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Der Weißbacher und seine Freud

Ludwig Ganghofer: Der Weißbacher und seine Freud - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorGanghofer
titleDer Weißbacher und seine Freud
booktitleDer Herrgottschnitzer vom Ammergau
isbn3-8118-4688-4
pages301-314
senderhille@abc.de
created19990306
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Ludwig Ganghofer

Der Weißbacher und seine Freud

Als ich vor neunzehn Jahren den Mickei Weißbacher kennenlernte, wollte meine Frau keinen Pfannkuchen essen.

Wir waren um die Mittagszeit in unserem Bauernwägelchen von dem einsam gelegenen Bergwirtshaus angefahren, und der Weißbacher, der mich auf die Gemspirsch führen sollte, trat freundlich grüßend an das Wägelchen heran, ein langer, kräftiger Mensch, in der üblichen Jägertracht des Hochlandes, mit einem gutmütigen, sonnverbrannten, von einem pechschwarzen Vollbart umrahmten Gesicht. Eins von jenen gesunden Durchschnittsgesichtern, wie sie häufig in den Bergen zu sehen sind: ein Mund, der lieber lacht als sich im Ernst verzieht, zwei dunkle Augen, scharf und glänzend, doch ohne jede Sprache, die von Gedanken erzählt. Nur etwas Nebensächliches fiel mir am Weißbacher auf. Er trug das schwarze Kopfhaar frisch gestutzt, ganz kurz – und zwischen diesen winzigen, rußschwarzen Haarstacheln, von denen jede in der Sonne ein punktfeines Glanzlicht an der Schnittfläche hatte, leuchtete die Kopfhaut schimmernweiß heraus, während alles übrige, was es sonst an Haut beim Mickei Weißbacher zu sehen gab, so braun war wie mattes Kupfer. Dieser Kontrast wirkte ein bißchen komisch.

Der Weißbacher trug meine Jagdsachen zu einem Gartentisch, während meine Frau das Mittagessen für uns bestellte: einen Pfannkuchen.

Ich setzte mich neben den Weißbacher an den Tisch, und meine Frau promenierte im Schatten der Obstbäume, kam aber flink heran, als der Pfannkuchen gebracht wurde, und setzte sich mir und dem Weißbacher gegenüber. Das Aussehen des appetitlich duftenden Gerichtes schien ihren Beifall zu finden. »Gott sei Dank, weil wir nur endlich was bekommen! « sagte sie und wollte sich bedienen. Aber da Iegte sie plötzlich die Gabel nieder, drehte die Augen auf die Seite und guckte starr ins Grüne hinaus.

»Was ist denn los?«

Statt zu antworten, schob sich meine Frau aus der Bank heraus und entfernte sich fluchtartig in den Obstgarten. Ich ging ihr nach. »Aber Kind! Was ist denn? So komm doch her und iß! Es wird ja der Pfannkuchen kalt.«

»Hör auf! Mir graust! «

»Grausen? War denn etwas am Pfannkuchen? Eine Spinne?«

»Nein! Aber hast du denn das gar nicht gesehen? Dieser Mensch ... wie er dasitzt ... so was Grausliches hab ich im Leben noch nicht gesehen! «

Ich sah zum Tisch hinüber. Da drüben, hinter dem rauchenden Pfannkuchen, saß der Weißbacher und äugte verwundert zu uns herüber. Über die Brust herunter, fast bis zum Hosenbund, trug er das Hemd weit offen – und da guckte was heraus, als hätte sich der Weißbacher ein schwarzgekräuseltes Lammfell breit über die Seele gebunden. Doch das Fell war angewachsen.

Kein Zureden konnte meine Frau bewegen, an den Tisch zurückzukehren. Und daß ich den Jäger fortschickte, wollte sie auch nicht dulden, weil kein Grund vorläge, den harmlosen Patron zu beleidigen. Also mußte der Kutscher einspannen. Und meine Frau, der aller Hunger gründlich vergangen war, trat mit beschleunigtem Tempo die Heimfahrt an.

Als ich mich dann bei dem kalt gewordenen Pfannkuchen einfand, fragte der Weißbacher mit gutherziger Besorgnis: »Was hat denn 's Frauerl ghabt?«

»Ach, nichts! Ein bisserl übel ist ihr worden. Und da war's am besten, daß sie gleich wieder heimgefahren ist.«

»So so?« Der Jäger sah mich schmunzelnd an. »Nno ... da gratalier i halt! So hat's die Meinig aa in iher Zeit oft g'habt. Und ausgrechnet allweil beim Essen.«

Ich unterließ es, dieses Mißverständnis aufzuklären, bestellte mir Kaffee und Butterbrot, und der Weißbacher machte sich mit beneidenswertem Appetit über den kalten Pfannkuchen her. Dabei sagte er plötzlich, mit einem sonderbaren Gedankensprung: »Jetzt sollten S' es aber sehgn, unser Büaberl! Hansei hoaßt'r! Und gestern hat er die ersten fünf Schrittln gmacht vom Tisch bis zum Ofen, ja. Dös Manndei, dös kloane, dös is mei ganze Freid!« Als der Weißbacher diese letzten Worte vor sich hinlachte, hatte er völlig andere Augen als zuvor – wunderschöne, leuchtende, glückliche Augen.

