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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 12
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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11. Kapitel

Von da an suchte La Sombra durch doppelte Zärtlichkeit in Weißwolf die Erinnerung daran zu tilgen, daß sie ihn einmal im Stich gelassen hatte, aber er wußte nun, woran er sich zu halten hatte, und er gelobte sich im stillen, sie keinen Augenblick mehr aus den Augen zu lassen.

»Hast du gefressen?« fragte La Sombra.

»Ich bin hungrig wie ein junger Bär«, sprach er. So machten sie sich zusammen auf die Jagd. Am Rand des Waldes, der im Mondlicht gebadet lag, erspähten sie ein junges Hirschkalb, so jung, daß es noch kaum eine Witterung hatte, aber La Sombras scharfem Auge entging der zarte Bissen nicht, und sie schlemmten zusammen, bis sie nicht mehr schlingen konnten. Sie hatten sich so voll Fleisch gepackt, daß ihnen der Weg zur Höhle im Dunkeld-Cañon zu weit war. Sie krochen ins Dickicht und schliefen ein paar Stunden. Plötzlich erhob sich La Sombra geräuschlos wie ein Schatten und glitt davon. Ihr Zögling aber fuhr sofort erschreckt aus dem Schlaf und galoppierte ihr nach.

Sie schnellte herum, ein böses Grinsen verzerrte ihr Gesicht, und die entblößten Fangzähne glitzerten.

»Leg dich und schlaf weiter!« sagte La Sombra. »Ich mache nur einen Gang über die Wiese. Ich habe da drüben Mäuse pfeifen hören, wie junge Vögel im Schlaf.«

Aber er durchschaute, daß sie ihn belog.

Weißwolf war klug. »Ich könnte kein Auge mehr zutun«, sagte er und gähnte dabei, daß es ihn schüttelte. »Kein Auge könnte ich mehr zutun, eh' nicht ein voller Tag herum ist. So satt bin ich von Schlaf. Ich will dich begleiten, da sonst nichts Besseres zu tun ist.«

Der Mond stand hoch am Himmel, die Welt lag unter seinem kalten, trügerischen Licht hell, fast wie am Tag. La Sombra warf ihrem Sohn einen schiefen Blick zu. Benahm sie sich nicht wie völlig fremd, und doch war es ein Junges aus ihrem eigenen Wurf?

»Schön,« sprach sie, »komm mit, wenn du willst, aber ich laufe rasch in dieser Nacht. Komm!« Und fort war sie, in einem Tempo, daß Weißwolf in kurzer Zeit die Lungen brannten.

Zwischen einem Pappelgehölz und dichtem Eschenwald blieb La Sombra stehen. Sie duckte den Kopf und schnupperte im Gras.

»Lies die Fährte, mein Sohn. Was kündet dir deine Nase?«

Er beschnüffelte die Halme sorgfältig und mit großer Andacht.

»Blut ist hier gewesen,« sprach er schließlich, »und saftige Beute ist hier auf ihren eigenen Füßen gelaufen.«

»Sonst nichts?«

»Sonst nichts!«

»Folge mir!«

Sie lief ein Stück voraus. Ihre geschickte Nase schob ein breites Blatt zur Seite.

»Was ist hier, mein Sohn?«

»Eine Fährte ist in den weichen Grund geprägt.«

»Und was für eine Fährte?«

»Lang und breit, der Fährte eines kleinen Bären gleichend und nichts sonst.«

»Das ist kein Bär. Das ist Mensch! Und er hat die Blutspur im Gras gemacht. Folge mir!«

Nach kurzer Zeit lag die silberne Fläche des Pekan-Sees dicht vor ihnen, des vierten in der Reihe der Sieben Schwestern. Vor ihnen führte ein schmaler Durchschlupf durch dichtes Jungholz. Der Boden war mit weichem, tiefem Sand bedeckt.

»Und nun, sprich!« sagte La Sombra. »Was ist hier?«

Der Hund machte halt. Er senkte den Kopf und beschnüffelte die Fährte. Er hob die Schnauze in die Luft und untersuchte den Wind.

