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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 13
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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12. Kapitel

Morgens und abends mußte Weißwolf jetzt all seine Fähigkeiten aufwenden, um genug Wildbret für zwei hungrige Magen zu erbeuten. In der ganzen Zeit kam der Mensch nicht wieder in ihre Nähe. Endlich war La Sombras Lauf verheilt, aber es war auch Zeit. Schon fuhr der Novemberwind eisig durchs Land, der Himmel schüttete Novemberschnee herab, und für La Sombra genügte ein Blick das Tal hinauf und hinab, um zu wissen, daß ein bitterer Winter bevorstand und daß selbst für Wölfe mit gesunden vier Läufen die Jagd schwer werden würde. Dabei hauste Mensch im Tal der Sieben-Schwestern. Sie faßte einen verzweifelten Entschluß. Besser war es jetzt, eine Gegend aufzusuchen, wo Mensch zwar auch lebte, aber wo es viel Beute gab, die leicht aufzuspüren war und leicht zu töten. Schon waren ihre Flanken dürr und ausgemergelt, und Weißwolfs Rippen ließen sich von weitem zählen. Deshalb wandte sie die Schnauze westwärts.

Sie waren vierzehn Tage unterwegs. Ihre Tagesmärsche waren kurz. La Sombra sammelte langsam Kraft und lernte schließlich erstaunlich gut auf ihren drei Läufen laufen. Sie überschritten die Paßhöhe zwischen Mount Lomas und Mount Spencer, stiegen jenseits durch die Schluchten hinab, wo es nichts gab als Felsen und Geröll, die der Frost bereits mit heimtückisch glattem Eis überzogen hatte, und eines Abends fanden sie sich auf einem niederen Bergvorsprung, zu dessen Füßen Flachland sich in breiten Wellen hinzog. Hier und da blinzelten von dort unten kleine gelbe Lichter zu ihnen hinauf. Weißwolf drängte sich ängstlich dicht an La Sombras Seite.

»Was sind das für Augen, Mutter?«

»Das ist das gezähmte Feuer, das Mensch in seinen Höhlen brennt.«

»Aber was ist das für ein Tier, Mutter, das du Feuer nennst?«

»In dir stecken mehr Fragen als der Schlehenbusch Dornen trägt. Frag mich nichts mehr, sondern folge mir und paß auf. Denn ich werde dir Dinge zeigen, die ganz neu sind. Als ich jung war und keck, jagte ich in diesem Land und wurde fett dabei. Komm!«

Sie stiegen in die Niederung hinab. Bald standen sie vor drei eisernen Fäden, die durch die Luft gespannt waren und jeder dieser Fäden drohte mit grimmigen Sporen. Mutter Wolf aber setzte mit einem Sprung darüber hinweg und landete geschickt auf ihren drei gesunden Pfoten, obwohl sie taumelte. Weißwolf sprang ihr augenblicklich nach. Vor ihnen, in einer Ecke des Feldes, drängten sich undeutliche graue Formen zu einem Knäuel zusammen. Obwohl es Nacht war, konnte man sie deutlich unterscheiden. Geduckt, fast auf dem Bauch liegend, kroch Mutter Wolf auf sie zu. Weißwolf war neben ihr. Sie flüsterte:

»Wenn ich knurre, werden sie aufspringen. Sie sind hilflos wie die Rehe im Wald. Es ist keine Kraft in ihren Leibern, deshalb pack sie bei der Gurgel mit scharfem Zahn, und du wirst spüren, wie ihnen die Kraft entflieht, sobald das erste Blut herausbricht. Jetzt, mein Sohn!«

Sie stellte sich mit einem drohenden Knurren auf die Läufe. Die weißen Geschöpfe – es waren ihrer mehr als sechzig – schnellten bei ihrem Anblick in die Höhe. Sie vollführten einen erbärmlichen Lärm. Trotzdem waren sie so zahlreich, und so ungewohnt ihr Anblick, daß den Hund Furcht befiel. Aber die Wildnis ist eine gute Schule. Sie hatte ihn die wichtigste aller Pflichten gelehrt – zu gehorchen. Die fremden Geschöpfe jagten auf ihn zu und er sprang dem ersten an den Hals. Es geschah, wie La Sombra es gesagt hatte. Kaum hatten seine Zähne Halt gefunden, kaum hatte er sie mit einem Ruck durch das weiche Fleisch gezogen, da füllte ihm schon das dampfende Blut das Maul und er spürte, wie das Leben in dem schwächlichen Geschöpf erlosch.

