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Der Weg durchs Feuer

Max Dreyer: Der Weg durchs Feuer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Weg durchs Feuer
authorMax Dreyer
year1930
firstpub1930
publisherL. Staackmann
addressLeipzig
titleDer Weg durchs Feuer
pages299
created20170526
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Brünne war auf dem Felde. Die Saaten standen nicht schlecht, aber Regen, Regen tat ihnen bitter not. Ihr Herz zog sich herb zusammen.

Die Luft brannte. In schwefligem Dunst schwelte die Sonne. Kein Hauch, der sich rührte. Schwärme von Libellen zogen lautlos durch die bleierne Luft.

Suse kam zu ihr hinaus. Sie sah die strengen Falten in Brünnes Gesicht. Ihr Mut war im Sinken. 152

Sie sprachen freundlich Belangloses. Dann wälzte die Last sich wieder auf die Gutsherrin. Sie deutete nach den schwärmenden Insekten. »Sieht das nicht ganz nach den Landplagen Ägyptens aus?«

»Vater spricht von kosmischen Störungen,« bemerkte Suse mit einer gewissen Wichtigkeit.

»Das ist mir nun gleichgültig,« höhnte Brünne, »ob mir mein Getreide kosmisch oder tellurisch zugrunde geht.«

Dann bat sie den Besuch ins Haus. Und auf dem Wege dahin ergab es sich, daß Brünne selbst von den Fischteichen sprach. »Ich hätte selber schon zu Ihrem Vater kommen müssen, ihm von der Entwicklung des Betriebes zu berichten. Wollen Sie ihm sagen, daß die Saiblinge angekommen sind?«

Nun faßte sich Suse ein Herz. »Vater ist eben auf der Mühle, bei Herrn Hillebrandt. Und ich war auch da. Und – ja – gerade wegen dieser Teiche bin ich zu Ihnen gekommen.«

»So? Hat Ihr Vater noch neue Anweisungen für mich?«

Übergänge gab es für Suse nicht, und so erklärte sie frank: »Wenn er eine hat, so ist es diese: Sie möchten doch so gut sein, und die Teichwirtschaft einstellen.« Das war nun die Friedensverhandlung, von der sie sich etwas versprochen hatte.

Brünne ließ die Augen umgehen. Dann sah sie die Unterhändlerin an mit der Ironie wohlwollenden 153 Mitleids. »Das heißt also, daß der Herr Professor mit Herrn Marten Hillebrandt Hand in Hand geht. Und Sie natürlich auch.«

»Ja, gnädige Frau,« bekannte sie offen und stark.

»Diese Ehrlichkeit weiß ich zu schätzen. Aber Ihre Parteinahme überzeugt mich natürlich nicht von dem Recht Ihres Partners.« Sie sprach immer noch wohlwollend zu dem jungen Ding. Nur eine gewisse Müdigkeit gab jetzt einen trockenen, schärferen Ton hinein.

Nun aber legte sich Suse ins Zeug. »Herrn Hillebrandt ist einfach so seine Tätigkeit genommen. Die Arbeitsmöglichkeit! Der Erwerb!«

Prüfend stand Brünne vor dem Kinde. Und sie sah, daß es kein Kind mehr war. Was bedeutete dieses schmerzlich Erblühte? Dieses von einer Leidenschaft Aufgebrochene? War es Marten, dem sie sich erschloß? Eine heiße Welle brandete durch sie hin. Feindschaft stand in ihr auf. Hart war ihre Frage: »Kommen Sie in Herrn Hillebrandts Auftrag?«

»Nein, nicht in seinem Auftrag.«

»Aber er weiß von Ihrem Gang zu mir?«

»Das wohl. Doch was ich Ihnen eben gesagt habe, das kommt ganz aus mir selbst.«

Brünne will lachen und kann es nicht. Dann spricht sie aus der Höhe: »Ja, mein liebes Kind, wenn Herr Hillebrandt ein Anliegen an mich hat, dann muß ich doch eigentlich erwarten, daß er selbst kommt. Allerdings« – und nun tauchte sie in sich 154 selbst unter und dachte laut – »wenn er mich bitten käme, vielleicht würde mir das ganz und gar nicht an ihm gefallen.«

Hatte sie hierin nun doch dem feinen Gehör der jungen Seele ein eignes Fühlen verraten? Suse blickte sie an mit leidvoll vertieften Augen, aus denen es dann heiß aufwallte. Sie packte Brünnes Hand. »Warum sind wir beide so miteinander? Wie wildfremde Menschen! Und ich bin Ihnen doch gut! Liebe Frau Brünne, Sie haben doch selbst Ihre Not! Und Herr Hillebrandt hat seine Not. Das läßt sich doch aus der Welt schaffen. Es gibt ja Unglück, das sich nicht aus der Welt schaffen läßt. Aber Sie beide brauchen doch nicht so aneinander zu leiden.« Und zärtlicher schmiegte sie sich an Brünne. »Wenn ich dazu helfen könnte, daß Friede zwischen Ihnen beiden wird! Daß Sie beide zueinanderfinden!« In ungehemmtem Überschwang umschlang sie Brünne und preßte sie an sich, daß ihr der Atem verging.

