor ihm stand, wie das Kind in Leder gekleidet, etwas verändert durch den gewaltigen Bart, kein anderer als der Riese, den Gannaway vor einem Jahr getroffen hatte – Tucker Crosden. Und Tucker erkannte seinen Gast ebenfalls wieder. Sein Gesicht erhellte sich – der Zorn schmolz dahin – plötzlich brüllte er: »Gannaway! Hol der Teufel meine alte Haut, wenn das nicht Gannaway ist. Mann, Mann! Es war nah dran, daß ich Euch den Hals umdrehte. Warum habt Ihr nicht gleich gesagt, wie Ihr heißt? Molly, komm her! Gib einem anständigen Kerl die Hand. Greif mit beiden Händen zu und halt die Hand fest. 's gibt nicht viele anständige Kerle in dieser belämmerten Welt!«

Niemals, dachte Gannaway, hatte das bißchen Tabak und das Fetzchen Papier für eine Zigarette in Jahresfrist so reiche Zinsen getragen.

Gannaway brauchte nicht viel Fragen zu stellen. Nach dem Abendbrot, als Molly schlafend in ihrem Bett lag, öffnete der Riese von selbst den Mund. Er sprach zu Gannaway wie der Sünder zu seinem Beichtvater und ließ nichts ungeklärt. Für Gannaway war es ein seltsames und wunderbares Erlebnis. Alles, was Tucker Crosden tief in seiner mächtigen Brust verschlossen hielt, holte er jetzt hervor und breitete es, ohne auch das geringste zu verheimlichen, vor seinem Gaste aus. Es gab Bruchstücke dieser Beichte, die sich so unauslöschlich in Gannaways Hirn einbrannten, daß kein späteres Erlebnis sie zu verdunkeln und auszulöschen vermochte.

»Wie das erste auf die Welt kam und ich mir's ansah, da dacht' ich, 'nun kann dir's gleichgültig sein, wie der Rest von dem Wurf ausfällt! Sah aus, als ob nichts andres draus werden könnte, als noch einmal ›The King‹.«

Er drehte sich nach der Photographie an der Wand um.

»Nicht so, wie er dort auf dem Bild aussieht, sondern so, wie er aussah, als er auf die Welt kam. Aber größer war das kleine Vieh als der King. Und kräftiger als der King. Mehr Kopf hatt' es gehabt und der Kopf saß auf 'nem besseren Nacken. Auch der Rest von dem Wurf war gut. Und Nelly sorgte dafür, daß keins zu kurz kam. Nelly war immer eine tüchtige Mutter. Aber gegen das erste waren alle andern Null. Mann, ich hab' dabei gesessen und gelacht, wie ich sah, daß mein King wieder auferstanden ist und in dem Kleinen rumorte. Wenn's Futtern hieß, ging der Köter her und stieß die ganze übrige Familie glatt beiseite. Klein wie er war, 's steckte 'n richtiger Löwe in ihm. Ich sag' Euch, Mann, er kam mit 'ner blauen Nase auf die Welt, aber sie wurde nachtschwarz, rascher als ich es je bei 'nem Bullterrier erlebt hab'. Wie ich ihn auf die Welt kommen sah, wußt' ich, diesmal ist's wirklich wahr, und wie ich sah, daß die Augen klar und offen waren, da war ich meiner Sache sicher. Er sah aus, als ob er schon einen Monat alt wäre. Und wenn er schlafen wollte, legte er sich am liebsten seiner Mama auf den Kopf. Und dann – am letzten Tag, wie ich zurückkam, da war'n sie alle tot. Alle andern. Aber der King war nicht dabei. Versteht Ihr's? Der Wolf war nicht blöd. Die andern hat er abgeschlachtet, aber den King hat er gefressen. Mann, ich war glattweg fertig, als hätt' mir einer was mit 'ner Keule übern Schädel gegeben. Ich wußt' nicht, was ich anfangen sollt' und mach' mich auf den Heimweg. Wie ich heimkomm', gab's nichts als Krach. Meine Frau kriegt's mit der Angst vor mir. Sie schickt zu den Nachbarn um Hilfe, und die Kerle kamen und wollten mir den Eintritt in mein eigenes Haus verwehren. Stücker zwei oder drei hab' ich aus dem Weg gefegt. Ich schwör's bei Gott, ich hab' sie nicht meine ganze Stärke spüren lassen, aber noch eh' wir wieder in den Bergen waren – ich und die Kleine –, kommt Nachricht, daß einer von den beiden Kerlen ins Gras gebissen hat. Von dem Tag an erwart' ich immer, daß sie kommen und mich holen werden. Ich bleib' den Menschen aus dem Gesicht. Ich kenn' einen Indianer unten am Dunkeld, 's ist wohl 'n Mischling. Ich geb' ihm meine Felle, wenn die Jagdzeit herum ist und er zahlt mir dafür ungefähr die Hälfte von dem, was sie wert sind. Dafür schafft er mir das Zeugs herauf, das wir im Hause brauchen. Und auf die Art haben wir's 'n Jahr und etwas drüber ausgehalten. Just dagesessen hab' ich und gewartet. Versteht Ihr?«

