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Der weiße Wolf

Max Brand: Der weiße Wolf - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMax Brand
titleDer weiße Wolf
publisherTh. Knaur Nachf. Verlag
yearo.J.
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9. Kapitel

Die Natur in ihrer überquellenden Güte wollte, daß La Sombra rasch vergaß. Sie stand über den verstümmelten Körpern ihrer Kleinen und ihr Mutterherz krampfte sich einmal – einmal nur – in Schmerz und Pein zusammen. Dann aber führte sie die beiden, die ihr geblieben waren, nach einer anderen Höhle, die in dem braunen Felsgestein des Dunkeld-Cañons versteckt war. Diesen beiden galt jetzt ihre ganze mütterliche Sorge, und sie ging ganz darin auf. Selten nur, wenn abends zufällig einmal ihr Blick nach Westen schweifte und sie den Mount Spencer schwarz und massig ragen sah, glitt ein Schatten über ihre tiefe Zufriedenheit. Dann stieg eine schwache Erinnerung an die Tragödie in ihr auf, deren Schauplatz die breite Bergflanke dort drüben gewesen war. Aber Vergangenheit und Zukunft waren für die Wölfin nur schmale Randzonen um das Heute. Darüber hinaus verlor sich alles ins traumhaft Unbestimmte, und das einzige, was wirklich Geltung und Bedeutung hatte, war immer nur der gegenwärtige Tag, die Seite des Lebensbuches, die gerade aufgeschlagen war. Außerdem aber wurde La Sombra von Erziehungssorgen gewaltig in Anspruch genommen. Sie hatte etwas unternommen, woran sich nie zuvor ein Wolf versucht hatte. Ihr weißes Pflegekind blieb ihr ein Rätsel, das ihr immer wieder schwere Sorge verursachte.

Seine Nase war »blind«. Das war ohne Zweifel ein Umstand, der die meisten Schwierigkeiten bereitete und zu den größten Sorgen Anlaß gab. Dann wieder fehlte es dem Sorgenkinde so ganz und gar an jenem Mißtrauen gegen die Tücken der Welt, das jeder Wolf von den Millionen seiner Voreltern ererbt hat. Wenn La Sombra sich nicht die Mühe machte, ihm tausendmal am Tag zuzuraunen: »Psst, Psst, Weißwolf! Leise! Behutsam!« dann strich er knackend und prasselnd mit großartiger Sorglosigkeit durch das Unterholz wie Seine Majestät, der graue Bär, auf einem Jagdausflug. Das war noch nicht alles: Seine Beine waren bedauernswürdig kurz, sein Atem ebenso. Aber Mutter Wolfs Lieblingssprichwort war: »Grütze im Kopf ist für einen Wolf genau so viel wert wie scharfe Zähne und geschwinde Beine.« So pfropfte sie den Kopf des Terriers mit klugen Lehren voll und vergeudete viel Zeit darauf. La Sombra stand in der Blüte ihrer Jahre und hatte reiche Erfahrungen gesammelt. Von der Wüste im Westen bis zum Mount Winnemago weit im Nordwesten hinauf, hatten ihre Jagdfahrten sie geführt und sie spendete von ihrer Lebensweisheit so viel, wie der kleine Schädel ihres seltsamen Pflegekindes nur fassen konnte. Mit Schlappohr war es anders. Das Wölflein konnte neun Zehntel von dem, was es zu lernen hatte, schon im Schlaf. Dagegen mußte es Weißwolf erst mühsam erlernen, wie man Mäuse aufstöbert und daß man seine Pfoten benutzen muß, um sie aus ihrem Bau zu graben. Es mußte ihm beigebracht werden, daß ein Kaninchen sich nur durch Geduld und List und nicht durch ein unsinniges Aufgebot von Schnelligkeit erbeuten läßt. Er mußte lernen, die Wälder und Gewässer und die Zufluchtsstätten und Nothäfen, die sie boten, mit allen Einzelheiten auf der verläßlichen Landkarte des Hirnes zu verzeichnen, er mußte lernen, daß das Stachelschwein seine Stacheln nicht zum Scherz hat und daß das Stinktier seine besonderen Gründe hat, wenn es weder die Kreaturen des Himmels noch die der Erde fürchtet.