Die Ratlose, Ungehaltene und wieder unbeholfen Verwunderte konnte sich dieses Ungestüms kaum erwehren. Was vollzog sich in dieser aufgewühlten Jungmädchenseele? Und was sah, was ahnte, was orakelte dies unreife Ding?

Nun machte der Zorn Brünne aus der Umklammerung frei. Das Kind erschrak vor den Augen der Frau. 155

Aber zu Worten kam es nicht mehr, denn Doktor Eberwien wurde gemeldet. Eine Störung, die ihnen beiden willkommen war. Jörg brachte die aufrechte Ruhe mit und das Ebenmaß seines klaren festen Wesens.

Wie gewöhnlich kam er aus dem Sattel, einigermaßen erschöpft. »Ich darf mich einen Augenblick bei Ihnen ausruhen,« sagte er ungezwungen. »Auch Rolf braucht Schatten und Wasser.«

Dann begrüßte er Suse mit Zärtlichkeit. »Sieh, die kleine große Susanne! Auch wieder im Land?« Seine prüfenden Blicke stutzten. »Was ist denn mit dir? Nicht wohl? Du gefällst mir nicht!«

»Es ist die Hitze, Onkel Jörg.«

»Hm!« Ganz überzeugt war er nicht. »Schlimm genug ist ja diese Schwulität.«

»Sieh bitte mal in den Spiegel,« so rettete sie sich vor seiner Nachforschung. »Du selbst bist auch im Schmelzen.«

»Kunststück, mein Geschäft wächst mir über den Kopf. In dem Fischerdorf freut sich der Typhus seines Lebens. Gastrische Störungen überall. In Seehagen habe ich Paratyphus festgestellt. Morgen kommt die Regierung, der Landrat mit dem Kreisarzt. Dadurch wird selbstverständlich mit einem Schlage alles anders! Der Landrat besucht auch die Argillawerke, die neue Arbeitersiedlung. Und zu Ihnen wird er auch kommen, gnädige Frau.« 156

»Ja so. Der Mühlenbesitzer hat sich an ihn gewandt.«

»Marten hat sich natürlich bei der Entscheidung des Amtsvorstehers nicht beruhigt.«

In dem »natürlich« witterte sie eine Parteinahme. Und sie erwiderte schroff: »Ich ängstige mich auch vor den Instanzen nicht. Übrigens hab' ich in der Kanzlei aus den Papieren festgestellt, daß der Mühlbach in größeren Hitzeperioden früher schon versagt hat. Wer weiß, ob die Teiche überhaupt an dieser Wasserabnahme die Schuld haben!«

Sie hatte nun schon ihre Eisen im Feuer. Jörg und Suse sahen sie an mit demselben Blick, darin der Mißbilligung eine Art bewundernder Scheu sich beigesellte. Worte aber verboten sich zur Stunde von selbst.

Suse begleitete Jörg ein Stück des Weges, er führte Rolf am Zügel. Sein Arm spürte ihre leidenschaftlich zuckende Hand.

»Und doch – und gerade so – und jetzt erst recht müssen die beiden sich finden!«

Jörg sah sie an, gedankenschwer, in die eigne Lebensfrage versunken, mit lächelnd fernen Augen.

Dann ertrank bei ihr alles in das Leid des eignen jungen Lebens. »Onkel Jörg« – wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an ihn. »Ich hab' dir was zu sagen. Was fragen muß ich dich!«

»Nun, Kind?« 157

»Nein, so schnell geht es nun doch nicht. Wollen wir nicht wieder einmal zusammen ausreiten? Vielleicht gegen Abend einmal, wenn es kühler geworden ist? Wir können ja auch im tiefen Wald bleiben, oder an der See und die Pferde baden. Dann will ich über alles mit dir sprechen. Vielleicht hast du Hilfe für mich. Obwohl –«

»Was, kleine Susanne?«

»Obwohl ich es nicht glaube. Nein, keiner kann mir helfen.« Ein Schluchzen schüttelte sie.

Da nahm er fest ihre Hand. »Das ist dummes Zeug, Kleinchen. Wofür hat das Leben all seine Fülle, seinen Reichtum, seine tausend sprudelnden Quellen! Solange man lebt, ist man nicht verlassen.«

 

Karsten Wittenborn und Marten Hillebrandt hatten sich zu einem Entschluß durchgerungen. Von Arnulf war ihnen mehrfach ein Besuch der Argillawerke nahegelegt worden. Bisher hatten sie zu jeder Einladung die harten Köpfe geschüttelt. Jetzt ging ihnen gemeinsam der Gedanke auf: was vergeben wir uns damit? Und soll man den Feind nicht im eignen Lager aufsuchen? Soll man ihm nicht sehr genau ins Antlitz sehen? Soll man nicht aufs gründlichste ihn kennenlernen? Außerdem dachte Marten an seinen Kampf nach der andern Front. Er hatte in den Argillawerken die Gelegenheit, mit dem Landrat zusammenzukommen. Die Bekanntschaft konnte 158 ihm von Nutzen sein, und jeder Vorteil gilt. Krieg lehrt Berechnung und List.