Schon war La Sombra neben ihm und grub ihre Zähne in den warmen Körper. Die übrigen Schafe flohen blökend nach der anderen Seite des Geheges.

»Mach rasch!« sagte La Sombra zwischen einem Bissen und dem nächsten. »Diese großen Kaninchen – hast du je so zartes Fleisch gekostet?«

»Nie, seit damals, als wir das Hirschkalb am Waldrand erlegten. Was machen diese närrischen Geschöpfe für einen Lärm?«

»Darum eil dich. – Ha, mein Sohn, sie sind schon da!«

Drei oder vier dunkle Gestalten schossen quer über die Weide auf sie zu, und während sie liefen, vollführten sie einen gewaltigen kläffenden Lärm.

»Noch mehr Wölfe!« rief der Terrier. »Aber sie bellen wie ich belle und nicht, wie du und Schlappohr.«

»Keine Wölfe sind das, sondern Hunde!« sprach La Sombra. »Sie werden uns nicht stellen. Dies sind die Sklaven des Menschen – lärmende Dummköpfe, die zehnmal reden, ehe sie handeln. Hörst du sie? Gebärden sie sich nicht, wie wenn sie Graubären wären, Könige der Berge, die nichts zu fürchten haben? Nimm du den Hund, der an der Spitze läuft, ich nehme den nächsten, wenn sie es wagen uns anzugreifen. Denk dran, o Sohn – mit der Schulter zuerst. Tief und wuchtig – und dann mit den Zähnen nach der Kehle.«

Denn natürlich hatte Weißwolf zu kämpfen gelernt, wie Wölfe kämpfen, und das ist eine Kampfesweise, die allen Hunden gefährlich wird, die die Geheimnisse dieser Kunst nicht gründlich studiert haben. Die vier Hunde waren dicht heran. Weißwolf sah Funken vor den Augen. Die Kampflust tobte in ihm. Wie von einer Feder getrieben, schnellte er vor und traf, dicht am Boden hinschießend, mit seinem ganzen Gewicht den vordersten der Schäferhunde gegen die Brust.

Der war ein erfahrener und gefürchteter Kämpe, dessen prachtvolle Zähne jeder Bauernhund auf viele Meilen im Umkreis in schrecklicher Erinnerung hatte. Er schnappte zu wie ein Wolf – fehlte –, ein weißer Strich schoß auf ihn zu und gleich darauf erhielt er einen Schlag gegen die Brust, wie mit einem Schmiedehammer, fühlte sich in die Luft geschleudert und plumpste hilflos auf den Rücken. Das war eine Wolfsfinte, und sie war Weißwolf tadellos gelungen. Aber der Terrier beendigte den Zweikampf in einer Art, die er nicht in La Sombras Schule gelernt hatte. Er stemmte die Pfoten in den Boden, bremste und hatte im nächsten Augenblick den gefallenen Feind bei der Kehle. Seine Kinnladen preßten sich zusammen wie ein Schraubstock, seine Zähne wühlten sich tiefer und tiefer, und seine Augen schlossen sich mit einem Ausdruck inniger, genießerischer Zufriedenheit.

»Es ist vorbei«, sagte La Sombra. Sie stand schnaufend neben ihrem Pflegesohn – ein, zwei tüchtige Bisse und ein rauhes Knurren hatten genügt, den Rest des Packs in die Flucht zu schlagen – »es ist vorbei. Dieser Hund ist tot. Laß ihn fahren.«

Weißwolf richtete sich auf und schleckte sich das Blut von der Schnauze.