Aber Weißwolf hatte ein Gehirn, das zum Lernen geschaffen war, und wenn die Natur ihn in mancher Beziehung stiefmütterlich behandelt hatte, so hatte sie ihm doch wieder gewisse Gaben mitgegeben, die alles wieder wettmachten. Für kurze Strecken, bis zu hundert Meter, war er rascher als ein englischer Windhund; er besaß den Mut eines Löwen, und im Kampf verfügte er über eine verblüffende Fähigkeit, seinen Gegner geschickt da zu packen, wo er ihm besonders unangenehm werden konnte. Das hatte Schlappohr bei mancher häuslichen Auseinandersetzung immer wieder von neuem erfahren müssen. Dieser Sommer in den Bergen und die ersten Herbstmonate, die ihm folgten, waren für den Terrier eine freudenreiche Zeit. Er hatte wenig Feierstunden, und hätte ein Hund, der unter Menschen großgezogen war, das leisten müssen, was der Terrier leistete, wäre er in dieser Zeit hundertmal krepiert. Weißwolf aber focht es nicht an. Weißwolf wurde erst recht groß und kräftig. Seine Muskeln waren wie aus Eisen. Das Tal der Seen, die »Die-Sieben-Schwestern« heißen, war das Jagdgebiet, in dem die drei nach Gefallen schweifen konnten.

Aber der Tag kam, wo Schlappohr so ziemlich zu seiner vollen Höhe herangewachsen war, wenn ihm auch noch manches Pfund an dem Körperumfang fehlte, den sein kräftiger Knochenbau in Aussicht stellte. Das war im Oktober und es begann eine Zeit, in der der Jungwolf eine gewisse Widerspenstigkeit an den Tag legte und das Gelüst verriet, auf eigene Faust auf die Fahrt zu gehen.

So geschah es eines Tages, daß er seinen Platz in der Marschordnung verließ, sich an Stelle seiner Mutter die Führung anmaßte. Er steuerte durch den Wald, in der Richtung des Pekan Sees, der der fünfte der Sieben-Schwestern ist.

»Weißt du nicht, wo du hingehörst?« schnaufte Mutter Wolf im Laufen. »Hast du mich Steine kauen sehen – glaubst du meine Zähne wären zu stumpf geworden, um dir wieder einmal eine Lektion zu geben?«

Aber der junge Frechdachs sprang in großen Sätzen weiter.

»Ich wittere Kaninchen. Beute ist uns beschieden. Ein Kribbeln in allen Knochen verrät es mir ...«

Der Grund stieg hier ein wenig an. Mit ein paar Sätzen war Schlappohr die Bodenwelle hinan, kaum aber war er oben, als er sich mit einem grunzenden Laut der Überraschung und der Furcht auf die Erde plumpsen ließ. Die Wölfin, die gleich nach ihm ankam, ahmte sein Beispiel nach. Der Terrier aber strolchte ahnungslos weiter, die Nase neugierig in den Wind gereckt, und schließlich fand auch er die neue Witterung heraus. Es fiel ihm freilich nicht ein sich hinzuwerfen, im Gegenteil, er stand stocksteif, hoch aufgerichtet, um dies Neue einer gründlicheren Prüfung zu unterziehen. Denn ein dünner Rauchfaden schlich sich durch die Stämme und in den Geruch des brennenden Holzes mischten sich tausend andere aufregende neue Eindrücke, es roch nach Speise und nach einem unbekannten Tier.

»Duck dich!« japste die Wolfsmutter.

»Nieder! Nieder!« wisperte Schlappohr. »Der Magen dreht sich mir herum, mir steigt die Mähne, wenn ich dieses Fremde rieche. Niemals war noch eine Witterung so abscheulich.«

»Du hast unrecht,« sprach der Terrier, »mir bringt es Wonne, es zu riechen, und ich empfinde keine Furcht dabei. Ah – und was ist das?«

Durch den Wald hörte man dumpfe Schläge und das Klingen von Metall. Mutter Wolf antwortete durch die gefletschten Zähne:

»Keine Furcht fühlst du? Ich aber sage dir, der Laut, den du jetzt hörst, der kommt daher, daß das Untier seine Klauen schärft. Psst!«

Man hörte in der Ferne ein Geräusch, als ob ein gewaltiger Windstoß durch die Tannen brause, dann krachte und knatterte es und zuletzt folgte ein Dröhnen, von dem die Erde zitterte.

