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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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10. Kapitel

Der Terrier hatte einen leichten Schlaf, aber was bei den Hunden ein leichter Schlaf ist, das ist bei den Wölfen tiefster Schlummer. Als Weißwolf am Morgen erwachte, zeigte es sich, daß La Sombra verschwunden war. Freilich, oft war sie schon vor dem Morgengrauen unterwegs. Das war gute Jagd, denn die Kaninchen, denen um Mittag der Wind Flügel zu verleihen scheint, sind unbehilflich und langsam, solange sie die Morgenkälte steif macht. Diesmal aber fiel Weißwolf sofort ein, was La Sombra am Abend zuvor zu ihm gesprochen hatte, und er zitterte vor Furcht.

Er stürzte an den Rand des Abhanges und blickte rechts und links die Schlucht hinunter. Zu seinen Füßen, noch ganz im Schatten, rann der Fluß; dicker, weißer Schaum funkelte an beiden Ufern, und das Rauschen da unten klang in Weißwolfs Ohren wie ein Gemurmel der Wehmut. Er kehrte der leeren Schlucht den Rücken und jagte, so rasch ihn seine Beine tragen wollten, nordwärts durch die Dunkeld-Berge, bis er den Rand des Tals der Sieben-Schwestern erreicht hatte. Schwach und hilflos war ihm zumute, als er sich auf einer sanften Anhöhe am Rand des Tals niederließ und mit eifrig suchenden Augen die herbstlich prunkende Farbenpracht des Tales musterte, in der die sieben Seen wie silberne Schilde leuchteten. Ein dünner Oktobernebel lag darüber, rosig angehaucht von der Morgenröte, wie ein kostbarer Schleier. Weißwolf freilich hatte an diesem Tage kein Auge für die Schönheiten der Natur.

Wo war Mutter Wolf hin? Hatte sie ihn absichtlich im Stich gelassen? Gestern war Schlappohr dahingegangen, unvermutet, ohne ein Wort des Abschieds. War es möglich, daß La Sombra heute seinem Beispiel gefolgt war?

Am breiten Fuß des Spencer-Berges floß ein kleiner Bach. Die Kaninchen versammelten sich oft in dichten Scharen, um sich an der zarten Wasserkresse zu delektieren, die dort in dichter Menge wuchs. Die Hirsche kamen dort häufig zur Tränke, und wenn man sich vorsichtig an sie heranpürschte, gelang es oft sie zu überfallen, noch während ihre Mäuler durstig zum Wasserspiegel gebeugt waren. La Sombra jagte mit Vorliebe an dieser Stelle. Wenn sie in der Nacht plötzlich Lust auf frisches Wildbret bekommen hatte, so war es sehr möglich, daß sie sich am frühen Morgen hierher gestohlen hatte. Also machte sich der Terrier eilfertig auf nach dem Kaninchenbach und wäre in seiner blinden Hast beinah dem Unglück in die Arme gelaufen, noch ehe er eine halbe Meile zurückgelegt hatte. Er sah etwas Graues, das ihm den Weg versperrte und tief am Boden, ungeschickt, sich rücklings auf ihn zubewegte. Im letzten Augenblick ahnte Weißwolf die Gefahr. Rascher als je ein Wolf es vermocht hätte, machte er einen Satz zur Seite. Ein scharfer Gestank benahm ihm einen Augenblick den Atem, er hörte das leichte, trockene Rasseln der langen Stacheln und gleich darauf fegte der verderbenbringende Schwanz des Stachelschweins kaum zwei Fingerbreit an ihm vorbei.

Er erreichte den Kaninchenbach und hetzte atemlos die Ufer entlang, hinauf und hinab, aber da war keines der vertrauten Zeichen zu erblicken, die verrieten, daß Mutter Wolf in der Nähe war, geschweige denn sie selbst. Verzweifelt schlich er auf eine Pyramide mächtiger Felsbrocken hinauf, ließ sich auf dem obersten breit nieder, die Nase in den Himmel gereckt, die Augen schmerzbewegt geschlossen – seine Flanken füllten sich wie ein Blasebalg – sein Nacken schwoll –, die Haare sträubten sich, und seinem offenen Maul entrang sich ein Laut, der, so gut ein Hund es eben kann, das markerschütternde Geheul eines Wolfes nachahmte. Und er verstand seine Sache. Freilich, es fehlte der letzte überzeugende Ausdruck des Gespenstischen. Unter Zehntausenden hätte Mutter Wolf mit Sicherheit den Ruf ihres Pflegesohnes herauserkannt.