Arnulf schickte das Auto mit dem Chauffeur. Es holte Marten, dann Karsten, Helga und Suse. Martens Gesellschaft war für Suse, die erst hatte zu Hause bleiben wollen, ein Trost und Halt. Immer mehr, durch die Wahlverwandtschaft von Not und Leid, fühlte sie sich ihm verbunden. Mit Zärtlichkeit zog ihr Mädchensinn die Furchen seines strengen Gesichtes nach, die Wunden, die der Kampf gegen das Unrecht ihm geschlagen hatte.

Der Landrat Metzling fuhr fast gleichzeitig mit ihnen auf dem großen Hof der Fabrik vor. Arnulf begrüßte die Gäste und machte sie bekannt.

Er bat die Besucher in seine Privaträume, den Kaffee zu nehmen. Die Zimmer lagen im Vordergebäude, ihr Ausblick ging auf den kahlen Steinhof, der Lärm der Werke dröhnte herein, durch die Fensterritzen stob der Ruß.

Ist dies ein menschenwürdiges Wohnen? dachte Karsten. Seine Freiluft gewohnten Lungen krochen in sich zusammen. Und dann, seiner Abneigung gegen die Industrie mischte sich nun doch ein Mitleid bei. Wenn so schon ihre Häuptlinge hausen müssen!

Helga machte, schon als kleine Hausfrau, die Honneurs. Schweigend, mit den großen schweren Augen ihrer Pein sah Suse diesem Walten zu.

Karsten nahm sich den Landrat vor. Herr 159 Metzling kam von der Gewerkschaft, war ein penibel tüchtiger Beamter, hatte auch Umsicht und Initiative, wurde aber ein gewisses Mißtrauen gegen die akademisch Gebildeten und die Geistigen nicht los. Er hatte ein kluges Gesicht und unterstrich die Gescheitheit mit der bewußten dunkelhornigen Intelligenzbrille, so trivial sie auch allmählich geworden war. Seine gute Figur stak in einem trefflich sitzenden Anzug modernen Schnitts, und er befliß sich gesellschaftlicher Formen.

Der Professor in seiner Saloppheit, dem ungepflegten Äußern und der sorglos polternden Art des Sprechens stach in der Erscheinung sehr von ihm ab. Aber wes Geistes Kind er war, spürte man gleich. Er konnte es sich nicht versagen, dem Staat die Leviten zu lesen, weil er ihn mit seinem großzügigen wissenschaftlichen Unternehmen schnöde im Stich gelassen habe.

Der Landrat bekam einen roten Kopf. Er spürte den Vorwurf heraus, daß auch er für ideelle Dinge nicht die nötige innere Teilnahme aufzubringen vermöge. »Ich habe in dieser Angelegenheit nichts tun können,« erklärte er korrekt. »Der Herr Oberpräsident hat sie gleich selbst in die Hand genommen.«

»Die hohen Herren haben auch nicht alles aus sich selber! Inspiration brauchen sie, Anregungen, ihre Tips wollen sie haben. Und ein Schlachtgeschrei muß ihnen in die Ohren gellen. Warum haben Sie das 160 nicht ausgestoßen? Hätte die Sache Ihnen am Herzen gelegen, und hätten Sie deren Bedeutung betont, würden die Herren da oben sich an die Brust geschlagen haben und in sich gegangen sein!«

Metzling zuckte die Achseln. »Ressort bleibt Resssort.« Solch Überfall war ihm unbehaglich. An dem Humor, der immerhin bei dieser Attacke mitritt, fand er nun einmal keinen Geschmack. Er richtete die Blicke auf Marten, der ihm gegenübersaß, als müsse er ihm beispringen.

Aber den machte der Gedanke: dies ist der Herr, den du brauchst, der dir helfen kann und soll, nur noch spröder. Dennoch sagte er in größter Höflichkeit: »Deutschland hat doch in so vielen Dingen umgelernt, man redet immer von freier Bahn, von Persönlichkeit und Initiative, aber ohne die alten Hecken und Zäune scheint es doch nicht zu gehen.«

Nun wehrte sich der Landrat sprachgewandt: »Die Staatslokomotive braucht natürlich den Schienenweg. Läuft sie querfeldein, bleibt sie stecken und geht kopfüber.« Und mit gleicher lächelnder Höflichkeit fügte er hinzu: »Es ist aber seltsam, daß gerade die Herren, die mit dem neuen System sich nicht befreunden können, da, wo dieses klug die alten bewährten Mittel gebraucht, plötzlich auch an diesen Mitteln Kritik üben.«

Hier war nun für ebenso uferlose wie unerquickliche Erörterungen der Auftakt gegeben, und Karsten 161 räusperte sich schon verheißungsvoll. Da rettete Arnulf die Situation, während Marten mit leichtherzigem Schmunzeln sich gestand: das Wohlwollen dieses Herrn Landrats scheinst du dir nicht eben erworben zu haben.

Direktor Neuber hatte ein Paket Zeichnungen bringen lassen. »Vielleicht interessiert es die Herren, die Pläne für die Arbeiterhäuser von Argillenort, wie wir die Kolonie nennen wollen, vorher einmal zur Hand zu nehmen. Sie sehen daraus, welche Erwägungen uns geleitet haben, und meine Führung wird mir so erleichtert.«

Die Ablenkung war durchaus gelungen, und ungetrübt traten sie nun den Gang zu den Arbeiterhäusern an.