Der Terrier machte mit steifen Beinen einen erschrockenen Seitensprung und spitzte die Ohren.

»Was bedeutet das?«

»Das Untier hat mit seinen Klauen einen Baum zu Fall gebracht. Spürst du noch immer keine Angst? Ja, ja, kriech du dicht an mich heran und winsle du nur, wenn dir der Sinn danach steht. Ist denn in deinem närrischen Schädel nicht ein Fünkchen Vernunft zu finden? Hat nicht Schlappohr gleich Bescheid gewußt? Habe ich nicht ebenso Bescheid gewußt, ich, die ich vor langer, langer Zeit zum erstenmal diese Witterung kennengelernt habe? Nun komm, wir wollen weg von hier und diesem Erzübel den Rücken kehren. Aber eines laß dir von La Sombra sagen: Die Zeiten fröhlicher Jagd im Tal der Sieben Schwestern sind jetzt für uns vorbei.«

Wie der Wind ging es unter ihrer Führung heimwärts, den Dunkeld-Bergen zu. Dort lagen sie lange im Schatten eines Klumpens jungaufgeschossener Pappeln und schleckten den Tau, der in schweren Tropfen im Grase hing, denn die Dämmerung war gekommen. Die purpurn und golden schimmernden Farben des Herbstes löschten langsam aus und machten dem tiefen Blauschwarz der Nacht Platz.

»Dies ist ein Geruch und ein Wesen, von dem ich euch noch nie gesprochen habe«, sagte die Mutter der Wölfe. »Denn was sind leere Worte, ehe man es gesehen und gerochen hat. Aber ich sage euch, daß meine Mutter durch dieses selbe fremde Untier getötet worden ist. Das Ungeheuer hatte Zähne in den Boden gegraben, die nach ihr schnappten und sie festhielten. Und das Ungeheuer breitete ihr Fell vor dem Eingang seiner Höhle aus und ließ es in der Sonne trocknen. Ich, La Sombra, bin bis an den äußersten Rand der Bäume gekrochen und ich habe das Gesicht des Unholds erblickt. Ein Schauer ging über sie hin. Sie bebte von der Nase bis zur Rutenspitze.

»Seltsam ist dies«, murmelte Weißwolf. »Gern wär' ich die Fährte zu Ende gelaufen bis dort, wo der Rauch herkam. Gut und lieblich schien meiner Nase der Geruch. Er machte mir das Herz im Leib hüpfen und das Wasser lief mir im Mund zusammen.«

»Das kommt davon, wenn man schon als Narr geboren wird«, grinste Schlappohr höhnisch und machte einen Luftsprung. Es geschah keinen Augenblick zu früh, denn wo eben noch Schlappohrs Pfote geruht hatte, schnappte Weißwolfs prachtvolles Gebiß in die leere Luft.

»Dies ist nicht die Zeit zu Torheiten«, knurrte La Sombra. »Blick zum Himmel, mein Sohn, und sag' was du siehst.«

»Nur den Adler, der sein Nest in den Schründen auf dem Gipfel des Mount Spencer gebaut hat.«

»Wenn er nicht nur die Schwingen hätte, die ihn dort oben tragen, und die Kraft des grauen Bären in seinen Fängen, sondern auch noch die Rüstung des Stachelschweins und den Pesthauch des Stinktiers und das Gift der Schlange, würdest du ihn dann fürchten, jüngster aller Wölfe?«

»Ah,« sprach der Hund, »wie könnten so viele Schrecken in einem Wesen vereinigt sein?«

»Hör mich und ich will dir nur eines sagen«, sprach La Sombra. »Ich habe den Unhold einen Grisly töten sehen und dabei stand er weit weg von ihm, weiter, wie von hier bis zu jenem gestürzten Baum dort, und er tötete den Grisly mit einem Feuerstrahl und einem Geräusch wie Donner, und das tat er auf einen Schlag.«

Der Terrier leckte seine dünnen rosa Lefzen.

»Das ist von allem das Wunderbarste«, sagte er.