»Ah,« sprach er, und begann zu laufen, »ich rieche das Fleisch, von dem ich vorhin sprach.«

Ein scharfes Knurren der Wölfin rief ihn zurück.

»Da ist das Fleisch,« sprach sie, »aber wo sind die Beine, die es hierher getragen haben?«

»Ich sehe nichts.«

»Und riechst du Mensch?«

»Ich rieche nichts.«

»Deine Nase ist blind, blinder als blind! Mensch ist noch in der Luft, Mensch auf dem Boden und hier an diesem Busch hat er entlang gestreift. Pfui. Wie es hier nach Mensch stinkt. Aber du, Sohn, entzifferst nicht mehr mit deiner Nase als eine grobe Fährte, die selbst ein Kaninchen merken würde. Was sage ich? Die großen Wolfshunde, mit denen Mensch auf uns Jagd macht, haben eine bessere Nase als du. Und dabei weiß das Waldvolk insgesamt, daß die Hunde Tölpel sind! Und Sklaven obendrein! Nun spitze deine Ohren und höre und laß dich belehren durch das Schicksal meiner Mutter. Sie verlor ihr Leben an einem ähnlichen Platz wie diesem. Mensch, dieser Teufel, pflanzt Zähne in die Erde und sie packen die Pfote dessen, der sich nicht in acht nimmt und halten ihn in qualvoller Haft, bis Mensch kommt und die Stimme mitbringt, die von ferne tötet. Und da, wo er seine Zähne pflanzt, da legt er Fleisch aus, wie dieses, um uns anzulocken, damit die Zähne besser nach uns schnappen können.«

»Das ist fremde Kunde«, sprach der Hund. »Sogar die Erde hilft also dem Menschen gegen uns zu kämpfen?«

»Alle Dinge unter dem Himmel helfen ihm, wenn er so will! Schleich mit mir rund um die Stelle, aber hüte dich, hüte dich! Nimm dich in acht, wohin du deinen Fuß setzst. Mach dich leicht wie Distelflaum, der im Wind weht, denn wer weiß, welche Gefahr dort droht, wo Mensch gewesen ist. Wenn es nicht deinethalben wäre, kleiner, weißer Dummkopf, niemals würde ich mich so nah heranwagen. Höre, was ich sage: noch nicht einmal um den Preis eines fetten Bullen würde ich das Fleisch dort anrühren, das der Geruch des Menschen vergiftet hat.«

Ihr Zögling tat, wie ihm geheißen war. Leise, leise stahl er sich im Kreis um den verbotenen Sandstreifen und starrte das Stückchen Fleisch an, das in der Mitte lag, als ob es mit einem Dutzend drohender Rachen nach ihm die Zähne fletschte. Der Wind erwachte, der lange in den Bäumen geschlafen hatte. Tanzend trieb er ein großes welkes Blatt La Sombra in den Rücken. Sie erschrak, und ihre gespannten Muskeln reagierten automatisch. Sie machte einen großen Satz zur Seite. Weißwolf hörte einen dumpfen Laut, wie wenn ein paar scharfbewaffnete Kinnladen, durch Haut und Fleisch dringend, einen Knochen packen, und La Sombra stieß ein Geheul des Schreckens aus.

»Mensch! Das ist Mensch! Seine Zähne haben mich gepackt!« winselte sie. »Hilf mir! Hilf mir, o Sohn!«

Er kam zu ihr gelaufen. Furcht schüttelte ihn.

»Mutter, Mutter!« piepste er. »Sag mir, was ich tun soll und schreie nicht so laut. Denn wenn du schreist, wird jedes Tier in den Wäldern wissen, daß La Sombra sich hier in Schmerzen windet. Und Mensch wird kommen mit der Stimme, die tötet. Sprich leise – und sag mir, was ich tun soll.«

Sie zerrte an der Kette, die nicht nachgeben wollte, und ächzte, während sie mit der Falle kämpfte. Klug war La Sombra, aber alle Klugheit hatte sie verlassen. Sie biß aus Leibeskräften auf die unerbittliche Kette ein.

»Hilf mir dies Ding da durchbeißen, das mich fesselt«, sagte sie. »Gebrauch deine kräftigen Zähne ...«

Er kauerte sich nieder und packte zögernd zu. Dann ließ er die Kette wieder fallen. Sie schmeckte schlecht und war hart.