Später, sehr viel später am Abend geschah es, daß der Riese sich vorbeugte und seine gewaltige Tatze Gannaway auf die Schulter legte.

»Wenn der King wüßte, was ich mit den Weibern ausgehalten hab', Gannaway, wenn der King wüßte – er würd' aus seinem Grab heraufsteigen, wo ich ihn hingelegt hab' – und ein schönes und anständiges Begräbnis hat er gehabt. Wer hat mich von Haus und Hof verjagt? Die Weiber, Gannaway! Wer hat mich zum Mörder gemacht? Die Weiber, Gannaway! Und alles wegen dem King. Was meine Frau ist, die hat mir's nie vergeben. Wie der King noch klein war, hatte sie 'ne Art zu kommen und uns beiden zuzusehen. ›Tucker,‹ sagte sie dann, ›Tucker Crosden, du hängst mehr an deinem Hund als an deiner Frau, vor Gott und den Menschen.‹ Und sie hat mir's nie verziehen. Sie hat ihm den Tod an den Hals gewünscht. Mann, ich sag' Euch, sie hat gebetet, daß er sterben soll. Schlecht sind sie, Gannaway. Alle miteinander sind sie schlecht, die Weiber. Es gibt keine darunter, die 'n Herz hat und 'nen Anstand, wie's 'n Christenmenschen gehört. Und die Kleine da, wenn die mal groß wird, wird sie genau so schlecht sein wie die andern.«

Er stand auf und trat mit dem geräuschlosen, gleitenden Schritt des Jägers an ihr Bett. Er lüftete den Zipfel der Decke und spähte der Kleinen ins Gesicht. Sie lag in friedlichem Schlummer. So kehrte Tucker Crosden zu seinem Gast zurück.

»Meinen könnt' man, sie wär' ein Engel«, sagte Crosden. »Sagt selbst, wenn man sie jetzt ansieht, könnte man dann denken, sie wär' von der Sorte, die eines Tages ihren eigenen Mann aus dem Hause jagt und ihm einen Mord an den Hals hängt? Aber sie ist auch bloß ein Frauenzimmer, und sie hat ihrer Mutter Blut mitbekommen. Sie hat vom Blut ihrer Mutter mitbekommen und sie wird's mal genau so treiben wie die.«

Gannaway wurde es kalt ums Herz. Und doch! Wie schmerzte ihn das Mitleid für den ungeschlachten Kraftmenschen, dessen Kummer zu groß war, als daß sein schlichtes Gemüt damit fertig werden konnte.

»'s ist da just noch ein Ding, Gannaway, über das ich Eure Meinung hören möchte«, sagte Crosden.

Er rückte seinen Stuhl näher heran. Sein Gesicht verriet eine verzweifelte Besessenheit. Ein wildes Flackern war in seine Augen gekommen. Gannaway spürte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief.