Ein paar Minuten später marschierten wir los, um die drei Wegstunden zur Jagdhütte hinaufzusteigen. Der Pfad führte durch dichten herrlichen Fichtenwald. Kaum hörbar ging ein leises Träumen über die Wipfel hin. Es war so schattenschön und still – man pflegt zu sagen: wie in einer Kirche. Aber dieser Vergleich scheint nach einer Seite zu hinken. Wenigstens hab' ich von einer Kirche noch nie gehört: es wäre in ihr so still wie in einem hundertjährigen Walde. Und gute Vergleiche sollten auf Gegenseitigkeit beruhen.

Für die blaugrüne Schönheit, die uns fein umflüsterte, hatte der Weißbacher kein Auge. Immer guckte er vor sich hin auf den Steig und fing von der Jagd zu schwatzen an, trocken und gleichmütig.

Doch als wir aus dem Walde auf eine große Lichtung hinaustraten und einen zaubervollen Blick über das tiefe, von purpurnen Schatten umgossene Wiesental mit seinen zerstreuten Gehöften gewannen, da blieb der Weißbacher stehen, sah hinunter und bekam wieder jene schönen, leuchtenden, glücklichen Augen. Er deutete mit der kupferbraunen, haarigen Hand hinunter und sagte: »Schaugn S', Herr Dokter, dös Anwesen, dös gar so weiß auffispitzt aus die Baam, dös is mei Hoamatl. Dös Häusl, dös is mei ganze Freid!«

Während wir über die Lichtung emporstiegen, guckte der Weißbacher hundertmal hinunter ins Tal – und was er dabei auch redete, alles hatte einen warmen Klang, einen Ton, der irgend etwas Besonderes zu sagen schien.

Auf der Höhe der Lichtung, als der Fernblick am schönsten wurde, setzte ich mich nieder, um ruhiger schauen zu können. Der Weißbacher hockte sich an meine Seite – und wenn er nicht schwieg oder gähnte, quasselte er gleichgültiges Zeug. Denn das Häuschen dort unten, das so winzig und blumenweiß aus den Äpfelbäumen herausgeschimmert hatte, war nicht mehr zu sehen. Und die ganze schöne übrige Welt um uns her schien für den Weißbacher nichts Beachtenswertes mehr zu haben.

Am Abend, droben in der Jagdhütte, bekam der Weißbacher wieder die schönen, leuchtenden Augen. Ich hatte ihn eingeladen, bei meiner Konservenmahlzeit mitzuhalten. Doch der Weißbacher schüttelte den komischen Kopf, daß sein schwarzer Bart einen heftigen Wackler machte. »Vergeltsgott, Herr Dokter! I hab ebbes bessers.« Aus fettigem Zeitungspapier schälte er ein Stück Rauchfleisch hervor, auf dessen weißem Speck sich die ganze Schrift der Zeitung abgedrückt hatte. »Dös is fei a guats Bröckl! Dös hat mer mei Hannerl eingwickelt. Dö sorgt halt für mi! Is scho wahr, dös Weibl, dös guate, dös is mei ganze Freid!«

Nach zwei Tagen war dem Weißbacher das gestutze Haar schon wieder so weit gewachsen, daß man nichts mehr von dem silberweißen Schimmer sah. Und auf der Gemspirsch – ob wir nun in heißer Sonne gingen, oder ob am Morgen und Abend der schneidende Bergwind eiskalt herfuhr über die Schneefelder – immer trug der Weißbacher das Hemd an der Brust weit offen. Was ein richtiger Pelz ist, der kühlt in der Hitze und wärmt in der Kälte! So was Ähnliches sagte der Weißbacher einmal. Und fügte die philosophische Bemerkung bei: »Drum san d'Viecher, dö in der Wildnis leben müassen, alle haaret. Und gsund! Unser Herrgott woaß scho, was 'r tuat.«

Über den Jäger, der im »gsunden« Weißbacher steckte, konnte ich mich nicht beschweren. Er war revierkundig, hatte immer den richtigen Einfall, wenn es zu handeln galt, und brachte mich in drei Tagen auf zwei gute Gemsböcke zu Schuß, die er gleich hinuntertrug ins Dorf –zu seiner »ganzen Freid«. Doch als wir zwei weitere Tage gepirscht hatten, ohne den dritten Bock auf die Decke zu bringen, fing der Weißbacher am Morgen beim Ausmarsch unter den funkelnden Sternen wie ein Wilder zu fluchen an: »Himi Kreuz Teifi Sakrament übereinander! Heut muaß ebbes her! Heut muaß i an Bock abitragen!« Auf den Bock kam es ihm dabei nicht an, nur auf das »Abitragen«, auf das Stündchen, das er daheim verbringen konnte, bei seiner ganzen Freud.