»Dies ist wirklich ein reizendes Spiel«, sagte Weißwolf. »Schöner als andere Spiele, die ich je gespielt habe. Wir wollen ihnen nachlaufen, damit wir es noch einmal spielen.«

»So?« meinte La Sombra. »Ich bin müde. Wir wollen weg von hier und gleich.«

»Mach dich auf den Rückweg,« schnaufte Weißwolf, »ich werde ihnen nachlaufen – ich bin bald wieder bei dir ...«

Sie unterbrach ihn mit einem Knurren.

»Hast du das Tal der Sieben-Schwestern und die Zähne in der Erde ganz vergessen? Diese Hunde sind die Sklaven des Mannes, ebenso wie die Schafe. Hast du den Menschendunst nicht gerochen, den sie im Fell tragen? Hör was ich dir sage. Klüger ist's und weniger gefährlich Mishe Mukwa, dem Graubären, die Jungen zu stehlen, als den Sklaven des Menschen ein Leid zu tun. Wir haben bereits genug gewagt. Bei meiner Mutter, die vor mir dahingegangen ist, wir haben bereits allzuviel gewagt. Nun komm mit. Wir müssen weg von hier.«

Weißwolf gehorchte. Sie trabten schräg über das Feld den Bergen zu. Ein neuer Drahtzaun schob sich in ihren Weg. Schulter an Schulter setzten sie darüber. Im undeutlichen Sternenlicht hoben sich plötzlich gewaltige Ungeheuer vom Boden.

»Mutter! Mutter!« rief Weißwolf und legte sich flach auf den Bauch. »Was sind das für Geschöpfe?«

Die fremden Wesen hatten sich zu einem runden Klumpen zusammengeballt, die Köpfe nach außen. Die mächtigen Hörner, mit denen ihre Stirn bewaffnet war, waren beständig in drohender Bewegung und aus ihren Nüstern schoß der Atem in langen Dampfstrahlen in die kalte Nachtluft. Weißwolfs Augen schienen sie bei weitem gewaltiger zu sein als Mishe Mukwa, der Graubär, selbst.

»Steh auf!« sagte La Sombra. »Auch die sind Sklaven des Menschen und deshalb Dummköpfe und sie können uns kein Leid tun, wenn wir einen kühlen Kopf behalten. Komm dichter heran, und du wirst's erleben.«

»Ich zittere bis in die Zehenballen,« wisperte der Terrier, »aber ich gehorche. Ha – wird dieses Ungeheuer uns nicht verschlingen?«

Denn sie waren nähergekommen, und ein junger Bulle, der die Geduld verlor, brach aus dem Kreis der andern und galoppierte mit gesenkten Hörnern auf die beiden Feinde los.

»Jetzt heißt es laufen!« rief La Sombra. »Ich will dir einen Kniff zeigen, der des Lernens wert ist.«

Trotz ihrer verstümmelten Vorderpfote war sie rasch genug. Der galoppierende Bulle konnte sie nicht einholen. Er jagte hinter ihnen her, quer über das Feld, bis sie weit von den andern entfernt waren.

»Jetzt!« rief La Sombra. »Ich zur Rechten und du zur Linken – rasch, rasch, mein Sohn – einen langen Sprung.«