Aber er hörte nur das Echo seines Rufes dahinrollen und sterben. Keine Antwort kam. Es war klar: La Sombra hatte ihn für immer verlassen. Ratlos blieb er lange Zeit auf seiner Felsenwarte liegen. Das Herz drohte ihm zu zerspringen. Er war überzeugt, daß er nah am Sterben war, so übel und weh war ihm zumute. Dann machte er sich wieder auf und jagte blindlings, ganz mit seinem Gram beschäftigt, das Tal der Sieben-Schwestern entlang. Hundertmal kreuzte er die Windrichtung, in der verzweifelten Hoffnung, daß ihm die Luft eine schwache Kunde von La Sombra zutragen würde. Aber die Winde waren leer und stumm. Sie brachten keine Botschaft, die für Weißwolf bestimmt war.

Unmittelbar unter seiner Nase sprang ein Kaninchen auf und rannte wie besessen, um sich in Sicherheit zu bringen. Aber Weißwolf hatte allen Appetit verloren. Selten nur machte er für kurze Weile halt um zu saufen, und auch das nur, wenn der brennende Durst in seiner Kehle unerträglich wurde.

Es wurde Mittag. Die Schatten wurden kurz, krochen demütig zu Füßen der Bäume in sich zusammen. Es wurde Nachmittag und immer heißer. Es wurde Abend, und die goldene Dämmerung wandelte sich in graues Zwielicht. Und immer noch streifte Weißwolf verzweifelt und todmüde durch die Wälder.

Ein hungriger Luchs, der auf einem breit ausladenden Baumast auf dem Anstand lag, sah das weiße Fell zwischen den Bäumen leuchten und duckte sich lauernd zum tödlichen Sprung. Aber dann trug der Wind seiner Nase die beißende Witterung der Wölfe zu, die viel stärker war als die des Hundes, und der Jäger oben im Baum zog seine Krallen wieder ein und duckte sich zusammen. Denn Wolf ist ein Wildbret, dessen Erlegung einige Schwierigkeiten hat und ein zäher Fraß nach so viel Mühe. In grimmer Wintersnotzeit ging's noch an, aber mitten im üppigen Oktober war es keine Speise, die sich empfahl.

Ahnungslos schoß Weißwolf unter dem Baume vorbei, auf dem der Tod lauerte, und setzte seinen Lauf fort.

Für kurze Zeit ließ er die Wälder hinter sich. Vor ihm breiteten sich Steine und Geröll. Blindlings stolperte er hinein. Ein scharfes Rasseln ließ ihn erschreckt zur Seite schnellen. »Sachte, Bruder, sachte!« flüsterte die Klapperschlange. »Dein Fuß ist härter als mein Rücken. Nimm dich hier in acht, wohin du trittst, oder du wirst den Fuß bald nicht mehr heben!«

Die Warnung trieb ihn wieder in den Wald. Über ihm hoben die Silberfichten Pyramiden ihrer Nadelmassen in einen Himmel, von dem Weißwolf nur hier und da einen letzten Schimmer erhaschen konnte. Dünn und verschleiert glimmten dort oben die ersten Sterne. Unter den Bäumen war es bereits pechschwarze Nacht. Um ein Haar wäre der Terrier ahnungslos einer neuen Gefahr in den Rachen gerannt. Nur der glückliche Umstand rettete ihn, daß das Fremde, das sich vor ihm bewegte, sich scharf von dem hellen Hintergrund des Preston-Sees abhob, der jetzt wie ein silberner Spiegel durch die Bäume leuchtete. So riesig war die Gestalt, daß das verschüchterte kleine Hundewesen im ersten Schreck an den grimmigen grauen Bären dachte. Aber dann sprang es in die Lichtung hinaus und siehe, es war ein riesiger Wolf, schwarz von Fell, wie die Nacht, Schwarzwolf selber, mit einem Wort, hundertvierzig Pfund stählerner Muskeln und fürchterlicher noch durch die im Zorn gesträubte Mähne.

Im nächsten Augenblick lag der Terrier platt auf dem Boden ausgestreckt. Sein Schwanz trommelte, Vergebung heischend, fiebrig die Erde und er winselte: »Gut Freund! Ich führ' nichts Böses im Schilde. Nichts andres wünsch' ich, als mein nichtswürdiges Selbst aus Eurem Gesichtskreis zu entfernen, wenn Ihr gestattet.«

»Ah,« knurrte der Riese, »ist das nicht der Bastard, der sich bei La Sombra eingeschlichen hat? Lüg nicht! Ich spüre ihre Witterung an dir, so wahr wie der Koyote ein hartes Leben hat. Weißwolf hat sie dich getauft und in den ganzen San Jacinto-Bergen lacht man über ihre Torheit. Ah, La Sombra, manches gefiel mir an ihr, aber im Grunde ihres Herzens ist sie eine Närrin – wie alle Weiber.«