An diesem Pirschmorgen leistete der Weißbacher als Jäger wahrhaft Übermenschliches. Er brachte mich auf einen Gemsbock zu Schuß, der unerreichbar schien. Aber die Wege, die wir gegangen, hatten mich erschöpft – und ich schoß daneben. Und sah nicht dem davonsausenden Bock nach, sondern guckte erschrocken den Weißbacher an. Der nahm den Hut ab, fuhr sich mit dem Ärmel über die schweißbetropfte Stirn und sah über die Felswand in die Tiefe hinunter, wie auf den Untergang einer schönen Stadt und auf den Tod von tausend Menschen. Und sagte: »Ja, Herr! So geht's zua in der Welt! « Dann sprach er kein Wort mehr, auf dem ganzen Heimweg keine Silbe.

Dieses enttäuschte Herz in seiner lechzenden Sehnsucht nach dem Hannerl weckte mein Erbarmen. Ich schrieb in der Jagdhütte eine Postkarte und gab sie dem Weißbacher: »Da Mickei, trag sie hinunter! « Alles graue Unwetter seiner Seele war jäh verwandelt in lachende Sonne. Flink wie ein Wiesel sprang der lange Mensch davon. In seiner Freude mußte er auf dem Wege jauchzen – immer wieder!

Den Tag verschlief ich in der Hütte und erwachte erst, als der schöne Abend dämmerte. Der Weißbacher war noch nicht da. Ich setzte mich auf die Türschwelle und blickte träumend in den Glanz des Abends.

Kein Windhauch mehr. Keine Tierstimme. Nirgends der Klang eines rieselnden Wassers. Nur Schweigen.

Manchmal, als aller Glanz schon zu ergrauen anfing, kam ein zartes, kaum noch vernehmliches Tönen aus der Tiefe herauf. Es waren die Viehglocken der großen Alm, die hinter einem langen Waldstreif dort unten lag. Auf unseren Pirschgängen waren wir nie zu dieser Alm gekommen. Aber von den Graten aus, über die wir hingestiegen, hatte ich das weitgedehnte Weidefeld mit den dreiundzwanzig Sennhütten oft gesehen. Von diesen Hütten kam das feine, zärtliche Klingen heraufgeschwommen durch die Stille der versinkenden Abendglut.

Und dann die kühl atmende Nacht, mit den schwarzen Mauern der Berge vor dem stahlblauen Himmel. Die großen Sterne funkelten so feurig, als wäre in jedem dieser fernen Weltenbürger die ganze Freude des Mickei Weißbacher brennend geworden.

Jenes leise Tönen war nicht mehr zu hören. Doch etwas anderes vernahm ich. Immer wieder. Weit aus der Ferne. Ein ganz merkwürdiges Geräusch – ähnlich dem Geplätscher, das ein Guß Wasser macht, der auf Steinplatten geschüttet wird.

Ich konnte mir dieses Geräusch nicht erklären. Und grübelte immer.

Plötzlich stand in der Finsternis der Weißbacher vor mir, ohne daß ich ihn hatte kommen hören.

»Vergelt's Gott, Herr Dokter!« sagte er mit einer frohen Wärme in der Stimme.

»Du! Mickei! Horch einmal!«

Er lauschte in die Nacht hinaus. Und jetzt hörte man's wieder, dieses Merkwürdige.

»Was ist denn das?«

Der Weißbacher lachte. »Auf der Kermadenalm, da tean s'heut lampelspritzen.«

»Lampelspritzen?« Ich verstand nicht, was er meinte. »Was heißt das?«

Der Weißbacher erklärte mir die Sache.

Morgen wäre ein hoher Feiertag. Und es wäre seit alten Zeiten so Sitte, daß die dreiundzwanzig Sennerinnen der Kermadenalm am Morgen dieses Feiertages den Pfarrer mit einem lebensgroßen, ganz aus Butter zusammengekneteten Lamm beschenken, dem das gelockte Fell mit feinen Butterfäden aufgespritzt würde. Jede von den dreiundzwanzig Sennerinnen hätte für dieses Kunstwerk einen Ballen Butter zu spenden. In der zu höchst gelegenen Almhütte, bei der »alten Resl vom ledigen Hof«, kämen am Vorabend des Festes alle die Sennerinnen zusammen. Da würde dann das Kunstwerk geschaffen. Und die alte Resl mit ihrer Tochter, das wären zwei rassige Weiberleute. Drum ginge es beim Lampelspritzen gar lustig und übermütig zu. Und was ich da in der stillen Nacht vernommen hätte, dieses merkwürdige, mir unerklärliche Geräusch – das wäre das Gelächter und Geschrei der dreiundzwanzig Sennerinnen.

»Mickei! Da muß ich hinunter! Das muß ich sehen!«

Der Weißbacher schüttelte bedenklich den Kopf »Dö lassen uns net eini in d'Hütten.«

»Das wirst du schon fertigbringen. Also, vorwärts!«

»Herr Dokter, Herr Dokter, dö Sach geht schiaf aus! Es is net der Brauch, daß beim Lampelspritzen Mannsbilder derbei san. Und die alte Resl und ihr Madl, dö zwoa san scho die richtigen! Und zwanzg andre noch dazua! Und wann amal d' Weiberleut in der Übermacht san, da haben s' koan Zaum und Zügel nimmer.« Dem Weißbacher kam ein beklommener Ton in die Stimme. »Und wissen S', mei Hannerl, dö hat mi halt soviel gern. Und da eifert s' halt auweil a bisserl. ja! Da is glei allweil Fuier am Dach. Drum mach i liaber an Umweg, wann i a Weibsbild siech. Und iatz glei zwei Dutzend beinander auf oam Schüppel! Lassen S' es guat sein, Herr Dokter! «