»Wenn der King wüßte, was ich seinetwegen auszustehen hatte, Gannaway – wenn er's bloß wüßte – und warum sollt' er's nicht wissen, frag' ich? – Ich sage, wenn er wüßte, was für ein Hundeleben ich hier oben führe, würd' er dann nicht zu mir zurückkommen?«

Er packte Gannaways Hände mit eisernem Griff.

»Sagt aufrichtig und ohne Hintergedanken,« schnaufte er, »ein Hund, der so an mir gehangen hat, ein Tier von edlem Blut – was? – würd' er nicht zurückkommen, um mich zu trösten, Gannaway?«

Adam Gannaway versuchte zu sprechen, aber seine Lippen waren gelähmt. Er schloß die Augen und flehte heimlich um Stärke, es zu ertragen, aber er fühlte, daß eine Ohnmacht Herr über ihn wurde.

»Schon recht,« sagte die bebende Stimme seines riesigen Wirts, »'s ist eine grausam schwere Frage. 's ist 'ne Frage, die just den meisten 'nen harten Puff versetzen würd'. Aber, bei Gott, 's ist mir ein grausam gewaltiger Trost, zu sehen, wie ernst Ihr sie nehmt, 's ist 'n großer Trost, zu sehen, daß Ihr's nicht für unmöglich haltet. Nämlich, 's gibt Leute, die würden sagen, daß, wo doch nun mal der Tod sich zwischen mich und das arme Vieh gestellt hat – versteht Ihr, was ich meine? 's gibt Dummköpfe, die würden sagen, ›wo der Hund nun mal hin is', würd' ich ihn wohl auch nicht mehr zu Gesicht bekommen‹, aber es stimmt nicht, Gannaway, denn ich hab' Euch ja die ganze Sache erzählt und Ihr wißt jetzt so gut wie ich, daß es geschehen ist und daß er schon einmal zurückgekommen ist.«

»Daß er – zurück – gekommen – ist?« wiederholte Gannaway mit schwacher Stimme.

»Na freilich! Denn im ersten Augenblick, wo ich Nellys Erstgeborenen sah, da wußt' ich doch schon, was geschehen war!« Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern und dieses Flüstern ging seinem Gefährten wie ein Schwert durchs Herz. »'s gibt welche, die hätten gesagt: 's war bloß 'ne Ähnlichkeit. Aber ich ahnte gleich vom Fleck weg, wie's wirklich war. Und wie ich das kleine Vieh beobachtete, da wußt' ich's jeden Tag bestimmter und bestimmter, bis ich schließlich meiner Sache ganz sicher war. Das war nicht bloß 'ne Ähnlichkeit! Das war der King selbst! Er war auf die Erde zurückgekommen. Zu mir!«

Gannaway tat einen tiefen, langanhaltenden Zug an der Pfeife. Er kämpfte mit aller Macht, aber es gelang ihm nicht, Tucker Crosden in die funkelnden, wahnwitzigen Augen zu sehen.

»Und es ist doch ganz logisch, Gannaway, wenn Ihr's Euch überlegt«, sagte Crosden. »Mein King, wo er wußte, wie ich mein Herz an ihn gehängt hatte und wie ich rein krank war, daß ich ihn nicht mehr sah – muß er's dann nicht versucht haben, ob er zurück kann? So 'n Tier hat doch 'ne Seele und muß es doch versucht haben, und es hat's auch versucht! Und zurückgekommen is' es und es war just in dem Jungen, das der Wolf gefressen hat. Ich will nichts weiter, als daß Ihr mir aufrichtig Eure Meinung sagt. Aber zuvor müßt Ihr die Tatsachen richtig kennen. Wenn er einmal zurückgekommen ist, warum soll er dann nicht nochmal zurückkommen?«

Er warf einen schuldbewußten Blick über die Schulter, als ob er selbst die Luft nicht zur Mitwisserin seines Geheimnisses haben möchte. Sein Wispern wurde noch leiser als zuvor. Und von neuem war es Gannaway, als ob sein Herz zu Eis würde.