»Ich möchte gehen, wenn Ihr gestattet«, hauchte der Terrier und hob sich ein bißchen vom Boden. »Ich werde erwartet. La Sombra wird sonst wütend und züchtigt mich.«

»Halt!« knurrte der Wolf. »Bildest du dir ein, ich habe unzählige Stunden damit vergeudet, dir aufzulauern und dir nachzuschleichen und zu warten, bis ich dich einmal an einer Stelle erwische, wo ich vor dem scharfen Blick und den spitzen Zähnen der Hexe – La Sombra – sicher bin, nur um dich dann laufen zu lassen? Nein, mein Kleiner, darüber kannst du dich beruhigen. Niemals wieder wird La Sombra dich züchtigen. Ich, Schwarzwolf, werde dafür sorgen. Nichts wird von dir übrigbleiben als eine kleine, rote Pfütze, an der La Sombra sich ausweinen kann.«

»Weh mir!« winselte der Terrier. »Gehör' ich denn nicht zu Eurem Stamm? Ist nicht La Sombra meine Mutter? Wollt Ihr mich wirklich hier im dunklen Wald ermorden, wo ich Euch doch niemals etwas zuleide tat?«

»Du hast jetzt kein Weib vor dir,« sagte das grimme Ungeheuer, »und wenn meine Nase mir berichtet, daß du ein Wolf bist, so berichtet sie mir ebenso, daß du die Witterung gestohlen hast. Unter deiner Haut bist du ein Hund, ganz und gar Hund, und nicht zum Guten wird es mir ausschlagen, wenn du am Leben bleibst. Nun, armseliger Schurke, bist du bereit, um dein Leben zu kämpfen, oder wartest du, bis ich dich beim Nacken fasse und dir das Genick zermalme?«

Steifbeinig rückte er ein paar Schritte gegen das ängstlich hingeduckte Hündchen vor. Schwarzwolf war grausam. Das herzzerreißende Winseln seines Opfers konnte ihn nicht rühren. Er machte einen Satz, und sein bebender Pflegesohn sah über sich das fürchterliche Gebiß im Dunkeln blitzen.

Aber – es gab keine Entschuldigung dafür. Die unglaublichste Sorglosigkeit war schuld daran. Schwarzwolf, dessen Zähne dem fliehenden Büffel das Fleisch pfundweise von den Rippen gerissen hatten, der mit einem Zuschnappen seiner Kiefer die Hinterläufe des riesigsten Elchbullen zu lähmen verstand, dessen Sicherheit im Ansprung unter den Wölfen weit und breit berühmt war – Schwarzwolf sprang daneben, sprang so sorglos, daß das Hündchen wie ein weißer Strich davonschnellen konnte. Schwarzwolfs fürchterlichen Fangzähne ritzten ihm nur die Rückenhaut, dann jagte es heulend davon.

Weißwolf kannte weder Weg noch Steg. Er rannte blindlings in die Nacht hinein und hatte gute hundert Meter zurückgelegt, ehe sein Gegner sich sammeln und mit voller Kraft die Verfolgung aufnehmen konnte. Aber noch leisteten des Terriers Lungen nicht das, was sie später einmal leisten sollten und bald hörte er hinter sich den schwerfälligen Galopp des Wolfes, der immer rascher näher kam.

Im Walde zu bleiben, war sicherer Tod. Weißwolf schlug einen Haken und stürzte sich verzweifelt in die Gewässer des Preston-Sees. Das Wasser klatschte auf, daß jeder einzelne Fisch im See sich erschrocken in das rettende Dunkel der Tiefe flüchtete. Als Schwarzwolf aus dem Wald ans offene Gestade herausschoß, sah er sein Opfer kühn das Wasser teilen und auf eine kleine Insel zuschwimmen, die kaum einen Steinwurf vom Ufer entfernt war. Ohne sich lange zu besinnen, sprang er nach. Er liebte solche Schwimmunternehmungen gar nicht. Das Wasser hing sich schwer in seinen Pelz. Die Kälte ließ ihm das Mark in den Knochen gefrieren. Unsichtbare Hände klammerten sich an ihn und wollten ihn in die todbringende Tiefe hinabzerren. Trotzdem hatte er, wenn die Hunde hinter ihm her waren, schon manchen Fluß durchschwommen. Der Blutrausch tobte in ihm, und vor Gier und Haß troff ihm beim Schwimmen der Geifer vom Maule.