Auf einer Anhöhe, die nach dem Haff zu gelegen das ganze Gelände überblickte, ging ein hübsches, mäßig großes Direktorenhaus der Vollendung entgegen. Hier waren Arnulf und Helga schon beschäftigt, sich ihr Nest zu bauen. Zwei Hügelwellen ostwärts trugen zwei verschiedene Gruppen von kleinen Einzelhäusern. Die einen, ganz im neuzeitlichen Geist, waren die bewußten weißen Würfel. Unter den Dachfirsten der andern nistete die altüberkommene Traulichkeit.

Marten wollte dieser Gegensatz nicht behagen. »Zwei feindliche Städte,« warf er hin.

»Das ist der Sinn der Sache,« erklärte Arnulf 162 lebhaft. »Unterschiede sollen spielen, Gegensätze sollen branden. Hier sollen in Gottes Namen Urteile geweckt werden und Anschauungen sich formen. So bescheiden auch der Rahmen sein mag.«

Die Wohnungen, noch nicht ausgetrocknet, konnten erst zum Herbst bezogen werden. Aber in den kleinen Gärten hatten die Hände der Eigner schon gewaltet, hier waren schon Beete angelegt, Gemüse war gesät und Blumen waren gepflanzt. Mit einemmal, wie nah fühlten sich Karsten und Marten dem Herzen dieser Menschen!

Dieser Menschen – wie kamen sie dazu, einen Unterschied zu machen! Der Menschen schlechthin, die überall dieselben sind. Die beiden Kampfhähne gingen nun doch ein wenig in sich. Zorn und Haßgefühl hatten Schranken gebaut und Mauern gezogen. Alles, was mit und in der Industrie lebt, hatte schlechthin seinen Stempel bekommen. Und nun, was fanden sie hier? Dieselbe Sehnsucht, dieselben Urgefühle, dieselben ursprünglichen Zusammenhänge. Von Erde bist du genommen, zu Erde wirst du wieder werden! Sie alle der Scholle verhaftet und vermählt, durch denselben Kreislauf des Lebens, denselben Pulsschlag des Blutes, den gleichen Odem der Seele. Schauernd in derselben Andacht vor dem Wunder des Samenkorns, dem sprießenden Halm zujauchzend mit derselben Liebe, hingegeben dem Blütenzauber in derselben Verzückung. Nur daß die 163 Erfüllung dieser Sehnsucht nicht allen in gleichem Maße gewährt ist. Mit Grausen mußten sie an die Arbeiterviertel der Großstädte denken, mit einer Beschämung an ihr eignes Los.

Der Landrat sprach anerkennende Worte. Er mußte sich verabschieden, der Kreisarzt und Jörg erwarteten ihn in dem Fischerdorf. Für morgen vormittag sagte er bei Marten sich an. »Ich werde mich von den Mühlbachverhältnissen durch eignen Augenschein überzeugen.« Das wurde sehr kühl und förmlich gesprochen. Auf persönliche Sympathien, sagte sich Marten noch einmal, hab' ich bei diesem Herrn also nicht zu rechnen. Aber das ist mir gleichgültig, nein, lieb ist mir das! Meine Sache ist gut, und ich führe sie zum Siege.

Und jetzt ließen sie sich also von Arnulf die Argillawerke selbst zeigen.

Er führte sie in die mächtigen Lagerräume, wo die Masse der »Scherben« sortiert wird, zu den Schlemmanlagen und Mahltrommeln daneben, in die angegliederten Laboratorien, Versuchs- und Untersuchungsanstalten, wo die chemischen Bestandteile geprüft, die erforderlichen Zusätze erprobt und bestimmt, die Farben für die Malereien und Glasuren immer feiner auf ihr Lichtbrechungsvermögen abgestimmt werden. Alles erklärte er liebenswürdig und liebevoll, jede neue Frage der Belehrten machte ihn froh.

Dann ging es in die Maschinenräume, wo die 164 gewaltigen Etagen und Kammeröfen standen, umgeben von den Dreh- und Töpferscheiben. Nebenan waren die Ateliers, in die Marten einen flüchtigen Seitenblick warf, um erst später ihrer Lockung zu folgen.

Suse ihrerseits heftete alle Fasern ihrer Sinne an Arnulf, den Herrn dieses Reiches. Sie hatte ein grausames Verlangen, ihn bei irgendeiner Anmaßung, einer Torheit, einer Ungeschicklichkeit, bei irgend etwas Unangenehmem, Üblem, Häßlichem zu ertappen. Aber sie entdeckte nichts, was sie hätte stören können, nichts bei seiner Führung und Unterweisung, nichts bei seinem Verkehr mit den Beamten, den Künstlern, den Arbeitern. Dann sagte sie sich: Schwaches und Unerfreuliches hat doch jeder Mensch. Die Leidenschaft meines Wunsches, die Gier ist es, die meine Beobachtung abstumpft. Oder bin ich blind für seine Schwächen, sehe ich nur seine Vorzüge? Um Gottes willen! Was wäre das und was wäre dann mit mir!