Die Angst, die der Weißbacher hatte, reizte mich noch mehr. »Wenn du nicht willst, so geh ich allein. Das muß ich sehen.«

Brummend steckte Mickei eine Kerze in die Laterne. »In Gotts Namen! Probieren mer's halt! «

Während wir durch den finsteren Wald hinunterstiegen, erfuhr ich vom Weißbacher noch die Chronik einer ungewöhnlichen Familientradition. Die Resl nämlich, die heute als Lampelspritzerin fungierte, war ein fünfzigjähriges Mädchen, das mit seiner fünfundzwanzigjährigen Tochter Marei in der »öbersten« Almhütte hauste. Mutter und Tochter waren die Bäuerinnen vom »ledigen Hof«. Seit Menschengedenken hatte auf diesem Hof immer nur eine Bäuerin regiert, nie ein Bauer. Kam die junge Bäuerin in die »lebfrohen« Jahre, so nahm sie sich einen, der ihr gefiel. Aber vom Heiraten wollte sie nichts wissen, sondern blieb die ledige Bäuerin, gebar eine Tochter – und zwanzig Jahre später ging die Sache wieder von vorne an. Im Dorfe kannte man bereits vier Generationen dieser Art. Im ledigen Hof war immer nur eine Tochter geboren worden, nie ein Sohn. Der Weißbacher sagte: »Dö haben si seit hundert Jahr allweil oanseiti furtpflanzt.« Und während er das erzählte, klang vom Almfeld immer deutlicher das plätschernde Gelächter und Geschrei der dreiundzwanzig Sennerinnen herauf.

Ehe wir den Waldsaum erreichten, blies der Mickei das Licht der Laterne aus. »Da müassen mer uns hoamli zuawimachen. Bal d'Madln mirken, daß a Mannsbild überzwerch is, lassen s' uns nimmer eini.«

Wie ein schwarzer See mit erstarrten Wogen lag das weite Almfeld im Funkelglanz der Sterne. Unter den vielen Hütten hatte nur eine einzige die kleinen Fensterchen rot erleuchtet – die Hütte, aus der immer wieder dieses lustig grillende Geschrei der Sennerinnen tönte.

Wir hatten uns lautlos auf eines der roten Fensterchen zugeschlichen. Ich drückte vorsichtig die Nase gegen das trübe Glas und sah verschwommen in der Hütte ein Bild, das kaum zu schildern ist. Zwischen dem rußigen Sparrenwerk des Daches hing eine eiserne Pfanne, in der mit Qualm und rotem Geloder ein Pechfeuer brannte. Dieser zuckende Rotschein fiel über die zwanzig jungen und alten Weibsleute her, die mit Gekicher und Geschrei den Tisch umdrängten, auf dem – verdeckt durch diesen ruhelosen Ring von grell beleuchteten Köpfen, glühenden Gesichtern und nackten Armen – das butterige Lampel gespritzt wurde. Immer fuhr ein Gewirbel von roter Helle und schwarzen Schatten um den Tisch herum. Manchmal tauchte in einer Lücke etwas Buttergelbes auf und verschwand wieder. Alle paar Augenblicke hob sich über die zwanzig Zausköpfe ein scharfgeschnittenes Altweibergesicht herauf, mit aufgeblähten Backen, als hätte das Weib einen großen Knödel im Munde. »Dös is d' Resl vom ledigen Hof! « tuschelte der Weißbacher. Und unter den anderen Weibsleuten fiel mir eine junge auf, groß und üppig, mit lachenden Blitzaugen, mit einem dicken Blondzopf um die Stirn. »Dös is d' Marei, der Resl ihr Madl!« lispelte der Weißbacher. »Aber schaugn mer eini! Probieren mer's halt!«

Ich sah, daß sich der Weißbacher, bevor er die Hüttentür öffnete, das Gesicht bekreuzigte – so, wie ein banger Christ es macht, der dem Teufel zu begegnen fürchtet. Ein rötlicher Qualm nebelte aus dem hellen Viereck heraus, und in der Sennstube wurde es für einen Augenblick ganz still. Die zwanzig rotglühenden Gesichter waren gegen die Tür gewendet. Dann erhob sich ein zeterndes Geschrei, und der ganze Schwarm dieser almerischen Amazonen fuhr mit erhobenen Fäusten auf den Weißbacher los.

Der streckte zur Abwehr den Bergstock quer vor sich hin und brüllte: »Mar' und Josef! I will ja nix! Aber da is a stadtischer Jagdherr! Der möcht a bißl zuaschaugn beim Lampelspritzen!«

Jetzt sahen sie mich erst – weil ich aus dem Schatten heraustrat, den der Weißbacher auf mich geworfen hatte. Die einen fingen wieder zu kreischen an, die anderen wurden still.