»Ich kenn' den Wolf. Er hat 'ne Fährte, groß wie 'ne Mannshand. Hundertdreißig- oder vierzig Pfund muß er wiegen. Hat 'ne verstümmelte Zehe an einer Vorderpfote. Die zweite Zehe von innen am linken Vorderfuß. Ich habe inzwischen oft seine Fährte gefunden! Was sag' ich? Ich hab' den Wolf selbst gesehn. Ein Riese, Gannaway, und kohlschwarz. Ein schwarzer Teufel. Ich hab' ihn gesehn und ich hab' ihn aufs Korn genommen, aber die Hand hat mir zu sehr gezittert.

Oh, ich hab' meinen Grund, warum ich just in dieses Tal zurückgekommen bin. Wißt Ihr warum? Weil der schwarze Wolf sich hier herumtreibt, und wenn ich ihn töten könnte, Gannaway, meint Ihr nicht, der King hätt' es dann 'n ganzen Haufen leichter, zum zweitenmal zu mir zurückzukommen? Ich frage Euch ganz offen – Mann zu Mann –, meint Ihr nicht?«

Hier gab es nur eine Antwort. Trotz seines Mutes, trotz der Charakterstärke, die ihm eigen war, antwortete Gannaway mit ernster Stimme: »Das ist doch ganz selbstverständlich. Natürlich, da er einmal zurückgekommen ist, wird er gewiß versuchen, eines Tages noch einmal zurückzukehren. Und vielleicht hilft's wirklich 'ne Menge – wenn man den schwarzen Wolf aus dem Wege räumt.«

Tucker Crosden streckte seine Zyklopenarme gen Himmel.

»Gott segne Euch, Gannaway!« rief er.

Mit einem Sprung war er am Bett drüben und riß das Kind an die Brust.

»Molly, Molly, wach auf! Hör doch bloß! Da sitzt Gannaway. Der ist von der Wissenschaft und ein Mann, der so gut wie alles weiß, was einer wissen kann. Der sagt genau dasselbe wie ich. Der ist genau derselben Ansicht wie wir beide. Er sagt, es ist die beste Aussicht, es ist so gut wie gewiß – der King muß zurückkommen!«

Das Kind starrte Gannaway mit weit offenen, melancholischen Augen an. Er las volles Verständnis und volles Mitgefühl darin. Und die Blässe ihres Gesichts verriet ihm, daß sie nur so getan hatte, als läge sie in tiefem Schlaf.

Die Feststellung erfüllte ihn mit Entsetzen.

Wie oft, wie unendlich oft hatte sie an den langen Winterabenden allein dem Riesen gegenüber sitzen müssen, der ihr Vater war, und sehen müssen, wie der Wahnwitz in ihm immer höher anstieg. Wie oft wohl hatte sie sich gezwungen gesehen, ihn in seinen irrsinnigen Phantasien zu beruhigen.

Gannaway sah ein großes Schiff durch Sturm und Klippen rasen, und das Steuer wurde nur von einer schwachen Mädchenhand geführt. Und auch für ihn erwuchs hier eine Aufgabe, ein Problem stand auf und starrte ihm ins Gesicht. Und mit tausend Freuden wäre er davor zurückgewichen. Aber Adam Gannaway war ein aufrechter Mann. Er wußte, daß sein Gewissen sich bis zu seinem Todestage nicht mehr beruhigen würde, wenn er jetzt das zarte Geschöpf in der Gewalt des Wahnsinnigen zurückließ. Ein Weg mußte gefunden werden, sie von hier wegzubringen. Geistesgegenwart und sorgfältiges Planen mußten die günstige Gelegenheit dazu schaffen.

Und während er diesen Gedanken nachhing, lief Tucker Crosden in der Hütte auf und ab, jauchzend und lachend, wie ein Betrunkener. Noch immer hielt er Molly in den Armen, und das Kind ließ seinen Tränen freien Lauf, als wüßte sie, daß ihr Vater jetzt für diese Tränen blind war.

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