Ein Ingenieur kam und sprach mit Arnulf. Es mußte etwas Wichtiges sein, er entschuldigte sich bei den Gästen, ging an den Fernsprecher und sprach mit seinem Bureau. Bald darauf kam eine Sekretärin mit großer Mappe.

Suse ließ sie nicht aus den Augen. Die ist nun immer in seiner Nähe, dachte sie. Hübsch ist sie, ganz jung und reizend angezogen. Groß und freudig schlägt sie die klugen Augen zu ihm auf, da sie ihm das 165 Schriftstück reicht. Man sieht ihr an, wie gern sie mit ihm arbeitet. Ganz gewiß ist sie verliebt in ihn. Und er –? Wie freundlich er mit ihr spricht! Jetzt macht er einen Scherz, sie lacht und zeigt all ihre weißen kleinen Zähne. Die weiß, wie hübsch ihr Lachen ist! Und er gibt ihr sicherlich oft genug Grund dazu, ihn anzulachen. Ist sie nicht zu beneiden? . . . Nun schrickt sie zusammen und verzieht den Mund. Sieht böse und bösartig aus. Was kümmert's mich, wenn er mit seinen weiblichen Angestellten schöntut! Aber Helga könnte es angehen, die da so ahnungslos mit Marten plaudert. Helga – wenn sie noch ihre Helga, wenn sie ihr Kind noch wäre! Dann für sie sorgen und sie warnen! Aber das ist vorbei! Wenn sie jetzt warnt, sät sie Unruhe und Unfrieden mit Bedacht. Aber warum eigentlich nicht? Warum nicht Vergeltung üben? Eine spitze Flamme schlägt aus ihren Blicken. Aber schon fällt schwere Trauer sie an. Trauer über sich selbst, in die sie sich ganz verspinnt.

Und jetzt geschah es, wie sie so allein stand, hineingewühlt in sich selber, daß Arnulf an ihre Seite trat. Nur an sie richtete er das Wort, es war, als spräche er allein für sie. Ihr gab er seine Erklärungen, und sie fragte nun, erst schwer und stockend, dann immer lebhafter. Alles interessierte sie – ob nur, weil er darin wirkte? Aber in der Sachlichkeit fand sie Ruhe und Schutz.

Nun zog er sie gar ins Vertrauen. »Ich hab' doch 166 so was wie ein Attentat auf Herrn Hillebrandt vor. Nie geb' ich den Gedanken auf, seine Kunst für uns zu gewinnen. Er weiß ja kaum selber, was in ihm steckt!« Und er sprach begeistert und überwältigte sie ganz damit, daß er volles Verständnis bei ihr voraussetzte. »Was ist für eine strömende Kraft in seiner Phantastik! Mit all den geistigen Potenzen und den Lichtern ihrer Gefühlswelt – ach, das läßt sich ja gar nicht alles so sagen. Und nun führe ich ihn in die Ateliers. Wie werden sie auf ihn wirken? Gefällt ihm, was sie da machen, ist es gut. Gefällt es ihm nicht, ist es besser. Am besten, er geriete in Zorn und würde von der schöpferischen Neuerungswut befallen. Von der Glut des Reformators. Oh, wenn ich ihn damit kriegte!«

In den Ateliers saßen die Künstler bei den Handmalereien. Chemiker fanden sich ein mit Farbproben, besprachen mit den Malern die Ergebnisse. An den Wänden Zeichnungen, Entwürfe, Modelle.

Über die ließ Marten die Augen schweifen. Aber es war eben ein Schweifen nur, er blieb unstet in diesem Raum. Arnulf aber hütete sich, ihn festzubannen; wer ihm an seine Unbefangenheit tastete, verdarb alles bei ihm.

Jetzt wandte Marten sich an Karsten und ging nun doch aus sich heraus. Und Arnulf, der die Ohren spitzte, vernahm etwas von dem erwünschten Unmut. »Daß sie den Leuten nicht selber langweilig 167 werden, diese ihre ewigen stereotypen Fabeltiere, diese Greife, Schimären und Delphine, die Einhorne, Pelikane, Salamander, und dieses unleidliche Drachengeschlinge!«

»Ja, weiß Gott, es schmeckt weidlich nach Schema.«

»Ist die lebendige Tierwelt, groß und klein, nicht viel phantasievoller, von viel groteskerem Humor und viel tragischer, viel menschhafter?! Oh, wenn die lieben Leute doch einmal durch das Mikroskop gucken möchten.«

»Das ist wahr! Da würden ihnen allerdings die Augen übergehen von all dem Neuen an Formen, an Farben, an Motiven, an Erlebnissen!«

»O ja, eine Mikrobenschlacht möchte ich euch hinlegen, wilder, bewegter, erschütternder als die gewaltigste Gigantomachie. Und an dem Wirken, Werben, Walten, Morden der Wasserpolypen und Hydren solltet ihr was erleben!«

»Sie werden ja eine Art Kompagnon von mir, lieber Hillebrandt.«

»Sehen Sie bloß diesen dummen, geistlosen, fratzenhaften, toten, doppelköpfigen Adler! Haben Sie mir nicht erzählt, daß man Molche gezüchtet hat, Doppelwesen, durch Verschmelzung zweier Keimhälften?«

»Hab' ich, hab' ich.«

»Warum machen die Leute nicht so etwas? 168 Grandios, wie die beiden Köpfe sich anstieren, zusammen und gegeneinander leben in Liebe und Haß, mit Lachen und Weinen.« Er geriet immer mehr ins Unwirsche. Eben weil er entbrannt war. Und Arnulf sah das mit Frohlocken. Würde der Vulkan nun in Tätigkeit treten? Würde es die Umwälzung in ihm geben?