»Ja«, winselte La Sombra. »Es ist Eisen. Aber erbarm dich deiner Mutter und beiß zu. Beiße, und wenn du mich frei bekommst ...«

Er kaute geduldig, bis ihm die Kinnladen weh taten, bis die verrostete Kette blank gescheuert war und bis seine Zähne Scharten bekamen. Dann hielt er hilflos inne. Auch La Sombra hörte auf. Blutiger Schaum bedeckte ihre Schnauze, so wild hatte sie zugebissen.

Sie sprang auf und zerrte den gefangenen Lauf mit hoch.

»Horch!« sagte sie. »Horch! Was hörst du?«

»Nur den Wind, der in der Ferne durch die Bäume streift.«

»Oh, wenn das alles wäre. Nein, noch ein anderes Wesen ist unterwegs. Mensch, Mensch! Und er kommt hierher. Rette mich, Weißwolf!«

In wilder Verzweiflung zerrte und riß sie an der Kette. Das Eisen klirrte und rasselte. Aber die Falle hielt fest. Die grausamen Zähne fraßen sich tiefer und tiefer in den Knochen.

Und dann hörte auch Weißwolf ein Geräusch. Er lag still und spitzte die Ohren. Eilig und lärmend kam etwas auf sie zu – ein achtloses Trampeln und Knacken im Busch, irgendein großes Tier, das sich so unbekümmert und furchtlos durch den Wald bewegte, wie es sonst nur Stachelschwein und Stinktier in dem Bewußtsein wagen, daß sie gut geschützt sind. Auch La Sombra hatte es gehört. Im nächsten Augenblick gruben sich ihre furchtbaren weißen Zähne in ihr eigenes Bein oberhalb der Falle, wo das Fleisch durch den Druck der gewaltigen Stahlfeder schon beinah völlig gefühllos geworden war.

Wieder machte sie einen Satz nach rückwärts. Und diesmal war sie frei und konnte fliehen. Aber wehe, wo war der fröhliche, lang ausgreifende Galopp früherer Tage geblieben? Jetzt brauchte der Bullterrier sich nicht mehr anzustrengen, um mit ihr Schritt zu halten. Sie humpelte mühsam und hastig auf drei Beinen. Ihr einer Vorderlauf war ein erbärmlicher, blutender, steif ausgestreckter Stumpf.

Weißwolf blickte mit furchterfüllten Augen nach rückwärts. Schien es nicht, daß ein so grausames und mächtiges Ungeheuer, das seine Zähne in der Erde verbergen konnte und sie zuschnappen ließ, während es selbst weit weg war – schien es nicht, daß eine Kreatur mit so wunderbaren Eigenschaften auch über die Windesschnelle des Falken verfügte, um seine Opfer einzuholen? Aber er hörte hinter sich nichts als ein rauhes Gebrüll, das rasch im Wind erstarb, und lief eifrig neben seiner Pflegemutter her. Trotz ihrer Schmerzen und trotz der Schwächung durch den Blutverlust, ruhte und rastete La Sombra nicht, bis sie viele Meilen Landes und mehrere Bäche zwischen sich und der Gefahr wußte, die an den Gestaden des Pekan-Sees lauerte. Zuletzt aber versagte selbst ihre eiserne Energie. Sie suchte Deckung im dichten Unterholz. Weißwolf wollte ihr nachschlüpfen. Aber sie machte kehrt und knurrte ihn drohend an, und als das nichts half, versetzte sie ihm einen Hieb mit den Fangzähnen, der in dem straffen Fell über seinen Schulterblättern eine lange, rote Furche zurückließ.