Die alte Resl schmunzelte, während sie zwischen den flinken Händen ein apfelgroßes Stück Butter zu einem runden Knödel rollte. Dann sagte sie mit ihrer scharfen Stimme: »Meintwegen! Sollen s' halt dableiben, dö zwoa Krippenreiter! Dö kon i grad brauchen. D' Sanftmuat hab i dem Lampel mit Butter scho auffigspritzt. Aber's Dumme muaß i no machen. Da leih i mer's Material von die Mannsbilder aus!«

Die Almerinnen lachten, und wir beide lachten mit. Das fängt gut an! dachte ich und ging auf den Tisch zu, um das butterne Kunstwerk zu betrachten, das seiner Vollendung entgegenschritt. Lebensgroß war die Gestalt des Butterlammes mit naiver Plumpheit über ein hölzernes Gerippe montiert und zur Hälfte schon mit gelben Krauslocken überspritzt. Die gelockte Schnauze erinnerte an einen Pudel, und mit den himmelblauen Augen, die aus zwei Enzianblüten gebildet waren, guckte das dicke Köpfel drastisch borniert ins Leben. Ich wollte die Technik dieses Geträufels genauer studieren und beugte das Gesicht. Aber da hatte mich die Marei schon beim Schopf erwischt und stieß mir die Nase in die fette Wolle des Lammes: »Gelt, dös gfallt d'r, Stadtischer?«

Während ein vergnügtes Gejohl die Stube füllte, besserte die Resl den Schaden wieder aus, den das goldene Vlies genommen hatte. Sie tauchte den runden Butterknödel in das Wasser, das in einem großen Zuber auf dem Tische stand, nahm den Knödel in den Mund und preßte zwischen den gespitzten Lippen einen dünnen Butterfaden heraus, den sie auf dem Rücken des Lammes unter flinken Kopfbewegungen in Schlingen und Locken legte, wie ein Konditor den Zuckerguß auf die Torte spritzt.

Die Butter von meiner Nase wischend, fragte ich lachend: »Weiß denn der Pfarrer, wie das Lampel gespritzt wird?«

Unter dem Gekicher der anderen erwiderte eine Stimme: »No freili! Aber aufs Butterbrot weard eahm wohl die Köchin 's Lampel schwarli auffistreichen. Dös weard halt eingsotten auf Schmalz. Da kocht si nacher scho alles wieder auffi, was net einighört.«

Die Resl hatte die letzte Locke verspritzt, wischte den Mund ab und sagte: »So geht's mit aller Süaßigkeit auf der Welt! Bal mas net zeitli zum Umsiaden ins Pfanndl schmeißt, weard's allwefl ranzet.« Sie guckte zum Weißbacher hinüber. »Und der da, mit seiner ganzen Freid, der weard aa bald einimüassen ins Pfanndl. Sunst kunnt si an seiner ewigen Seligkeit der Schimmel ansetzen! «

Der Weißbacher, der zuvor auf meine Kosten lustig mitgelacht hatte, machte wütende Augen. Was die leuchtende Freude seines Lebens betraf, da schien er keinen Spaß zu verstehen. Er drohte: »Du! Auf mi kannst Kletten werfen, so lang als d'magst. Aber meine Leut dahoam, dö laßts mer in Ruah!«

Das wirkte, als hätte der Mickei mit seinem Bergstock in einen Bienenkorb gestochen. Die spöttischen Schlauderwörtchen fielen schockweise über ihn her. Das ganze Doppeldutzend der Lampelspritzerinnen beteiligte sich an diesem Martyrium des Weißbacher. All seine körperlichen Eigenschaften und seine schönen Freuden, sein blumenfreundliches Haus, sein »haareter Prinz« und das »speckete« Hannerl –das alles wurde so schneidig unter die Hechel genommen, daß der Weißbacher in eine sinnlose Wut geriet. Aber je mehr der Mickei schimpfte, um so fideler lachten diese zwanzig Weiberleute, die im Gefühl ihrer Übermacht – wie der Weißbacher richtig prophezeit hatte – allen Zaum und Zügel zu verlieren begannen. Und als der Mickei im Zorn alle Heiligen und Teufel ins Feuer führte, kreischte von den Sennerinnen eine: »Sakra! Dös is a Scharfer! Mareidl, dös waar oaner für di! Du hast d' Haar auf die Zähn, und der ander hat's auf'm Herzfleck. Ös zwoa mit anand, dös kunnt a Rass' geben, a haarete! «

Man lachte, daß die kleinen Fensterscheiben zitterten. Und die schmucke, kräftige Marei zeigte die weißen Blinkzähne und sprang im Übermut mit blitzenden Augen auf den Weißbacher zu. »Wia! Geh her, du! Laß di a bißl kosten! « Sie packte ihn am schwarzen Bart und wollte ihn auf den Mund küssen. Aber der Mickei wehrte sich wie ein Verzweifelter. Doch da hing ihm schon ein halb Dutzend von den Weibsleuten am rechten Arm, ein halb Dutzend am linken. Und bevor es der Weißbacher zu einem neuerlichen Fluch brachte, hatten sie schon das lange Mannsbild unter kreischendem Gelächter zu Boden gerissen und fielen wie ein tollgewordener Mänadenschwarm über den Wehrlosen her. Aber bei diesem Gebalge geriet die Resl vom ledigen Hof in Sorge um ihr buttriges Kunstwerk. Sie packte den großen Zuber, der auf dem Tische stand, und goß mit kräftigem Schwung seine reichliche Wasserfülle über den balgenden Schwarm hinunter.