Freilich, schon wandte er mit einer Verdrossenheit sich ab, zog den Professor in ein rein naturwissenschaftliches Gespräch und hatte nicht Blick und Sinn mehr für das, was in diesem Raume vorging.

Arnulf bemerkte Suse, die in eine Nische getreten war und neue Modelle für Krüge, Schalen und Vasen besichtigte. »Er beißt grimmig genug,« sagte er zu ihr. »Ob das ein Zeichen ist, daß er anbeißt?«

Und wieder durchströmte sie ein Schauer. War sie nun nicht ganz wie seine Mitwissende? Und klug, mit gewachsener Weisheit in solcher Vertrauensstellung, antwortete sie: »Man darf bei ihm nichts überstürzen.«

Das war nun nicht gerade was Neues für ihn. Als sie dann in haschender Verlegenheit eine Vase zur Hand nahm, gab er ihr Erklärungen über die neue Glasur, ein gütig Weisender. All die Heftigkeit ihres Zornes, ihres Trotzes, ihre ganze Leidenschaft ging davor zur Ruhe. Und sie sprach Worte des Dankes. »Ich freue mich, daß ich dies hab' sehen können. Und so schön hast du uns alles gezeigt.« 169

»Die Zeit ist ja zu kurz. Aber du wirst nicht zum letzten Male hier gewesen sein.«

Sie wollte herzhaft ja sagen, aber nun blieb es doch bei einem kaum merklichen Nicken.

»Wenn du Sinn für diese Dinge hast – oh, ich hätt' so vieles, was dir Spaß machen könnte. Helga hat ja jetzt jeden Tag hier in der Wohnung mit den Handwerkern zu tun, begleit' sie doch hierher.«

Helga – da war wieder der Stachel, der so weh tat. Aber der Schmerz, er war jetzt anders.

»Und dann später wirst du doch so oft bei uns sein.«

»Nein, nein – ja, ja –« stammelte sie.

Große Augen machte er, da suchte sie seine Hand wie einen Halt. Und packte sie mit einem so seltsamen Griff, flehend und flüchtend und wieder fordernd.

Nun war die Verwirrung an ihm. Er sah nach der Außentür. »Wir sind hier,« rief er.

Helga ging eben vorüber. Sie trat ein und erschrak über Suses Aussehen. »Was ist dir, Kind?«

»Mir?« Sie lachte, viereckig ward der Mund, die Zähne bleckten. »Nichts weiter! Mir fällt eben ein, ob ich nicht auch einen Treubruch an Vater begehe, hier im feindlichen Heerlager?« Und sie stürmte davon, so jäh und stoßend wie je.

Kopfschüttelnd blickten die beiden ihr nach.

 

Der Landrat, vom Amtsvorsteher Schollenbruch begleitet, ließ bei Brünne sich melden. Der Himmel 170 war Weißglut, die Luft brodelte. Dankbar nahmen die Herren eine Erfrischung an.

Brünne war die liebenswürdige Wirtin. Für Metzlings Empfindlichkeiten hatte sie die richtige Nase. Ihm auf die Füße zu treten, spürte sie nicht den geringsten Anlaß. Anderseits blieb sie vornehm genug, ihm nicht um den Bart zu gehen.

In Schollenbruch, der von Freundlichkeit troff, hatte sie ihren Fürsprecher. Und der Landrat, an den gegen die Entscheidung des Amtsvorstehers appelliert war, durfte schon nach sehr triftigen Gründen verlangen, sollte er dem ihm Unterstellten die Deckung versagen. Das Verhalten der Herrin von Eekenkamp gewann seine Sympathie. Immerhin mußten die sachlichen Erwägungen den Ausschlag geben.

Die Akten waren zur Stelle. Die grundbuchamtlichen Aufzeichnungen, alle historischen Dokumente, die auf das Verhältnis zwischen Herrschaft und Mühle sich bezogen, aus denen sich für die Gutsherrin ohne weiteres eine heute noch bestehende Abhängigkeit der Mühle vom Gute Eekenkamp ergab.

Sie führte dann die Herren zu den Teichen, zeigte, daß ein ordnungsmäßiger Abfluß hergestellt war, wobei sich nun freilich nicht verbergen ließ, daß die Spärlichkeit dieses Abflusses dem kräftigen Zustrom in keiner Weise entsprach.