Er holte rasch auf, aber doch nicht rasch genug. Als er sich dem Gestade der Insel näherte, sah er, wie das Hündchen herauskletterte und zitternd im Sternenlicht stehenblieb. Aber er hatte die Gewißheit, seinen Blutdurst zu stillen, wenn es auch ein wenig länger dauerte, als er erwartet hatte. Mit kraftvollen Stößen seiner Pfoten, die nicht kleiner waren als eine Manneshand, schob er sich durchs Wasser. Die Insel war fast erreicht. Er suchte nach festem Grund, aber er fand keinen. Das Wasser blieb tief und als er sich näher ans Ufer wagte, fand er dort einen Gegner, der in erhöhter Stellung auf ihn wartete. Denn mit Weißwolf war eine Wandlung vorgegangen.

Rings um das Fleckchen Land, auf dem er stand, flutete der See. Selbst eine Ratte hätte keinen Ausweg mehr gewußt. Er war in die Enge getrieben, und er hatte nicht die Absicht, kampflos zu sterben. Er hatte sich unterwürfig gezeigt und es hatte ihm nichts genutzt. Er hatte versucht zu fliehen und hatte feststellen müssen, daß seine kurzen Beine auf die Dauer dem mächtig ausgreifenden Schritt des Wolfes nicht gewachsen waren. Es blieb nichts mehr übrig, als zu kämpfen. Und zum Kampf hatte sich der Terrier entschlossen. Er sehnte ihn jetzt herbei. Eine Art Rausch hatte sich seiner bemächtigt. Er tanzte am Ufer auf und ab. Angst und verzückte Kampflust jagten ihm abwechselnd Schauer über den Rücken. Seine Augen flammten grün im Sternenlicht und seine lächerlich hohe Stimme überschlug sich beinahe, während er mit schrillem Kampfruf seinen Gegner am Ufer entlang verfolgte. Zweimal setzte der König der San Jacinto-Berge tapfer zum Sturm auf das Ufer an. Zweimal trieb ihn Weißwolfs belfernde Herausforderung zurück. Denn trotz seiner riesigen Größe war Schwarzwolf nicht anders geartet, als alle Kinder seiner Rasse. Wolf und Indianer sind beide tapfer genug, aber beide vertragen den Gedanken an die Möglichkeit einer Niederlage schlecht. Der Indianerkrieger wird von seinen Stammesgenossen am meisten gepriesen, der seinen Gegner mit dem geringsten Maß an eigener Gefahr zu Boden streckt. Weißwolfs funkelnde Zähne wirkten auf Schwarzwolf wie ebenso viele gezückte Messer.

So schwamm er im Kreis um das Inselchen herum. An einer Stelle faßte er auch Grund, aber es war tiefer, weicher Schlamm, in den er mit beunruhigender Schnelligkeit einsank, als er den Versuch machte, sich zum Sturm auf das Ufer in Positur zu stellen. Mut und Kraft ließen ihn allmählich im Stich. Schließlich machte er kehrt und strebte zum sicheren Festland zurück. Er schüttelte sich, daß das Wasser von seinen mageren Flanken weit umherstob und schickte ein langes trauriges, flackerndes Heulen zu den Sternen hinauf.

Weißwolfs lächerlicher Sopran antwortete mit wildem Geschnatter: »Du, du Feigling, du! Groß und schwarz wie du bist! Du Meuchelmörder! Nimm dich nur in acht! Ich warte nur noch, bis ich wenigstens halb so stark bin wie ich einmal werden soll, und dann werde ich dich jagen, du Sohn eines Koyoten, wie du mich heut gejagt hast! Wenn du nur meine Stimme hörst, wirst du dir längere Beine wünschen. In den Morast wirst du dich schleichen und dich im Schlamm wälzen wie ein kranker Bär, in der Hoffnung, daß ich an dir vorbeieile, ohne dich zu sehen. Aber eines Tages werden meine Zähne deine Kehle finden, und du wirst sterben! Zweifle nicht daran!«

So sprach der weiße Wolf und führte auf seiner Insel einen triumphierenden Kriegstanz auf. Schwarzwolf, der noch immer drüben am festen Lande am Ufer stand, krümmte sich unter den höhnenden Worten. Ein Wutschrei entfuhr ihm. Plötzlich kam aus weiter Ferne Antwort, ein langgezogener Ruf.

»La Sombra!« schrie Weißwolf entzückt.

»La Sombra!« wiederholte sein riesiger Gegner düster.