Winselnd ließ er sich am äußeren Rand des Dickichts ins Gras fallen und verbrachte so die düsterste Nacht seines jungen Lebens. Kein Schlaf kam in seine Augen. Zum erstenmal verbrachte er eine ganze Nacht außerhalb des schützenden Bereichs der Höhle, und die Schrecken der nächtlichen Wildnis legten sich ihm wie ein Bleigewicht aufs Herz. Düster und riesig standen die Bäume in geschlossenen Reihen, und wenn der Wind durch die Wipfel fuhr, die sich spitz und scharf vom gestirnten Himmel abhoben, nickten sie sich ernst und gravitätisch zu. Aber das war nicht das einzige, was sich rührte. Vom Südwesten trug die Brise den Schrei des Berglöwen herüber, der im Dunkeld-Cañon regierte. Er war so spät noch auf der Jagd und beklagte sich bei den Sternen über die Leere seines Magens. Gab's da ein willkommeneres Abendbrot als einen gelähmten Wolf und sein Junges?

Dann glitt geräuschlos ein riesiger Schatten über die Baumwipfel, eine ungeheure Eule, die plötzlich auf den Hund herabstieß und ihm mit ihren riesigen kreisrunden, phosphoreszierenden Augen einen furchtbaren Schreck einjagte. Mit einem erstickten Aufschrei schmiegte er sich tiefer ins Gras. Auf das Geräusch hin begannen die breit ausgespannten Flügel zu flattern und zu schlagen, und die Eule trieb wieder in die Höhe und verschwand hinter den Wipfeln.

Und wieviel andere Gefahren, geräuschlos wie die, der er eben entronnen war, aber viel fürchterlicher, mochten sich in der pechschwarzen Finsternis noch regen?

In entsetzlicher Angst kniff das Hündchen die Augen zu, aber er wagte nicht sie lange geschlossen zu halten. Und zum hundertstenmal fragte er sich verwundert, woher Schlappohr wohl den Mut genommen hatte, um aus eigenem Entschluß davonzuziehen, auf eigene Faust zu jagen und sein eigenes Leben zu leben.

La Sombra bewegte sich im Schlaf, kam an ihr verstümmeltes Bein und stieß vor Schmerz ein kurzes Heulen aus. Dem Terrier war es dabei zumute als spüre er den Schmerz selbst. Trotzdem war er beinah froh über ihre Verwundung. Denn jetzt konnte sie ihn nicht allein lassen, wie sie noch am Morgen versucht hatte. Sie war gezwungen, sich auf ihn zu verlassen. Er mußte jetzt für sie beide jagen.

Kurz vor dem Morgengrauen kroch sie langsam aus dem Dickicht. Jedesmal, wenn trotz aller Sorgfalt ihr verstümmelter Lauf von einem Zweig getroffen wurde, stieß sie ein furchtbares Knurren aus. Sie begrüßte den Terrier mit einem Zähnefletschen, das den giftigsten Haß verriet, und humpelte mühsam bergab. Ihr Rücken krümmte sich, ihr Bauch war eingezogen, ihr Kopf schleifte fast auf dem Boden, sie war eine traurige Karikatur ihres früheren Selbst. Unten am Bachufer machte sie halt. Ihr Pflegesohn hörte, wie sie mit fieberhafter Gier das Wasser schlürfte. Aber als sie versuchte, den Hang wieder hinaufzuklettern, verlor sie das Gleichgewicht und rollte zurück – ihr kurzer, schriller Schmerzensschrei ging Weißwolf wie ein Messer durchs Herz.

Er eilte hinunter und fand sie flach auf der Seite am Ufer liegen. Ihr Atem ging rasselnd. Er war überzeugt, daß sie im Sterben lag. Er wartete lange Zeit. Aber sie atmete noch immer. Vielleicht half es ihr, wenn man ihr zu fressen brachte. Er schoß davon wie ein Pfeil.

Jagte er für sie? Nein, es war auch Eigennutz dabei. Weit nach Süden und Osten hinüber hatten die Gipfel des Mount Lawrence unheilkündende Schneekappen über die Ohren gezogen. Kalt, wie der Schnee da drüben, war die Angst, die sich Weißwolf ins Blut schlich. Der bittere Winter kam. Wenn er allein in den Wäldern zurückblieb, mit einer blinden Nase, wie La Sombra zu sagen pflegte, und halb erwachsen, so war erbärmlicher Tod ihm sicher. Er jagte, weil La Sombra gerettet werden mußte. Ihr scharfer Witz und ihre reiche Erfahrung waren für ihn, in dem bitteren Kampf ums Dasein, unentbehrlich.

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