Der Landrat konnte denn auch nicht umhin, diesen Tatbestand festzustellen. »Die Teiche lassen also 171 Wasser durch. Unter Umständen wird gegen die Durchlässigkeit des Bodens etwas getan werden müssen.«

»Das ist praktisch unmöglich,« wandte Brünne ein, und der Amtsvorsteher bestätigte es. »Auch wenn man die enormen Kosten einer Zementierung des Grundes nicht scheute, für die Fischzucht ist der natürliche Boden mit seinen Bestandteilen und mit seiner Flora unbedingtes Erfordernis.«

Man kehrte zu den Akten zurück, aus ihnen, mit Hilfe eines Frühstücks, Beruhigung zu schöpfen.

Dann begaben sich die Herren nach der Mühle.

Wie anders wirkte dies Zeichen auf sie ein, dessen Verweser Marten Hillebrand, der knochige, eckige, schwerblütige und ungestüme, war. Zu trinken gab es auch nichts als Wasser aus dem Bach, so viel war immer noch in ihm zu finden.

Brüsk genug war schon der Empfang der amtlichen Herren durch den Müller gewesen. »Ich darf also hoffen, daß hier jetzt endlich Ordnung geschafft wird!«

Der Amtsvorsteher schnob Groll, der Landrat überhörte solche Begrüßung, aber geschenkt wurde diesem Beschwerdeführer nichts, der sich in seinem ganzen Gehabe bedenklich dem Querulanten näherte.

»Wir kommen von Eekenkamp. Gegen die Teiche an und für sich ist nichts einzuwenden.«

»An und für sich! Ja, aber an und für mich? Und darum handelt es sich doch auch wohl ein wenig.« 172

Eine unangenehme Art der Dialektik hatte dieser Mann. »Das Recht, den Bach für Teichanlagen zu verwenden, läßt sich der Eekenkamper Gutsherrschaft nicht bestreiten.«

»Wohl aber das Recht, mir das Wasser zu entziehen. Und darauf läuft doch die Sache in Wirklichkeit hinaus. Herrgott, werden angesichts dieser Tatsache nicht alle theoretischen Rechtserörterungen einfach zur Farce?« Bei Marten lief es über. Seiner Sache wurde damit nicht gedient. »Seit mehr als acht Tagen steht die Mühle still. Ich verliere meine Kunden, mein Erwerb wird mir zerstört. Dagegen hat der Staat mich zu schützen, dächte ich. Oder man muß fragen, ob wir überhaupt noch einen Staat haben!«

Das ging zu weit. Der Landrat rückte an seiner Brille. Dann sprach er messerscharf: »Es würde der Verhandlung zugute kommen, wenn – Subjektivitäten des Temperaments möglichst ausgeschaltet blieben.«

Schollenbruch aber hob die tüchtige Männerbrust. »Darf ich mir eine Zwischenfrage erlauben? Ist denn das Mühlengewerbe Ihre eigentliche Tätigkeit, Ihr Beruf? Es spricht doch alles dafür, daß es sich hier um eine bloße Liebhaberei handelt.«

Selten hatten Martens Augen so gebrannt. »Und selbst, wenn es so wäre, so würde mich das doch nur allein angehen. Jedenfalls steht hier für Sie eine 173 Mühle, und die Mühle war im Betrieb und hatte ihr Recht darauf. Jetzt wird einfach ein Raub begangen an meinem Hab und Gut. Haben Sie dem Einhalt zu tun oder nicht? Ich rede nicht davon, daß hier noch mehr als Raub ist. Daß Sie einen Mord geschehen lassen. Weil die Mühle ein lebendiges Wesen ist.« Böse wurde er über sich selbst, daß er so sich verriet. »Denn das ist eben meine eigne Angelegenheit.«

Metzling hob die Hand, um seinen scharfen Mund grub sich eine höhnisch überlegene Falte. »Mit solchen Phantasiewerten können wir allerdings nicht rechnen.«

»Das ist ein Wort. Natürlich gibt's solche Werte für Sie nicht. Und ich bedaure nur, mich überhaupt an Sie gewandt zu haben. In einer Sache, die nun einmal außerhalb Ihres Bereichs liegt.«

Damit war das Tischtuch glatt zerschnitten. Des Landrats Stirn wurde steil. Kühl bis ans Herz hinan zog er den Schlußstrich. »Damit können wir also die Verhandlung hier beenden. Ich fasse zusammen: den Entscheid des Herrn Amtsvorstehers, wonach er polizeiliche Maßnahmen gegen die Eekenkamper Teichwirtschaft ablehnt, diesen Entscheid aufzuheben, besteht für mich kein Anlaß. Etwaige weitere Schritte bleiben Ihnen überlassen, Herr Hillebrandt.«

»Ich werde meine Schritte tun.« Die Kanten des harten Kopfes durchrissen die Luft. 174

Die Herren verabschiedeten sich. Marten gab ihnen in vollendeter Form das Geleit.

»So, alter Ehrenfritz« – die Männer von der Mühle blickten sich ins Auge –, »jetzt haben wir also klare Sicht. Wir sind auf uns allein angewiesen. Was immerhin das beste ist. Und selbst werden wir unser Recht uns holen. Heute aber wollen wir erstmal an unsern Roggen. Damit machen wir uns fest und kommen zur Klarheit.«

 

Marten brauchte harte Muskelarbeit. Körperliche Rauheit ist not gegen dieses Daseins Roheit, Niedertracht und Tücke.