»La Sombra jagt schnell und gut,« sagte Weißwolf, »sie jagt, um mich zu finden, und wenn sie dich hier antreffen sollte, werde ich mich an deinen Hinterläufen festbeißen und dich niederhalten, damit ihre Zähne besser deine Kehle finden können. Ein hübsches Spiel wird es sein. Warte doch auf La Sombra, lieber Vater. Ich bitte dich, gedulde dich nur einen Augenblick. Ich will sie bitten, daß sie sich beeilt.«

Er ließ sich auf sein Hinterteil nieder, streckte die Schnauze steil in die Luft und ließ einen traurigschluchzenden Ruf emporsteigen. Er rollte weit in die Ferne und brachte rasch Antwort von La Sombra. Ihre Stimme ertönte schon viel näher. Sie kam rasch heran, so schnell sie ihre unermüdlichen Läufe trugen. Schwarzwolf wußte genug. Wenn er noch länger zögerte, kamen ihm seine frühere Gefährtin und ihr halberwachsener Zögling zugleich mit Klauen und Zähnen über den Hals.

»Wir sehen uns wieder«, knurrte er wütend zu dem Hund hinüber. »Hüte dich! Vergiß keinen Augenblick, daß ich noch auf der Welt bin. Hüte dich vor dem Dunkel, denn ich schleiche dir nach! Die Erinnerung an mich soll dir nicht Rast und Ruh lassen, bis ich dich zur Strecke bringe, kleines Schweinsauge. Pfui über dich, du Schlangenkopf! Warte nur, bis mein Tag kommt!«

Widerwillig verschwand er im Gestrüpp, und kaum war er verschwunden, als Weißwolfs scharfes Ohr La Sombra wie rasend durch das Unterholz brechen hörte. Ein Sprung und sie stand atemlos am Ufer:

»Laß mich deine Stimme hören, kleines Weißfell. Hat der See dich verschlungen? Schwarzwolfs Witterung hängt noch in den Büschen. Weh über den verräterischen Meuchelmörder! Lebst du noch, mein Kind? Kannst du nicht sprechen?«

Er war so aufgeregt, daß er nur ein mühsames Winseln hervorbrachte: »Hier bin ich – mir ist kein Haar gekrümmt. Schwarzwolf selbst war hinter mir her. Dort ist er verschwunden – zwischen diesen Bäumen.«

Er stürzte sich ins Wasser und schwamm zu La Sombra hinüber. Sie watete ihm entgegen, bis ihr das Wasser an die Brust reichte. Gierig schlappte ihre Zunge das kühlende Naß.

»So?« schnaufte die Wölfin. »Auf einer Insel hast du dich verschanzt? Das Wasser hast du dir zum Bundesgenossen geworben, was? Was? So klein noch, und so klug hast du gehandelt? Was tut's dann, daß du kurz von Beinen und noch kürzer bei Atem bist? Daß deine Augen trüb sind und deine Nase ungelehrig? Trotzdem wirst du leben und groß und berühmt werden, mein Sohn. Dein Witz wird uns weiter helfen, der Witz allein. Ich, deine Mutter, prophezei' es dir! Mit Gram und Freude hab' ich über dich gewacht, mein Sohn, und siehe, etwas rührt an mein Herz und an meine Gedärme, daß ich prophezeie – du wirst einst groß werden!«

Ah, eine Prophezeiung war es, und niemals konnte Weißwolf sie vergessen, später, in den Tagen seiner Größe, als sein Name geachtet und gefürchtet war vom Winnemago im Norden zum Mount Lawrence im Süden, von der Wüste im Westen bis in den östlichsten Winkel des Dunkeld-Tales.

Als er La Sombra erreichte, richtete er sich auf den Hinterfüßen auf und hätte sie unter Liebkosungen erstickt. Sie aber schob ihm ihre lange, spitze Wolfsschnauze unter die Vorderbeine und schnellte ihn geschickt in die Luft, daß er rücklings in den See plumpste. Schnaufend und pustend tauchte er wieder auf, aber er war sehr glücklich.

»Ich dachte, du hast mich für immer verlassen«, japste er.

»Laß uns nicht davon reden. Dein Ruf hat mich noch rechtzeitig erreicht, und das ist das einzige, was wichtig ist.«

»Aber werden wir den schwarzen Mordgesellen nicht verfolgen, solang er noch in der Nähe ist?«

Sie antwortete ihm nur mit einem Grinsen.

»Mannsvolk bleibt Mannsvolk«, sagte La Sombra. »Du mußt ihre Art begreifen. Streit behagt ihnen besser als Ruhe und Frieden. Aber pfui, was für einen widerlichen Riß hat er auf deinem Rücken hinterlassen.«

Und sie leckte sorgfältig die Wunde aus.

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