Unter Kreischen und Gelächter fuhr der Knäuel auseinander. Und ich, um diesem Wasserguß zu entrinnen, hatte einen flinken Sprung durch die Tür gemacht. Als ich lachend wieder eintreten wollte, kam mir der Weißbacher, triefend am ganzen Leib, entgegengerumpelt und zerrte mich in die Nacht hinaus. »Himi, Kreiz Teifi Sakrament überanander!« Er schüttelte das Wasser von sich ab. »Gelt, i hab's gsagt. Dö Sach geht schiaf! Himi und Teifel! Und bal mei Hannerl ebbes erfahrt! Mar' und Josef! Aber soll mer oane 's Maul aufmachen von dö Weibsbilder! So verklag i s'alle mitanand wegen Körperbelästigung!«

Je mehr der Weißbacher wetterte, um so lustiger mußte ich lachen. Und immer, während wir unter dem Gefunkel der schönen Sterne zum Wald hinaufstiegen, klang hinter uns das plätschernde Gelächter in der Hütte da drunten, deren kleine Fensterchen rot hinausglänzten in die stahlblaue Nacht. – Es war meine Absicht gewesen, noch zwei Tage in der Jagdhütte zu bleiben. Aber den Triumphzug, den das butterne Lampel zum Pfarrhof machen würde, den mußte ich sehen. Früh um drei Uhr faßte ich diesen Entschluß. »Mickei, wir gehen heim! « Nach aller Verdrossenheit, die dem Weißbacher eine schlaflose Nacht verursacht hatte, bekam er wieder jene schönen, leuchtenden, glücklichen Augen.

Als der Morgen zu grauen anfing, hörten wir ferne Stimmen und einen Jodelruf. »Da tragen sie 's Lampel abi! « sagte der Weißbacher. »Dö müassen drunt sein vor der Sonn. Sunst taat eahna 's Lampel derschmelzen.« Nun blieb er stehen und lachte. »I siehg's scho, mei Häusl! « Er deutete. »Da schaugn S'! Dös is mei ganze Freid! «

Immer schwatzlustiger wurde der Weißbacher, je tiefer wir hinunterkamen ins Tal. Und immer seliger leuchteten ihm die Augen. Sogar die Sorgen wegen der Lampelspritzerei erloschen in ihm, und im Glanze seines reinen Gewissens dachte er lachend an die Eifersucht seines Hannerl und sagte über sein Haus, über seine Frau und seinen Buben so feine und wundersame Worte, daß in mir der Wunsch rege ward, diese drei köstlichen Extrakte menschlichen Glückes kennenzulernen. Der Mickei hätte, als wir das einsame Bergwirtshaus erreichten, nicht erst zu bitten brauchen: » Gelten S', Herr Dokter, dös tean S' mer z'liab ... bal S' abimarschieren zur Lampelweih, da schaugn S' a Sprüngl eini zu mir! Passen S' auf, da haben S' a Freid! «

Eine Stunde später, gegen halb acht Uhr; als die Morgensonne schon den Tau von den glitzernden Wiesen trocknete, wanderte ich hinunter ins Dorf.

Bei der Mündung eines Fußpfades erwartete mich der Weißbacher, mit strahlendem Gesicht, schon in seinem Sonntagsstaat, das frische Hemd an der Brust weit offen. Schweigend, immer mit seinem seligen Lachen, ging er auf dem Fußweg vor mir her und guckte sich alle paar Schritte nach mir um, ob ich auch wirklich käme. Und als er an einem kleinen Gehöft das Zauntürchen öffnete, sagte er aufatmend: »So, Herr Dokter, jetzt haben mer 's Himmelreich! «

Das Haus des Mickei, das weit abseits vom Dorf gelegen war, stand mit seinen weißen Mauern mitten in einem kleinen Obstgarten. Es war nichts Besonderes an ihm zu sehen – ein Häuschen, wie sie zu Hunderten in den Bergen zu finden sind. Und auf der Schwelle stand ein derbes, rundliches Weiberl, das wenig zu reden wußte, mit gutmütigen Braunaugen, und mit etwas dünnen Zöpfen um die Ohren – eine von jenen Alltagsgestalten, wie sie uns dutzendweis in jedem Dorf begegnen. Etwas Auffälliges war nur an dem zweijährigen Hansei zu bemerken, der auf dem Arm der Mutter saß – das Bübchen hatte für seine zwei Jahre einen pechschwarzen, geradezu unglaublichen Haarwuchs.

»Donner ... wetter! « sagte ich in der ersten Verblüffung.

Und der Weißbacher drückte unter glücklichem Lachen stolz die Brust heraus. »Ja! 's Haarete, dös hat'r von mir. 's ander alles, die Guatigkeit und 's Liabe, dös hat 'r von der Muathr. Dö müassen S' anschaugn!«

»Geh, du!« stotterte die Weißbacherin verlegen.