So zog er mit Ehrenfried aufs Feld. Und mähte und stand seinen Mann. Der zähe Alte, der Arbeit gewohnt, hatte einen guten Schlag. Für Marten, wollte er in der Reihe bleiben und Strich halten, gab es nichts zu lachen. Aber eben deshalb lachte er. Er schaffte es. Er keuchte, der Schweiß rann ihm in Strömen. Doch mit jedem Schlag wurde er härter.

Die Nachmittagssonne brannte ohne Erbarmen. Wenn einmal ein leiser weißer Wolkenschleier über sie hinzog, atmete man schon erquickt. Und ebenso erbarmungslos ging die Arbeit ihren Gang. Aber das Hirn war so wohltuend gedankenleer. Nur eins gab es auf der Welt: den Gleichtakt des Sensenhiebs. Ein paar Pausen zum Wetzen der Schneide – dann wieder Schlag und Schlag auf Schlag. In den 175 Adern pulst nichts als das Zucken der überanstrengten Muskeln. Die Lungen, aufs tiefste durchatmet, pumpen alles Trübe und Schwüle, den ganzen Gefühlswulst aus dem Blut. Arbeit, nur Arbeit! Und der harte, gute, grausame, bannende Zwang des Vorwärts und des In-der-Reihe-Bleibens.

So scharwerken sie, ohne Aufhören, ohne Säumen, mit zähnebleckendem Eifer, mit einer Wut der Pein. Und immerfort geißelt die Sonne mit ihrem beißenden Strahlenbündel die Menschenleiber, die ausgepumpten, ausgedörrten, ausgemergelten.

Und jetzt ganz streng und strikte nach der Uhr die Kaffeepause.

Am Grabenrand, im Schatten einer Pappel lagern sie sich hin. Tiefe Falten graben sich um Martens Mund. Die Stränge an seinem Hals zittern, das qualvoll Übermüdete zerrt immer noch an seinen Zügen. Aber die Augen blicken frei und stolz und schaffensstark. Sie sprechen nicht, sie schlürfen nur und lecken sich die Lippen. Nachdem der Durst gestillt ist, packen die Zähne in die Butterbrote, und nun gibt es ein Kauen mit schmatzendem Behagen. Dann mit dem letzten Bissen im Mund dehnen sie sich hintenüber, strecken die Glieder ins Gras.

Alles, was Marten empfindet, dumpf und im Halbschlummer, ist eine gewisse Beschämung. Der alte Mann, dein Arbeitsgenosse, der in Reih und Glied mit dir steht, über fünfundzwanzig Jahre hat 176 er mehr auf dem Nacken als du. Und der ist dir gewachsen, wenn nicht gar überlegen. Und nun lächelt er leise. Daß hier und so dein Ehrgeiz sich regt! Von dem du nie ein Übermaß besessen. Unter den lastenden Lidern schielt er zu dem Kameraden hinüber. Wenn der doch erledigt wäre, nicht mehr könnte, und niedergebrochen liegenbliebe! Aber schielt nicht auch der Alte aus verschmitzter Ecke zu ihm hin?

Wie zwei Spitzbuben blinzeln sie sich an. Und da richtet Marten sich auf und stellt sich auf die Füße. »Gräßlich bist du in deiner Arbeitswut. Und deine Ausdauer ist geradezu gemeingefährlich, du. Öwer denn helpt dat nich. Wie heißt es in eurem alten Mäherlied? Nu geht wedder los, nu geht wedder los, nu geht, de Deubel haolt'! wedder los. Denn also! Wenn wir heute noch fertig werden wollen –!«

Und sie schafften es bis gegen Abend. Dann aber lagen sie eine Weile am Wegrand wie die leeren Mehlsäcke.

Und jetzt hoben sie die welken Köpfe. Ein leichter Wind hatte sich aufgemacht, der Kühlung brachte. Warum erst jetzt, warum nicht eher dieses Labsal? Die Luft ließ sich trinken wie frisches Wasser. In der Ferne waren Gewitter niedergegangen. Aber sie kamen nicht herauf, ostwärts verzogen sie sich.

Als Marten sich erhob, sich hinsetzte und das Haar aus der Stirn strich, sah er zwei Reiter am 177 Horizont dahinziehen. Die Augen forschten und griffen zu. Sie erkannten Jörg mit seinem Tier. Der andre – nein, eine andre, eine Frau. Brünne! zuckte es in ihm auf. Aber ihre Stute war es nicht. Und nun erkannte er die Reiterin. Suse, seine kleine Freundin. Jörg und Suse . . . Was war ihm daran nicht recht? Und wieder zog die alte Weise durch ihn hin: Von Jörg kommt dir nichts Gutes.

Er schüttelte sich wie im Frost. Nun war sie so schön versunken gewesen, die Welt dahinten, in diesen schönen Stunden härtester blindwütiger Fron. Was sollte und wollte sie ihm wieder? Und alles, alles stieg allmählich wieder auf. Da langte die Sehnsucht nach seiner sterbenden Mühle ihm ans Herz, und mit knickenden Knien stolperte er heimwärts.

 

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