»Eisen dient diesem Teufel als Sklave, und des Teufels Name ist Mensch. Wohin er das Eisen bringt, dahin bringt er den Tod mit dem Eisen. Und wo du einen scharfen und bitteren Geruch spürst, der dir die Kehle ausdörrt und dich in die Nase beißt – so ist das ein Zeichen, daß er die Stimme bei sich trägt, die von weitem tötet.«

»Sage mir, wenn du es weißt,« fragte Schlappohr, »ist dieser Teufel viel größer als ein Grisly?«

»Er ist nicht größer als dein Vater, o Sohn, wenn es deinem Vater einfallen würde sich aufzurichten und nur auf den Hinterfüßen einherzugehen.«

»Rasseln denn seine Stacheln, wenn er läuft?« fragte der Terrier.

»Er ist nicht mit Stacheln gepanzert, sein Körper ist so weich wie der eines Kaninchens oder der des zahmen Schweins – was eine Speise ist, die du noch nie gekostet hast. Sein Fleisch ist faulig. Sein Gang ist schleppend und sein Lauf vermag nichts. Aber er hat Sklaven. Und in ihm wohnt ein Teufel.«

»Hast du ihn denn aus der Nähe gesehen?« fragten die beiden in einem Atem.

»Einst war ein böser Tag für mich, da lief ich mit dem Wind auf einer warmen Fährte und ich sprang plötzlich zur Seite, denn vor mir stand ein Mensch. Er trug nicht die Stimme auf der Schulter, welche tötet, sonst wäre ich auf der Stelle tot gewesen, aber er hatte den Zahn mit, mit dem er die Bäume zum Stürzen bringt – ah, und doch war das nicht das Schlimmste, das er bei sich trug.«

»Mutter,« sprach der Terrier, »was blickst du so nach allen Seiten, als ob du Angst hättest?«

»Schau deiner eigenen Nase nach, wie ein wohlerzogener Wolf!« knurrte La Sombra. »Und kümmere dich nicht, wohin ich blicke, ich sage dir, das Menschentier starrte mich an und aus seinen Augen kam etwas und drang in meine und dieses Ding verzauberte mein Herz, daß es schwer wurde wie ein Stein. Ich konnte mich nicht rühren, ich verlor die Sprache. Und sein Blick ruhte so schwer auf mir, daß ich die Augen abwenden mußte, und es war, als wenn ein Strom ein welkes Blatt zur Seite wirbelt. Ich war sterbenskrank. Dann machte der Teufel einen Lärm mit seiner Stimme und ich erhielt ein wenig von meiner Kraft zurück, so daß ich weglaufen konnte. Aber vergessen habe ich es niemals. Eher will ich mich unter die Klauen eines Berglöwen wagen, als unter den Blick des Menschentiers.«

»Horch!« sagte Schlappohr und kroch, mit dem Bauch auf dem Boden, nach vorne. »Da rührt sich was in den Büschen. Was ist das?«

Ein Hirsch trat aus dem Wald ins freie Tal hinaus. Schlappohr stieß ein kurzes Winseln aus und schoß wie besessen darauf los.

»Kehr um!« rief Mutter Wolf. »Um diese Zeit des Jahres jagst du die Kreatur umsonst. Gerade so gut könntest du auf einen Falken Jagd machen.«

Aber Schlappohr stutzte nur einen Augenblick. Gleich darauf jagte er eifrig weiter.

Sie warteten lange Zeit. Schließlich hörten sie weit, weit in der Ferne Schlappohrs Jagdruf. La Sombra sprang auf.

»Das ist die Stimme eines Wolfs, der nur für seinen eigenen Hunger jagt«, sagte sie. »Nie mehr wird Schlappohr zu uns zurückkehren. Und die Stunde war gekommen. Wie lange noch, mein Sohn, und du verläßt mich auch.«

»Warum sollt' ich dich verlassen?« meinte Weißwolf niedergeschlagen. Ja, er duckte den Kopf und versuchte sich dicht an sie heranzudrängen. La Sombra aber fletschte plötzlich die Zähne und sprang bei Seite.

»Weil du die Welt brauchst, mein Sohn. Und weil die Welt nach dir verlangt, damit du die Dinge lernst, die sogar La Sombras Wissen fremd sind. Vor allem – das merke dir, Weißwolf – mußt du lernen, auf dich selbst gestellt zu töten oder getötet zu werden. Halt dich fern von mir. Ich spüre heute ein böses Kitzeln in den Adern.«

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