Erst mußte der »haarete Prinz« zwischen Vater und Mutter fünf wacklige Schrittlein machen – eine Leistung, die der Weißbacher hoch über die Erfindung des Schießpulvers zu stellen schien. Und dann führte mich der Mickei durch seine »ganze Freid«, durch die zwei ebenerdigen Stuben, in die Küche, in den Kuhstall und in den Holzschuppen. Und im Gartenhäuschen wurde mir der Kaffee vorgesetzt, den ich nur hinunterbrachte, weil dem Weißbacher die Augen so glücklich leuchteten.

»Gelt«, sagte er, »so ein' haben S' no nia verschmeckt! « Und als das Hannerl ins Haus verschwand, um sich zum Kirchgang zu richten, fragte er mit hungrigem Blick: »No also? Was sagen S' jetzt?«

»Ja, Mickei! Du bist ein glücklicher Mensch!«

»Gelt, ja!« Er strahlte mich mit seinen seligen Augen an.

Dann wanderten wir alle viere – das haarige Hansei auf der Schulter seines Vaters – die zwanzig Minuten zum Dorf und zur Kirche hinunter.

Vor dem Wirtshaus standen viele Leute, die auf irgend etwas zu warten schienen. Jetzt unter dem Geläut der Glocken eine ohrenzerreißende Blechmusik. Aus einer Gasse kam der Zug der Larnpelspritzerinnen hervor, die Alten in blauseidenen Kopftüchern, die jungen in weißen Kleidern mit starren Falten, jede mit dem winzigen Blumenkränzlein des Jungfernbundes über den Zöpfen. Vier von ihnen trugen auf einer kleinen Stangenbahre das Butterlamm, das ein blaues Band mit silberner Schelle um den Hals hatte. Neben der Lampelbahre ging die alte Resl vom ledigen Hof einher und hielt einen roten Regenschirm über das buttrige Kunstwerk, damit es von der Sonnenwärme nicht leiden möchte. Aber trotz dieser Fürsorge hatten die Butterlocken schon die feingespritzte Form verloren, und das fette Lämmchen begann auf den Vorderfüßen einzuknicken.

Als der Zug an uns vieren vorüberkam, hob die schmucke Marei vom ledigen Hof die züchtig niedergeschlagenen Augen, streifte den Weißbacher mit einem funkelnden Blick und schmunzelte. Dem Mickei fuhr es heiß ins Gesicht, und erschrocken sah er das Hannerl an. Aber die Weißbacherin guckte mit lachender Miene drein und tat, als wäre in diesem Augenblick außer dem Butterlamm nichts anderes auf der Welt. Daß im Hannerl die Eifersucht so leicht erwachte – sollte das nur eine Einbildung des Mickei Weißbacher sein?

Ein lärmender Leutschwarm umdrängte den Zug. Dann ging's mit Blechgeschmetter dem Pfarrhof zu, und die Weißbacherischen verabschiedeten sich von mir.

Sechs Wochen sah ich den Mickei nimmer – und es wäre mir lieber gewesen, ich hätte ihn überhaupt nicht mehr gesehen. Denn das Wort, das die alte Resl vom ledigen Hof beim Lampelspritzen gesprochen hatte, jenes Wort vom Umsieden der irdischen Freuden und Seligkeiten, sollte sich am Mickei Weißbacher als ein dunkles Omen erweisen.

Am vierten Oktober war's. Und der Jäger mit dem üppigen Haarwuchs und der »driedoppelten Freid« erwartete mich zur Mittagszeit bei dem einsam gelegenen Bergwirtshaus, um mich auf einen schreienden Hirsch zu führen.

Wieder stiegen wir durch den Fichtenwald hinauf. Und ehe wir das Ende erreichten, bekam er die leuchtenden Augen und sagte: »Da müassen mer's glei sehgn, mei Häusl! Ja, dös is mei ganze Freid! «

Wir kamen hinaus auf die steile Lichtung, der Weißbacher spähte mit seinen Glücksaugen hinunter ins Tal, wollte deuten mit der Hand und verfärbte sich.

»Mar' und Josef! «

Dort unten, wo vor sechs Wochen das blumenfreundliche Haus zwischen den Apfelbäumen herausgeschimmert hatte, wirkte eine schwärzliche Rauchwolke.

»Jesus Maria! «

Das war ein Schrei, der nichts Menschliches hatte. Und der Weißbacher warf alles von sich, was er trug. Er drückte den Kopf in den Nacken, daß ihm der Vollbart senkrecht heraus stand, und preßte die Fäuste auf die nackte Brust. So stand er eine Sekunde wie gelähmt. Dann machte er einen Sprung gleich einem scheu gewordenen Pferd und stürmte über den steilen Hang hinunter. Bei jedem Satz, den er machte, hatt' ich das Gefühl: jetzt muß er den Hals brechen. Aber da war er schon dort unten in den gelben Stauden verschwunden – und bevor ich mich noch von meinem Schreck erholen konnte, hörte ich schon von ganz unten im Tal seine brüllende Stimme: »Hannerl, i kumm scho! Hannerl, i kumm scho!«

Die Rauchwolke da drunten wuchs immer dicker, und in dem schwarzen Gequirle sah ich feines, helles Aufblitzen.