Obwohl die Angst ihn schüttelte, hörte Weißwolf und gehorchte. Er machte einen langen Satz zur Seite. Der Bulle donnerte mit gesenkten Hörnern an ihm vorbei. Weißwolf sah, wie La Sombra, die gleichfalls zur Seite gesprungen war, ihm nachstürzte und nach den Sehnen des Hinterhufs schnappte. Die Wunde, die sie aufriß, war lang und tief, aber die Flechse war beinah so dick wie eine Mannsfaust und ihre Zähne trafen nicht hindurch. Und nicht nur das, sie trat fehl, überschlug sich – und blieb leblos liegen. Weißwolf dachte, sie spiele ein besonderes Spiel. Aber als sie sich aufraffte und hilflos blinzelnd auf den Hinterläufen hockenblieb, merkte er, daß der Sturz sie betäubt hatte – und dabei brauste der Bulle zu neuem Angriff heran. Jedes andere Geschöpf, außer vielleicht einer Bärin, die ihr Junges verteidigt, hätte jetzt kehrtgemacht, um zu fliehen. Aber Weißwolf machte nicht kehrt, und er ergriff nicht die Flucht. Er hatte grenzenlose, schreckliche Angst. Aber tief in seiner Brust rührte sich plötzlich die Stimme von hundert Ahnen, deren Mut immer noch größer gewesen war als ihre Angst. Er warf sich schnurstracks dem Ungeheuer in den Weg.

Das war ein Bild für einen, der zu malen wußte – der Bulle, so riesig, so schwarz, wie der Donner einherbrausend, der Hund, so klein, so weiß und so still.

Drei Schritt vor Weißwolf senkte der Bulle den Kopf, und die spitzen, glänzenden Hörner fegten dicht über der Erde hin. Es sah aus, als ob Weißwolfs letztes Stündlein geschlagen hätte. Aber uralter Instinkt packte ihn wie eine Faust im Nacken und preßte ihn auf den Boden nieder. Mit einem Ruck lag er flach an die Erde gepreßt – wie unzählige seiner Ahnen in jenen Tagen, als im fröhlichen alten England Stier und Bullterrier im Ring miteinander kämpften.

Die todbringenden Hörner stießen über seinen Rücken ins Leere, er sah die breite, eherne Stirn über sich und dann die glitzernde weiche Schnauze und packte zu.

Dem Stier war es zumute, als hielten ihn nicht Zähne, sondern zwei glühende Zangen gepackt. Fünfzig oder sechzig Pfund sich windender, zerrender, kämpfender Muskeln hingen daran und folterten ihn an der Stelle, wo er am empfindlichsten war. Sein bestürztes Brüllen rollte weithin durch die Nacht. In Weißwolfs zähem, kleinem Körper hallte es wider, wie die tausend Fanfaren einer siegreichen Schlacht. Rasend vor Wut und Schmerz stellte sich der Bulle auf die Hinterbeine. Das Gewicht des Hundes, der zerrend und zappelnd an seiner Schnauze hing, brachte ihn aus dem Gleichgewicht und das Ungetüm plumpste hilflos auf die Seite. Dicht neben Weißwolf blitzte ein Gebiß – La Sombras Zähne, die dem Stier die Kehle einmal und noch einmal zerrissen. Dann sprach die Wölfin: »Laß ihn jetzt liegen. Er wird verbluten, und dann werden wir fressen, bis der Wanst uns schmerzt.«

Sie wichen zurück. Der Stier raffte sich auf und stand schwankend auf weitgespreizten Beinen, während das Leben langsam verrann. La Sombra leckte ihrem Pflegesohn das Gesicht.

»Keinen zweiten Wolf gibt es unter allen Wölfen wie meinen Sohn,« sprach La Sombra, »dies spricht La Sombra, die die Wahrheit spricht und nichts als die Wahrheit! Bin ich nicht dabei gewesen, wenn Schwarzwolf seine Beute zur Strecke brachte? Hab' ich nicht miterlebt, wie der Elchbulle unter ihm zusammenbrach? Wer aber kann sich meinem weißen Sohn vergleichen? Er packt die Riesen selbst beim Kopf und schleudert sie zu Boden, auf daß seine Mutter Speise findet.

Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen. Dann fügte sie leiser hinzu:

»Und wenn ich je vergesse, wie du dich zwischen mich und den Tod gestellt hast, mein kleiner, weißer Sohn, dann verachte mich wie die Klapperschlange und nenn mich Hündin.«

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