Hastig raffte ich das Zeug zusammen, das der Weißbacher von sich geworfen hatte – Bergstock, Rucksack, Büchse und Hut – und eilte über den Steig hinunter.

Ich brauchte eine halbe Stunde, um das Haus des Weißbacher zu erreichen. Und da schien die Gefahr schon überwunden. Denn ich sah kein Feuer mehr, nur schwachen Rauch und weißlichen Dampf. Die Feuerspritze war noch gar nicht erschienen. Nur ein paar Dutzend Nachbarsleute waren herbeigelaufen und schleppten über zwei Leitern in Schäffern, Blechkannen und Stallzubern das Wasser hinauf, das der Weißbacher, der hemdärmelig und mit nackten Füßen dort oben stand, in unermüdlichen Güssen über die qualmende Hälfte des Daches und über die glutenden Balken schüttete.

Das kleine Hansei saß im Gras und guckte mit den runden, stillen Augen zu dem qualmenden Dach hinauf. Die Mutter war bei den Leuten, die unter Geschrei das Wasser schleppten, und beteuerte immer wieder, sie könne sich gar nicht denken, wie das Feuer entstanden wäre; denn in dem Häuflein Ruß und Asche, das sie, um das Geld für den Schornsteinfeger zu sparen, aus dem Kamin herausgekratzt und auf dem Dachboden hätte liegen lassen, wäre doch auf Ehr und Seligkeit kein glimmender Funke mehr gewesen.

Ich stellte mich auch an die Leiter. Doch als ich ein paar Kannen gelupft hatte, kam die Feuerspritze angefahren. Nun war in wenigen Minuten das letzte Glühen erstickt. Aber jetzt fingen die Leute erst recht zu schreien an. Nur der Weißbacher lachte. Mit etwas steifen Knien und triefend von Schweiß und Wasser, kam er über die Leiter heruntergestiegen, das Hemd weit offen. Der schwarze Vollbart war in der Nässe ganz schmal und dünn geworden, und wie ein schwarzes Seidentuch klebte das tropfende Haar an seinem Kopf. Mich sah er nicht, auch sonst keinen Menschen – nur für das Hannerl hatte er Augen. Und fragte nach seinem Buben.

Die Weißbacherin holte den Kleinen und wollte ein schluchzendes Jammern um das Haus beginnen.

Aber da legte ihr der Mickei den Arm um den Hals und sagte lachend: »Geh, mach d'r nix draus! Dös bissel Dach weard bald wieder droben sein! 's Beste han mer no allweil beinand! Und rnei ganze Freid ... « Er wollte sich zu seinem Buben hinunterbücken. Da fing er stumm zu taumeln an und stürzte vornüber aufs Gesicht.

Die Weißbacherin stieß im ersten Schreck einen gellenden Schrei aus. Doch als die Leute zur Hilfe herbeisprangen, nahm sie die Sache schon nimmer gefährlich. »A bißl überschafft hat 'r si halt. Dös gibt si glei wieder. Wann mer eahm an Enzian einigiaßen taten, i moan, dös waar net schlecht.«

Man trug den Weißbacher in die Stube, von deren Decke das vom Dach durchsickernde Wasser niedertröpfelte. Ein scharfer, fast unerträglicher Rauchgeruch war in dem kleinen Raum.

Die hilfsbereiten Nachbarn öffneten dem Mickei, als er ausgestreckt auf dem Ledersofa lag, mit einem Blechlöffel die starren Zähne und gossen ihm den heilsamen Enzian ein. Aber der Weißbacher schluckte nicht – der Enzian rann ihm wieder aus den Mundwinkeln heraus.

Als nach einer Viertelstunde der Dorfarzt kam, ließ er den Weißbacher ins Bett legen, wußte aber sonst nicht viel Rechtes mit ihm anzufangen und redete was von einem Lungenschlag. Am Abend war der Mickei noch immer nicht aus seiner Ohnmacht aufgewacht.

Und am Morgen, als ich nachsehen wollte, wie es dem Weißbacher ginge, lag in der breiten verwüsteten Bettstatt ein stiller, kalter Mensch.

Das Hannerl, das mit dem haarigen Bübchen auf dem Schoß in der Morgensonne vor dem dachlosen Haus gesessen hatte, führte mich zum Mickei hinein, brach in Tränen aus und erzählte mir mit umständlicher Genauigkeit die ganze Geschichte dieser bösen Nacht. Nichts vergaß sie, nicht das Geringfügigste.

Während dieser langen Geschichte lag der Weißbacher kalt und stumm in seinem Ehebett, mit einem strengen, fast erbitterten Ausdruck in dem kupferkahlen Gesicht.

Als die Geschichte der Nacht zu ihrem Ende kam, hatte das Hannerl noch feuchte Augen und sah den stillen Mickei mit nickendem Erbarmen an. »So a braver Mensch! Und so viel guat hat 'r si allweil gstellt zu mir!« Fürsorglich knöpfte sie dem Weißbacher am Halse das offene Hemd zu. Und sagte: »Bal i wieder heiraten müaßt, da wear i mi hart an den andern gwöhna, ja!«








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